Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Udyogaparva

Kapitel 131: Vidurāputrasaṃvādaḥ (Prathamo Bhāgaḥ) Das Zwiegespräch der Vidurā mit ihrem Sohn (Erster Teil)

Innerhalb ihrer Botschaft an Yudhiṣṭhira erzählt Kuntī die alte Geschichte von Vidurā, die ihren vom König von Sindhu besiegten und mutlos daniederliegenden Sohn Saṃjaya mit einer der eindringlichsten Reden des gesamten Epos aufrüttelt: Sie verhöhnt seine Feigheit, fordert ihn zu Mut, Zorn und Tatkraft auf und stellt ihm das kurze, ruhmreiche Aufflammen eines Helden dem langen, schwelenden Leben eines Feiglings gegenüber. Der Sohn wendet kurz ein, wie sie ohne ihn leben könne; Vidurā antwortet, ihre Rede fortsetzend, dass nur ein tatkräftiges Leben wahren Sinn habe. Das Zwiegespräch setzt sich über das Kapitelende hinaus in Kap.132 fort.

kunty uvāca atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam vidurāyāś ca saṃvādaṃ putrasya ca paraṃtapa

Auch hierzu führt man diese alte Erzählung an, das Zwiegespräch der Vidurā mit ihrem Sohn, o Feindbezwinger.

Wort für Wort
atra api udāharanti
auch hierzu führt man an (Adv. + 3.Pl.Präs.)
imam itihāsam purātanam
diese alte Erzählung (Akk.Sg.m.)
vidurāyāḥ saṃvādam putrasya ca
das Zwiegespräch der Vidurā mit ihrem Sohn (Gen. + Akk.Sg. + Gen.)
paraṃtapa
o Feindbezwinger (Vok.Sg.)

Hier beginnt, noch innerhalb von Kuntīs an Kṛṣṇa gerichteter Botschaft, die berühmte Erzählung von Vidurā und ihrem Sohn Saṃjaya; sie erstreckt sich über mehrere Kapitel (bis mindestens Kap.132, das mit erneutem 'vidurovāca' ohne Sprecherwechsel fortsetzt).

atra śreyaś ca bhūyaś ca yathā sā vaktum arhati yaśasvinī manyumatī kule jātā vibhāvarī

Hierin das Gute und mehr als das, wie es jene ruhmreiche, mutvolle, glanzvolle, in [edlem] Geschlecht Geborene wohl zu sagen vermag —

Wort für Wort
atra śreyaḥ ca bhūyaḥ ca
hierin das Gute und mehr (Adv. + Nom.Sg.n. je)
yathā sā vaktum arhati
wie sie wohl zu sagen vermag (Adv. + Nom.Sg. + Inf. + 3.Sg.Präs.)
yaśasvinī manyumatī
die Ruhmreiche, Mutvolle (Nom.Sg.f.)
kule jātā vibhāvarī
in edlem Geschlecht geboren, glanzvoll (Loc. + Ptz. + Nom.Sg.f.)

kṣatradharmaratā dhanyā vidurā dīrghadarśinī viśrutā rājasaṃsatsu śrutavākyā bahuśrutā

— der Kṣatriya-Pflicht ergeben, gesegnet, weitblickend, in den königlichen Versammlungen berühmt, von vielbeachtetem Wort, vielgelehrt: Vidurā.

Wort für Wort
kṣatradharmaratā dhanyā
der Kṣatriya-Pflicht ergeben, gesegnet (Nom.Sg.f.)
vidurā dīrghadarśinī
Vidurā, die Weitblickende (Nom.Sg.f.)
viśrutā rājasaṃsatsu
berühmt in den königlichen Versammlungen (Nom.Sg.f. + Loc.Pl.)
śrutavākyā bahuśrutā
von vielbeachtetem Wort, vielgelehrt (Nom.Sg.f.)

vidurā nāma vai satyā jagarhe putram aurasam nirjitaṃ sindhurājena śayānaṃ dīnacetasam anandanam adharmajñaṃ dviṣatāṃ harṣavardhanam

Vidurā mit Namen, die Wahrhaftige, tadelte ihren eigenen Sohn, der vom König von Sindhu besiegt worden war und daniederlag, mutlosen Sinnes, freudlos, seiner [eigentlichen] Pflicht unkundig, die Freude seiner Feinde mehrend.

Wort für Wort
vidurā nāma satyā
Vidurā mit Namen, die Wahrhaftige (Nom.Sg.f.)
jagarhe putram aurasam
sie tadelte ihren eigenen Sohn (3.Sg.Perf.Ā. + Akk.Sg.)
nirjitaṃ sindhurājena
vom König von Sindhu besiegt (Akk.Sg.Ptz. + Instr.)
śayānaṃ dīnacetasam anandanam
daniederliegend, mutlosen Sinnes, freudlos (Akk.Sg. je)
adharmajñaṃ dviṣatāṃ harṣavardhanam
seiner Pflicht unkundig, der Feinde Freude mehrend (Akk.Sg. je)

na mayā tvaṃ na pitrāsi jātaḥ kvābhyāgato hy asi nirmanyur upaśākhīyaḥ puruṣaḥ klībasādhanaḥ

„Nicht von mir, nicht von deinem Vater bist du geboren — woher bist du denn hergekommen, ein mutloser, geringer Mann von unmännlicher Wirkkraft?

