Kapitel 85: Vidura-Vākyam
Viduras Mahnrede an Dhṛtarāṣṭra
Vidura durchschaut Dhṛtarāṣṭras Geschenkplan als Bestechungsversuch, der Kṛṣṇa von den Pāṇḍavas entfremden soll, und weist ihn scharf zurück: Kṛṣṇa ist durch keinen Reichtum von Arjuna zu trennen, er wünscht nichts als aufrichtige Gastfreundschaft und die Erfüllung des einfachen Friedenswunsches - der fünf Dörfer für die Pāṇḍavas. Vidura mahnt Dhṛtarāṣṭra, sich als Vater gegenüber seinen Neffen zu verhalten.
yat tvam evaṃgate brūyāḥ paścime vayasi sthitaḥ śāstrād vā supratarkād vā susthiraḥ sthaviro hy asi
Dass du, in solcher Lage, sprechen würdest, im letzten Lebensalter stehend, aus der Lehre oder aus guter Überlegung, gefestigt - denn du bist ein Alter,
Wort für Wort
yat tvam evaṃgate brūyāḥ
dass du in solcher Lage sprechen würdest (Konj. + Nom.Sg. + Lok.Sg.Abs. + 2.Sg.Opt.)
paścime vayasi sthitaḥ
im letzten Lebensalter stehend (Lok.Sg. Adj. + Lok.Sg. + Nom.Sg. Part.Perf.)
śāstrāt vā supratarkāt vā
aus der Lehre oder aus guter Überlegung (Abl.Sg. + Partikel x2)
susthiraḥ sthaviraḥ hi asi
gefestigt, denn du bist ein Alter (Nom.Sg. Adj. + Nom.Sg. + Partikel + 2.Sg.Präs.)
Stets ist die Welt von der Flut deiner Tugenden durchdrungen worden, o Herrscher; bemühe dich stets zusammen mit deinen Verwandten um die Bewahrung dieser Tugenden.
Wort für Wort
sadā eva bhāvitaḥ lokaḥ
stets ist die Welt durchdrungen worden (Adv. + Nom.Sg. Part.Perf.Pass. + Nom.Sg.)
guṇaughaiḥ tava pārthiva
von der Flut deiner Tugenden, o Herrscher (Instr.Pl. + Gen.Sg. + Vok.Sg.)
guṇānām rakṣaṇe nityam
um die Bewahrung der Tugenden stets (Gen.Pl. + Lok.Sg. + Adv.)
prayatasva sabāndhavaḥ
bemühe dich, mit deinen Verwandten (2.Sg.Imp.Med. + Nom.Sg. Adj.)
na ca vittena śakyo 'sau nodyamena na garhayā anyo dhanaṃjayāt kartum etat tattvaṃ bravīmi te
Aber weder durch Reichtum noch durch Anstrengung noch durch Tadel kann er dazu gebracht werden, einen anderen als Dhanañjaya zu bevorzugen - dies ist die Wahrheit, die ich dir sage.
Wort für Wort
na ca vittena śakyaḥ asau
aber nicht durch Reichtum kann er [dazu gebracht werden] (Neg. + Instr.Sg. + Nom.Sg. Ger. + Nom.Sg.)
na udyamena na garhayā
noch durch Anstrengung noch durch Tadel (Neg. + Instr.Sg. x2)
anyaḥ dhanaṃjayāt kartum
einen anderen als Dhanañjaya zu machen [zu bevorzugen] (Akk.Sg. + Abl.Sg. + Infinitiv)
etat tattvam bravīmi te
dies ist die Wahrheit, ich sage dir (Akk.Sg. + Akk.Sg. + 1.Sg.Präs. + Dat.Sg.)
veda kṛṣṇasya māhātmyaṃ vedāsya dṛḍhabhaktitām atyājyam asya jānāmi prāṇais tulyaṃ dhanaṃjayam
Er kennt Kṛṣṇas Größe, er kennt dessen feste Ergebenheit; ich weiß, dass ihm Dhanañjaya unaufgebbar ist, gleich seinem eigenen Leben.
