Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Udyogaparva

Kapitel 85: Vidura-Vākyam Viduras Mahnrede an Dhṛtarāṣṭra

Vidura durchschaut Dhṛtarāṣṭras Geschenkplan als Bestechungsversuch, der Kṛṣṇa von den Pāṇḍavas entfremden soll, und weist ihn scharf zurück: Kṛṣṇa ist durch keinen Reichtum von Arjuna zu trennen, er wünscht nichts als aufrichtige Gastfreundschaft und die Erfüllung des einfachen Friedenswunsches - der fünf Dörfer für die Pāṇḍavas. Vidura mahnt Dhṛtarāṣṭra, sich als Vater gegenüber seinen Neffen zu verhalten.

vidura uvāca rājan bahumataś cāsi trailokyasyāpi sattamaḥ saṃbhāvitaś ca lokasya saṃmataś cāsi bhārata

‘Vidura sprach: ‚O König, du bist hochgeachtet und der Beste sogar der drei Welten, angesehen von der Welt und geschätzt, o Bhārata.

Wort für Wort
viduraḥ uvāca
Vidura sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
rājan bahumataḥ ca asi
o König, du bist hochgeachtet (Vok.Sg. + Nom.Sg. Adj. + 2.Sg.Präs.)
trailokyasya api sattamaḥ
der Beste sogar der drei Welten (Gen.Sg. + Partikel + Superl.)
saṃbhāvitaḥ ca lokasya
angesehen von der Welt (Nom.Sg. Part.Perf.Pass. + Gen.Sg.)
saṃmataḥ ca asi bhārata
und geschätzt bist du, o Bhārata (Nom.Sg. Adj. + 2.Sg.Präs. + Vok.Sg.)

[Anm.: Dhṛtarāṣṭras Geschenk-Rede aus Kap.84 schließt hier; Viduras Erwiderung öffnet im selben Vers.]

yat tvam evaṃgate brūyāḥ paścime vayasi sthitaḥ śāstrād vā supratarkād vā susthiraḥ sthaviro hy asi

Dass du, in solcher Lage, sprechen würdest, im letzten Lebensalter stehend, aus der Lehre oder aus guter Überlegung, gefestigt - denn du bist ein Alter,

Wort für Wort
yat tvam evaṃgate brūyāḥ
dass du in solcher Lage sprechen würdest (Konj. + Nom.Sg. + Lok.Sg.Abs. + 2.Sg.Opt.)
paścime vayasi sthitaḥ
im letzten Lebensalter stehend (Lok.Sg. Adj. + Lok.Sg. + Nom.Sg. Part.Perf.)
śāstrāt vā supratarkāt vā
aus der Lehre oder aus guter Überlegung (Abl.Sg. + Partikel x2)
susthiraḥ sthaviraḥ hi asi
gefestigt, denn du bist ein Alter (Nom.Sg. Adj. + Nom.Sg. + Partikel + 2.Sg.Präs.)

lekhāśmanīva bhāḥ sūrye mahormir iva sāgare dharmas tvayi mahān rājann iti vyavasitāḥ prajāḥ

wie der Glanz an einem Prüfstein in der Sonne, wie eine große Woge im Ozean - großer Dharma ist in dir, o König - so urteilen die Geschöpfe.

Wort für Wort
lekhāśmani iva bhāḥ sūrye
wie der Glanz an einem Prüfstein in der Sonne (Lok.Sg. + Vergleichspartikel + Nom.Sg. + Lok.Sg.)
mahormiḥ iva sāgare
wie eine große Woge im Ozean (Nom.Sg. + Vergleichspartikel + Lok.Sg.)
dharmaḥ tvayi mahān rājan
großer Dharma ist in dir, o König (Nom.Sg. + Lok.Sg. + Nom.Sg. Adj. + Vok.Sg.)
iti vyavasitāḥ prajāḥ
so urteilen die Geschöpfe (Partikel + Nom.Pl. Part.Perf. + Nom.Pl.)

sadaiva bhāvito loko guṇaughais tava pārthiva guṇānāṃ rakṣaṇe nityaṃ prayatasva sabāndhavaḥ

Stets ist die Welt von der Flut deiner Tugenden durchdrungen worden, o Herrscher; bemühe dich stets zusammen mit deinen Verwandten um die Bewahrung dieser Tugenden.