Wort für Wort
na mayā tvam na pitrā
nicht von mir, nicht vom Vater bist du (Instr. + Nom. + Instr.)
asi jātaḥ
bist du geboren (2.Sg.Präs. + Ptz.)
kva abhyāgataḥ hi asi
woher bist du denn hergekommen (Frage + Ptz. + Partikel + 2.Sg.Präs.)
nirmanyuḥ upaśākhīyaḥ
mutlos, geringfügig ('zweigartig') (Nom.Sg. je)
puruṣaḥ klībasādhanaḥ
ein Mann von unmännlicher Wirkkraft (Nom.Sg. je)

Hier beginnt Vidurās Zornrede an ihren Sohn.

yāvajjīvaṃ nirāśo 'si kalyāṇāya dhuraṃ vaha mātmānam avamanyasva mainam alpena bībharaḥ manaḥ kṛtvā sukalyāṇaṃ mā bhais tvaṃ pratisaṃstabha

Solange du lebst, bist du ohne Hoffnung; trage das Joch für dein Wohlergehen; verachte dich nicht selbst; nähre diesen [Zustand] nicht mit einer Kleinigkeit; mache deinen Sinn wohlgesonnen, fürchte dich nicht, richte dich wieder auf.

Wort für Wort
yāvajjīvam nirāśaḥ asi
solange du lebst, bist du ohne Hoffnung (Adv. + Nom.Sg. + 2.Sg.Präs.)
kalyāṇāya dhuram vaha
trage das Joch für dein Wohlergehen (Dat. + Akk.Sg.n. + 2.Sg.Imperativ)
mā ātmānam avamanyasva
verachte dich nicht selbst (Verneinung + Akk. + 2.Sg.Imperativ Ā.)
mā enam alpena bībharaḥ
nähre dies nicht mit Geringem (Verneinung + Akk. + Instr. + 2.Sg.Injunktiv)
manaḥ kṛtvā sukalyāṇam
den Sinn wohlgesonnen gemacht (Akk.Sg.n. + Gerundium + Akk.Sg.n.)
mā bhaiḥ pratisaṃstabha
fürchte dich nicht, richte dich auf (Verneinung + 2.Sg.Injunktiv + 2.Sg.Imperativ)

uttiṣṭha he kāpuruṣa mā śeṣvaivaṃ parājitaḥ amitrān nandayan sarvān nirmāno bandhuśokadaḥ

Steh auf, du Feigling! Liege nicht so besiegt da, all deine Feinde erfreuend, ehrlos, deinen Verwandten Kummer bereitend.

Wort für Wort
uttiṣṭha he kāpuruṣa
steh auf, du Feigling (2.Sg.Imperativ + Interj. + Vok.)
mā śeṣva evam parājitaḥ
liege nicht so besiegt da (Verneinung + 2.Sg.Imperativ Ā. + Adv. + Ptz.)
amitrān nandayan sarvān
all deine Feinde erfreuend (Akk.Pl. + Ptz. + Akk.Pl.)
nirmānaḥ bandhuśokadaḥ
ehrlos, den Verwandten Kummer bereitend (Nom.Sg. je)

supūrā vai kunadikā supūro mūṣikāñjaliḥ susaṃtoṣaḥ kāpuruṣaḥ svalpakenāpi tuṣyati

Leicht gefüllt ist ein kleines Rinnsal, leicht gefüllt eine Mäusehandvoll; leicht zufrieden ist der Feigling — er begnügt sich schon mit einer Kleinigkeit.

Wort für Wort
supūrā vai kunadikā
leicht gefüllt ist ein kleines Rinnsal (Nom.Sg. je)
supūraḥ mūṣikāñjaliḥ
leicht gefüllt eine Mäusehandvoll (Nom.Sg. je)
susaṃtoṣaḥ kāpuruṣaḥ
leicht zufrieden der Feigling (Nom.Sg. je)
svalpakena api tuṣyati
er begnügt sich schon mit Geringem (Instr. + Partikel + 3.Sg.Präs.)

apy arer ārujan daṃṣṭrām āśveva nidhanaṃ vraja api vā saṃśayaṃ prāpya jīvite 'pi parākrama

Und wenn du dem Feind den Zahn zerbrichst, geh eilends in den Tod; oder, in Gefahr um dein Leben geraten, zeige dennoch deine Tapferkeit.

Wort für Wort
api areḥ ārujan daṃṣṭrām
auch wenn du dem Feind den Zahn zerbrichst (Partikel + Gen. + Ptz. + Akk.Sg.)
āśu iva nidhanam vraja
geh eilends in den Tod (Adv. + Vergleich + Akk.Sg. + 2.Sg.Imperativ)
api vā saṃśayam prāpya
oder auch in Gefahr geraten (Partikel + Akk.Sg. + Gerundium)
jīvite api parākrama
auch um das Leben, zeige Tapferkeit (Loc. + Partikel + 2.Sg.Imperativ)

apy areḥ śyenavac chidraṃ paśyes tvaṃ viparikraman vinadan vātha vā tūṣṇīṃ vyomni vāpariśaṅkitaḥ

Erspähe wie ein Habicht die Schwachstelle des Feindes, umherstreifend, sei es brüllend, sei es schweigend, sei es furchtlos [hoch] am Himmel.

