Kapitel 147: Dhṛtarāṣṭravākyam
Dhṛtarāṣṭras Rede an Duryodhana
Dhṛtarāṣṭra erzählt Duryodhana die Geschichte von Yadu und Pūru sowie von Devāpi, Bāhlīka und Śaṃtanu - Beispiele dafür, dass nicht der Älteste, sondern der Würdigste die Königsherrschaft erhält - und zieht die Parallele zu seiner eigenen Übergehung zugunsten Pāṇḍus. Er preist Yudhiṣṭhiras Tugenden und fordert Duryodhana eindringlich auf, die Hälfte des Königreichs herauszugeben.
Vāsudeva sprach: Als Gāndhārī so gesprochen hatte, sagte Dhṛtarāṣṭra, der Herr der Menschen, dies zu Duryodhana inmitten der Könige, o Herrscher der Menschen —
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach (Verbform, 3.Sg.Perf., Fortsetzung von Kṛṣṇas Bericht)
evam ukte gāndhāryā
als Gāndhārī so gesprochen hatte (Adv. + Lok.Abs., Instr.Sg.f. + Part.Perf.Pass.)
dhṛtarāṣṭraḥ janeśvaraḥ
Dhṛtarāṣṭra, der Herr der Menschen (Nom.Sg.m. + Nom.Sg.m., Kompositum)
duryodhanam uvāca idam
sagte dies zu Duryodhana (Akk.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Perf. + Akk.Sg.n.)
nṛpamadhye janādhipa
inmitten der Könige, o Herrscher der Menschen (Lok.Sg.n., Kompositum + Vok.Sg.m., Kompositum)
yādavānāṃ kulakaro balavān vīryasaṃmataḥ avamene sa tu kṣatraṃ darpapūrṇaḥ sumandadhīḥ
Er, der Stammvater der Yādavas, mächtig und für seine Tapferkeit geachtet, missachtete jedoch die Kṣatriya-Pflicht, von Hochmut erfüllt, sehr törichten Sinnes.
Wort für Wort
yādavānāṃ kulakaraḥ
der Stammvater der Yādavas (Gen.Pl.m. + Nom.Sg.m., Kompositum)
balavān vīryasaṃmataḥ
mächtig, für seine Tapferkeit geachtet (Nom.Sg.m. + Nom.Sg.m., Kompositum)
avamene kṣatram
er missachtete die Kṣatriya-Pflicht (Verb, 3.Sg.Impf.Med. + Akk.Sg.n.)
darpapūrṇaḥ sumandadhīḥ
von Hochmut erfüllt, sehr törichten Sinnes (Nom.Sg.m., Kompositum x2)
na cātiṣṭhat pituḥ śāstre baladarpavimohitaḥ avamene ca pitaraṃ bhrātṝṃś cāpy aparājitaḥ
Er hielt sich nicht an die Lehre seines Vaters, verblendet durch den Stolz seiner Kraft, und missachtete den Vater und auch die Brüder, unbesiegt wie er war.
Wort für Wort
na atiṣṭhat pituḥ śāstre
er hielt sich nicht an die Lehre des Vaters (Neg. + Verb, 3.Sg.Impf. + Gen.Sg.m. + Lok.Sg.n.)
baladarpavimohitaḥ
verblendet durch den Stolz seiner Kraft (Nom.Sg.m., Kompositum)
avamene pitaraṃ bhrātṝn ca
er missachtete den Vater und die Brüder (Verb, 3.Sg.Impf.Med. + Akk.Sg.m. + Akk.Pl.m.)
So erlangt auch der Älteste, wenn er hochmütig ist, nicht die Königsherrschaft; die Jüngeren erlangen die Königsherrschaft durch den Dienst an den Alten.