Wort für Wort
sadā eva bhāvitaḥ lokaḥ
stets ist die Welt durchdrungen worden (Adv. + Nom.Sg. Part.Perf.Pass. + Nom.Sg.)
guṇaughaiḥ tava pārthiva
von der Flut deiner Tugenden, o Herrscher (Instr.Pl. + Gen.Sg. + Vok.Sg.)
guṇānām rakṣaṇe nityam
um die Bewahrung der Tugenden stets (Gen.Pl. + Lok.Sg. + Adv.)
prayatasva sabāndhavaḥ
bemühe dich, mit deinen Verwandten (2.Sg.Imp.Med. + Nom.Sg. Adj.)

ārjavaṃ pratipadyasva mā bālyād bahudhā naśīḥ rājyaṃ putrāṃś ca pautrāṃś ca suhṛdaś cāpi supriyān

Wende dich der Aufrichtigkeit zu; verliere nicht aus Torheit auf mancherlei Weise Reich, Söhne, Enkel und liebe Freunde.

Wort für Wort
ārjavam pratipadyasva
wende dich der Aufrichtigkeit zu (Akk.Sg. + 2.Sg.Imp.Med.)
mā bālyāt bahudhā naśīḥ
verliere nicht aus Torheit auf mancherlei Weise (Neg.Imp. + Abl.Sg. + Adv. + 2.Sg.Aor.Inj.)
rājyam putrān ca pautrān ca
Reich, Söhne und Enkel (Akk.Sg. + Akk.Pl. x2)
suhṛdaḥ ca api supriyān
und auch liebe Freunde (Akk.Pl. + Partikel + Akk.Pl. Adj.)

yat tvaṃ ditsasi kṛṣṇāya rājann atithaye bahu etad anyac ca dāśārhaḥ pṛthivīm api cārhati

Was du dem Kṛṣṇa, dem Gast, o König, viel geben willst - das und noch mehr, sogar die ganze Erde, verdient der Dāśārha.

Wort für Wort
yat tvam ditsasi kṛṣṇāya
was du dem Kṛṣṇa geben willst (Akk.Sg. Rel. + Nom.Sg. + 2.Sg.Präs.Desid. + Dat.Sg.)
rājan atithaye bahu
o König, dem Gast, viel (Vok.Sg. + Dat.Sg. + Akk.Sg. Adv.)
etat anyat ca dāśārhaḥ
das und noch anderes, der Dāśārha (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Nom.Sg.)
pṛthivīm api ca arhati
sogar die Erde verdient er (Akk.Sg. + Partikel + Partikel + 3.Sg.Präs.)

na tu tvaṃ dharmam uddiśya tasya vā priyakāraṇāt etad icchasi kṛṣṇāya satyenātmānam ālabhe

Aber du wünschst dies nicht dem Kṛṣṇa im Hinblick auf den Dharma oder um ihm eine Freude zu bereiten - bei der Wahrheit schwöre ich dies.

Wort für Wort
na tu tvam dharmam uddiśya
aber du nicht im Hinblick auf den Dharma (Neg. + Partikel + Nom.Sg. + Akk.Sg. + Absolutiv)
tasya vā priyakāraṇāt
oder um ihm eine Freude zu bereiten (Gen.Sg. + Partikel + Abl.Sg.)
etat icchasi kṛṣṇāya
wünschst du dies dem Kṛṣṇa (Akk.Sg. + 2.Sg.Präs. + Dat.Sg.)
satyena ātmānam ālabhe
bei der Wahrheit berühre ich mich selbst [schwöre ich] (Instr.Sg. + Akk.Sg. + 1.Sg.Präs.Med.)

māyaiṣātattvam evaitac chadmaitad bhūridakṣiṇa jānāmi te mataṃ rājan gūḍhaṃ bāhyena karmaṇā

Dies ist Täuschung, dies ist Unwahrheit, dies ist Betrug, o Freigiebiger; ich kenne deine Absicht, o König, die hinter äußerlichem Tun verborgen ist.

Wort für Wort
māyā eṣā atattvam eva
dies ist Täuschung, Unwahrheit (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg. + Partikel)
etat chadma bhūridakṣiṇa
dies ist Betrug, o Freigiebiger (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Vok.Sg.)
jānāmi te matam rājan
ich kenne deine Absicht, o König (1.Sg.Präs. + Gen.Sg. + Akk.Sg. + Vok.Sg.)
gūḍham bāhyena karmaṇā
verborgen hinter äußerlichem Tun (Akk.Sg. Adj. + Instr.Sg. + Instr.Sg.)

pañca pañcaiva lipsanti grāmakān pāṇḍavā nṛpa na ca ditsasi tebhyas tāṃs tac chamaṃ kaḥ kariṣyati

Nur fünf Dörfer wünschen die fünf Pāṇḍavas, o Herrscher, und du willst sie ihnen nicht geben - wer wird da Frieden schaffen?