Wort für Wort
api areḥ śyenavat chidram
die Schwachstelle des Feindes wie ein Habicht (Partikel + Gen. + Adv. + Akk.Sg.n.)
paśyeḥ tvam viparikraman
erspähe du, umherstreifend (2.Sg.Optativ + Nom. + Ptz.)
vinadan vā atha vā tūṣṇīm
sei es brüllend, sei es schweigend (Ptz. + Partikel + Adv.)
vyomni vā apariśaṅkitaḥ
oder furchtlos am Himmel (Loc. + Nom.Sg.Ptz.)

tvam evaṃ pretavac cheṣe kasmād vajrahato yathā uttiṣṭha he kāpuruṣa mā śeṣvaivaṃ parājitaḥ

Warum liegst du so da wie ein Toter, wie vom Blitzstrahl Getroffener? Steh auf, du Feigling! Liege nicht so besiegt da.

Wort für Wort
tvam evam pretavat śeṣe
du liegst so wie ein Toter da (Nom. + Adv. + Adv. + 2.Sg.Präs.Ā.)
kasmāt vajrahataḥ yathā
warum, wie vom Blitzstrahl Getroffener (Frage + Ptz. + Adv.)
uttiṣṭha he kāpuruṣa
steh auf, du Feigling (2.Sg.Imperativ + Interj. + Vok.)

māstaṃ gamas tvaṃ kṛpaṇo viśrūyasva svakarmaṇā mā madhye mā jaghanye tvaṃ mādho bhūs tiṣṭha corjitaḥ

Geh nicht unter, Erbärmlicher — lass dich durch deine eigene Tat berühmt machen; sei weder unter den Mittelmäßigen noch unter den Geringsten, mein Sohn, sondern stehe stark und fest.

Wort für Wort
mā astam gamaḥ tvam kṛpaṇaḥ
geh nicht unter, Erbärmlicher (Verneinung + Akk.Sg. + 2.Sg.Injunktiv + Nom. je)
viśrūyasva svakarmaṇā
lass dich durch eigene Tat berühmt machen (2.Sg.Imperativ Ā.Pass. + Instr.)
mā madhye mā jaghanye
weder in der Mitte noch am geringsten Ort (Verneinung + Loc. je)
mādho bhūḥ tiṣṭha ūrjitaḥ
mein Sohn, sei und stehe stark (Vok. + 2.Sg.Imperativ + 2.Sg.Imperativ + Nom.Sg.)

[?] 'Mādho' (etwa 'mein Sohn') ist eine seltene Anredeform, deren genaue Ableitung unsicher ist; sinngemäß hier als vertrauliche Anrede der Mutter wiedergegeben.

alātaṃ tindukasyeva muhūrtam api vijvala mā tuṣāgnir ivānarciḥ kākaraṅkhā jijīviṣuḥ muhūrtaṃ jvalitaṃ śreyo na tu dhūmāyitaṃ ciram

Lodere auf, und sei es nur für einen Augenblick, wie ein Feuerbrand des Tinduka-Baumes; werde nicht, wie ein flammenloses Häckselfeuer, elend wie eine Krähe, [nur] weiterleben wollend — besser für einen Augenblick zu lodern als lange zu schwelen.

Wort für Wort
alātam tindukasya iva
wie ein Feuerbrand des Tinduka-Baumes (Akk.Sg.n. + Gen. + Vergleich)
muhūrtam api vijvala
lodere auf, sei es nur einen Augenblick (Akk.Sg.n. + Partikel + 2.Sg.Imperativ)
mā tuṣāgniḥ iva anarciḥ
werde nicht wie ein flammenloses Häckselfeuer (Verneinung + Nom.Sg. + Vergleich + Nom.Sg.)
kākaraṅkhā jijīviṣuḥ
elend wie eine Krähe, [nur] weiterleben wollend (Nom.Sg. je)
muhūrtam jvalitam śreyaḥ
einen Augenblick zu lodern ist besser (Akk.Sg. + Nom.Sg.n. + Nom.Sg.n.)
na tu dhūmāyitam ciram
nicht aber lange zu schwelen (Verneinung + Nom.Sg.n. + Adv.)

mā ha sma kasya cid gehe janī rājñaḥ kharīmṛduḥ kṛtvā mānuṣyakaṃ karma sṛtvājiṃ yāvad uttamam dharmasyānṛṇyam āpnoti na cātmānaṃ vigarhate

Niemals werde im Hause irgendeines Königs ein [Sohn], weich wie eine Eselin, geboren! Hat einer die dem Mann geziemende Tat vollbracht und ist bis zum Äußersten in die Schlacht gezogen, erlangt er Schuldlosigkeit gegenüber dem Recht und tadelt sich selbst nicht.

Wort für Wort
mā ha sma kasya cit gehe janī
niemals werde im Hause irgendeines geboren (Verneinung + Partikeln + Gen. + Loc. + 3.Sg.Injunktiv)
rājñaḥ kharīmṛduḥ
eines Königs, weich wie eine Eselin (Gen. + Nom.Sg.)
kṛtvā mānuṣyakam karma
die dem Mann geziemende Tat vollbracht habend (Gerundium + Akk.Sg.n.)
sṛtvā ājim yāvat uttamam
bis zum Äußersten in die Schlacht gezogen (Gerundium + Akk.Sg. + Adv. + Adj.)
dharmasya ānṛṇyam āpnoti
er erlangt Schuldlosigkeit gegenüber dem Recht (Gen. + Akk.Sg.n. + 3.Sg.Präs.)
na ātmānam vigarhate
er tadelt sich selbst nicht (Verneinung + Akk. + 3.Sg.Präs.Ā.)

alabdhvā yadi vā labdhvā nānuśocanti paṇḍitāḥ ānantaryaṃ cārabhate na prāṇānāṃ dhanāyate

Ob sie es nicht erlangen oder erlangen, die Weisen grämen sich nicht; sie handeln unablässig und sind nicht auf ihr [eigenes] Leben bedacht.

