Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Udyogaparva

Kapitel 42: Sanatsujāta-parva (2) / Sanatsujātīya I Die Sanatsujātīya-Lehre beginnt: Tod als Nachlässigkeit, Unsterblichkeit als Wachsamkeit

Die eigentliche Sanatsujātīya-Lehrrede beginnt: auf Dhṛtarāṣṭras Frage, ob der Tod real sei, entfaltet der ewige Weise Sanatsujāta seine berühmte Kernlehre, dass nicht ein personaler Tod, sondern pramāda (Nachlässigkeit, geistige Unachtsamkeit) das eigentliche 'Sterben' sei, während apramāda (Wachsamkeit) Unsterblichkeit bedeute - der Tod wohnt gleichsam als Zorn, Gier und Verblendung im eigenen Körper. Nach einem kurzen Frage-Antwort-Wechsel über das Verhältnis von Dharma und Adharma (V.15-17) setzt Sanatsujāta mit einer zweiten, bis Kapitelende und darüber hinaus andauernden Lehrrede fort: über den wahren, unauffälligen und besitzlosen Brahmanen als 'Leib des Brahman', über Ehre und Ehrlosigkeit als gleichermaßen zu meiden, und schließlich über den 'brahmanischen Glanz' (brahmī śrī) und seine sechs Tore - Wahrheit, Aufrichtigkeit, Scham, Selbstbeherrschung, Reinheit und Wissen. Der Text gilt traditionell als einer der philosophisch dichtesten und schwierigsten Abschnitte des Mahābhārata; zahlreiche Verse sind nur sinngemäß, mit [?] gekennzeichnet, wiederzugeben.

vaiśaṃpāyana uvāca tato rājā dhṛtarāṣṭro manīṣī; saṃpūjya vākyaṃ vidureritaṃ tat sanatsujātaṃ rahite mahātmā; papraccha buddhiṃ paramāṃ bubhūṣan

Vaiśaṃpāyana sprach: Da ehrte der einsichtige König Dhṛtarāṣṭra jenes von Vidura gesprochene Wort, und der Hochherzige befragte im Verborgenen den Sanatsujāta, nach höchster Einsicht verlangend.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tato rājā dhṛtarāṣṭro manīṣī; saṃpūjya vākyaṃ vidureritaṃ tat sanatsujātaṃ rahite mahātmā; papraccha buddhiṃ paramāṃ bubhūṣan
Vaiśaṃpāyana sprach: Da ehrte der einsichtige König Dhṛtarāṣṭra jenes von Vidura gesprochene Wort, und der Hochherzige befragte im Verborgenen den Sanatsujāta, nach höchster Einsicht verlangend.

dhṛtarāṣṭra uvāca sanatsujāta yadīdaṃ śṛṇomi; mṛtyur hi nāstīti tavopadeśam devāsurā hy ācaran brahmacaryam; amṛtyave tat kataran nu satyam

Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚O Sanatsujāta, wenn ich diese deine Lehre höre, dass es den Tod nicht gebe - die Götter und Asuras aber übten Askese um der Unsterblichkeit willen -, welches von beidem ist nun wahr?‘

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca sanatsujāta yadīdaṃ śṛṇomi; mṛtyur hi nāstīti tavopadeśam devāsurā hy ācaran brahmacaryam; amṛtyave tat kataran nu satyam
Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚O Sanatsujāta, wenn ich diese deine Lehre höre, dass es den Tod nicht gebe - die Götter und Asuras aber übten Askese um der Unsterblichkeit willen -, welches von beidem ist nun wahr?‘

sanatsujāta uvāca amṛtyuḥ karmaṇā ke cin mṛtyur nāstīti cāpare śṛṇu me bruvato rājan yathaitan mā viśaṅkithāḥ

Sanatsujāta sprach: ‚Manche sagen, Unsterblichkeit erlangt man durch rechtes Handeln, andere sagen, der Tod existiere überhaupt nicht - höre mich, wie ich dir dies erkläre, o König, damit du daran nicht zweifelst.

