Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Udyogaparva

Kapitel 20: Sainyoddyoga-parva (20) Drupadas Hauspriester am Kaurava-Hof

Der von Drupada entsandte Hauspriester (vgl. Kap.5-6) hält vor Dhṛtarāṣṭra, Bhīṣma, Vidura und den versammelten Heerführern eine wohlvorbereitete Rede: Er rekapituliert das gleichberechtigte Erbrecht der Pāṇḍavas, die Enteignung, das Würfelspiel, das Waldexil und das Jahr in Virāṭas Stadt, betont den Friedenswillen der Pāṇḍavas und schließt mit einer eindringlichen Machtdemonstration (sieben gegen elf Akṣauhiṇīs, doch mit Arjuna und Kṛṣṇa als kriegsentscheidendem Vorteil) sowie der Forderung, das Erbe fristgerecht herauszugeben.

vaiśaṃpāyana uvāca sa tu kauravyam āsādya drupadasya purohitaḥ satkṛto dhṛtarāṣṭreṇa bhīṣmeṇa vidureṇa ca

Vaiśampāyana sprach: Nachdem er zum Kauravya gelangt war, wurde Drupadas Hauspriester von Dhṛtarāṣṭra, Bhīṣma und Vidura geehrt.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca sa tu kauravyam āsādya drupadasya purohitaḥ satkṛto dhṛtarāṣṭreṇa bhīṣmeṇa vidureṇa ca
Vaiśampāyana sprach: Nachdem er zum Kauravya gelangt war, wurde Drupadas Hauspriester von Dhṛtarāṣṭra, Bhīṣma und Vidura geehrt.

sarvaṃ kauśalyam uktvādau pṛṣṭvā caivam anāmayam sarvasenāpraṇetṝṇāṃ madhye vākyam uvāca ha

Nachdem er zunächst alle Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht und sich nach dem Wohlergehen erkundigt hatte, sprach er inmitten aller Heerführer folgende Worte:

Wort für Wort
sarvaṃ kauśalyam uktvādau pṛṣṭvā caivam anāmayam sarvasenāpraṇetṝṇāṃ madhye vākyam uvāca ha
Nachdem er zunächst alle Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht und sich nach dem Wohlergehen erkundigt hatte, sprach er inmitten aller Heerführer folgende Worte:

sarvair bhavadbhir vidito rājadharmaḥ sanātanaḥ vākyopādānahetos tu vakṣyāmi vidite sati

‚Der ewige Königs-Dharma ist euch allen wohlbekannt; doch um meine Rede zu eröffnen, will ich, obwohl es bekannt ist, dennoch sprechen:

Wort für Wort
sarvair bhavadbhir vidito rājadharmaḥ sanātanaḥ vākyopādānahetos tu vakṣyāmi vidite sati
‚Der ewige Königs-Dharma ist euch allen wohlbekannt; doch um meine Rede zu eröffnen, will ich, obwohl es bekannt ist, dennoch sprechen:

dhṛtarāṣṭraś ca pāṇḍuś ca sutāv ekasya viśrutau tayoḥ samānaṃ draviṇaṃ paitṛkaṃ nātra saṃśayaḥ

Dhṛtarāṣṭra und Pāṇḍu sind, wie bekannt, Söhne desselben Vaters; ihr väterliches Erbe ist gleich - daran besteht kein Zweifel.

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭraś ca pāṇḍuś ca sutāv ekasya viśrutau tayoḥ samānaṃ draviṇaṃ paitṛkaṃ nātra saṃśayaḥ
Dhṛtarāṣṭra und Pāṇḍu sind, wie bekannt, Söhne desselben Vaters; ihr väterliches Erbe ist gleich - daran besteht kein Zweifel.

dhṛtarāṣṭrasya ye putrās te prāptāḥ paitṛkaṃ vasu pāṇḍuputrāḥ kathaṃ nāma na prāptāḥ paitṛkaṃ vasu

Dhṛtarāṣṭras Söhne haben das väterliche Gut erhalten - warum in aller Welt haben die Söhne Pāṇḍus das väterliche Gut nicht erhalten?

