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Mahābhārata · Udyogaparva

Kapitel 45: Sanatsujāta-parva (5) / Sanatsujātīya IV: Madhu-vidyā Die Honiglehre und die Ich-Reden des Brahman

Sanatsujātas Rede setzt sich unmittelbar fort (kein neuer Sprecherwechsel) mit einem dicht gefügten, von dem Refrain 'Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen' durchzogenen Lehrabschnitt, der stilistisch an vedische Rätselhymnen und die spätere upaniṣadische Madhu-vidyā (Honiglehre) erinnert: Sonne, Lichtglanz, kosmischer Wagen, Weltenbaum, Biene und Honig, die 'Fülle'-Formel sowie eine Kette wechselseitigen Verschlingens (Ausatem/Einatem/Mond/Sonne) dienen als Bilder für das unfassbare Brahman. Gegen Ende (V.22-24) wechselt der Ton zur direkten Lehre vom 'daumengroßen Puruṣa im Herzen', und in den letzten Versen (V.25-28) spricht die geschilderte Gestalt selbst in der ersten Person als Ursprung und Selbst aller Wesen. Mehrere Verse dieses Abschnitts gehören zu den dunkelsten der gesamten Sanatsujātīya; ihre knappe, elliptische Bildsprache lässt oft mehrere Deutungen zu. Sanatsujātas Rede bleibt auch am Kapitelende offen.

sanatsujāta uvāca yat tac chukraṃ mahaj jyotir dīpyamānaṃ mahad yaśaḥ tad vai devā upāsante yasmād arko virājate yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

Sanatsujāta fuhr fort: Jenes leuchtend-helle, große Licht, das brennend erstrahlt, den großen Ruhm - dieses verehren die Götter, aus dem die Sonne erglänzt. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
sanatsujāta uvāca yat tac chukraṃ mahaj jyotir dīpyamānaṃ mahad yaśaḥ tad vai devā upāsante yasmād arko virājate yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
Sanatsujāta fuhr fort: Jenes leuchtend-helle, große Licht, das brennend erstrahlt, den großen Ruhm - dieses verehren die Götter, aus dem die Sonne erglänzt. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Ab hier folgt ein dichter, in Refrains gegliederter Abschnitt der Sanatsujātīya, der stilistisch an vedische Rätselhymnen (brahmodya) und die spätere Madhu-vidyā der Upaniṣaden erinnert. Sanatsujātas seit Kap.44 offene Rede setzt sich ohne Unterbrechung fort.

śukrād brahma prabhavati brahma śukreṇa vardhate tac chukraṃ jyotiṣāṃ madhye 'taptaṃ tapati tāpanam yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

Aus dem Lichtglanz entsteht das Brahman, durch den Lichtglanz wächst das Brahman; jener Lichtglanz erhitzt, selbst unerhitzt, inmitten der Lichter das Erhitzende. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
śukrād brahma prabhavati brahma śukreṇa vardhate tac chukraṃ jyotiṣāṃ madhye 'taptaṃ tapati tāpanam yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
Aus dem Lichtglanz entsteht das Brahman, durch den Lichtglanz wächst das Brahman; jener Lichtglanz erhitzt, selbst unerhitzt, inmitten der Lichter das Erhitzende. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

āpo 'tha adbhyaḥ salilasya madhye; ubhau devau śiśriyāte 'ntarikṣe sa sadhrīcīḥ sa viṣūcīr vasānā; ubhe bibharti pṛthivīṃ divaṃ ca yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Die Gewässer, sodann inmitten des Wassers aus den Wassern - beide Götter haben sich im Luftraum niedergelassen; er, der die zusammenströmenden und die auseinanderströmenden Fluten durchwaltet, trägt beide, Erde und Himmel. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
āpo 'tha adbhyaḥ salilasya madhye; ubhau devau śiśriyāte 'ntarikṣe sa sadhrīcīḥ sa viṣūcīr vasānā; ubhe bibharti pṛthivīṃ divaṃ ca yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Die Gewässer, sodann inmitten des Wassers aus den Wassern - beide Götter haben sich im Luftraum niedergelassen; er, der die zusammenströmenden und die auseinanderströmenden Fluten durchwaltet, trägt beide, Erde und Himmel. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Welche 'beiden Götter' (ubhau devau) hier gemeint sind - Sonne und Mond, oder Feuer und Wasser - bleibt in der vedisch-rätselhaften Bildsprache unklar.

