Kapitel 181: Dvitīyadivasayuddham
Der zweite Tag des Zweikampfs zwischen Bhīṣma und Rāma
Bhīṣma erzählt weiter: Am zweiten Kampftag versorgt der Wagenlenker die Wunden, dann beginnt erneut der Kampf. Bhīṣma und Rāma überschütten einander mit Pfeilen, tauschen göttliche Waffen (Wind-, Feuer- und Varuṇa-Astra) aus. Rāma durchbohrt Bhīṣma an der Brust, der ohnmächtig wird und weggefahren wird; Rāmas Anhänger jubeln. Wieder erholt, kehrt Bhīṣma zurück und verwundet Rāma so schwer, dass dieser ohnmächtig zu Boden stürzt; die Welt ist erschüttert, Asketen und Ambā eilen ihm zu Hilfe. Rāma erhebt sich und fordert Bhīṣma zum Weiterkämpfen heraus; ein gewaltiger Pfeilwechsel mit kosmischen Auswirkungen (Feuer am Himmel) folgt, bis der Kampf bei Einbruch der Dämmerung endet. (Die gesamte Rede - auch Rāmas eigene direkte Worte an Bhīṣma - bleibt indirekt wiedergegeben, als Teil von Bhīṣmas fortlaufender Ich-Erzählung.)
snātopavṛttais turagair labdhatoyair avihvalaiḥ prabhāta udite sūrye tato yuddham avartata
Mit den Pferden, die gebadet zurückgekehrt waren, Wasser erhalten hatten und nicht mehr erschöpft waren, habe dann, als am Morgen die Sonne aufgegangen sei, der Kampf begonnen.
Als er mich, gepanzert und rasch herankommend, auf dem Wagen stehend erblickt habe, habe der machtvolle Rāma seinen Wagen über die Maßen bereitgemacht.
Nachdem ich ihn ehrerbietig gegrüßt hatte, sei ich ebenso wieder auf den Wagen gestiegen, o Bhārata, und kampfbereit und furchtlos vor dem Sohn des Jamadagni stehengeblieben.
Dann habe mich, von links vorgehend, o König, der erzürnte, gewaltige Rāma, der beste der Zweifachgeborenen, der Sohn des Jamadagni, an der Brust durchbohrt.
Da sei ich, o Bester der Bharatas, auf dem besten Wagen niedergesunken, und der Wagenlenker habe mich, von Betäubung befallen und von Rāmas Pfeil gequält, rasch eine Gorута weit fortgefahren, o Bester der Bharatas.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
aham
ich (Nom. Sg.)
bharataśreṣṭha
o Bester der Bharatas (Vok. Sg.)
saṃnyaṣīdam
ich sank nieder (Impf. 1.Sg.)
rathottame
auf dem besten Wagen (Lok. Sg.)
atha
da (Adv.)
mām
mich (Akk. Sg.)
kaśmalāviṣṭam
von Betäubung befallen (Akk. Sg.)
sūtaḥ
der Wagenlenker (Nom. Sg.)
tūrṇam
rasch (Adv.)
apāvahat
er fuhr fort (Impf. 3.Sg.)
gorutam
eine Goruta, ein Wegmaß (Akk. Sg.)
bharataśreṣṭha
o Bester der Bharatas (Vok. Sg.)
rāmabāṇaprapīḍitam
von Rāmas Pfeil gequält (Akk. Sg.)
[?] 'goruta' bezeichnet ein altes Wegmaß (die Hörweite eines Rufes); die genaue Länge ist unsicher überliefert.
tato mām apayātaṃ vai bhṛśaṃ viddham acetasam rāmasyānucarā hṛṣṭāḥ sarve dṛṣṭvā pracukruśuḥ akṛtavraṇaprabhṛtayaḥ kāśikanyā ca bhārata
Als sie mich dann fortgefahren, schwer verwundet und bewusstlos sahen, hätten alle Gefolgsleute Rāmas, angeführt von Akṛtavraṇa, und auch die Kāśi-Jungfrau, erfreut aufgeschrien, o Bhārata.
Dann aber, wieder bei Bewusstsein, habe ich den Wagenlenker erkannt und ihm gesagt, er solle dorthin fahren, wo Rāma sei, denn ich sei bereit und schmerzfrei geworden.
Wort für Wort
tataḥ tu
dann aber (Adv.)
labdhasaṃjñaḥ
wieder bei Bewusstsein (Nom. Sg.)
aham
ich (Nom. Sg.)
jñātvā
nachdem ich erkannt hatte (Absolutiv)
sūtam
den Wagenlenker (Akk. Sg.)
atha
da (Adv.)
abruvam
ich sagte (Impf. 1.Sg.)
yāhi
fahre! (Imp. 2.Sg.)
sūta
o Wagenlenker (Vok. Sg.)
yataḥ
wohin (Adv.)
rāmaḥ
Rāma (Nom. Sg.)
sajjaḥ
bereit (Nom. Sg.)
aham
ich (Nom. Sg.)
gatavedanaḥ
schmerzfrei geworden (Nom. Sg.)
