Kapitel 91: Kṛṣṇa-Pratyuttaram
Kṛṣṇas Antwort an Vidura
Kṛṣṇa erwidert Viduras Mahnrede: er dankt ihm für die väterlich-mütterliche Ermahnung, erklärt aber, warum er dennoch zur Versammlung gehen wird - wer sich nach Kräften um ein Dharma-Werk bemüht, erlangt Verdienst auch bei Misserfolg; ein wahrer Freund muss selbst mit Gewalt versuchen, den anderen von einer Untat abzubringen, sonst ist er kein Freund. Er will ohne Täuschung Frieden für Kurus und Pāṇḍavas stiften, notfalls auch gegen Duryodhanas Argwohn, und weist den hypothetischen Vorwurf zurück, er habe trotz seiner Macht die Streitenden nicht zur Ordnung gerufen. Abschließend erinnert er selbstbewusst daran, dass selbst alle vereinten Könige ihm im Zorn nicht gewachsen wären. Danach legt er sich zur Ruhe.
‘Der Erhabene sprach: ‚Wie ein sehr Weiser sprechen würde, wie ein Scharfsichtiger sprechen würde, wie einer wie ich von einem Freund wie dir angesprochen werden sollte -
Wort für Wort
bhagavān uvāca
der Erhabene sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
yathā brūyān mahāprājño
wie ein sehr Weiser sprechen würde (Adv. + 3.Sg.Opt. + Nom.Sg.)
yathā brūyād vicakṣaṇaḥ
wie ein Scharfsichtiger sprechen würde (Adv. + 3.Sg.Opt. + Nom.Sg.)
yathā vācyas tvadvidhena suhṛdā
wie von einem Freund wie dir angesprochen werden sollte (Adv. + Nom.Sg.Ger. + Instr.Sg. + Instr.Sg.)
madvidhaḥ suhṛt
einer wie ich, ein Freund (Nom.Sg. x2)
[Anm.: Sprecherwechsel - Kṛṣṇas Antwort auf Viduras Rede (Kap.90); SQ schließt Viduras Rede und öffnet im selben Vers erneut für Kṛṣṇas Erwiderung.]
Wer die ganze umgestürzte Erde, samt ihren Pferden, Wagen und Elefanten, aus der Schlinge des Todes befreien würde, der würde den höchsten Dharma erlangen.
Wort für Wort
paryastāṃ pṛthivīṃ sarvāṃ
die ganze umgestürzte Erde (Akk.Sg. Pass.Part. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
sāśvāṃ sarathakuñjarām
samt Pferden, Wagen und Elefanten (Akk.Sg. Bahuvrīhi + Akk.Sg. Bahuvrīhi)
yo mocayen mṛtyupāśāt
wer befreien würde aus der Schlinge des Todes (Nom.Sg. + 3.Sg.Opt. + Abl.Sg.)
prāpnuyād dharmam uttamam
würde erlangen den höchsten Dharma (3.Sg.Opt. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
seyam āpan mahāghorā kuruṣv eva samutthitā karṇaduryodhanakṛtā sarve hy ete tadanvayāḥ
Diese gewaltige, schreckliche Not ist gerade unter den Kurus selbst entstanden, von Karṇa und Duryodhana verursacht - denn alle diese [Könige] sind deren Gefolge.
Wort für Wort
sā iyam āpan mahāghorā
diese gewaltige, schreckliche Not (Nom.Sg. + Pron. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
kuruṣv eva samutthitā
gerade unter den Kurus entstanden (Lok.Pl. + Part. + Nom.Sg.Part.)
karṇaduryodhanakṛtā
von Karṇa und Duryodhana verursacht (Nom.Sg. Bahuvrīhi)
sarve hy ete tadanvayāḥ
denn alle diese sind deren Gefolge (Nom.Pl. + Part. + Nom.Pl. + Nom.Pl. Bahuvrīhi)
Wer, sogar bis zum Ergreifen am Haar, einen Freund von einer Untat zurückhält, nachdem er nach Kräften Anstrengung unternommen hat, wird für niemanden tadelnswert.