ubhau ca devau pṛthivīṃ divaṃ ca; diśaś ca śukraṃ bhuvanaṃ bibharti tasmād diśaḥ saritaś ca sravanti; tasmāt samudrā vihitā mahāntaḥ yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

Und beide Götter, Erde und Himmel, und die Himmelsrichtungen - der Lichtglanz trägt die Welt; aus ihm fließen die Himmelsrichtungen und die Flüsse, aus ihm sind die großen Meere entstanden. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
ubhau ca devau pṛthivīṃ divaṃ ca; diśaś ca śukraṃ bhuvanaṃ bibharti tasmād diśaḥ saritaś ca sravanti; tasmāt samudrā vihitā mahāntaḥ yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
Und beide Götter, Erde und Himmel, und die Himmelsrichtungen - der Lichtglanz trägt die Welt; aus ihm fließen die Himmelsrichtungen und die Flüsse, aus ihm sind die großen Meere entstanden. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

cakre rathasya tiṣṭhantaṃ dhruvasyāvyayakarmaṇaḥ ketumantaṃ vahanty aśvās taṃ divyam ajaraṃ divi yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

Im Rad des Wagens des Unwandelbaren, dessen Wirken unvergänglich ist, weilend - ihn, den Bannerträger, den Göttlichen, Alterslosen, tragen die Rosse am Himmel. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
cakre rathasya tiṣṭhantaṃ dhruvasyāvyayakarmaṇaḥ ketumantaṃ vahanty aśvās taṃ divyam ajaraṃ divi yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
Im Rad des Wagens des Unwandelbaren, dessen Wirken unvergänglich ist, weilend - ihn, den Bannerträger, den Göttlichen, Alterslosen, tragen die Rosse am Himmel. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

na sādṛśye tiṣṭhati rūpam asya; na cakṣuṣā paśyati kaś cid enam manīṣayātho manasā hṛdā ca; ya evaṃ vidur amṛtās te bhavanti yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

Seine Gestalt weilt in keiner Ähnlichkeit; mit dem Auge sieht ihn niemand; nur durch Einsicht, durch den Geist und durch das Herz erfasst man ihn; wer ihn so kennt, wird unsterblich. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
na sādṛśye tiṣṭhati rūpam asya; na cakṣuṣā paśyati kaś cid enam manīṣayātho manasā hṛdā ca; ya evaṃ vidur amṛtās te bhavanti yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
Seine Gestalt weilt in keiner Ähnlichkeit; mit dem Auge sieht ihn niemand; nur durch Einsicht, durch den Geist und durch das Herz erfasst man ihn; wer ihn so kennt, wird unsterblich. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

dvādaśapūgāṃ saritaṃ devarakṣitam madhu īśantas tadā saṃcaranti ghoram yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Über den zwölffach vereinten, von den Göttern behüteten Strom gebietend, durchwandern sie furchtbar den Honig. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
dvādaśapūgāṃ saritaṃ devarakṣitam madhu īśantas tadā saṃcaranti ghoram yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Über den zwölffach vereinten, von den Göttern behüteten Strom gebietend, durchwandern sie furchtbar den Honig. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Obskures Bild der 'Honiglehre' (madhu-vidyā): der 'zwölffache Strom' meint wohl den aus zwölf Monaten gebildeten Jahreslauf, dessen Süße als Honig gedeutet wird.