Wort für Wort
alabdhvā yadi vā labdhvā
ob nicht erlangt oder erlangt (Gerundium + Konj. + Gerundium)
na anuśocanti paṇḍitāḥ
die Weisen grämen sich nicht (Verneinung + 3.Pl.Präs. + Nom.Pl.)
ānantaryam ca ārabhate
sie handeln unablässig (Akk.Sg.n. + 3.Sg.Präs.Ā.)
na prāṇānām dhanāyate
sie sind nicht auf ihr Leben bedacht (Verneinung + Gen.Pl. + 3.Sg.Präs.Ā.Denom.)

udbhāvayasva vīryaṃ vā tāṃ vā gaccha dhruvāṃ gatim dharmaṃ putrāgrataḥ kṛtvā kiṃnimittaṃ hi jīvasi

Zeige deine Tatkraft, oder geh jenen sicheren [letzten] Weg; das Recht vor dich hingestellt, mein Sohn — wozu denn lebst du [sonst noch]?

Wort für Wort
udbhāvayasva vīryam vā
zeige deine Tatkraft (2.Sg.Imperativ Ā. + Akk.Sg.n. + Alt.)
tām vā gaccha dhruvām gatim
oder geh jenen sicheren Weg (Akk. + Alt. + 2.Sg.Imperativ + Akk.Sg.f.)
dharmam putra agrataḥ kṛtvā
das Recht, mein Sohn, vorangestellt (Akk.Sg.m. + Vok. + Adv. + Gerundium)
kiṃnimittam hi jīvasi
wozu denn lebst du (Frage + Partikel + 2.Sg.Präs.)

iṣṭāpūrtaṃ hi te klība kīrtiś ca sakalā hatā vicchinnaṃ bhogamūlaṃ te kiṃnimittaṃ hi jīvasi

Denn dein Opfer- und Wohltätigkeitsverdienst, du Unmännlicher, und dein ganzer Ruhm sind zunichte; die Wurzel deines Genusses ist abgeschnitten — wozu denn lebst du?

Wort für Wort
iṣṭāpūrtam hi te klība
denn dein Opfer- und Wohltätigkeitsverdienst, du Unmännlicher (Nom.Sg.n. + Partikel + Dat. + Vok.)
kīrtiḥ ca sakalā hatā
und dein ganzer Ruhm ist zunichte (Nom.Sg. + Adj. + Ptz.)
vicchinnam bhogamūlam te
die Wurzel deines Genusses ist abgeschnitten (Ptz. + Nom.Sg.n. + Dat.)
kiṃnimittam hi jīvasi
wozu denn lebst du (Frage + Partikel + 2.Sg.Präs.)

śatrur nimajjatā grāhyo jaṅghāyāṃ prapatiṣyatā viparicchinnamūlo 'pi na viṣīdet kathaṃ cana udyamya dhuram utkarṣed ājāneyakṛtaṃ smaran

Der Feind ist, selbst im Versinken, von dem, der im Begriff ist zu fallen, am Schienbein zu packen; auch wer bis auf die Wurzel abgeschnitten ist, sollte niemals verzweifeln — er sollte das Joch erheben und ziehen, eingedenk der Taten eines Vollblutrosses.

Wort für Wort
śatruḥ nimajjatā grāhyaḥ
der Feind ist vom Versinkenden zu ergreifen (Nom.Sg. + Instr.Ptz. + Nom.Sg.Verbaladj.)
jaṅghāyāṃ prapatiṣyatā
von dem, der im Begriff ist zu fallen, am Schienbein (Loc. + Instr.Ptz.)
viparicchinnamūlaḥ api na viṣīdet
auch wer bis auf die Wurzel abgeschnitten ist, sollte nicht verzweifeln (Nom.Sg. + Partikel + Verneinung + 3.Sg.Optativ)
kathaṃ cana
auf keine Weise (Adv.)
udyamya dhuram utkarṣet
er sollte das Joch erheben und ziehen (Gerundium + Akk.Sg. + 3.Sg.Optativ)
ājāneyakṛtaṃ smaran
eingedenk der Taten eines Vollblutrosses (Akk.Sg.n. + Ptz.)

kuru sattvaṃ ca mānaṃ ca viddhi pauruṣam ātmanaḥ udbhāvaya kulaṃ magnaṃ tvatkṛte svayam eva hi

Übe Kraft und Stolz; erkenne deine eigene Mannhaftigkeit; hebe das Geschlecht, das deinetwegen versunken ist, selbst wieder empor.

Wort für Wort
kuru sattvam ca mānam ca
übe Kraft und Stolz (2.Sg.Imperativ + Akk.Sg. je)
viddhi pauruṣam ātmanaḥ
erkenne deine eigene Mannhaftigkeit (2.Sg.Imperativ + Akk.Sg.n. + Gen.)
udbhāvaya kulam magnam
hebe das versunkene Geschlecht empor (2.Sg.Imperativ + Akk.Sg.n. je)
tvatkṛte svayam eva hi
deinetwegen, selbst eben (Adv. + Adv. + Partikel + Partikel)

yasya vṛttaṃ na jalpanti mānavā mahad adbhutam rāśivardhanamātraṃ sa naiva strī na punaḥ pumān

Von wessen Tun die Menschen nicht als großem Wunder sprechen, [wer] bloß den Vorratshaufen mehrt — der ist weder Frau noch wiederum Mann.