Wort für Wort
evaṃ jyeṣṭhaḥ api utsiktaḥ
so [erlangt] auch der hochmütige Älteste (Adv. + Nom.Sg.m. + Partikel + Nom.Sg.m.)
na rājyam abhijāyate
er erlangt nicht die Königsherrschaft (Neg. + Akk.Sg.n. + Verb, 3.Sg.Präs.Med.)
yavīyāṃsaḥ abhijāyante rājyam
die Jüngeren erlangen die Königsherrschaft (Nom.Pl.m., Komparativ + Verb, 3.Pl.Präs.Med. + Akk.Sg.n.)
vṛddhopasevayā
durch den Dienst an den Alten (Instr.Sg.f., Kompositum)
devāpis tu mahātejās tvagdoṣī rājasattamaḥ dhārmikaḥ satyavādī ca pituḥ śuśrūṣaṇe rataḥ
Devāpi aber, von großer Kraft, mit einem Hautfehler behaftet, der Beste der Könige, rechtschaffen und wahrhaftig redend, war dem Dienst an seinem Vater ergeben.
Wort für Wort
devāpiḥ mahātejāḥ tvagdoṣī
Devāpi, von großer Kraft, mit Hautfehler behaftet (Nom.Sg.m. x3, Kompositum)
rājasattamaḥ dhārmikaḥ satyavādī
der Beste der Könige, rechtschaffen, wahrhaftig redend (Nom.Sg.m. x3, Kompositum)
pituḥ śuśrūṣaṇe rataḥ
dem Dienst am Vater ergeben (Gen.Sg.m. + Lok.Sg.n. + Nom.Sg.m.)
Als nun mit dem Lauf der Zeit der Beste der Könige alt geworden war, ließ er nach der Lehrschrift die Vorbereitungen zur Weihe treffen und ließ, der Erhabene, alle glückverheißenden Riten vollziehen.
Wort für Wort
kālasya paryāye vṛddhaḥ nṛpatisattamaḥ
als mit dem Lauf der Zeit der Beste der Könige alt geworden war (Gen.Sg.m. + Lok.Sg.m. + Nom.Sg.m. + Nom.Sg.m., Kompositum)
saṃbhārān abhiṣekārthaṃ kārayām āsa
er ließ die Vorbereitungen zur Weihe treffen (Akk.Pl.m. + Akk.Sg.m., adv. + Verb, 3.Sg.Perf.Kaus.)
śāstrataḥ maṅgalāni sarvāṇi
nach der Lehrschrift, alle glückverheißenden Riten (Adv. + Akk.Pl.n. x2)
kārayām āsa abhibhūḥ
er ließ vollziehen, der Erhabene (Verb, 3.Sg.Perf.Kaus. + Nom.Sg.m.)
Da sie erklärten, dass die Götter einen Herrscher mit mangelhaftem Körperglied nicht begünstigten, widersetzten sich die Brahmanenstiere der Weihe des besten der Könige.
Wort für Wort
hīnāṅgaṃ pṛthivīpālam
einen Herrscher mit mangelhaftem Körperglied (Akk.Sg.m., Kompositum x2)
na abhinandanti devatāḥ
die Götter begünstigen nicht (Neg. + Verb, 3.Pl.Präs. + Nom.Pl.f.)
iti kṛtvā
so erklärend (Zitatpartikel + Abs.)
nṛpaśreṣṭhaṃ pratyaṣedhan dvijarṣabhāḥ
die Brahmanenstiere widersetzten sich dem besten der Könige (Akk.Sg.m., Kompositum + Verb, 3.Pl.Impf. + Nom.Pl.m., Kompositum)
Der von den Brahmanen vorgebrachte Grund ('iti kṛtvā') wäre eine dritte Verschachtelungsebene und wird daher in indirekte Rede umgewandelt.
Bāhlīka, nachdem er das Königreich aufgegeben hatte, ließ sich im Geschlecht seines Onkels mütterlicherseits nieder; nachdem er Vater und Bruder verlassen hatte, gelangte er zu einer blühenden Stadt.
Wort für Wort
bāhlīkaḥ mātulakule vyavasthitaḥ
Bāhlīka ließ sich im Geschlecht des Onkels nieder (Nom.Sg.m. + Lok.Sg.n., Kompositum + Part.Perf.Akt.)
tyaktvā rājyam
nachdem er das Königreich aufgegeben hatte (Abs. + Akk.Sg.n.)
pitṛbhrātṝn parityajya
nachdem er Vater und Bruder verlassen hatte (Akk.Pl.m., Kompositum + Abs.)
prāptavān puram ṛddhimat
er gelangte zu einer blühenden Stadt (Part.Perf.Akt. + Akk.Sg.n. + Akk.Sg.n.)