Wort für Wort
sanatsujāta uvāca amṛtyuḥ karmaṇā ke cin mṛtyur nāstīti cāpare śṛṇu me bruvato rājan yathaitan mā viśaṅkithāḥ
Sanatsujāta sprach: ‚Manche sagen, Unsterblichkeit erlangt man durch rechtes Handeln, andere sagen, der Tod existiere überhaupt nicht - höre mich, wie ich dir dies erkläre, o König, damit du daran nicht zweifelst.

ubhe satye kṣatriyādyapravṛtte; moho mṛtyuḥ saṃmato yaḥ kavīnām pramādaṃ vai mṛtyum ahaṃ bravīmi; sadāpramādam amṛtatvaṃ bravīmi

[?] Beide Lehren sind wahr, sofern kṣatriya-gemäßes Handeln und Ähnliches vorherrscht; die Verblendung, die den Weisen als der Tod gilt - ich aber nenne die Nachlässigkeit den Tod, und die beständige Nicht-Nachlässigkeit nenne ich Unsterblichkeit.

Wort für Wort
ubhe satye kṣatriyādyapravṛtte; moho mṛtyuḥ saṃmato yaḥ kavīnām pramādaṃ vai mṛtyum ahaṃ bravīmi; sadāpramādam amṛtatvaṃ bravīmi
[?] Beide Lehren sind wahr, sofern kṣatriya-gemäßes Handeln und Ähnliches vorherrscht; die Verblendung, die den Weisen als der Tod gilt - ich aber nenne die Nachlässigkeit den Tod, und die beständige Nicht-Nachlässigkeit nenne ich Unsterblichkeit.

Die genaue Konstruktion von 'kṣatriyādyapravṛtte' (etwa 'wo Kṣatriya-artiges Handeln vorherrscht') bleibt unsicher; sinngemäß übersetzt.

pramādād vai asurāḥ parābhavann; apramādād brahmabhūtā bhavanti na vai mṛtyur vyāghra ivātti jantūn; na hy asya rūpam upalabhyate ha

Durch Nachlässigkeit wurden die Asuras besiegt; durch Nicht-Nachlässigkeit werden Wesen brahman-geworden; der Tod verschlingt die Geschöpfe nicht wie ein Tiger, denn seine Gestalt ist ja nicht wahrnehmbar.

Wort für Wort
pramādād vai asurāḥ parābhavann; apramādād brahmabhūtā bhavanti na vai mṛtyur vyāghra ivātti jantūn; na hy asya rūpam upalabhyate ha
Durch Nachlässigkeit wurden die Asuras besiegt; durch Nicht-Nachlässigkeit werden Wesen brahman-geworden; der Tod verschlingt die Geschöpfe nicht wie ein Tiger, denn seine Gestalt ist ja nicht wahrnehmbar.

yamaṃ tv eke mṛtyum ato 'nyam āhur; ātmāvasannam amṛtaṃ brahmacaryam pitṛloke rājyam anuśāsti devaḥ; śivaḥ śivānām aśivo 'śivānām

[?] Manche aber nennen Yama einen anderen Tod als diesen - das im Selbst versunkene, unsterbliche Brahmacarya; der Gott beherrscht das Königreich in der Welt der Vorfahren, den Guten gnädig, den Ungnädigen ungnädig.

Wort für Wort
yamaṃ tv eke mṛtyum ato 'nyam āhur; ātmāvasannam amṛtaṃ brahmacaryam pitṛloke rājyam anuśāsti devaḥ; śivaḥ śivānām aśivo 'śivānām
[?] Manche aber nennen Yama einen anderen Tod als diesen - das im Selbst versunkene, unsterbliche Brahmacarya; der Gott beherrscht das Königreich in der Welt der Vorfahren, den Guten gnädig, den Ungnädigen ungnädig.

Der Vers verbindet mehrere kaum eindeutig zu trennende Aussagen über Yama/den Tod; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten Satzgliederung.

