Kapitel 97: Pātālavarṇanam
Nāradas Beschreibung von Pātāla
Nārada beschreibt Mātali ausführlich die Wunder der Unterwelt Pātāla: das gebändigte Unterwasserfeuer, den niedergelegten Unsterblichkeitstrank als Ursache von Mondphasen, das periodisch erscheinende göttliche Pferdehaupt, Airāvatas Wasserschöpfung für Indras Regen, die tagsüber sterbenden und nachts wiederbelebten Wesen, die gebundenen gestürzten Daityas, Śivas Askese, die 'Kuh-Gelübde' übende Asketen sowie die berühmten Elefanten aus Supratīkas Geschlecht - unter denen Mātali einen Bräutigam wählen könnte. Zuletzt erwähnt Nārada ein rätselhaftes kosmisches Ei, aus dem einst das Feuer der Weltvernichtung hervorgehen wird. Mātali jedoch lehnt alle vorgeschlagenen Bräutigame ab und drängt zum Weiterziehen.
Nārada sprach: „Diese Stadt, die im Nabelpunkt der Nāga-Welt liegt, ist als Pātāla bekannt, von Daityas und Dānavas bewohnt.
Wort für Wort
etat tu nāgalokasya nābhisthāne sthitaṃ puram
diese Stadt, die im Nabelpunkt der Nāga-Welt liegt (Nom. Sg. + Gen. + Lok. + Ppp.)
pātālam iti vikhyātaṃ
als Pātāla bekannt (Nom. Sg. Ppp.)
daityadānavasevitam
von Daityas und Dānavas bewohnt (Nom. Sg. Ppp.)
[Anm.: CQ öffnet hier neu - Nāradas Rede beginnt erneut mit explizitem ,nārada uvāca' im Quelltext (nach dem Abschluss der vorigen CQ am Ende von Kap.96); die SQ-Rahmenerzählung Kaṇvas bleibt seit Kap.95 durchgehend offen.]
idam adbhiḥ samaṃ prāptā ye ke cid dhruvajaṅgamāḥ praviśanto mahānādaṃ nadanti bhayapīḍitāḥ
Alle unbeweglichen und beweglichen Wesen, die mit den Wassern hierher gelangen, stoßen beim Eintreten, von Furcht gepeinigt, einen gewaltigen Schrei aus.
Wort für Wort
adbhiḥ samaṃ prāptāḥ
mit den Wassern hierher gelangt (Instr. + Ppp.)
ye ke cid dhruvajaṅgamāḥ
alle unbeweglichen und beweglichen Wesen (Nom. Pl., unbestimmt)
praviśantaḥ mahānādaṃ nadanti bhayapīḍitāḥ
beim Eintreten stoßen sie, von Furcht gepeinigt, einen gewaltigen Schrei aus (Part. Präs. + Akk. + 3. Pl. Präs. + Nom. Pl. Ppp.)
[?] Hier lodert stets das Asura-Feuer, das die Wasser zur Nahrung hat; man erkannte, dass es durch göttliches Wirken gebändigt und gebunden gehalten wird.
Wort für Wort
atra asuraḥ agniḥ satataṃ dīpyate vāribhojanaḥ
hier lodert stets das Asura-Feuer, das Wasser zur Nahrung hat (Adv. + Nom. Sg. + 3. Sg. Präs. Pass. + Bahuvrīhi)
vyāpāreṇa dhṛtātmānaṃ nibaddhaṃ samabudhyata
man erkannte es als durch Wirken gebändigt und gebunden (Instr. + Akk. Ppp. + 3. Sg. Ipf. Med.)
[Anm.: Bezug vermutlich auf das mythische Unterwasserfeuer (vaḍavāgni); die genaue Konstruktion von V.003cd (,vyāpāreṇa dhṛtātmānaṃ nibaddham') bleibt unsicher [?] und wird sinngemäß, nicht wortwörtlich, wiedergegeben.]
Hier wurde der Unsterblichkeitstrank, nachdem die Götter, die ihre Feinde erschlagen hatten, davon getrunken hatten, niedergelegt; daher zeigt sich seither das Schwinden und Wachsen des Mondes.
Wort für Wort
amṛtaṃ suraiḥ pītvā nihitaṃ
der Unsterblichkeitstrank, von den Göttern getrunken, niedergelegt (Akk. Sg. + Instr. + Ger. + Ppp.)
nihatāribhiḥ
von denen, die ihre Feinde erschlagen hatten (Instr. Pl., Bahuvrīhi)
somasya hāniḥ ca vṛddhiḥ ca eva pradṛśyate
das Schwinden und Wachsen des Mondes zeigt sich (Gen. + Nom. + 3. Sg. Präs. Pass.)
Bei seinem Aufgang belebt dort stets der Mond, von seinen Strahlen umgeben, durch deren Berührung mit dem Unsterblichkeitstrank, die verkörperten Wesen wieder.
Wort für Wort
udaye nityaśaḥ ca atra
bei seinem Aufgang stets dort (Lok. + Adv.)
candramā raśmibhiḥ vṛtaḥ
der Mond, von seinen Strahlen umgeben (Nom. Sg. + Instr. Pl. Ppp.)
amṛtaṃ spṛśya saṃsparśāt saṃjīvayati dehinaḥ
durch die Berührung mit dem Unsterblichkeitstrank belebt er die verkörperten Wesen wieder (Akk. + Ger. + Abl. + 3. Sg. Präs. Kausativ + Akk. Pl.)