Ebenso wurde ich, obwohl der Ältere, nach reiflicher Überlegung durch den klugen Pāṇḍu hier von der Königsherrschaft ausgeschlossen, weil ich ein mangelhaftes Körperglied habe, o Bhārata.
Wort für Wort
tathā eva ahaṃ jyeṣṭhaḥ
ebenso ich, der Ältere (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg.m.)
matimatā paricintya pāṇḍunā
durch den klugen Pāṇḍu, nach reiflicher Überlegung (Instr.Sg.m. + Abs. + Instr.Sg.m.)
prabhraṃśitaḥ rājyāt
ausgeschlossen von der Königsherrschaft (Part.Perf.Pass.Kaus. + Abl.Sg.n.)
hīnāṅgaḥ iti bhārata
weil [ich] ein mangelhaftes Körperglied [habe], o Bhārata (Nom.Sg.m., Kompositum + Zitatpartikel + Vok.Sg.m.)
pāṇḍus tu rājyaṃ saṃprāptaḥ kanīyān api san nṛpaḥ vināśe tasya putrāṇām idaṃ rājyam ariṃdama mayy abhāgini rājyāya kathaṃ tvaṃ rājyam icchasi
Pāṇḍu aber erlangte die Königsherrschaft, obwohl er der Jüngere war, als König; im Untergang jenes gehört dieses Königreich seinen Söhnen, o Bezwinger der Feinde; wie kannst du, da ich keinen Anteil an der Königsherrschaft habe, die Königsherrschaft begehren?
Wort für Wort
pāṇḍuḥ rājyaṃ saṃprāptaḥ
Pāṇḍu erlangte die Königsherrschaft (Nom.Sg.m. + Akk.Sg.n. + Part.Perf.Akt.)
kanīyān api san nṛpaḥ
obwohl er der jüngere war, als König (Nom.Sg.m., Komparativ + Partikel + Part.Präs.Akt. + Nom.Sg.m.)
vināśe tasya putrāṇām idaṃ rājyam
im Untergang jenes gehört dieses Königreich seinen Söhnen (Lok.Sg.m. + Gen.Sg.m. + Gen.Pl.m. + Nom.Sg.n. + Nom.Sg.n.)
mayi abhāgini rājyāya
da ich keinen Anteil an der Königsherrschaft habe (Lok.Abs. + Dat.Sg.n.)
kathaṃ tvaṃ rājyam icchasi
wie kannst du die Königsherrschaft begehren (Frage + Nom.Sg. + Akk.Sg.n. + Verb, 2.Sg.Präs.)
yudhiṣṭhiro rājaputro mahātmā; nyāyāgataṃ rājyam idaṃ ca tasya sa kauravasyāsya janasya bhartā; praśāsitā caiva mahānubhāvaḥ
Yudhiṣṭhira, der hochherzige Königssohn — ihm gehört dieses rechtmäßig erworbene Königreich; er ist der Erhalter dieses Kaurava-Volkes und zugleich sein Herrscher, von hoher Wesensart.
Wort für Wort
yudhiṣṭhiraḥ rājaputraḥ mahātmā
Yudhiṣṭhira, der hochherzige Königssohn (Nom.Sg.m. x3, Kompositum)
nyāyāgataṃ rājyam idaṃ tasya
ihm gehört dieses rechtmäßig erworbene Königreich (Nom.Sg.n., Kompositum + Nom.Sg.n. x2 + Gen.Sg.m.)
kauravasya asya janasya bhartā
der Erhalter dieses Kaurava-Volkes (Gen.Sg.m. + Gen.Sg.m. + Gen.Sg.m. + Nom.Sg.m.)
praśāsitā mahānubhāvaḥ
der Herrscher, von hoher Wesensart (Nom.Sg.m. + Nom.Sg.m., Kompositum)
Er ist wahrhaft im Bund, stets unachtsamkeitslos, den Lehrschriften treu, den Verwandten wohlgesinnt, den Untertanen lieb, mitfühlend mit seinen Freunden, seine Sinne beherrschend, der Erhalter der Guten.
