Kapitel 59: Dhṛtarāṣṭra-Cintā-Duryodhana-Sāntvanam
Dhṛtarāṣṭras Erwägung und seine Mahnung an Duryodhana
Vaiśaṃpāyana-Narration (V.1-4) - Saṃjayas SQ-Bericht aus Kap.58 schließt implizit (Tiefe 1->0), da nun reine Erzählung in dritter Person über Dhṛtarāṣṭras Abwägung von Stärke/Schwäche folgt; Arjunas in Kap.58 angekündigte Rede bleibt unwiedergegeben. V.4 endet mit 'athābravīt' ('da sprach er') - Dhṛtarāṣṭras direkte Rede an Duryodhana öffnet (SQ Tiefe 0->1, V.5-23): Klage über anhaltende Sorge, Erwartung göttlichen Beistands für die Pāṇḍavas (Agni wegen Khāṇḍavadāha, die göttlichen Väter Dharma/Vāyu/Indra/Aśvins), ausführliches Lob von Arjunas göttlichen Waffen (Gāṇḍīva, unerschöpfliche Köcher, Affenbanner, Wagen) und Unbesiegbarkeit (auch nach Bhīṣmas/Droṇas/Kṛpas/Śalyas eigener Einschätzung), endet mit Dhṛtarāṣṭras schlafloser Sorge und klarem Friedensplädoyer ('die Pāṇḍavas sind den Kurus stets überlegen'). SQ bleibt am Kapitelende offen (Tiefe 1), CQ durchgehend 0 (keine eingebetteten Zitate in diesem Kapitel).
‘Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er Saṃjayas Wort gehört hatte, begann der König, der mit dem Auge der Weisheit sieht, jenes Wort nach seinen Vorzügen und Mängeln abzuwägen.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom. + 3.Sg.Perf.)
saṃjayasya vacaḥ śrutvā prajñācakṣur nareśvaraḥ
nachdem er Saṃjayas Wort gehört hatte, der König, der mit dem Auge der Weisheit sieht (Gen. + Akk. + Absolutiv + Nom., Kompositum + Nom., Kompositum)
tataḥ saṃkhyātum ārebhe tad vaco guṇadoṣataḥ
begann er darauf, jenes Wort nach seinen Vorzügen und Mängeln abzuwägen (Adv. + Infinitiv + 3.Sg.Impf.Med. + Akk. + Akk. + Adv., Kompositum)
[Anm.: Rückkehr zur Erzählerebene (Vaiśaṃpāyana) - Saṃjayas SQ-Bericht (aus Kap.58 offen, Tiefe 1) schließt implizit, da nun reine Vaiśaṃpāyana-Narration in der dritten Person über Dhṛtarāṣṭra folgt statt einer Fortsetzung von Saṃjayas Ich-Bericht; Arjunas in Kap.58 V.30 angekündigte Rede wird nicht wiedergegeben, die Erzählung springt weiter.]
prasaṃkhyāya ca saukṣmyeṇa guṇadoṣān vicakṣaṇaḥ yathāvan matitattvena jayakāmaḥ sutān prati
Und nachdem er, der Kluge, mit Feinsinn die Vorzüge und Mängel abgewogen hatte, gebührend, mit der Wahrheit seines Denkens, siegbegierig hinsichtlich seiner Söhne,
Wort für Wort
prasaṃkhyāya ca saukṣmyeṇa guṇadoṣān vicakṣaṇaḥ
und nachdem er, der Kluge, mit Feinsinn die Vorzüge und Mängel abgewogen hatte (Absolutiv + Konj. + Instr. + Akk.Pl., Kompositum + Nom.)
yathāvan matitattvena jayakāmaḥ sutān prati
gebührend, mit der Wahrheit seines Denkens, siegbegierig hinsichtlich seiner Söhne (Adv. + Instr., Kompositum + Nom., Kompositum + Akk.Pl. + Präp.)
Durch die Kraft, sowohl göttlicher als auch menschlicher Art, und durch ihren Glanz maß er die Pāṇḍavas; die Kurus maß er als von geringerer Kraft - dann sprach er zu Duryodhana:
Wort für Wort
devamānuṣayoḥ śaktyā tejasā caiva pāṇḍavān
durch die Kraft, sowohl göttlicher als auch menschlicher Art, und durch ihren Glanz die Pāṇḍavas (Gen.Dual + Instr. + Instr. + Konj. + Akk.Pl.)
kurūñ śaktyālpatarayā duryodhanam athābravīt
die Kurus als von geringerer Kraft - dann sprach er zu Duryodhana (Akk.Pl. + Instr., Kompositum + Akk. + Adv.+3.Sg.Impf.)
duryodhaneyaṃ cintā me śaśvan nāpy upaśāmyati satyaṃ hy etad ahaṃ manye pratyakṣaṃ nānumānataḥ
‚Duryodhana, diese meine Sorge kommt nicht zur Ruhe, immer wieder; denn dies halte ich für wahr, aus eigener Anschauung, nicht durch bloße Schlussfolgerung.
Wort für Wort
duryodhaneyaṃ cintā me śaśvan nāpy upaśāmyati
Duryodhana, diese meine Sorge kommt nicht zur Ruhe, immer wieder (Vok.+Nom. + Nom. + Gen. + Adv. + Neg.+Partikel + 3.Sg.Präs.)
satyaṃ hy etad ahaṃ manye pratyakṣaṃ nānumānataḥ
denn dies halte ich für wahr, aus eigener Anschauung, nicht durch bloße Schlussfolgerung (Akk. + Partikel + Akk. + Nom. + 1.Sg.Präs.Med. + Akk. + Neg.+Abl.)