Wort für Wort
ā keśagrahaṇān mitram
bis zum Ergreifen am Haar, einen Freund (Postposition + Abl.Sg. + Akk.Sg.)
akāryāt saṃnivartayan
von einer Untat zurückhaltend (Abl.Sg. + Nom.Sg.Part.Präs.)
avācyaḥ kasya cid bhavati
wird für niemanden tadelnswert (Nom.Sg. + Gen.Sg. + Indef.Part. + 3.Sg.Präs.)
kṛtayatno yathābalam
nachdem er nach Kräften Anstrengung unternommen hat (Nom.Sg. Bahuvrīhi + Adv.)
tat samarthaṃ śubhaṃ vākyaṃ dharmārthasahitaṃ hitam dhārtarāṣṭraḥ sahāmātyo grahītuṃ vidurārhati
Jenes wirkungsvolle, heilsame Wort, mit Dharma und Artha verbunden, zuträglich - der Sohn Dhṛtarāṣṭras samt seinen Ministern sollte es annehmen, o Vidura.
hite prayatamānaṃ māṃ śaṅked duryodhano yadi hṛdayasya ca me prītir ānṛṇyaṃ ca bhaviṣyati
Sollte Duryodhana mich, der ich mich um sein Wohl bemühe, dennoch verdächtigen - so wird dennoch meines Herzens Freude und Schuldenfreiheit die Folge sein.
Wort für Wort
hite prayatamānaṃ māṃ
der ich mich um sein Wohl bemühe (Lok.Sg. + Akk.Sg.Part. + Akk.Sg.)
śaṅked duryodhano yadi
sollte Duryodhana verdächtigen (3.Sg.Opt. + Nom.Sg. + Konj.)
jñātīnāṃ hi mitho bhede yan mitraṃ nābhipadyate sarvayatnena madhyasthaṃ na tan mitraṃ vidur budhāḥ
Denn wenn bei einer Entzweiung von Verwandten ein Freund nicht mit aller Anstrengung eine vermittelnde Stellung einnimmt - das ist, wissen die Weisen, kein [wahrer] Freund.
Wort für Wort
jñātīnāṃ hi mitho bhede
denn bei einer Entzweiung von Verwandten (Gen.Pl. + Part. + Adv. + Lok.Sg.)
yan mitraṃ na abhipadyate
wenn ein Freund nicht einnimmt (Rel. + Nom.Sg. + Neg. + 3.Sg.Präs.Med.)
sarvayatnena madhyasthaṃ
mit aller Anstrengung eine vermittelnde Stellung (Instr.Sg. + Akk.Sg.)
na tan mitraṃ vidur budhāḥ
das ist kein Freund, wissen die Weisen (Neg. + Pron. + Nom.Sg. + 3.Pl.Perf. + Nom.Pl.)
Nicht sollen die Dharma-Unkundigen, die Törichten, die Unfreundlichen von mir so sagen: „Kṛṣṇa, obwohl fähig, hielt die erregten Kurus und Pāṇḍavas nicht zurück.“
Wort für Wort
na māṃ brūyur adharmajñā
nicht sollen die Dharma-Unkundigen von mir sagen (Neg. + Akk.Sg. + 3.Pl.Opt. + Nom.Pl.)
mūḍhā asuhṛdas tathā
die Törichten, die Unfreundlichen, so (Nom.Pl. + Nom.Pl. + Adv.)
śakto na avārayat kṛṣṇaḥ
Kṛṣṇa, obwohl fähig, hielt nicht zurück (Nom.Sg. + Neg. + 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.)
saṃrabdhān kurupāṇḍavān
die erregten Kurus und Pāṇḍavas (Akk.Pl. + Akk.Pl.)
[Anm.: hypothetisches Fremdzitat dessen, was feindselige Stimmen über Kṛṣṇa sagen könnten - als CQ innerhalb der offenen SQ-Rede markiert, analog zu Kap.86 V.003.]
Den Zweck beider Seiten erfüllend bin ich gekommen - so ist es; nachdem ich dort meine Anstrengung unternommen habe, möge ich nicht in Tadel unter den Menschen geraten.