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭrasya ye putrās te prāptāḥ paitṛkaṃ vasu pāṇḍuputrāḥ kathaṃ nāma na prāptāḥ paitṛkaṃ vasu
Dhṛtarāṣṭras Söhne haben das väterliche Gut erhalten - warum in aller Welt haben die Söhne Pāṇḍus das väterliche Gut nicht erhalten?

evaṃ gate pāṇḍaveyair viditaṃ vaḥ purā yathā na prāptaṃ paitṛkaṃ dravyaṃ dhārtarāṣṭreṇa saṃvṛtam

So verhielt es sich; wie euch bekannt ist, wurde den Söhnen Pāṇḍus einst das väterliche Erbe vom Sohn Dhṛtarāṣṭras vorenthalten.

Wort für Wort
evaṃ gate pāṇḍaveyair viditaṃ vaḥ purā yathā na prāptaṃ paitṛkaṃ dravyaṃ dhārtarāṣṭreṇa saṃvṛtam
So verhielt es sich; wie euch bekannt ist, wurde den Söhnen Pāṇḍus einst das väterliche Erbe vom Sohn Dhṛtarāṣṭras vorenthalten.

prāṇāntikair apy upāyaiḥ prayatadbhir anekaśaḥ śeṣavanto na śakitā nayituṃ yamasādanam

Obwohl er sich vielfach mit auf ihr Leben zielenden Mitteln bemühte, konnte er die Überlebenden nicht in Yamas Wohnstatt schicken.

Wort für Wort
prāṇāntikair apy upāyaiḥ prayatadbhir anekaśaḥ śeṣavanto na śakitā nayituṃ yamasādanam
Obwohl er sich vielfach mit auf ihr Leben zielenden Mitteln bemühte, konnte er die Überlebenden nicht in Yamas Wohnstatt schicken.

punaś ca vardhitaṃ rājyaṃ svabalena mahātmabhiḥ chadmanāpahṛtaṃ kṣudrair dhārtarāṣṭraiḥ sasaubalaiḥ

Und wiederum wurde das Reich, das die Hochherzigen durch eigene Kraft vergrößert hatten, von den niederträchtigen Söhnen Dhṛtarāṣṭras samt dem Sohn Subalas durch Betrug geraubt.

Wort für Wort
punaś ca vardhitaṃ rājyaṃ svabalena mahātmabhiḥ chadmanāpahṛtaṃ kṣudrair dhārtarāṣṭraiḥ sasaubalaiḥ
Und wiederum wurde das Reich, das die Hochherzigen durch eigene Kraft vergrößert hatten, von den niederträchtigen Söhnen Dhṛtarāṣṭras samt dem Sohn Subalas durch Betrug geraubt.

tad apy anumataṃ karma tathāyuktam anena vai vāsitāś ca mahāraṇye varṣāṇīha trayodaśa

Auch diese Tat wurde von ihm gebilligt, so wie sie geschah, und sie wurden dreizehn Jahre lang im großen Wald wohnen gemacht.

Wort für Wort
tad apy anumataṃ karma tathāyuktam anena vai vāsitāś ca mahāraṇye varṣāṇīha trayodaśa
Auch diese Tat wurde von ihm gebilligt, so wie sie geschah, und sie wurden dreizehn Jahre lang im großen Wald wohnen gemacht.

sabhāyāṃ kleśitair vīraiḥ sahabhāryais tathā bhṛśam araṇye vividhāḥ kleśāḥ saṃprāptās taiḥ sudāruṇāḥ

Von den Helden, die schon in der Versammlungshalle samt ihrer Gattin heftig gequält worden waren, wurden im Wald mancherlei überaus schreckliche Leiden erduldet.