āsyād eṣa niḥsarate narāṇāṃ; krodhaḥ pramādo moharūpaś ca mṛtyuḥ te mohitās tadvaśe vartamānā; itaḥ pretās tatra punaḥ patanti

Dieser Tod - Zorn, Nachlässigkeit und in Gestalt der Verblendung - entweicht aus dem Mund der Menschen; von ihm verblendet und in seiner Gewalt verweilend, fallen sie, von hier verschieden, dort wieder in neue Geburt.

Wort für Wort
āsyād eṣa niḥsarate narāṇāṃ; krodhaḥ pramādo moharūpaś ca mṛtyuḥ te mohitās tadvaśe vartamānā; itaḥ pretās tatra punaḥ patanti
Dieser Tod - Zorn, Nachlässigkeit und in Gestalt der Verblendung - entweicht aus dem Mund der Menschen; von ihm verblendet und in seiner Gewalt verweilend, fallen sie, von hier verschieden, dort wieder in neue Geburt.

tatas taṃ devā anu viplavante; ato mṛtyur maraṇākhyām upaiti karmodaye karmaphalānurāgās; tatrānu yānti na taranti mṛtyum

[?] Danach stürzen ihm auch die Sinnesgötter nach in den Untergang; daher erlangt der Tod die Bezeichnung als Sterben; bei der Entstehung der Tat, an den Früchten der Tat hängend, folgen sie ihr dorthin nach und überwinden den Tod nicht.

Wort für Wort
tatas taṃ devā anu viplavante; ato mṛtyur maraṇākhyām upaiti karmodaye karmaphalānurāgās; tatrānu yānti na taranti mṛtyum
[?] Danach stürzen ihm auch die Sinnesgötter nach in den Untergang; daher erlangt der Tod die Bezeichnung als Sterben; bei der Entstehung der Tat, an den Früchten der Tat hängend, folgen sie ihr dorthin nach und überwinden den Tod nicht.

'devāḥ' wird hier, wie gelegentlich in der älteren Literatur, als Bezeichnung der personifizierten Sinnesvermögen (indriya) verstanden, nicht als Götter im eigentlichen Sinn.

yo 'bhidhyāyann utpatiṣṇūn nihanyād; anādareṇāpratibudhyamānaḥ sa vai mṛtyur mṛtyur ivātti bhūtvā; evaṃ vidvān yo vinihanti kāmān

[?] Wer, aufsteigende Begierden ersinnend, sie nicht bezwingt und aus Nachlässigkeit unerweckt bleibt, der wird selbst zum Tod und verschlingt wie der Tod; wer aber, so wissend, die Begierden bezwingt, entgeht ihm.

Wort für Wort
yo 'bhidhyāyann utpatiṣṇūn nihanyād; anādareṇāpratibudhyamānaḥ sa vai mṛtyur mṛtyur ivātti bhūtvā; evaṃ vidvān yo vinihanti kāmān
[?] Wer, aufsteigende Begierden ersinnend, sie nicht bezwingt und aus Nachlässigkeit unerweckt bleibt, der wird selbst zum Tod und verschlingt wie der Tod; wer aber, so wissend, die Begierden bezwingt, entgeht ihm.

Die Satzkonstruktion ist im Sanskrit stark verdichtet und elliptisch; sinngemäß ergänzt.

kāmānusārī puruṣaḥ kāmān anu vinaśyati kāmān vyudasya dhunute yat kiṃ cit puruṣo rajaḥ

Der Mensch, der den Begierden folgt, geht mit den Begierden zugrunde; indem er die Begierden abschüttelt, schüttelt der Mensch jeglichen Staub der Leidenschaft von sich ab.

Wort für Wort
kāmānusārī puruṣaḥ kāmān anu vinaśyati kāmān vyudasya dhunute yat kiṃ cit puruṣo rajaḥ
Der Mensch, der den Begierden folgt, geht mit den Begierden zugrunde; indem er die Begierden abschüttelt, schüttelt der Mensch jeglichen Staub der Leidenschaft von sich ab.

tamo 'prakāśo bhūtānāṃ narako 'yaṃ pradṛśyate gṛhyanta iva dhāvanti gacchantaḥ śvabhram unmukhāḥ

Die Finsternis, das Nicht-Erleuchtetsein der Wesen - das erscheint als diese Hölle; wie ergriffen laufen sie dahin, mit aufwärts gewandtem Gesicht in die Grube stürzend.

