Kapitel 105: Gālavasya Śokaḥ Garuḍasahāyaṃ ca
Gālavas Verzweiflung und Garuḍas Hilfe
Von Viśvāmitras unerfüllbarer Forderung erschüttert, verfällt Gālava in tiefe Verzweiflung - abgemagert, schlaflos, nahrungslos - und hält ein langes inneres Selbstgespräch über die Schande der Undankbarkeit, des gebrochenen Versprechens und der Lüge, das ihn schließlich zum Entschluss führt, sich das Leben zu nehmen, sofern er sein Versprechen nicht einlösen kann. Doch er erinnert sich, dass ihn die Götter ehren, und beschließt stattdessen, Hilfe bei Viṣṇu-Kṛṣṇa zu suchen. In diesem Moment erscheint sein Freund Garuḍa, der Sohn Vinatās, und bietet ihm seine Hilfe an - er verfüge über die nötigen Mittel und lädt Gālava ein, mit ihm gemeinsam aufzubrechen.
nārada uvāca evam uktas tadā tena viśvāmitreṇa dhīmatā nāste na śete nāhāraṃ kurute gālavas tadā
“Nārada sprach: So angesprochen von jenem weisen Viśvāmitra, saß Gālava da weder, noch schlief er, noch nahm er Nahrung zu sich.
Wort für Wort
evam uktaḥ tadā tena viśvāmitreṇa dhīmatā
so angesprochen da von jenem weisen Viśvāmitra (Adv. + Nom. Sg. Ppp. + Adv. + Instr. + Instr.)
na āste na śete na āhāraṃ kurute gālavaḥ tadā
saß Gālava da weder, noch schlief er, noch nahm er Nahrung zu sich (Neg. + 3. Sg. Präs. Med. + Neg. + 3. Sg. Präs. Med. + Neg. + Akk. + 3. Sg. Präs. Med. + Nom. + Adv.)
[Anm.: CQ schließt hier - Ende von Viśvāmitras am Ende von Kap.104 offengebliebener Forderung nach den achthundert Rossen; Nāradas eigene Rahmenerzählung (SQ) bleibt seit Kap.104 V.5 durchgehend offen.]
Ich werde zum jenseitigen Ufer des Ozeans gehen, oder über das Äußerste der Erde hinaus, und mich selbst dahingeben; welche Frucht hat für mich das Leben?
Wort für Wort
ahaṃ pāraṃ samudrasya pṛthivyā vā paraṃ parāt
ich zum jenseitigen Ufer des Ozeans, oder über das Äußerste der Erde hinaus (Nom. + Akk. + Gen. + Gen. + Partikel + Akk. + Abl.)
gatvā ātmānaṃ vimuñcāmi kiṃ phalaṃ jīvitena me
und mich selbst dahingeben; welche Frucht hat für mich das Leben (Ger. + Akk. + 1. Sg. Präs. + Frage + Nom. + Instr. + Gen.)
Denn für den, der, nachdem er den Reichtum eines Freundes genossen und das erwünschte Vertrauen begründet hat, unfähig ist, es zu vergelten - für den ist der Tod besser als das Leben.
Wort für Wort
suhṛdāṃ hi dhanaṃ bhuktvā kṛtvā praṇayam īpsitam
denn nachdem er den Reichtum eines Freundes genossen und das erwünschte Vertrauen begründet hat (Gen. + Partikel + Akk. + Ger. + Ger. + Akk. + Akk.)
pratikartum aśaktasya jīvitān maraṇaṃ varam
für den, der unfähig ist, es zu vergelten, ist der Tod besser als das Leben (Inf. + Gen. + Abl. + Nom. + Nom.)
pratiśrutya kariṣyeti kartavyaṃ tad akurvataḥ mithyāvacanadagdhasya iṣṭāpūrtaṃ praṇaśyati
Für den, der versprochen hat, dass er es tun werde, und das zu Tuende dann nicht tut, von falscher Rede verbrannt - dessen Opfer- und Wohltätigkeitsverdienst geht zugrunde.
Wort für Wort
pratiśrutya kariṣye iti kartavyaṃ tad akurvataḥ
nachdem er versprochen hat, dass er es tun werde, und das zu Tuende nicht tut (Ger. + 1. Sg. Fut. [in indir. Rede] + Partikel + Akk. Gerundivum + Akk. + Gen. Sg. Part. Präs.)
mithyāvacanadagdhasya iṣṭāpūrtaṃ praṇaśyati
von falscher Rede verbrannt - dessen Opfer- und Wohltätigkeitsverdienst geht zugrunde (Gen. Sg. Ppp., Bahuvrīhi + Nom. + 3. Sg. Präs.)
[Anm.: hier bewusst in indirekte Rede umgewandelt (,dass er es tun werde' statt eines wörtlichen dritten Zitats ,kariṣye') statt einer dritten Zitatebene innerhalb von Gālavas bereits als CQ markiertem Selbstgespräch, gemäß Standardregel gegen Drittebenen-Zitate.]
Der mittellose Elende lebt nicht wahrhaft - woher eine Stütze für den Schlechten? Der Schlechte erlangt gewiss Verderben, indem er das für ihn Getane zunichtemacht.