Wort für Wort
sabhāyāṃ kleśitair vīraiḥ sahabhāryais tathā bhṛśam araṇye vividhāḥ kleśāḥ saṃprāptās taiḥ sudāruṇāḥ
Von den Helden, die schon in der Versammlungshalle samt ihrer Gattin heftig gequält worden waren, wurden im Wald mancherlei überaus schreckliche Leiden erduldet.

tathā virāṭanagare yonyantaragatair iva prāptaḥ paramasaṃkleśo yathā pāpair mahātmabhiḥ

Ebenso erlitten sie in der Stadt Virāṭas, gleichsam in eine andere Existenz eingegangen [?], höchste Bedrängnis, sie, die Hochherzigen, durch die Bösen.

Wort für Wort
tathā virāṭanagare yonyantaragatair iva prāptaḥ paramasaṃkleśo yathā pāpair mahātmabhiḥ
Ebenso erlitten sie in der Stadt Virāṭas, gleichsam in eine andere Existenz eingegangen [?], höchste Bedrängnis, sie, die Hochherzigen, durch die Bösen.

Der Ausdruck 'yonyantaragataiḥ iva' ('gleichsam in eine andere Geburt/Existenz eingegangen') bezieht sich vermutlich auf die verkleideten Inkognito-Identitäten der Pāṇḍavas am Hof Virāṭas; die genaue Nuance des Bildes bleibt unsicher.

te sarve pṛṣṭhataḥ kṛtvā tat sarvaṃ pūrvakilbiṣam sāmaiva kurubhiḥ sārdham icchanti kurupuṃgavāḥ

Diese Stiere der Kurus wollen all jenes frühere Unrecht hinter sich lassend, mit den Kurus einzig durch Versöhnung Frieden schließen.

Wort für Wort
te sarve pṛṣṭhataḥ kṛtvā tat sarvaṃ pūrvakilbiṣam sāmaiva kurubhiḥ sārdham icchanti kurupuṃgavāḥ
Diese Stiere der Kurus wollen all jenes frühere Unrecht hinter sich lassend, mit den Kurus einzig durch Versöhnung Frieden schließen.

teṣāṃ ca vṛttam ājñāya vṛttaṃ duryodhanasya ca anunetum ihārhanti dhṛtarāṣṭraṃ suhṛjjanāḥ

Und da ihr Verhalten sowie das Verhalten Duryodhanas bekannt ist, sollten die wohlgesinnten Freunde Dhṛtarāṣṭra hier zur Versöhnung bewegen.

Wort für Wort
teṣāṃ ca vṛttam ājñāya vṛttaṃ duryodhanasya ca anunetum ihārhanti dhṛtarāṣṭraṃ suhṛjjanāḥ
Und da ihr Verhalten sowie das Verhalten Duryodhanas bekannt ist, sollten die wohlgesinnten Freunde Dhṛtarāṣṭra hier zur Versöhnung bewegen.

na hi te vigrahaṃ vīrāḥ kurvanti kurubhiḥ saha avināśena lokasya kāṅkṣante pāṇḍavāḥ svakam

Denn jene Helden suchen keinen Streit mit den Kurus; ohne die Welt zu vernichten, begehren die Pāṇḍavas nur das Ihre.

Wort für Wort
na hi te vigrahaṃ vīrāḥ kurvanti kurubhiḥ saha avināśena lokasya kāṅkṣante pāṇḍavāḥ svakam
Denn jene Helden suchen keinen Streit mit den Kurus; ohne die Welt zu vernichten, begehren die Pāṇḍavas nur das Ihre.

yaś cāpi dhārtarāṣṭrasya hetuḥ syād vigrahaṃ prati sa ca hetur na mantavyo balīyāṃsas tathā hi te

Und welcher Grund auch immer für den Sohn Dhṛtarāṣṭras zum Streit bestehen mag, dieser Grund sollte nicht als tragfähig erachtet werden, denn jene sind die Stärkeren.

Wort für Wort
yaś cāpi dhārtarāṣṭrasya hetuḥ syād vigrahaṃ prati sa ca hetur na mantavyo balīyāṃsas tathā hi te
Und welcher Grund auch immer für den Sohn Dhṛtarāṣṭras zum Streit bestehen mag, dieser Grund sollte nicht als tragfähig erachtet werden, denn jene sind die Stärkeren.

akṣauhiṇyo hi saptaiva dharmaputrasya saṃgatāḥ yuyutsamānāḥ kurubhiḥ pratīkṣante 'sya śāsanam

Denn sieben Akṣauhiṇīs haben sich beim Sohn des Dharma versammelt, kampfbereit gegen die Kurus, und warten auf seinen Befehl.