Wort für Wort
tamo 'prakāśo bhūtānāṃ narako 'yaṃ pradṛśyate gṛhyanta iva dhāvanti gacchantaḥ śvabhram unmukhāḥ
Die Finsternis, das Nicht-Erleuchtetsein der Wesen - das erscheint als diese Hölle; wie ergriffen laufen sie dahin, mit aufwärts gewandtem Gesicht in die Grube stürzend.

abhidhyā vai prathamaṃ hanti cainaṃ; kāmakrodhau gṛhya cainaṃ tu paścāt ete bālān mṛtyave prāpayanti; dhīrās tu dhairyeṇa taranti mṛtyum

Zuerst tötet ihn die Begehrlichkeit; Begierde und Zorn ergreifen ihn danach - diese führen die Toren dem Tod zu; die Standhaften aber überwinden den Tod durch Standhaftigkeit.

Wort für Wort
abhidhyā vai prathamaṃ hanti cainaṃ; kāmakrodhau gṛhya cainaṃ tu paścāt ete bālān mṛtyave prāpayanti; dhīrās tu dhairyeṇa taranti mṛtyum
Zuerst tötet ihn die Begehrlichkeit; Begierde und Zorn ergreifen ihn danach - diese führen die Toren dem Tod zu; die Standhaften aber überwinden den Tod durch Standhaftigkeit.

amanyamānaḥ kṣatriya kiṃ cid anyan; nādhīyate tārṇa ivāsya vyāghraḥ krodhāl lobhān mohamayāntarātmā; sa vai mṛtyus tvac charīre ya eṣaḥ

[?] Nichts anderes bedenkend, o Kṣatriya, lernt er nicht mehr; wie ein im Gras verborgener Tiger lauert ihm der Tod auf; aus Zorn, Gier und von Verblendung durchdrungener innerer Seele - das eben ist der Tod, der in deinem Körper wohnt.

Wort für Wort
amanyamānaḥ kṣatriya kiṃ cid anyan; nādhīyate tārṇa ivāsya vyāghraḥ krodhāl lobhān mohamayāntarātmā; sa vai mṛtyus tvac charīre ya eṣaḥ
[?] Nichts anderes bedenkend, o Kṣatriya, lernt er nicht mehr; wie ein im Gras verborgener Tiger lauert ihm der Tod auf; aus Zorn, Gier und von Verblendung durchdrungener innerer Seele - das eben ist der Tod, der in deinem Körper wohnt.

evaṃ mṛtyuṃ jāyamānaṃ viditvā; jñāne tiṣṭhan na bibhetīha mṛtyoḥ vinaśyate viṣaye tasya mṛtyur; mṛtyor yathā viṣayaṃ prāpya martyaḥ

[?] Wer so den entstehenden Tod erkannt hat und in der Erkenntnis verharrt, fürchtet hier den Tod nicht; der Tod geht in seinem Wirkungsbereich zugrunde, so wie sonst der Sterbliche, in den Bereich des Todes gelangend, zugrunde geht.

Wort für Wort
evaṃ mṛtyuṃ jāyamānaṃ viditvā; jñāne tiṣṭhan na bibhetīha mṛtyoḥ vinaśyate viṣaye tasya mṛtyur; mṛtyor yathā viṣayaṃ prāpya martyaḥ
[?] Wer so den entstehenden Tod erkannt hat und in der Erkenntnis verharrt, fürchtet hier den Tod nicht; der Tod geht in seinem Wirkungsbereich zugrunde, so wie sonst der Sterbliche, in den Bereich des Todes gelangend, zugrunde geht.

dhṛtarāṣṭra uvāca ye 'smin dharmān nācarantīha ke cit; tathā dharmān ke cid ihācaranti dharmaḥ pāpena pratihanyate sma; utāho dharmaḥ pratihanti pāpam