Wort für Wort
saḥ satyasaṃdhaḥ satatāpramattaḥ
er ist wahrhaft im Bund, stets unachtsamkeitslos (Nom.Sg.m. x3, Kompositum)
śāstre sthitaḥ bandhujanasya sādhuḥ
den Lehrschriften treu, den Verwandten wohlgesinnt (Lok.Sg.n. + Part.Perf.Akt. + Gen.Sg.m., Kompositum + Nom.Sg.m.)
priyaḥ prajānāṃ suhṛdānukampī
den Untertanen lieb, mitfühlend mit den Freunden (Nom.Sg.m. + Gen.Pl.f. + Nom.Sg.m., Kompositum)
jitendriyaḥ sādhujanasya bhartā
seine Sinne beherrschend, der Erhalter der Guten (Nom.Sg.m., Kompositum + Gen.Sg.m., Kompositum + Nom.Sg.m.)
Geduld, Ausdauer, Selbstbeherrschung und Geradheit, Wahrhaftigkeit im Gelübde, Gelehrsamkeit, Unachtsamkeitslosigkeit, Mitgefühl mit den Wesen und Belehrung — all diese Königstugenden vereinigen sich in Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
kṣamā titikṣā dama ārjavaṃ ca
Geduld, Ausdauer, Selbstbeherrschung und Geradheit (Nom.Sg.f./m./n. Aufzählung)
Du aber, keines würdigen Königssohnes wert, von unedlem Verhalten, habgierig und von böser Gesinnung gegenüber den Verwandten — wie könntest du, Unerzogener, dieses überkommene Königreich anderen entreißen?
Wort für Wort
arājaputraḥ tvam anāryavṛttaḥ
du, keines Königssohnes würdig, von unedlem Verhalten (Nom.Sg.m., Kompositum + Nom.Sg. + Nom.Sg.m., Kompositum)
lubdhaḥ bandhuṣu pāpabuddhiḥ
habgierig, gegenüber den Verwandten von böser Gesinnung (Nom.Sg.m. + Lok.Pl.m. + Nom.Sg.m., Kompositum)
kramāgataṃ rājyam idaṃ pareṣām
dieses überkommene Königreich anderer (Akk.Sg.n., Kompositum x2 + Gen.Pl.m.)
hartuṃ kathaṃ śakṣyasi durvinītaḥ
wie könntest du, Unerzogener, entreißen (Inf. + Frage + Verb, 2.Sg.Fut. + Nom.Sg.m.)
[?] 'arājaputraḥ' ('kein Königssohn') wird hier nicht wörtlich, sondern als Vorwurf mangelnder Königswürdigkeit gedeutet, da Duryodhana leiblich durchaus Dhṛtarāṣṭras Sohn ist.
prayaccha rājyārdham apetamohaḥ; savāhanaṃ tvaṃ saparicchadaṃ ca tato 'vaśeṣaṃ tava jīvitasya; sahānujasyaiva bhaven narendra
Gib die Hälfte des Königreichs, deine Verblendung ablegend, mitsamt den Reittieren und dem Gefolge; dann möge der Rest deines Lebens, zusammen mit deinem jüngeren Bruder, gesichert sein, o Herrscher der Menschen.“
Wort für Wort
prayaccha rājyārdham apetamohaḥ
gib die Hälfte des Königreichs, die Verblendung ablegend (Imp., 2.Sg. + Akk.Sg.n., Kompositum + Nom.Sg.m., Kompositum)
savāhanaṃ saparicchadaṃ ca
mitsamt den Reittieren und dem Gefolge (Akk.Sg.n., Kompositum x2)
tataḥ avaśeṣaṃ tava jīvitasya
dann der Rest deines Lebens (Adv. + Nom.Sg.m. + Gen. + Gen.Sg.n.)
saha anujasya eva bhavet narendra
zusammen mit dem jüngeren Bruder möge es geschehen, o Herrscher der Menschen (Postp. + Gen.Sg.m. + Partikel + Verb, 3.Sg.Opt. + Vok.Sg.m., Kompositum)