[?] Auch dieser eigene, direkt an den Wagenlenker gerichtete Befehl Bhīṣmas wird indirekt wiedergegeben, da er innerhalb von Bhīṣmas fortlaufender Ich-Erzählung liegt und keine neue Rahmenebene eröffnet.
tato 'haṃ rāmam āsādya bāṇajālena kaurava avākiraṃ susaṃrabdhaḥ saṃrabdhaṃ vijigīṣayā
Dann, nachdem ich mich Rāma genähert hatte, habe ich, heftig erregt, ihn, den ebenso Erregten, aus Siegesbegierde mit einem Pfeilnetz überschüttet, o Kaurava.
Da sei der taumelnde Rāma aufgestanden und habe, nachdem er einen Pfeil auf den Bogen gelegt hatte, zu mir gesagt, ich solle standhalten, Bhīṣma, ich sei getötet.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
saḥ
er (Nom. Sg.)
vihvalaḥ
taumelnd (Nom. Sg.)
vākyam
ein Wort (Akk. Sg.)
rāmaḥ
Rāma (Nom. Sg.)
utthāya
nachdem er sich erhoben hatte (Absolutiv)
mā
zu mir (Akk. Sg.)
abravīt
er sagte (Impf. 3.Sg.)
tiṣṭha
steh! (Imp. 2.Sg.)
bhīṣma
o Bhīṣma (Vok. Sg.)
hataḥ asi
du bist getötet (Perf. Pass. 2.Sg.)
iti
so (Zitatpartikel)
bāṇam saṃdhāya
nachdem er einen Pfeil aufgelegt hatte (Absolutiv)
kārmuke
auf den Bogen (Lok. Sg.)
[?] Auch Rāmas an Bhīṣma gerichtete direkte Worte werden hier indirekt wiedergegeben, da eine dritte Zitatebene innerhalb von Bhīṣmas fortlaufender Ich-Erzählung vermieden wird.
Jener abgeschossene Pfeil sei rasch in meine linke Seite gefallen, im großen Kampf, wodurch ich heftig erschüttert worden sei, wie ein schwankender Baum.
hatvā hayāṃs tato rājañ śīghrāstreṇa mahāhave avākiran māṃ viśrabdho bāṇais tair lomavāhibhiḥ
Nachdem er dann, o König, mit der Schnellwaffe im großen Kampf die Pferde getötet hatte, habe er mich zuversichtlich mit jenen haardurchdringenden Pfeilen überschüttet.
tato 'ham api śīghrāstraṃ samare 'prativāraṇam avāsṛjaṃ mahābāho te 'ntarādhiṣṭhitāḥ śarāḥ rāmasya mama caivāśu vyomāvṛtya samantataḥ
Dann habe auch ich im Kampf die unabwehrbare Schnellwaffe abgeschossen, o Starkarmiger; jene Pfeile, sowohl Rāmas als auch meine, dazwischen befindlich, hätten rasch ringsum den Himmel bedeckt.
tadā śatasahasrāṇi prayutāny arbudāni ca ayutāny atha kharvāṇi nikharvāṇi ca kaurava rāmaḥ śarāṇāṃ saṃkruddho mayi tūrṇam apātayat
Da habe der erzürnte Rāma Hunderttausende, Millionen, Hundertmillionen, Zehntausende sowie noch größere Vielfache von Pfeilen rasch auf mich niederfallen lassen, o Kaurava.
Wort für Wort
tadā
da (Adv.)
śatasahasrāṇi
Hunderttausende (Akk. Pl.)
prayutāni
Millionen (Akk. Pl.)
arbudāni
Hundertmillionen (Akk. Pl.)
ca
und (Konj.)
ayutāni
Zehntausende (Akk. Pl.)
atha
und (Adv.)
kharvāṇi
Zehnmilliarden (Akk. Pl.)
nikharvāṇi
Hundertmilliarden (Akk. Pl.)
ca
und (Konj.)
kaurava
o Kaurava (Vok. Sg.)
rāmaḥ
Rāma (Nom. Sg.)
śarāṇām
von Pfeilen (Gen. Pl.)
saṃkruddhaḥ
erzürnt (Nom. Sg.)
mayi
auf mich (Lok. Sg.)
tūrṇam
rasch (Adv.)
apātayat
er ließ fallen (Impf. 3.Sg.)
[?] Die altertümlichen Zahlwörter (śata-sahasra, prayuta, arbuda, ayuta, kharva, nikharva) bezeichnen traditionelle, sehr große Zahlenstufen; ihre genauen Werte sind je nach Quelle unterschiedlich überliefert und werden hier sinngemäß als unzählige Pfeile wiedergegeben.