tad ardhamāsaṃ pibati saṃcitya bhramaro madhu īśānaḥ sarvabhūteṣu havirbhūtam akalpayat yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Diesen Honig trinkt, ihn sammelnd, halbmonatlich die Biene; der Gebieter hat ihn in allen Wesen zur Opferspende gemacht. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
tad ardhamāsaṃ pibati saṃcitya bhramaro madhu īśānaḥ sarvabhūteṣu havirbhūtam akalpayat yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Diesen Honig trinkt, ihn sammelnd, halbmonatlich die Biene; der Gebieter hat ihn in allen Wesen zur Opferspende gemacht. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

hiraṇyaparṇam aśvattham abhipatya apakṣakāḥ te tatra pakṣiṇo bhūtvā prapatanti yathādiśam yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Auf den goldblättrigen Aśvattha-Feigenbaum sich niederlassend, werden die Flügellosen dort zu Vögeln und fliegen davon, jeder in seine Richtung. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
hiraṇyaparṇam aśvattham abhipatya apakṣakāḥ te tatra pakṣiṇo bhūtvā prapatanti yathādiśam yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Auf den goldblättrigen Aśvattha-Feigenbaum sich niederlassend, werden die Flügellosen dort zu Vögeln und fliegen davon, jeder in seine Richtung. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Der Aśvattha (heiliger Feigenbaum) als kosmisches Weltenbaum-Bild findet sich auch in Kaṭha-Upaniṣad und Bhagavadgītā.

pūrṇāt pūrṇāny uddharanti pūrṇāt pūrṇāni cakrire haranti pūrṇāt pūrṇāni pūrṇam evāvaśiṣyate yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

Aus dem Vollen heben sie Volles heraus, aus dem Vollen schufen sie Volles, aus dem Vollen nehmen sie Volles - und voll bleibt es doch übrig. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
pūrṇāt pūrṇāny uddharanti pūrṇāt pūrṇāni cakrire haranti pūrṇāt pūrṇāni pūrṇam evāvaśiṣyate yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
Aus dem Vollen heben sie Volles heraus, aus dem Vollen schufen sie Volles, aus dem Vollen nehmen sie Volles - und voll bleibt es doch übrig. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Vorform der bekannten Fülle-Formel ('Das ist voll, dies ist voll...'), die später als Friedensspruch der Īśā- und Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad überliefert ist.

tasmād vai vāyur āyātas tasmiṃś ca prayataḥ sadā tasmād agniś ca somaś ca tasmiṃś ca prāṇa ātataḥ

Aus ihm ist der Wind hervorgegangen, und in ihm ist er stets gerichtet; aus ihm sind Feuer und Soma, und in ihm ist der Lebensatem ausgebreitet.

Wort für Wort
tasmād vai vāyur āyātas tasmiṃś ca prayataḥ sadā tasmād agniś ca somaś ca tasmiṃś ca prāṇa ātataḥ
Aus ihm ist der Wind hervorgegangen, und in ihm ist er stets gerichtet; aus ihm sind Feuer und Soma, und in ihm ist der Lebensatem ausgebreitet.

sarvam eva tato vidyāt tat tad vaktuṃ na śaknumaḥ yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

Alles möge man von daher erkennen; dies ausdrücklich zu sagen, vermögen wir nicht. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
sarvam eva tato vidyāt tat tad vaktuṃ na śaknumaḥ yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
Alles möge man von daher erkennen; dies ausdrücklich zu sagen, vermögen wir nicht. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

apānaṃ girati prāṇaḥ prāṇaṃ girati candramāḥ ādityo girate candram ādityaṃ girate paraḥ yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Den Ausatem verschlingt der Einatem, den Einatem verschlingt der Mond, die Sonne verschlingt den Mond, den Höchsten aber verschlingt die Sonne. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
apānaṃ girati prāṇaḥ prāṇaṃ girati candramāḥ ādityo girate candram ādityaṃ girate paraḥ yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Den Ausatem verschlingt der Einatem, den Einatem verschlingt der Mond, die Sonne verschlingt den Mond, den Höchsten aber verschlingt die Sonne. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Eine Kette wechselseitigen 'Verschlingens' als Bild kosmischer Rangordnung; die genaue Zuordnung der Glieder bleibt in der knappen Formel unsicher.