‘ Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Manche befolgen hier in dieser Welt die Pflichten der Rechtschaffenheit nicht, andere wiederum befolgen sie - wird die Rechtschaffenheit durch das Böse zurückgeschlagen, oder schlägt die Rechtschaffenheit das Böse zurück?‘

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca ye 'smin dharmān nācarantīha ke cit; tathā dharmān ke cid ihācaranti dharmaḥ pāpena pratihanyate sma; utāho dharmaḥ pratihanti pāpam
‘ Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Manche befolgen hier in dieser Welt die Pflichten der Rechtschaffenheit nicht, andere wiederum befolgen sie - wird die Rechtschaffenheit durch das Böse zurückgeschlagen, oder schlägt die Rechtschaffenheit das Böse zurück?‘

Hier schließt Sanatsujātas erste, seit V.3 andauernde Lehrrede über Tod und Nachlässigkeit; Dhṛtarāṣṭras neue Frage eröffnet einen neuen kurzen Wortwechsel.

sanatsujāta uvāca ubhayam eva tatropabhujyate phalaṃ; dharmasyaivetarasya ca dharmeṇādharmaṃ praṇudatīha vidvān; dharmo balīyān iti tasya viddhi

Sanatsujāta sprach: ‚Beiderlei Frucht wird dort genossen, sowohl die der Rechtschaffenheit als auch die des Gegenteils; durch Rechtschaffenheit vertreibt hier der Wissende das Unrecht - wisse, dass die Rechtschaffenheit die stärkere ist.‘

Wort für Wort
sanatsujāta uvāca ubhayam eva tatropabhujyate phalaṃ; dharmasyaivetarasya ca dharmeṇādharmaṃ praṇudatīha vidvān; dharmo balīyān iti tasya viddhi
Sanatsujāta sprach: ‚Beiderlei Frucht wird dort genossen, sowohl die der Rechtschaffenheit als auch die des Gegenteils; durch Rechtschaffenheit vertreibt hier der Wissende das Unrecht - wisse, dass die Rechtschaffenheit die stärkere ist.‘

dhṛtarāṣṭra uvāca yān imān āhuḥ svasya dharmasya lokān; dvijātīnāṃ puṇyakṛtāṃ sanātanān teṣāṃ parikramān kathayantas tato 'nyān; naitad vidvan naiva kṛtaṃ ca karma

Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚[?] Jene ewigen Welten, die man als Lohn der eigenen Pflichterfüllung für die verdienstvoll handelnden Zweifachgeborenen nennt, und von deren Stationen man erzählt, sowie andere Welten darüber hinaus - dies ist mir, o Wissender, nicht klar, noch das dazugehörige Werk.‘

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca yān imān āhuḥ svasya dharmasya lokān; dvijātīnāṃ puṇyakṛtāṃ sanātanān teṣāṃ parikramān kathayantas tato 'nyān; naitad vidvan naiva kṛtaṃ ca karma
Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚[?] Jene ewigen Welten, die man als Lohn der eigenen Pflichterfüllung für die verdienstvoll handelnden Zweifachgeborenen nennt, und von deren Stationen man erzählt, sowie andere Welten darüber hinaus - dies ist mir, o Wissender, nicht klar, noch das dazugehörige Werk.‘

Der Vers ist syntaktisch schwierig und mehrdeutig; sinngemäß übersetzt.

sanatsujāta uvāca yeṣāṃ bale na vispardhā bale balavatām iva te brāhmaṇā itaḥ pretya svargaloke prakāśate

Sanatsujāta sprach: ‚Jene Brahmanen, deren Kraft nicht, wie es bei den Starken üblich ist, mit der Kraft der Starken wetteifert - sie erstrahlen, von hier geschieden, in der Himmelswelt.