Wort für Wort
na jīvati adhanaḥ pāpaḥ kutaḥ pāpasya tantraṇam
der mittellose Elende lebt nicht wahrhaft - woher eine Stütze für den Schlechten (Neg. + 3. Sg. Präs. + Nom. + Nom. + Frage + Gen. + Nom.)
pāpaḥ dhruvam avāpnoti vināśaṃ nāśayan kṛtam
der Schlechte erlangt gewiss Verderben, indem er das Getane zunichtemacht (Nom. + Adv. + 3. Sg. Präs. + Akk. + Nom. Sg. Part. Präs. Kausativ + Akk.)
so 'haṃ pāpaḥ kṛtaghnaś ca kṛpaṇaś cānṛto 'pi ca guror yaḥ kṛtakāryaḥ saṃs tat karomi na bhāṣitam so 'haṃ prāṇān vimokṣyāmi kṛtvā yatnam anuttamam
So bin ich schlecht, undankbar, elend und auch treulos - ich, der ich, obwohl mein Anliegen vom Lehrer erfüllt wurde, das Versprochene nicht ausführe. So werde ich meine Lebensatem aufgeben, nachdem ich die höchste Anstrengung unternommen habe.
Wort für Wort
saḥ ahaṃ pāpaḥ kṛtaghnaḥ ca kṛpaṇaḥ ca anṛtaḥ api ca
so bin ich schlecht, undankbar, elend und auch treulos (Nom. + Nom. + Nom.-Reihe)
guroḥ yaḥ kṛtakāryaḥ san tat karomi na bhāṣitam so 'haṃ prāṇān vimokṣyāmi kṛtvā yatnam anuttamam
ich, der ich, obwohl mein Anliegen vom Lehrer erfüllt wurde, das Versprochene nicht ausführe - so werde ich meine Lebensatem aufgeben, nachdem ich die höchste Anstrengung unternommen habe (Gen. + Rel. + Nom., Bahuvrīhi + Part. Präs. + Akk. + 1. Sg. Präs. + Neg. + Akk. + Nom. + Nom. + Akk. + 1. Sg. Fut. + Ger. + Akk. + Akk.)
Ich aber will zum Besten der Weisen gehen, dem Gott, dem Herrn der drei Welten, zu Viṣṇu; ich gehe zu Kṛṣṇa, der Zuflucht, dem Besten derer, die eine Zuflucht haben.
Wort für Wort
ahaṃ tu vibudhaśreṣṭhaṃ devaṃ tribhuvaneśvaram
ich aber zum Besten der Weisen, dem Gott, dem Herrn der drei Welten (Nom. + Partikel + Akk. + Akk. + Akk.)
viṣṇuṃ gacchāmi ahaṃ kṛṣṇaṃ gatiṃ gatimatāṃ varam
ich gehe zu Viṣṇu, zu Kṛṣṇa, der Zuflucht, dem Besten derer, die eine Zuflucht haben (Akk. + 1. Sg. Präs. + Nom. + Akk. + Akk. + Gen. Pl. + Akk.)
suhṛd bhavān mama mataḥ suhṛdāṃ ca mataḥ suhṛt īpsitenābhilāṣeṇa yoktavyo vibhave sati
„Du giltst mir als Freund, und als Freund unter Freunden geltend, sollst du mit deinem erwünschten Verlangen unterstützt werden, da ich über die Mittel verfüge.
Wort für Wort
suhṛt bhavān mama mataḥ suhṛdāṃ ca mataḥ suhṛt
du giltst mir als Freund, und als Freund unter Freunden geltend (Nom. + Nom. + Gen. + Nom. Sg. Ppp. + Gen. Pl. + Nom. Sg. Ppp. + Nom.)
īpsitena abhilāṣeṇa yoktavyaḥ vibhave sati
sollst du mit deinem erwünschten Verlangen unterstützt werden, da ich über die Mittel verfüge (Instr. + Instr. + Nom. Gerundivum + Lok. Abs. + Lok. Abs.)
[Anm.: CQ öffnet hier neu - Garuḍas Rede an seinen Freund Gālava beginnt.]
vibhavaś cāsti me vipra vāsavāvarajo dvija pūrvam uktas tvadarthaṃ ca kṛtaḥ kāmaś ca tena me
[?] Und ich verfüge über die Mittel, o Weiser, o Zweimalgeborener; einst wurde ich von Vāsavas jüngerem Bruder deinetwegen angesprochen, und dadurch wurde mein Wunsch von ihm erfüllt.
Wort für Wort
vibhavaḥ ca asti me vipra vāsavāvarajaḥ dvija
und ich verfüge über die Mittel, o Weiser, o Zweimalgeborener (Nom. + Partikel + 3. Sg. Präs. + Gen. + Vok. + Nom. + Vok.)
pūrvam uktaḥ tvadarthaṃ ca kṛtaḥ kāmaḥ ca tena me
einst wurde ich deinetwegen angesprochen, und dadurch wurde mein Wunsch erfüllt (Adv. + Nom. Sg. Ppp. + Akk. + Nom. Sg. Ppp. + Nom. + Instr. + Gen.)
[Anm.: die genaue Bedeutung dieser kompakt formulierten Anspielung bleibt leicht unsicher [?] - sinngemäß scheint Garuḍa auf eine frühere Begegnung mit Viṣṇu (,Vāsavas jüngerem Bruder') hinzuweisen, bei der wegen Gālava gesprochen wurde.]