ekaṃ pādaṃ notkṣipati salilād dhaṃsa uccaran taṃ cet satatam ṛtvijaṃ na mṛtyur nāmṛtaṃ bhavet yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Keinen einzigen Fuß hebt der Schwan, wenn er aus dem Wasser auftaucht; würde man ihn stets als Opferpriester erkennen, gäbe es weder Tod noch Unsterblichkeit. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
ekaṃ pādaṃ notkṣipati salilād dhaṃsa uccaran taṃ cet satatam ṛtvijaṃ na mṛtyur nāmṛtaṃ bhavet yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Keinen einzigen Fuß hebt der Schwan, wenn er aus dem Wasser auftaucht; würde man ihn stets als Opferpriester erkennen, gäbe es weder Tod noch Unsterblichkeit. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

evaṃ devo mahātmā sa pāvakaṃ puruṣo giran yo vai taṃ puruṣaṃ veda tasyehātmā na riṣyate yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] So verschlingt jener große, göttliche Puruṣa das Reinigende; wer diesen Puruṣa kennt, dessen Selbst nimmt hier keinen Schaden. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
evaṃ devo mahātmā sa pāvakaṃ puruṣo giran yo vai taṃ puruṣaṃ veda tasyehātmā na riṣyate yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] So verschlingt jener große, göttliche Puruṣa das Reinigende; wer diesen Puruṣa kennt, dessen Selbst nimmt hier keinen Schaden. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

yaḥ sahasraṃ sahasrāṇāṃ pakṣān saṃtatya saṃpatet madhyame madhya āgacched api cet syān manojavaḥ yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Wer, tausendmal tausend Flügel ausbreitend, dahinfliegen würde - selbst wenn er geistesschnell wäre, gelangte er nur zur Mitte in der Mitte. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
yaḥ sahasraṃ sahasrāṇāṃ pakṣān saṃtatya saṃpatet madhyame madhya āgacched api cet syān manojavaḥ yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Wer, tausendmal tausend Flügel ausbreitend, dahinfliegen würde - selbst wenn er geistesschnell wäre, gelangte er nur zur Mitte in der Mitte. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

na darśane tiṣṭhati rūpam asya; paśyanti cainaṃ suviśuddhasattvāḥ hito manīṣī manasābhipaśyed; ye taṃ śrayeyur amṛtās te bhavanti yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

Seine Gestalt weilt nicht im gewöhnlichen Sehen; nur die von reinstem Wesen sehen ihn; der wohlgesinnte Weise schaue ihn mit dem Geist; wer sich ihm zuwendet, wird unsterblich. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
na darśane tiṣṭhati rūpam asya; paśyanti cainaṃ suviśuddhasattvāḥ hito manīṣī manasābhipaśyed; ye taṃ śrayeyur amṛtās te bhavanti yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
Seine Gestalt weilt nicht im gewöhnlichen Sehen; nur die von reinstem Wesen sehen ihn; der wohlgesinnte Weise schaue ihn mit dem Geist; wer sich ihm zuwendet, wird unsterblich. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

gūhanti sarpā iva gahvarāṇi; svaśikṣayā svena vṛttena martyāḥ teṣu pramuhyanti janā vimūḍhā; yathādhvānaṃ mohayante bhayāya yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Wie Schlangen ihre Schlupfwinkel verbergen, so verbergen die Sterblichen ihn durch eigene Schulung und eigenes Verhalten; darin verirren sich die verblendeten Menschen, die sich wie auf einem Irrweg aus Furcht in Verwirrung führen lassen. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
gūhanti sarpā iva gahvarāṇi; svaśikṣayā svena vṛttena martyāḥ teṣu pramuhyanti janā vimūḍhā; yathādhvānaṃ mohayante bhayāya yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Wie Schlangen ihre Schlupfwinkel verbergen, so verbergen die Sterblichen ihn durch eigene Schulung und eigenes Verhalten; darin verirren sich die verblendeten Menschen, die sich wie auf einem Irrweg aus Furcht in Verwirrung führen lassen. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

sadā sadāsatkṛtaḥ syān na mṛtyur amṛtaṃ kutaḥ satyānṛte satyasamānabandhane; sataś ca yonir asataś caika eva yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Immer sei man von den Guten wohlgeehrt; dann gibt es keinen Tod - woher denn Unsterblichkeit? Wahrheit und Unwahrheit sind durch die Wahrheit gleichermaßen gebunden; der Ursprung des Seienden wie des Nichtseienden ist ein und derselbe. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
sadā sadāsatkṛtaḥ syān na mṛtyur amṛtaṃ kutaḥ satyānṛte satyasamānabandhane; sataś ca yonir asataś caika eva yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Immer sei man von den Guten wohlgeehrt; dann gibt es keinen Tod - woher denn Unsterblichkeit? Wahrheit und Unwahrheit sind durch die Wahrheit gleichermaßen gebunden; der Ursprung des Seienden wie des Nichtseienden ist ein und derselbe. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Einer der dunkelsten Verse dieses Abschnitts; die Beziehung der einzelnen Vershälften zueinander bleibt unsicher, die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten wörtlichen Deutung.