Wort für Wort
pañca pañca eva lipsanti
nur fünf wünschen die fünf (Num. + Num. + Partikel + 3.Pl.Präs.Desid.)
grāmakān pāṇḍavāḥ nṛpa
Dörfer die Pāṇḍavas, o Herrscher (Akk.Pl. + Nom.Pl. + Vok.Sg.)
na ca ditsasi tebhyaḥ tān
und du willst sie ihnen nicht geben (Neg. + 2.Sg.Präs.Desid. + Dat.Pl. + Akk.Pl.)
tat śamam kaḥ kariṣyati
wer wird da Frieden schaffen (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Interr. + 3.Sg.Fut.)

arthena tu mahābāhuṃ vārṣṇeyaṃ tvaṃ jihīrṣasi anenaivābhyupāyena pāṇḍavebhyo bibhitsasi

Durch Reichtum aber willst du den starkarmigen Vārṣṇeya für dich gewinnen; mit eben diesem Mittel willst du ihn den Pāṇḍavas entfremden.

Wort für Wort
arthena tu mahābāhum
durch Reichtum aber den starkarmigen (Instr.Sg. + Partikel + Akk.Sg. Adj.)
vārṣṇeyam tvam jihīrṣasi
willst du den Vārṣṇeya für dich gewinnen (Akk.Sg. + Nom.Sg. + 2.Sg.Präs.Desid.)
anena eva abhyupāyena
mit eben diesem Mittel (Instr.Sg. + Partikel + Instr.Sg.)
pāṇḍavebhyaḥ bibhitsasi
willst du entfremden von den Pāṇḍavas (Abl.Pl. + 2.Sg.Präs.Desid.)

na ca vittena śakyo 'sau nodyamena na garhayā anyo dhanaṃjayāt kartum etat tattvaṃ bravīmi te

Aber weder durch Reichtum noch durch Anstrengung noch durch Tadel kann er dazu gebracht werden, einen anderen als Dhanañjaya zu bevorzugen - dies ist die Wahrheit, die ich dir sage.

Wort für Wort
na ca vittena śakyaḥ asau
aber nicht durch Reichtum kann er [dazu gebracht werden] (Neg. + Instr.Sg. + Nom.Sg. Ger. + Nom.Sg.)
na udyamena na garhayā
noch durch Anstrengung noch durch Tadel (Neg. + Instr.Sg. x2)
anyaḥ dhanaṃjayāt kartum
einen anderen als Dhanañjaya zu machen [zu bevorzugen] (Akk.Sg. + Abl.Sg. + Infinitiv)
etat tattvam bravīmi te
dies ist die Wahrheit, ich sage dir (Akk.Sg. + Akk.Sg. + 1.Sg.Präs. + Dat.Sg.)

veda kṛṣṇasya māhātmyaṃ vedāsya dṛḍhabhaktitām atyājyam asya jānāmi prāṇais tulyaṃ dhanaṃjayam

Er kennt Kṛṣṇas Größe, er kennt dessen feste Ergebenheit; ich weiß, dass ihm Dhanañjaya unaufgebbar ist, gleich seinem eigenen Leben.

Wort für Wort
veda kṛṣṇasya māhātmyam
er kennt Kṛṣṇas Größe (3.Sg.Perf. + Gen.Sg. + Akk.Sg.)
veda asya dṛḍhabhaktitām
er kennt dessen feste Ergebenheit (3.Sg.Perf. + Gen.Sg. + Akk.Sg.)
atyājyam asya jānāmi
ich weiß, dass ihm unaufgebbar ist (Akk.Sg. Ger.Neg. + Gen.Sg. + 1.Sg.Präs.)
prāṇaiḥ tulyam dhanaṃjayam
gleich seinem Leben, Dhanañjaya (Instr.Pl. + Akk.Sg. Adj. + Akk.Sg.)

[Anm.: 'kṛṣṇasya' hier vermutlich Arjuna gemeint (im Sinne von Vidura, der über Kṛṣṇa-Vāsudevas Kenntnis von Arjunas/Dhanañjayas Wesen spricht) - der genaue Bezug bleibt leicht mehrdeutig.]

anyat kumbhād apāṃ pūrṇād anyat pādāvasecanāt anyat kuśalasaṃpraśnān naiṣiṣyati janārdanaḥ

Nach anderem als einem mit Wasser gefüllten Krug, nach anderem als dem Waschen der Füße, nach anderem als der freundlichen Begrüßungsfrage wird Janārdana nicht verlangen.