Hier wohnen die dem Kuh-Gelübde folgenden Brahmanen, abgezehrt von Studium und heiliger Überlieferung, die ihr Leben aufgegeben und den Himmel errungen haben, die großen Seher.
Wort für Wort
govratinaḥ viprāḥ
die dem Kuh-Gelübde folgenden Brahmanen (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
svādhyāyāmnāyakarśitāḥ
abgezehrt von Studium und heiliger Überlieferung (Nom. Pl. Ppp.)
tyaktaprāṇāḥ jitasvargāḥ nivasanti maharṣayaḥ
die ihr Leben aufgegeben und den Himmel errungen haben, wohnen die großen Seher (Nom. Pl. Ppp. + 3. Pl. Präs.)
yatratatraśayo nityaṃ yenakenacidāśitaḥ yenakenacidācchannaḥ sa govrata ihocyate
Wer stets, wo immer es sei, ruht, sich von irgendetwas ernährt, sich mit irgendetwas bedeckt - der wird hier Kuh-Gelübde-Halter genannt.
Wort für Wort
yatratatraśayaḥ nityaṃ
wer stets ruht, wo immer es sei (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
yenakenacid āśitaḥ ācchannaḥ
sich von irgendetwas ernährend, mit irgendetwas bedeckt (Instr. + Nom. Sg. Ppp.)
sa govrataḥ iha ucyate
der wird hier Kuh-Gelübde-Halter genannt (Nom. + 3. Sg. Präs. Pass.)
[Anm.: ,govrata' (,Kuh-Gelübde-Halter') ist ein Fachbegriff für Asketen, die das Leben einer Kuh nachahmen (Umherliegen, unbekümmerte Nahrungsaufnahme, keine feste Behausung) - hier ohne Anführung im de-Feld als Fachbegriff wiedergegeben.]
aṇḍam etaj jale nyastaṃ dīpyamānam iva śriyā ā prajānāṃ nisargād vai nodbhidyati na sarpati
[?] Dieses Ei, ins Wasser gelegt, gleichsam von Glanz erstrahlend, spaltet sich nicht auf und kriecht nicht hervor - bis zur endzeitlichen Erschaffung der Geschöpfe.
Wort für Wort
aṇḍam etaj jale nyastaṃ
dieses Ei, ins Wasser gelegt (Nom. Sg. + Lok. + Ppp.)
dīpyamānam iva śriyā
gleichsam von Glanz erstrahlend (Part. Präs. Pass. + Instr.)
ā prajānāṃ nisargād
bis zur Erschaffung der Geschöpfe (Präp. + Gen. + Abl.)
na udbhidyati na sarpati
es spaltet sich nicht auf und kriecht nicht hervor (Neg. + 3. Sg. Präs. Pass. + Neg. + 3. Sg. Präs. Akt.)
[Anm.: Bezug vermutlich auf das kosmische Ei (Brahmāṇḍa); die genaue Bedeutung von ,ā prajānāṃ nisargād' (,bis zur Erschaffung der Geschöpfe') im Kontext bleibt unsicher [?].]
Aus ihm, so heißt es, wird am Ende der Zeit ein gewaltiges Feuer entstehen, das die ganze aus Beweglichem und Unbeweglichem bestehende Dreiwelt verbrennen wird, o Mātali.
Wort für Wort
ataḥ kila mahān agniḥ antakāle samutthitaḥ
aus ihm, so heißt es, wird am Ende der Zeit ein gewaltiges Feuer entstehen (Abl. + Nom. + Lok. + Nom. Sg. Ppp.)
dhakṣyate sarvaṃ trailokyaṃ sacarācaram
es wird die ganze, aus Beweglichem und Unbeweglichem bestehende Dreiwelt verbrennen (3. Sg. Fut. Pass. + Akk., Bahuvrīhi)
kaṇva uvāca mātalis tv abravīc chrutvā nāradasyātha bhāṣitam na me 'tra rocate kaś cid anyato vraja māciram
Kaṇva sprach: Nachdem er Nāradas Rede gehört hatte,“ sagte Mātali darauf: „Nichts hier gefällt mir; lass uns anderswohin gehen, ohne Verzug.“
Wort für Wort
nāradasya bhāṣitam śrutvā
Nāradas Rede gehört habend (Gen. + Akk. + Ger.)
mātaliḥ tu abravīt atha
Mātali aber sprach darauf (Nom. + 3. Sg. Ipf. Akt. + Adv.)
na me atra rocate kaś cid
nichts hier gefällt mir (Neg. + Dat. + Adv. + 3. Sg. Präs. + Nom.)
anyato vraja māciram
gehe anderswohin, ohne Verzug (Adv. + Imperativ + Neg. Adv.)
[Anm.: CQ schließt hier zunächst (Ende von Nāradas langer Pātāla-Beschreibung seit Kap.97 V.1) und öffnet sogleich neu für Mātalis kurze Erwiderung, die im selben Vers auch wieder schließt - close-then-reopen bei Sprecherwechsel innerhalb eines Verses. Die äußere Rahmenrede Kaṇvas (SQ) bleibt weiterhin offen.]