Wort für Wort
veda kṛṣṇasya māhātmyam
er kennt Kṛṣṇas Größe (3.Sg.Perf. + Gen.Sg. + Akk.Sg.)
veda asya dṛḍhabhaktitām
er kennt dessen feste Ergebenheit (3.Sg.Perf. + Gen.Sg. + Akk.Sg.)
atyājyam asya jānāmi
ich weiß, dass ihm unaufgebbar ist (Akk.Sg. Ger.Neg. + Gen.Sg. + 1.Sg.Präs.)
prāṇaiḥ tulyam dhanaṃjayam
gleich seinem Leben, Dhanañjaya (Instr.Pl. + Akk.Sg. Adj. + Akk.Sg.)
[Anm.: 'kṛṣṇasya' hier vermutlich Arjuna gemeint (im Sinne von Vidura, der über Kṛṣṇa-Vāsudevas Kenntnis von Arjunas/Dhanañjayas Wesen spricht) - der genaue Bezug bleibt leicht mehrdeutig.]
Nach anderem als einem mit Wasser gefüllten Krug, nach anderem als dem Waschen der Füße, nach anderem als der freundlichen Begrüßungsfrage wird Janārdana nicht verlangen.
Wort für Wort
anyat kumbhāt apām pūrṇāt
nach anderem als einem mit Wasser gefüllten Krug (Akk.Sg. + Abl.Sg. + Gen.Pl. + Abl.Sg. Adj.)
anyat pādāvasecanāt
nach anderem als dem Waschen der Füße (Akk.Sg. + Abl.Sg.)
anyat kuśalasaṃpraśnāt
nach anderem als der freundlichen Begrüßungsfrage (Akk.Sg. + Abl.Sg.)
na eṣiṣyati janārdanaḥ
wird Janārdana nicht verlangen (Neg. + 3.Sg.Fut. + Nom.Sg.)
yat tv asya priyam ātithyaṃ mānārhasya mahātmanaḥ tad asmai kriyatāṃ rājan mānārho hi janārdanaḥ
Was ihm aber als liebe Gastfreundschaft gebührt, dem der Ehre würdigen Großmütigen - das soll ihm erwiesen werden, o König; denn Janārdana ist der Ehre würdig.
Wort für Wort
yat tu asya priyam ātithyam
was ihm aber als liebe Gastfreundschaft (Nom.Sg. Rel. + Partikel + Gen.Sg. + Nom.Sg. Adj. + Nom.Sg.)
mānārhasya mahātmanaḥ
dem der Ehre würdigen Großmütigen (Gen.Sg. Adj. + Gen.Sg.)
tat asmai kriyatām rājan
das soll ihm erwiesen werden, o König (Nom.Sg. + Dat.Sg. + 3.Sg.Imp.Pass. + Vok.Sg.)
mānārhaḥ hi janārdanaḥ
denn Janārdana ist der Ehre würdig (Nom.Sg. Adj. + Partikel + Nom.Sg.)
pitāsi rājan putrās te vṛddhas tvaṃ śiśavaḥ pare vartasva pitṛvat teṣu vartante te hi putravat
Du bist der Vater, o König, sie sind deine Söhne; du bist alt, jene anderen sind Kinder - verhalte dich zu ihnen wie ein Vater, denn sie verhalten sich zu dir wie Söhne.
Wort für Wort
pitā asi rājan
du bist der Vater, o König (Nom.Sg. + 2.Sg.Präs. + Vok.Sg.)
putrāḥ te vṛddhaḥ tvam
deine Söhne, du bist alt (Nom.Pl. + Gen.Sg. + Nom.Sg. Adj. + Nom.Sg.)
śiśavaḥ pare
Kinder, jene anderen (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
vartasva pitṛvat teṣu
verhalte dich zu ihnen wie ein Vater (2.Sg.Imp.Med. + Adv. + Lok.Pl.)
vartante te hi putravat
denn sie verhalten sich wie Söhne (3.Pl.Präs.Med. + Nom.Pl. + Partikel + Adv.)
[Anm.: Viduras Rede bleibt am Kapitelende offen (SQ-Tiefe 1) und setzt sich vermutlich in Kap.86 fort.]