Wort für Wort
sanatsujāta uvāca yeṣāṃ bale na vispardhā bale balavatām iva te brāhmaṇā itaḥ pretya svargaloke prakāśate
Sanatsujāta sprach: ‚Jene Brahmanen, deren Kraft nicht, wie es bei den Starken üblich ist, mit der Kraft der Starken wetteifert - sie erstrahlen, von hier geschieden, in der Himmelswelt.

yatra manyeta bhūyiṣṭhaṃ prāvṛṣīva tṛṇolapam annaṃ pānaṃ ca brāhmaṇas taj jīvan nānusaṃjvaret

[?] Wo ein Brahmane Speise und Trank für so reichlich hält wie frisch gesprossenes Gras zur Regenzeit, und, davon lebend, nicht in Sorge gerät -

Wort für Wort
yatra manyeta bhūyiṣṭhaṃ prāvṛṣīva tṛṇolapam annaṃ pānaṃ ca brāhmaṇas taj jīvan nānusaṃjvaret
[?] Wo ein Brahmane Speise und Trank für so reichlich hält wie frisch gesprossenes Gras zur Regenzeit, und, davon lebend, nicht in Sorge gerät -

yatrākathayamānasya prayacchaty aśivaṃ bhayam atiriktam ivākurvan sa śreyān netaro janaḥ

[?] - wo er, ohne seine Bedürfnisse mitzuteilen, dennoch Unheil von sich fernhält, gleichsam nichts Überflüssiges tuend - ein solcher Mensch ist der Bessere, kein anderer.

Wort für Wort
yatrākathayamānasya prayacchaty aśivaṃ bhayam atiriktam ivākurvan sa śreyān netaro janaḥ
[?] - wo er, ohne seine Bedürfnisse mitzuteilen, dennoch Unheil von sich fernhält, gleichsam nichts Überflüssiges tuend - ein solcher Mensch ist der Bessere, kein anderer.

yo vākathayamānasya ātmānaṃ nānusaṃjvaret brahmasvaṃ nopabhuñjed vā tadannaṃ saṃmataṃ satām

[?] Wer, ohne seine Not mitzuteilen, sich selbst nicht ängstigt, oder Brahmanengut nicht genießt - dessen Speise gilt den Guten als anerkannt.

Wort für Wort
yo vākathayamānasya ātmānaṃ nānusaṃjvaret brahmasvaṃ nopabhuñjed vā tadannaṃ saṃmataṃ satām
[?] Wer, ohne seine Not mitzuteilen, sich selbst nicht ängstigt, oder Brahmanengut nicht genießt - dessen Speise gilt den Guten als anerkannt.

yathā svaṃ vāntam aśnāti śvā vai nityam abhūtaye evaṃ te vāntam aśnanti svavīryasyopajīvanāt

Wie ein Hund stets sein eigenes Erbrochenes frisst, sich zum eigenen Verderben, so essen jene ihr eigenes Erbrochenes, indem sie von ihrer erpressten Kraft leben.

Wort für Wort
yathā svaṃ vāntam aśnāti śvā vai nityam abhūtaye evaṃ te vāntam aśnanti svavīryasyopajīvanāt
Wie ein Hund stets sein eigenes Erbrochenes frisst, sich zum eigenen Verderben, so essen jene ihr eigenes Erbrochenes, indem sie von ihrer erpressten Kraft leben.

nityam ajñātacaryā me iti manyeta brāhmaṇaḥ jñātīnāṃ tu vasan madhye naiva vidyeta kiṃ cana

Der Brahmane denke, sein Leben verlaufe stets unbekannt; wohnt er aber inmitten seiner Verwandten, so soll von ihm überhaupt nichts Auffälliges bekannt sein.

Wort für Wort
nityam ajñātacaryā me iti manyeta brāhmaṇaḥ jñātīnāṃ tu vasan madhye naiva vidyeta kiṃ cana
Der Brahmane denke, sein Leben verlaufe stets unbekannt; wohnt er aber inmitten seiner Verwandten, so soll von ihm überhaupt nichts Auffälliges bekannt sein.