[Anm.: Direkte Rede Dhṛtarāṣṭras an Duryodhana beginnt (SQ öffnet, Tiefe 0->1).]
jātagṛdhyābhipannāś ca pāṇḍavānām anekaśaḥ dharmādayo bhaviṣyanti samāhūtā divaukasaḥ
Und ergriffen von aufkeimendem Eifer werden die Himmelsbewohner - Dharma und die anderen [göttlichen Väter] der Pāṇḍavas - vielfach herbeigerufen sein.
Wort für Wort
jātagṛdhyābhipannāś ca pāṇḍavānām anekaśaḥ
und ergriffen von aufkeimendem Eifer, der Pāṇḍavas, vielfach (Nom.Pl., Kompositum + Konj. + Gen.Pl. + Adv.)
dharmādayo bhaviṣyanti samāhūtā divaukasaḥ
werden die Himmelsbewohner - Dharma und die anderen - herbeigerufen sein (Nom.Pl., Kompositum + 3.Pl.Fut. + Nom.Pl.Ptz.Perf. + Nom.Pl., Kompositum)
[Anm.: 'Dharma und die anderen' bezieht sich auf die göttlichen Väter der Pāṇḍavas (Dharma/Yama, Vāyu, Indra, die Aśvins).]
bhīṣmadroṇakṛpādīnāṃ bhayād aśanisaṃmitam rirakṣiṣantaḥ saṃrambhaṃ gamiṣyantīti me matiḥ
Aus Furcht vor Bhīṣma, Droṇa, Kṛpa und den anderen werden sie, begierig den blitzgleichen Kampfeseifer zu schützen, eintreten - das ist meine Meinung.
Wort für Wort
bhīṣmadroṇakṛpādīnāṃ bhayād aśanisaṃmitam
aus Furcht vor Bhīṣma, Droṇa, Kṛpa und den anderen, den blitzgleichen (Gen.Pl., Kompositum + Abl. + Akk., Kompositum)
rirakṣiṣantaḥ saṃrambhaṃ gamiṣyantīti me matiḥ
begierig, den Kampfeseifer zu schützen, werden sie eintreten - das ist meine Meinung (Nom.Pl.Ptz.Präs.Desid. + Akk. + 3.Pl.Fut.+Zitatpartikel + Gen. + Nom.)
te devasahitāḥ pārthā na śakyāḥ prativīkṣitum mānuṣeṇa naravyāghrā vīryavanto 'strapāragāḥ
Diese Pārthas, von Göttern begleitet, Tiger unter den Männern, kraftvoll, Meister der Waffen, können von einem bloßen Menschen nicht angeblickt werden.
Wort für Wort
te devasahitāḥ pārthā na śakyāḥ prativīkṣitum
diese Pārthas, von Göttern begleitet, können nicht angeblickt werden (Nom.Pl. + Nom.Pl., Kompositum + Nom.Pl. + Neg. + Nom.Pl. + Infinitiv)
mānuṣeṇa naravyāghrā vīryavanto 'strapāragāḥ
von einem bloßen Menschen, Tiger unter den Männern, kraftvoll, Meister der Waffen (Instr. + Nom.Pl., Kompositum + Nom.Pl. + Nom.Pl., Kompositum)
[Arjuna,] dessen göttlicher, unangreifbarer, höchster Bogen das Gāṇḍīva ist, und dessen beide göttliche, unerschöpfliche, mit Pfeilen gefüllte große Köcher von Varuṇa stammen,
Wort für Wort
durāsadaṃ yasya divyaṃ gāṇḍīvaṃ dhanur uttamam
dessen göttlicher, unangreifbarer, höchster Bogen das Gāṇḍīva ist (Akk. + Gen. + Nom. + Nom. + Nom. + Nom.)
vāruṇau cākṣayau divyau śarapūrṇau maheṣudhī
und dessen beide von Varuṇa stammende, unerschöpfliche, göttliche, mit Pfeilen gefüllte große Köcher (Nom.Dual + Konj.+Nom.Dual + Nom.Dual + Nom.Dual, Kompositum + Nom.Dual, Kompositum)
dass der zum Kampf bereitstehende Pārtha, der Tiger unter den Wagenkämpfern, der Bezwinger der Feinde, von übermenschlichen Fürsten nicht besiegt werden kann,
Wort für Wort
yuddhāyāvasthitaṃ pārthaṃ pārthivair atimānuṣaiḥ
der zum Kampf bereitstehende Pārtha, von übermenschlichen Fürsten (Dat.+Akk., Kompositum + Akk. + Instr.Pl. + Instr.Pl., Kompositum)
aśakyaṃ rathaśārdūlaṃ parājetum ariṃdamam
dass er, der Tiger unter den Wagenkämpfern, der Bezwinger der Feinde, nicht besiegt werden kann (Akk. + Akk., Kompositum + Infinitiv + Akk., Kompositum)
tam arjunaṃ maheṣvāsaṃ mahendropendrarakṣitam nighnantam iva paśyāmi vimarde 'smin mahāmṛdhe
diesen Arjuna, den großen Bogenschützen, beschützt von Mahendra und Upendra, sehe ich gleichsam schon niederschlagend in dieser gewaltigen Schlacht, diesem großen Kampf.
Wort für Wort
tam arjunaṃ maheṣvāsaṃ mahendropendrarakṣitam
diesen Arjuna, den großen Bogenschützen, beschützt von Mahendra und Upendra (Akk. + Akk. + Akk., Kompositum + Akk., Kompositum)
nighnantam iva paśyāmi vimarde 'smin mahāmṛdhe
sehe ich gleichsam schon niederschlagend in dieser gewaltigen Schlacht, diesem großen Kampf (Akk.Ptz.Präs. + Partikel + 1.Sg.Präs. + Lok. + Lok. + Lok., Kompositum)