Wort für Wort
akṣauhiṇyo hi saptaiva dharmaputrasya saṃgatāḥ yuyutsamānāḥ kurubhiḥ pratīkṣante 'sya śāsanam
Denn sieben Akṣauhiṇīs haben sich beim Sohn des Dharma versammelt, kampfbereit gegen die Kurus, und warten auf seinen Befehl.

apare puruṣavyāghrāḥ sahasrākṣauhiṇīsamāḥ sātyakir bhīmasenaś ca yamau ca sumahābalau

Und andere Tiger unter den Männern, tausend Akṣauhiṇīs gleichwertig, sind bei ihm: Sātyaki, Bhīmasena und die beiden Zwillinge von gewaltiger Kraft,

Wort für Wort
apare puruṣavyāghrāḥ sahasrākṣauhiṇīsamāḥ sātyakir bhīmasenaś ca yamau ca sumahābalau
Und andere Tiger unter den Männern, tausend Akṣauhiṇīs gleichwertig, sind bei ihm: Sātyaki, Bhīmasena und die beiden Zwillinge von gewaltiger Kraft,

ekādaśaitāḥ pṛtanā ekataś ca samāgatāḥ ekataś ca mahābāhur bahurūpo dhanaṃjayaḥ

wenn diese elf Heerscharen auf der einen Seite versammelt sind, so steht auf der anderen Seite allein der starkarmige, vielgestaltige Dhanaṃjaya.

Wort für Wort
ekādaśaitāḥ pṛtanā ekataś ca samāgatāḥ ekataś ca mahābāhur bahurūpo dhanaṃjayaḥ
wenn diese elf Heerscharen auf der einen Seite versammelt sind, so steht auf der anderen Seite allein der starkarmige, vielgestaltige Dhanaṃjaya.

yathā kirīṭī senābhyaḥ sarvābhyo vyatiricyate evam eva mahābāhur vāsudevo mahādyutiḥ

Wie der Diademträger [Arjuna] alle Heere übertrifft, ebenso auch der starkarmige, hochglänzende Vāsudeva.

Wort für Wort
yathā kirīṭī senābhyaḥ sarvābhyo vyatiricyate evam eva mahābāhur vāsudevo mahādyutiḥ
Wie der Diademträger [Arjuna] alle Heere übertrifft, ebenso auch der starkarmige, hochglänzende Vāsudeva.

bahulatvaṃ ca senānāṃ vikramaṃ ca kirīṭinaḥ buddhimattāṃ ca kṛṣṇasya buddhvā yudhyeta ko naraḥ

Welcher Mann würde, wenn er die Menge der Heere, die Tapferkeit des Diademträgers und die Klugheit Kṛṣṇas bedacht hat, noch kämpfen wollen?

Wort für Wort
bahulatvaṃ ca senānāṃ vikramaṃ ca kirīṭinaḥ buddhimattāṃ ca kṛṣṇasya buddhvā yudhyeta ko naraḥ
Welcher Mann würde, wenn er die Menge der Heere, die Tapferkeit des Diademträgers und die Klugheit Kṛṣṇas bedacht hat, noch kämpfen wollen?

te bhavanto yathādharmaṃ yathāsamayam eva ca prayacchantu pradātavyaṃ mā vaḥ kālo 'tyagād ayam

Möget ihr daher, dem Recht gemäß und dem vereinbarten Termin gemäß, das zu Gebende herausgeben - lasst diese Zeit euch nicht entgehen!‘

Wort für Wort
te bhavanto yathādharmaṃ yathāsamayam eva ca prayacchantu pradātavyaṃ mā vaḥ kālo 'tyagād ayam
Möget ihr daher, dem Recht gemäß und dem vereinbarten Termin gemäß, das zu Gebende herausgeben - lasst diese Zeit euch nicht entgehen!‘

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