Wort für Wort
anyat kumbhāt apām pūrṇāt
nach anderem als einem mit Wasser gefüllten Krug (Akk.Sg. + Abl.Sg. + Gen.Pl. + Abl.Sg. Adj.)
anyat pādāvasecanāt
nach anderem als dem Waschen der Füße (Akk.Sg. + Abl.Sg.)
anyat kuśalasaṃpraśnāt
nach anderem als der freundlichen Begrüßungsfrage (Akk.Sg. + Abl.Sg.)
na eṣiṣyati janārdanaḥ
wird Janārdana nicht verlangen (Neg. + 3.Sg.Fut. + Nom.Sg.)

yat tv asya priyam ātithyaṃ mānārhasya mahātmanaḥ tad asmai kriyatāṃ rājan mānārho hi janārdanaḥ

Was ihm aber als liebe Gastfreundschaft gebührt, dem der Ehre würdigen Großmütigen - das soll ihm erwiesen werden, o König; denn Janārdana ist der Ehre würdig.

Wort für Wort
yat tu asya priyam ātithyam
was ihm aber als liebe Gastfreundschaft (Nom.Sg. Rel. + Partikel + Gen.Sg. + Nom.Sg. Adj. + Nom.Sg.)
mānārhasya mahātmanaḥ
dem der Ehre würdigen Großmütigen (Gen.Sg. Adj. + Gen.Sg.)
tat asmai kriyatām rājan
das soll ihm erwiesen werden, o König (Nom.Sg. + Dat.Sg. + 3.Sg.Imp.Pass. + Vok.Sg.)
mānārhaḥ hi janārdanaḥ
denn Janārdana ist der Ehre würdig (Nom.Sg. Adj. + Partikel + Nom.Sg.)

āśaṃsamānaḥ kalyāṇaṃ kurūn abhyeti keśavaḥ yenaiva rājann arthena tad evāsmā upākuru

In der Hoffnung auf Wohlergehen kommt Keśava zu den Kurus; um welchen Zweck willen er kommt, o König, eben den erfülle ihm.

Wort für Wort
āśaṃsamānaḥ kalyāṇam
in der Hoffnung auf Wohlergehen (Nom.Sg. Part.Präs.Med. + Akk.Sg.)
kurūn abhyeti keśavaḥ
zu den Kurus kommt Keśava (Akk.Pl. + 3.Sg.Präs. + Nom.Sg.)
yena eva rājan arthena
um welchen Zweck willen, o König (Instr.Sg. Rel. + Partikel + Vok.Sg. + Instr.Sg.)
tat eva asmai upākuru
eben den erfülle ihm (Akk.Sg. + Partikel + Dat.Sg. + 2.Sg.Imp.)

śamam icchati dāśārhas tava duryodhanasya ca pāṇḍavānāṃ ca rājendra tad asya vacanaṃ kuru

Der Dāśārha wünscht Frieden zwischen dir und Duryodhana und den Pāṇḍavas, o Fürst der Könige; erfülle sein Wort.

Wort für Wort
śamam icchati dāśārhaḥ
der Dāśārha wünscht Frieden (Akk.Sg. + 3.Sg.Präs. + Nom.Sg.)
tava duryodhanasya ca
zwischen dir und Duryodhana (Gen.Sg. x2)
pāṇḍavānām ca rājendra
und den Pāṇḍavas, o Fürst der Könige (Gen.Pl. + Vok.Sg.)
tat asya vacanam kuru
erfülle sein Wort (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Akk.Sg. + 2.Sg.Imp.)

pitāsi rājan putrās te vṛddhas tvaṃ śiśavaḥ pare vartasva pitṛvat teṣu vartante te hi putravat

Du bist der Vater, o König, sie sind deine Söhne; du bist alt, jene anderen sind Kinder - verhalte dich zu ihnen wie ein Vater, denn sie verhalten sich zu dir wie Söhne.

Wort für Wort
pitā asi rājan
du bist der Vater, o König (Nom.Sg. + 2.Sg.Präs. + Vok.Sg.)
putrāḥ te vṛddhaḥ tvam
deine Söhne, du bist alt (Nom.Pl. + Gen.Sg. + Nom.Sg. Adj. + Nom.Sg.)
śiśavaḥ pare
Kinder, jene anderen (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
vartasva pitṛvat teṣu
verhalte dich zu ihnen wie ein Vater (2.Sg.Imp.Med. + Adv. + Lok.Pl.)
vartante te hi putravat
denn sie verhalten sich wie Söhne (3.Pl.Präs.Med. + Nom.Pl. + Partikel + Adv.)

[Anm.: Viduras Rede bleibt am Kapitelende offen (SQ-Tiefe 1) und setzt sich vermutlich in Kap.86 fort.]

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