Wort für Wort
yasya vṛttam na jalpanti mānavāḥ
von wessen Tun die Menschen nicht sprechen (Gen. + Nom.Sg.n. + Verneinung + 3.Pl.Präs. + Nom.Pl.)
mahat adbhutam
als großes Wunder (Akk.Sg.n. je)
rāśivardhanamātram
bloßer Vorratshaufen-Mehrer (Nom.Sg.n.)
sa na eva strī na punaḥ pumān
der ist weder Frau noch wiederum Mann (Nom.Sg. + Verneinung + Nom.Sg. je)

dāne tapasi śaurye ca yasya na prathitaṃ yaśaḥ vidyāyām arthalābhe vā mātur uccāra eva saḥ

Wessen Ruhm sich nicht in Freigebigkeit, Askese und Tapferkeit, noch in Gelehrsamkeit oder im Erwerb von Reichtum verbreitet hat — der ist nur der Kot seiner Mutter.

Wort für Wort
dāne tapasi śaurye ca
in Freigebigkeit, Askese und Tapferkeit (Loc. je)
yasya na prathitam yaśaḥ
wessen Ruhm sich nicht verbreitet hat (Gen. + Verneinung + Ptz. + Nom.Sg.n.)
vidyāyām arthalābhe vā
in Gelehrsamkeit oder im Erwerb von Reichtum (Loc. je)
mātuḥ uccāraḥ eva saḥ
der ist nur der Kot seiner Mutter (Gen. + Nom.Sg. + Partikel + Nom.Sg.)

śrutena tapasā vāpi śriyā vā vikrameṇa vā janān yo 'bhibhavaty anyān karmaṇā hi sa vai pumān

Wer andere Menschen durch Gelehrsamkeit, oder durch Askese, oder durch Wohlstand, oder durch Tapferkeit, [also] durch [irgendeine] Tat übertrifft — der wahrlich ist ein Mann.

Wort für Wort
śrutena tapasā vā api
durch Gelehrsamkeit, oder auch durch Askese (Instr. je + Partikel)
śriyā vā vikrameṇa vā
durch Wohlstand oder durch Tapferkeit (Instr. je)
janān yaḥ abhibhavati anyān
wer andere Menschen übertrifft (Akk.Pl. + Relativ + 3.Sg.Präs. + Akk.Pl.)
karmaṇā hi sa vai pumān
durch die Tat, wahrlich, ist er ein Mann (Instr. + Partikel + Nom. + Partikel + Nom.Sg.)

na tv eva jālmīṃ kāpālīṃ vṛttim eṣitum arhasi nṛśaṃsyām ayaśasyāṃ ca duḥkhāṃ kāpuruṣocitām

Doch niemals solltest du eine elende, bettlerhafte Lebensweise suchen — eine grausame, ruhmlose und leidvolle, die nur einem Feigling geziemt.

Wort für Wort
na tu eva jālmīm kāpālīm vṛttim
niemals eine elende, bettlerhafte Lebensweise (Verneinung + Akk.Sg.f. je)
eṣitum arhasi
solltest du suchen (Inf. + 2.Sg.Präs.)
nṛśaṃsyām ayaśasyām duḥkhām
eine grausame, ruhmlose, leidvolle (Akk.Sg.f. je)
kāpuruṣocitām
einem Feigling geziemend (Akk.Sg.f.)

yam enam abhinandeyur amitrāḥ puruṣaṃ kṛśam lokasya samavajñātaṃ nihīnāśanavāsasam

— [eine Lebensweise, über] die sich deine Feinde freuen würden, [sähen sie] diesen abgezehrten Mann, von der Welt verachtet, von niedriger Speise und Kleidung.

Wort für Wort
yam enam abhinandeyuḥ amitrāḥ
über den sich die Feinde freuen würden (Akk. + 3.Pl.Optativ + Nom.Pl.)
puruṣam kṛśam
den abgezehrten Mann (Akk.Sg. je)
lokasya samavajñātam
von der Welt verachtet (Gen. + Akk.Sg.Ptz.)
nihīnāśanavāsasam
von niedriger Speise und Kleidung (Akk.Sg.)

aholābhakaraṃ dīnam alpajīvanam alpakam nedṛśaṃ bandhum āsādya bāndhavaḥ sukham edhate

Ach, ein jämmerlicher, armseliger, kaum das Leben fristender, geringer Gewinn ist das! Kein Verwandter gedeiht in Glück, wenn er einen solchen Anverwandten erlangt hat.

Wort für Wort
aho lābhakaram dīnam
ach, ein jämmerlicher Gewinn (Interj. + Nom.Sg.n. + Adj.)
alpajīvanam alpakam
kaum das Leben fristend, gering (Nom.Sg.n. je)
na īdṛśam bandhum āsādya
keinen solchen Verwandten erlangt habend (Verneinung + Akk. + Akk. + Gerundium)
bāndhavaḥ sukham edhate
gedeiht ein Verwandter in Glück (Nom.Sg. + Akk.Sg.n. + 3.Sg.Präs.Ā.)

avṛttyaiva vipatsyāmo vayaṃ rāṣṭrāt pravāsitāḥ sarvakāmarasair hīnāḥ sthānabhraṣṭā akiṃcanāḥ

Allein durch [dein] Fehlen an Tatkraft werden wir zugrunde gehen, aus dem Reich vertrieben, aller Genüsse und Freuden beraubt, von unserem Platz gefallen, mittellos.