Die eingebettete Selbstreflexion ('iti manyeta') wird als indirekte Rede wiedergegeben, um eine dritte Zitatebene innerhalb von Sanatsujātas Rede zu vermeiden.

ko hy evam antarātmānaṃ brāhmaṇo hantum arhati tasmād dhi kiṃ cit kṣatriya brahmāvasati paśyati

[?] Wer nämlich, ein Brahmane, verdient es, so seine innere Seele zu töten? Darum, o Kṣatriya, sieht das in ihm wohnende Brahman etwas von alledem.

Wort für Wort
ko hy evam antarātmānaṃ brāhmaṇo hantum arhati tasmād dhi kiṃ cit kṣatriya brahmāvasati paśyati
[?] Wer nämlich, ein Brahmane, verdient es, so seine innere Seele zu töten? Darum, o Kṣatriya, sieht das in ihm wohnende Brahman etwas von alledem.

aśrāntaḥ syād anādānāt saṃmato nirupadravaḥ śiṣṭo na śiṣṭavat sa syād brāhmaṇo brahmavit kaviḥ

[?] Unermüdet sei er durch Besitzlosigkeit, geachtet, ohne anderen Schaden zuzufügen; gebildet, aber nicht wie ein Gebildeter auftretend - so sei der Brahmane, der Brahman-Kenner, der Seher.

Wort für Wort
aśrāntaḥ syād anādānāt saṃmato nirupadravaḥ śiṣṭo na śiṣṭavat sa syād brāhmaṇo brahmavit kaviḥ
[?] Unermüdet sei er durch Besitzlosigkeit, geachtet, ohne anderen Schaden zuzufügen; gebildet, aber nicht wie ein Gebildeter auftretend - so sei der Brahmane, der Brahman-Kenner, der Seher.

anāḍhyā mānuṣe vitte āḍhyā vedeṣu ye dvijāḥ te durdharṣā duṣprakampyā vidyāt tān brahmaṇas tanum

Die Zweifachgeborenen, die arm an menschlichem Reichtum, aber reich in den Veden sind - diese, unangreifbar und unerschütterlich, erkenne als den wahren Leib des Brahman.

Wort für Wort
anāḍhyā mānuṣe vitte āḍhyā vedeṣu ye dvijāḥ te durdharṣā duṣprakampyā vidyāt tān brahmaṇas tanum
Die Zweifachgeborenen, die arm an menschlichem Reichtum, aber reich in den Veden sind - diese, unangreifbar und unerschütterlich, erkenne als den wahren Leib des Brahman.

sarvān sviṣṭakṛto devān vidyād ya iha kaś cana na samāno brāhmaṇasya yasmin prayatate svayam

[?] Wer irgendjemand hier alle Götter als durch das Sviṣṭakṛt-Opfer wohlgeehrt anerkennt, ist dem Brahmanen nicht gleich, in dem das Göttliche selbst wirkt.

Wort für Wort
sarvān sviṣṭakṛto devān vidyād ya iha kaś cana na samāno brāhmaṇasya yasmin prayatate svayam
[?] Wer irgendjemand hier alle Götter als durch das Sviṣṭakṛt-Opfer wohlgeehrt anerkennt, ist dem Brahmanen nicht gleich, in dem das Göttliche selbst wirkt.

Sviṣṭakṛt ('gut geopfert') ist eine abschließende Opferhandlung im vedischen Ritual, die allen Göttern gemeinsam gilt.

yam aprayatamānaṃ tu mānayanti sa mānitaḥ na mānyamāno manyeta nāmānād abhisaṃjvaret

[?] Wen man aber ehrt, obwohl er sich selbst nicht darum bemüht, der ist wahrhaft geehrt; wer geehrt wird, denke nicht stolz darüber, und wer nicht geehrt wird, gerate nicht darüber in Erregung.