na sādhunā nota asādhunā vā; samānam etad dṛśyate mānuṣeṣu samānam etad amṛtasya vidyād; evaṃyukto madhu tad vai parīpset yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Weder durch den Guten noch durch den Nicht-Guten wird es erlangt; gleichermaßen zeigt sich dies unter den Menschen; man erkenne dies als gleichermaßen der Unsterblichkeit zugehörig; so ausgerichtet trachte man nach jenem Honig. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
na sādhunā nota asādhunā vā; samānam etad dṛśyate mānuṣeṣu samānam etad amṛtasya vidyād; evaṃyukto madhu tad vai parīpset yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Weder durch den Guten noch durch den Nicht-Guten wird es erlangt; gleichermaßen zeigt sich dies unter den Menschen; man erkenne dies als gleichermaßen der Unsterblichkeit zugehörig; so ausgerichtet trachte man nach jenem Honig. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

nāsyātivādā hṛdayaṃ tāpayanti; nānadhītaṃ nāhutam agnihotram mano brāhmīṃ laghutām ādadhīta; prajñānam asya nāma dhīrā labhante yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam

[?] Ihn quälen weder überhebliche Reden im Herzen, noch Ungelerntes, noch ein nicht dargebrachtes Feueropfer; sein Geist nehme brahmische Leichtigkeit an; sein Erkennen, so nennen es die Weisen, erlangen die Standhaften. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

Wort für Wort
nāsyātivādā hṛdayaṃ tāpayanti; nānadhītaṃ nāhutam agnihotram mano brāhmīṃ laghutām ādadhīta; prajñānam asya nāma dhīrā labhante yoginas taṃ prapaśyanti bhagavantaṃ sanātanam
[?] Ihn quälen weder überhebliche Reden im Herzen, noch Ungelerntes, noch ein nicht dargebrachtes Feueropfer; sein Geist nehme brahmische Leichtigkeit an; sein Erkennen, so nennen es die Weisen, erlangen die Standhaften. Die Yogins schauen ihn, den Erhabenen, den Ewigen.

evaṃ yaḥ sarvabhūteṣu ātmānam anupaśyati anyatrānyatra yukteṣu kiṃ sa śocet tataḥ param

Wer so das Selbst in allen Wesen erblickt, obwohl sie an je verschiedene Orte gebunden sind - was sollte der darüber hinaus noch betrauern?

Wort für Wort
evaṃ yaḥ sarvabhūteṣu ātmānam anupaśyati anyatrānyatra yukteṣu kiṃ sa śocet tataḥ param
Wer so das Selbst in allen Wesen erblickt, obwohl sie an je verschiedene Orte gebunden sind - was sollte der darüber hinaus noch betrauern?

yathodapāne mahati sarvataḥ saṃplutodake evaṃ sarveṣu vedeṣu brāhmaṇasya vijānataḥ

[?] Wie es sich bei einem großen, von allen Seiten mit Wasser überfluteten Wasserbecken verhält, so verhält es sich für den erkennenden Brahmanen mit allen Veden.

Wort für Wort
yathodapāne mahati sarvataḥ saṃplutodake evaṃ sarveṣu vedeṣu brāhmaṇasya vijānataḥ
[?] Wie es sich bei einem großen, von allen Seiten mit Wasser überfluteten Wasserbecken verhält, so verhält es sich für den erkennenden Brahmanen mit allen Veden.