Wort für Wort
avṛttyā eva vipatsyāmaḥ vayam
allein durch Fehlen an Tatkraft werden wir zugrunde gehen (Instr. + Partikel + 1.Pl.Fut. + Nom.)
rāṣṭrāt pravāsitāḥ
aus dem Reich vertrieben (Abl. + Nom.Pl.Ptz.)
sarvakāmarasaiḥ hīnāḥ
aller Genüsse beraubt (Instr. + Nom.Pl.)
sthānabhraṣṭāḥ akiṃcanāḥ
von ihrem Platz gefallen, mittellos (Nom.Pl. je)

avarṇakāriṇaṃ satsu kulavaṃśasya nāśanam kaliṃ putrapravādena saṃjaya tvām ajījanam

Einen Schänder [unseres Ansehens] unter den Guten, einen Zerstörer des Familienstammes, einen Zankapfel habe ich, unter dem bloßen Gerede eines Sohnes, dich geboren, Saṃjaya.

Wort für Wort
avarṇakāriṇam satsu
einen Schänder des Ansehens unter den Guten (Akk.Sg. + Loc.Pl.)
kulavaṃśasya nāśanam
einen Zerstörer des Familienstammes (Gen. + Akk.Sg.)
kalim putrapravādena
einen Zankapfel, unter dem bloßen Gerede eines Sohnes (Akk.Sg. + Instr.)
saṃjaya tvām ajījanam
Saṃjaya, dich habe ich geboren (Vok. + Akk. + 1.Sg.Perf. Kausativ)

niramarṣaṃ nirutsāhaṃ nirvīryam arinandanam mā sma sīmantinī kā cij janayet putram īdṛśam

Möge niemals irgendeine Frau einen solchen Sohn gebären — ohne Zorn, ohne Tatkraft, ohne Heldenmut, der Feinde Freude bereitend!

Wort für Wort
niramarṣam nirutsāham
ohne Zorn, ohne Tatkraft (Akk.Sg.m. je)
nirvīryam arinandanam
ohne Heldenmut, der Feinde Freude bereitend (Akk.Sg.m. je)
mā sma sīmantinī kā cit
möge niemals irgendeine Frau (Verneinung + Partikel + Nom.Sg.f. + Pron.)
janayet putram īdṛśam
gebären einen solchen Sohn (3.Sg.Optativ + Akk.Sg. + Adj.)

mā dhūmāya jvalātyantam ākramya jahi śātravān jvala mūrdhany amitrāṇāṃ muhūrtam api vā kṣaṇam

Schwele nicht — lodere gänzlich auf; greife an und erschlage deine Widersacher; lodere auf dem Haupt deiner Feinde, sei es auch nur einen Augenblick oder einen Moment.

Wort für Wort
mā dhūmāya jvala atyantam
schwele nicht, lodere gänzlich auf (Verneinung + 2.Sg.Imperativ + 2.Sg.Imperativ + Adv.)
ākramya jahi śātravān
greife an und erschlage die Widersacher (Gerundium + 2.Sg.Imperativ + Akk.Pl.)
jvala mūrdhani amitrāṇām
lodere auf dem Haupt der Feinde (2.Sg.Imperativ + Loc. + Gen.Pl.)
muhūrtam api vā kṣaṇam
sei es einen Augenblick oder einen Moment (Akk. + Partikel + Alt. + Akk.)

etāvān eva puruṣo yad amarṣī yad akṣamī kṣamāvān niramarṣaś ca naiva strī na punaḥ pumān

Ein Mann ist nur dies: dass er voll Zorn ist, dass er nicht duldet. Wer [bloß] duldsam und ohne Zorn ist, ist weder Frau noch wiederum Mann.

Wort für Wort
etāvān eva puruṣaḥ
ein Mann ist nur dies (Adj. + Partikel + Nom.Sg.)
yat amarṣī yat akṣamī
dass er voll Zorn, dass er nicht duldsam ist (Konj. + Nom.Sg. je)
kṣamāvān niramarṣaḥ ca
duldsam und ohne Zorn (Nom.Sg. je)
na eva strī na punaḥ pumān
weder Frau noch wiederum Mann (Verneinung + Partikel + Nom. + Verneinung + Adv. + Nom.Sg.)

saṃtoṣo vai śriyaṃ hanti tathānukrośa eva ca anutthānabhaye cobhe nirīho nāśnute mahat

Zufriedenheit wahrlich zerstört das Glück, und ebenso das Mitleid; und Untätigkeit wie Furcht, beide zugleich — wer ohne Streben ist, erlangt nichts Großes.

Wort für Wort
saṃtoṣaḥ vai śriyam hanti
Zufriedenheit wahrlich zerstört das Glück (Nom.Sg. + Partikel + Akk.Sg. + 3.Sg.Präs.)
tathā anukrośaḥ eva ca
und ebenso das Mitleid (Adv. + Nom.Sg. + Partikel + Konj.)
anutthānabhaye ca ubhe
Untätigkeit und Furcht, beide (Nom.Du. + Konj. + Nom.Du.)
nirīhaḥ na aśnute mahat
wer ohne Streben ist, erlangt nichts Großes (Nom.Sg. + Verneinung + 3.Sg.Präs.Ā. + Akk.Sg.n.)

ebhyo nikṛtipāpebhyaḥ pramuñcātmānam ātmanā āyasaṃ hṛdayaṃ kṛtvā mṛgayasva punaḥ svakam

Befreie dich selbst, durch dich selbst, von diesen sündigen [Untugenden] der Hinterlist; mache dein Herz zu Eisen, und suche wieder, was dein eigen ist.