Wort für Wort
yam aprayatamānaṃ tu mānayanti sa mānitaḥ na mānyamāno manyeta nāmānād abhisaṃjvaret
[?] Wen man aber ehrt, obwohl er sich selbst nicht darum bemüht, der ist wahrhaft geehrt; wer geehrt wird, denke nicht stolz darüber, und wer nicht geehrt wird, gerate nicht darüber in Erregung.

vidvāṃso mānayantīha iti manyeta mānitaḥ adharmaviduṣo mūḍhā lokaśāstraviśāradāḥ na mānyaṃ mānayiṣyanti iti manyed amānitaḥ

[?] Wer geehrt wird, denke, dass die Weisen ihn hier ehren; wer nicht geehrt wird, denke, dass die des Unrechts Kundigen, die Toren, die nur in weltlichen Lehren Bewanderten, den Ehrwürdigen nicht ehren würden.

Wort für Wort
vidvāṃso mānayantīha iti manyeta mānitaḥ adharmaviduṣo mūḍhā lokaśāstraviśāradāḥ na mānyaṃ mānayiṣyanti iti manyed amānitaḥ
[?] Wer geehrt wird, denke, dass die Weisen ihn hier ehren; wer nicht geehrt wird, denke, dass die des Unrechts Kundigen, die Toren, die nur in weltlichen Lehren Bewanderten, den Ehrwürdigen nicht ehren würden.

Beide eingebetteten Gedanken ('iti manyeta') werden als indirekte Rede wiedergegeben, um eine dritte Zitatebene zu vermeiden.

na vai mānaṃ ca maunaṃ ca sahitau carataḥ sadā ayaṃ hi loko mānasya asau mānasya tad viduḥ

[?] Ehre und Schweigen gehen nämlich niemals beständig zusammen einher; denn diese Welt gehört der Ehre, jene andere Welt gehört [dem Schweigen] - so wissen es die Weisen.

Wort für Wort
na vai mānaṃ ca maunaṃ ca sahitau carataḥ sadā ayaṃ hi loko mānasya asau mānasya tad viduḥ
[?] Ehre und Schweigen gehen nämlich niemals beständig zusammen einher; denn diese Welt gehört der Ehre, jene andere Welt gehört [dem Schweigen] - so wissen es die Weisen.

Der zweite Halbvers ist im Sanskrit möglicherweise korrupt oder stark verkürzt überliefert (zweimal 'mānasya' statt eines erwarteten Kontrasts mit 'maunasya'); die Übersetzung ergänzt sinngemäß den vermuteten Gegensatz Ehre/Schweigen.

śrīḥ sukhasyeha saṃvāsaḥ sā cāpi paripanthinī brāhmī sudurlabhā śrīr hi prajñāhīnena kṣatriya

Glanz ist hier das Zusammenwohnen mit Wohlergehen, doch ist er zugleich ein Hindernis; der brahmanische Glanz ist für den an Einsicht Armen, o Kṣatriya, überaus schwer zu erlangen.

Wort für Wort
śrīḥ sukhasyeha saṃvāsaḥ sā cāpi paripanthinī brāhmī sudurlabhā śrīr hi prajñāhīnena kṣatriya
Glanz ist hier das Zusammenwohnen mit Wohlergehen, doch ist er zugleich ein Hindernis; der brahmanische Glanz ist für den an Einsicht Armen, o Kṣatriya, überaus schwer zu erlangen.

dvārāṇi tasyā hi vadanti santo; bahuprakārāṇi durāvarāṇi satyārjave hrīr damaśaucavidyāḥ; ṣaṇmānamohapratibādhanāni

Die Guten nennen ihre Tore - vielfältiger Art und schwer zu erlangen -: Wahrheit, Aufrichtigkeit, Scham, Selbstbeherrschung, Reinheit und Wissen - diese sechs sind Bollwerke gegen Ehrsucht und Verblendung.

Wort für Wort
dvārāṇi tasyā hi vadanti santo; bahuprakārāṇi durāvarāṇi satyārjave hrīr damaśaucavidyāḥ; ṣaṇmānamohapratibādhanāni
Die Guten nennen ihre Tore - vielfältiger Art und schwer zu erlangen -: Wahrheit, Aufrichtigkeit, Scham, Selbstbeherrschung, Reinheit und Wissen - diese sechs sind Bollwerke gegen Ehrsucht und Verblendung.

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