Der Vers ist elliptisch: das eigentliche Prädikat (etwa: 'werden die einzelnen Veden entbehrlich') bleibt im Sanskrit ungesagt und ist nur sinngemäß zu ergänzen.

aṅguṣṭhamātraḥ puruṣo mahātmā; na dṛśyate 'sau hṛdaye niviṣṭaḥ ajaś caro divārātram atandritaś ca; sa taṃ matvā kavir āste prasannaḥ

Der daumengroße, große Puruṣa, im Herzen wohnend, wird nicht gesehen; ungeboren, bei Tag und Nacht wandelnd, unermüdlich - diesen erkennend, verweilt der Weise gelassen.

Wort für Wort
aṅguṣṭhamātraḥ puruṣo mahātmā; na dṛśyate 'sau hṛdaye niviṣṭaḥ ajaś caro divārātram atandritaś ca; sa taṃ matvā kavir āste prasannaḥ
Der daumengroße, große Puruṣa, im Herzen wohnend, wird nicht gesehen; ungeboren, bei Tag und Nacht wandelnd, unermüdlich - diesen erkennend, verweilt der Weise gelassen.

Dieses Bild vom 'daumengroßen Puruṣa im Herzen' begegnet ähnlich auch in der Kaṭha-Upaniṣad.

aham evāsmi vo mātā pitā putro 'smy ahaṃ punaḥ ātmāham api sarvasya yac ca nāsti yad asti ca

Ich selbst bin eure Mutter, der Vater, und wiederum bin ich der Sohn; ich bin auch das Selbst von allem, was nicht ist und was ist.

Wort für Wort
aham evāsmi vo mātā pitā putro 'smy ahaṃ punaḥ ātmāham api sarvasya yac ca nāsti yad asti ca
Ich selbst bin eure Mutter, der Vater, und wiederum bin ich der Sohn; ich bin auch das Selbst von allem, was nicht ist und was ist.

Ab hier spricht die geschilderte Gestalt (das Brahman/der Puruṣa) unvermittelt in der ersten Person - ein für die Sanatsujātīya charakteristischer Perspektivwechsel.

pitāmaho 'smi sthaviraḥ pitā putraś ca bhārata mamaiva yūyam ātmasthā na me yūyaṃ na vo 'py aham

Ich bin der Großvater, der Alte, der Vater und der Sohn, o Bhārata; ihr alle gründet in meinem eigenen Selbst; nicht seid ihr getrennt von mir, noch bin ich getrennt von euch.

Wort für Wort
pitāmaho 'smi sthaviraḥ pitā putraś ca bhārata mamaiva yūyam ātmasthā na me yūyaṃ na vo 'py aham
Ich bin der Großvater, der Alte, der Vater und der Sohn, o Bhārata; ihr alle gründet in meinem eigenen Selbst; nicht seid ihr getrennt von mir, noch bin ich getrennt von euch.

ātmaiva sthānaṃ mama janma cātmā; vedaprokto 'ham ajarapratiṣṭhaḥ

[?] Das Selbst allein ist mein Standort, und das Selbst ist meine Geburt; von den Veden bin ich verkündet, alterslos gegründet.

Wort für Wort
ātmaiva sthānaṃ mama janma cātmā; vedaprokto 'ham ajarapratiṣṭhaḥ
[?] Das Selbst allein ist mein Standort, und das Selbst ist meine Geburt; von den Veden bin ich verkündet, alterslos gegründet.

Dieser Vers ist in der kritischen Edition nur als Halbvers (zwei statt vier Pādas) überliefert - vermutlich eine Textlücke.

aṇor aṇīyān sumanāḥ sarvabhūteṣu jāgṛmi pitaraṃ sarvabhūtānāṃ puṣkare nihitaṃ viduḥ

[?] Feiner als das Feinste, wohlgesinnt, wache ich in allen Wesen; den Vater aller Wesen, so wissen sie, birgt der Lotusteich.

Wort für Wort
aṇor aṇīyān sumanāḥ sarvabhūteṣu jāgṛmi pitaraṃ sarvabhūtānāṃ puṣkare nihitaṃ viduḥ
[?] Feiner als das Feinste, wohlgesinnt, wache ich in allen Wesen; den Vater aller Wesen, so wissen sie, birgt der Lotusteich.

Der Vers wechselt unvermittelt von der ersten Person ('jāgṛmi', ich wache) zur dritten Person ('viduḥ', sie wissen) - ein für diesen rätselhaften Abschnitt typischer Perspektivsprung.

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