Wort für Wort
ebhyaḥ nikṛtipāpebhyaḥ
von diesen sündigen [Untugenden] der Hinterlist (Abl.Pl.)
pramuñca ātmānam ātmanā
befreie dich selbst durch dich selbst (2.Sg.Imperativ + Akk. + Instr.)
āyasam hṛdayam kṛtvā
das Herz zu Eisen gemacht (Akk.Sg.n. je + Gerundium)
mṛgayasva punaḥ svakam
suche wieder, was dein eigen ist (2.Sg.Imperativ Ā. + Adv. + Akk.Sg.n.)

puraṃ viṣahate yasmāt tasmāt puruṣa ucyate tam āhur vyarthanāmānaṃ strīvad ya iha jīvati

Weil er eine Stadt [oder: Bedrängnis] zu ertragen vermag, deshalb wird er 'Mann' [puruṣa] genannt; wer aber hier wie eine Frau [passiv] lebt, den nennt man einen, dessen Name leer ist.

Wort für Wort
puram viṣahate yasmāt
weil er eine Stadt/Bedrängnis erträgt (Akk.Sg.n. + 3.Sg.Präs.Ā. + Konj.)
tasmāt puruṣaḥ ucyate
deshalb wird er 'Mann' genannt (Adv. + Nom.Sg. + 3.Sg.Präs.Pass.)
tam āhuḥ vyarthanāmānam
den nennt man einen, dessen Name leer ist (Akk. + 3.Pl.Präs. + Akk.Sg.)
strīvad ya iha jīvati
wer hier wie eine Frau lebt (Adv. + Relativ + Adv. + 3.Sg.Präs.)

[?] Die volksetymologische Herleitung von 'puruṣa' ('Mann') aus 'pur' ('Stadt/Bedrängnis') und 'viṣahate' ('ertragen') ist im Sanskrit ein Wortspiel, das sich im Deutschen nicht nachbilden lässt; sinngemäß wiedergegeben.

śūrasyorjitasattvasya siṃhavikrāntagāminaḥ diṣṭabhāvaṃ gatasyāpi vighase modate prajā

Selbst über den Helden von mächtigem Mut, von löwenhaft-kraftvollem Gang, der [bereits] seinem Schicksal [dem Tod] anheimgefallen ist, freut sich das Volk beim [Gedenk-]Mahl.

Wort für Wort
śūrasya ūrjitasattvasya
des Helden von mächtigem Mut (Gen.Sg. je)
siṃhavikrāntagāminaḥ
von löwenhaft-kraftvollem Gang (Gen.Sg.)
diṣṭabhāvam gatasya api
der seinem Schicksal anheimgefallen ist, selbst (Akk.Sg.n. + Gen.Sg.Ptz. + Partikel)
vighase modate prajā
beim Mahl der Reste freut sich das Volk (Loc.Sg. + 3.Sg.Präs.Ā. + Nom.Sg.)

[?] Die Wendung 'vighase modate prajā' ('das Volk freut sich am Mahl der Reste') ist bildhaft-knapp; gemeint ist wohl, dass selbst der gefallene Held noch im Gedenken (etwa bei Totenfeierlichkeiten) geehrt und gefeiert wird — im Gegensatz zum ruhmlosen Leben des Feiglings.

ya ātmanaḥ priyasukhe hitvā mṛgayate śriyam amātyānām atho harṣam ādadhāty acireṇa saḥ

Wer, das eigene liebe Behagen aufgebend, nach Wohlstand strebt, der bereitet auch seinen Ministern schon bald Freude.“

Wort für Wort
yaḥ ātmanaḥ priyasukhe hitvā
wer, das eigene liebe Behagen aufgebend (Nom. + Gen. + Loc. + Gerundium)
mṛgayate śriyam
nach Wohlstand strebt (3.Sg.Präs.Ā. + Akk.Sg.)
amātyānām atho harṣam
auch seinen Ministern Freude (Gen.Pl. + Partikel + Akk.Sg.)
ādadhāti acireṇa saḥ
bereitet er bald (3.Sg.Präs. + Adv. + Nom.Sg.)

Ende von Vidurās erster Rede; im folgenden Vers antwortet ihr Sohn.

putra uvāca kiṃ nu te mām apaśyantyāḥ pṛthivyā api sarvayā kim ābharaṇakṛtyaṃ te kiṃ bhogair jīvitena vā

Der Sohn sprach: „Was nützte dir, wenn du mich nicht mehr sähest, wohl die ganze Erde? Was nützten dir Schmuckstücke, was Genüsse oder das Leben selbst?“

Wort für Wort
kim nu te mām apaśyantyāḥ
was nützte dir, wenn du mich nicht sähest (Frage + Partikel + Dat. + Akk. + Gen.Ptz.f.)
pṛthivyā api sarvayā
wohl die ganze Erde (Instr. + Partikel + Instr.)
kim ābharaṇakṛtyam te
was nützten dir Schmuckstücke (Frage + Nom.Sg.n. + Dat.)
kiṃ bhogaiḥ jīvitena vā
was Genüsse oder das Leben (Frage + Instr.Pl. + Instr. + Alt.)

Der Sohn antwortet kurz; danach setzt Vidurā ihre Rede fort (V037).

mātovāca kim adyakānāṃ ye lokā dviṣantas tān avāpnuyuḥ ye tv ādṛtātmanāṃ lokāḥ suhṛdas tān vrajantu naḥ

Die Mutter sprach: „Welche Welten denen zukommen, die nur für den heutigen Tag leben — diese mögen unsere Feinde erlangen! Doch welche Welten denen zukommen, die ihrer selbst achtsam sind — zu diesen mögen unsere Freunde gelangen.

Wort für Wort
kim adyakānām
was denen, die nur für heute leben, [zukommt] (Frage + Gen.Pl.)
ye lokāḥ dviṣantaḥ tān avāpnuyuḥ
diese Welten mögen unsere Feinde erlangen (Relativ + Nom.Pl. + Nom.Pl. + Akk.Pl. + 3.Pl.Optativ)
ye tu ādṛtātmanām lokāḥ
doch welche Welten denen, die ihrer selbst achtsam sind (Relativ + Gen.Pl. + Nom.Pl.)
suhṛdaḥ tān vrajantu naḥ
zu diesen mögen unsere Freunde gelangen (Nom.Pl. + Akk.Pl. + 3.Pl.Imperativ + Gen.Pl.)

Vidurā setzt ihre Rede fort.

bhṛtyair vihīyamānānāṃ parapiṇḍopajīvinām kṛpaṇānām asattvānāṃ mā vṛttim anuvartithāḥ

Folge nicht der Lebensweise derer, die von ihren Dienern verlassen werden, die von fremder Speise leben, der Erbärmlichen, der Mutlosen.

Wort für Wort
bhṛtyaiḥ vihīyamānānām
derer, die von ihren Dienern verlassen werden (Instr.Pl. + Gen.Pl.Ptz.)
parapiṇḍopajīvinām
die von fremder Speise leben (Gen.Pl.)
kṛpaṇānām asattvānām
der Erbärmlichen, der Mutlosen (Gen.Pl. je)
mā vṛttim anuvartithāḥ
folge nicht der Lebensweise (Verneinung + Akk.Sg. + 2.Sg.Injunktiv)

anu tvāṃ tāta jīvantu brāhmaṇāḥ suhṛdas tathā parjanyam iva bhūtāni devā iva śatakratum

Mögen von dir, mein Sohn, die Brahmanen und die Freunde leben, wie die Lebewesen vom Regengott, wie die Götter von Śatakratu [Indra].

Wort für Wort
anu tvām tāta jīvantu
mögen von dir, mein Sohn, leben (Postp. + Akk. + Vok. + 3.Pl.Imperativ)
brāhmaṇāḥ suhṛdaḥ tathā
die Brahmanen, die Freunde, ebenso (Nom.Pl. je + Adv.)
parjanyam iva bhūtāni
wie die Wesen vom Regengott (Akk. + Vergleich + Nom.Pl.)
devāḥ iva śatakratum
wie die Götter von Śatakratu (Nom.Pl. + Vergleich + Akk.)

yam ājīvanti puruṣaṃ sarvabhūtāni saṃjaya pakvaṃ drumam ivāsādya tasya jīvitam arthavat

Der Mann, von dem alle Wesen leben, o Saṃjaya, wie sie sich einem reifen [fruchttragenden] Baum nähern — dessen Leben hat Sinn.

Wort für Wort
yam ājīvanti puruṣam
der Mann, von dem sie leben (Akk. + 3.Pl.Präs. + Akk.Sg.)
sarvabhūtāni saṃjaya
alle Wesen, o Saṃjaya (Nom.Pl. + Vok.)
pakvam drumam iva āsādya
wie sich einem reifen Baum nähernd (Akk.Sg. + Vergleich + Gerundium)
tasya jīvitam arthavat
dessen Leben hat Sinn (Gen. + Nom.Sg.n. + Adj.)

yasya śūrasya vikrāntair edhante bāndhavāḥ sukham tridaśā iva śakrasya sādhu tasyeha jīvitam

Der Held, durch dessen tapfere Taten seine Verwandten in Glück gedeihen, wie die Götter durch Śakras [Taten] — gut fürwahr ist dessen Leben hier.

Wort für Wort
yasya śūrasya vikrāntaiḥ
des Helden, durch dessen tapfere Taten (Gen.Sg. + Instr.Pl.)
edhante bāndhavāḥ sukham
gedeihen die Verwandten in Glück (3.Pl.Präs.Ā. + Nom.Pl. + Akk.Sg.n.)
tridaśāḥ iva śakrasya
wie die Götter durch Śakra (Nom.Pl. + Vergleich + Gen.)
sādhu tasya iha jīvitam
gut ist dessen Leben hier (Adv. + Gen. + Adv. + Nom.Sg.n.)

svabāhubalam āśritya yo 'bhyujjīvati mānavaḥ sa loke labhate kīrtiṃ paratra ca śubhāṃ gatim

Der Mensch, der, gestützt auf die Kraft seines eigenen Armes, sich [wieder] emporarbeitet und lebt — er erlangt Ruhm in dieser Welt und im Jenseits einen glückseligen Zustand.

Wort für Wort
svabāhubalam āśritya
gestützt auf die Kraft des eigenen Armes (Akk.Sg.n. + Gerundium)
yaḥ abhyujjīvati mānavaḥ
der Mensch, der sich emporarbeitet und lebt (Nom. + 3.Sg.Präs. + Nom.Sg.)
sa loke labhate kīrtim
er erlangt Ruhm in dieser Welt (Nom. + Loc. + 3.Sg.Präs.Ā. + Akk.Sg.)
paratra ca śubhām gatim
und im Jenseits einen glückseligen Zustand (Adv. + Akk.Sg.f.)

Vidurās Rede an ihren Sohn endet hier nicht endgültig, sondern wird, da Kap.132 mit erneutem 'vidurovāca' ohne Sprecherwechsel fortsetzt, über das Kapitelende hinaus fortgeführt.

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