Wort für Wort
ubhayoḥ sādhayann artham
den Zweck beider Seiten erfüllend (Gen.Du. + Nom.Sg.Part. + Akk.Sg.)
aham āgata ity uta
ich bin gekommen - so ist es (Nom.Sg. + Nom.Sg.Part. + Part. + Part.)
tatra yatnam ahaṃ kṛtvā
nachdem ich dort meine Anstrengung unternommen habe (Adv. + Akk.Sg. + Nom.Sg. + Absolutiv)
gaccheyaṃ nṛṣv avācyatām
möge ich nicht in Tadel unter den Menschen geraten (1.Sg.Opt. + Lok.Pl. + Akk.Sg.)
[Anm.: 'ity uta' hier als formelhafte, selbstbezügliche Bekräftigung gedeutet (ähnlich Kap.86 V.004 'iti me niścitā matiḥ'), NICHT als eingebettetes Fremdzitat - daher weiterhin SQ, keine eigene CQ-Ebene.]
mama dharmārthayuktaṃ hi śrutvā vākyam anāmayam na ced ādāsyate bālo diṣṭasya vaśam eṣyati
Denn wenn der Tor, nachdem er mein mit Dharma und Artha verbundenes, heilsames Wort gehört hat, es nicht annimmt, wird er in die Gewalt des Schicksals geraten.
Wort für Wort
mama dharmārthayuktaṃ hi
denn mein mit Dharma und Artha verbundenes (Gen.Sg. + Akk.Sg. Bahuvrīhi + Part.)
śrutvā vākyam anāmayam
gehört habend das heilsame Wort (Absolutiv + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
na ced ādāsyate bālo
wenn der Tor es nicht annimmt (Neg. + Konj. + 3.Sg.Fut.Med. + Nom.Sg.)
diṣṭasya vaśam eṣyati
wird er in die Gewalt des Schicksals geraten (Gen.Sg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Fut.)
ahāpayan pāṇḍavārthaṃ yathāvac; chamaṃ kurūṇāṃ yadi cācareyam puṇyaṃ ca me syāc caritaṃ mahārthaṃ; mucyeraṃś ca kuravo mṛtyupāśāt
Ohne die Sache der Pāṇḍavas gebührend preiszugeben, sollte ich zudem Frieden für die Kurus bewirken - dann wäre mein Handeln verdienstvoll und von großer Bedeutung, und die Kurus wären aus der Schlinge des Todes befreit.
Wort für Wort
ahāpayan pāṇḍavārthaṃ yathāvac
ohne die Sache der Pāṇḍavas preiszugeben, gebührend (Nom.Sg.Part. + Akk.Sg. + Adv.)
chamaṃ kurūṇāṃ yadi ca ācareyam
sollte ich zudem Frieden für die Kurus bewirken (Akk.Sg. + Gen.Pl. + Konj. + Konj. + 1.Sg.Opt.)
puṇyaṃ ca me syāc caritaṃ mahārthaṃ
dann wäre mein Handeln verdienstvoll und von großer Bedeutung (Nom.Sg. + Konj. + Gen.Sg. + 3.Sg.Opt. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
mucyeraṃś ca kuravo mṛtyupāśāt
und die Kurus wären befreit aus der Schlinge des Todes (3.Pl.Opt.Pass. + Konj. + Nom.Pl. + Abl.Sg.)
api vācaṃ bhāṣamāṇasya kāvyāṃ; dharmārāmām arthavatīm ahiṃsrām avekṣeran dhārtarāṣṭrāḥ samarthāṃ; māṃ ca prāptaṃ kuravaḥ pūjayeyuḥ
Möchten die Söhne Dhṛtarāṣṭras das dichterische, dharma-erfreuende, bedeutungsvolle, gewaltlose, wirkungsvolle Wort des Sprechenden beachten - und möchten die Kurus mich, den Gekommenen, ehren.
Wort für Wort
api vācaṃ bhāṣamāṇasya kāvyāṃ
möchten sie das dichterische Wort des Sprechenden (Part. + Akk.Sg. + Gen.Sg.Part. + Akk.Sg.)
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er so diese Worte gesprochen hatte, legte sich der Stier der Vṛṣṇis damals auf ein Lager von angenehmer Berührung nieder, er, der den Yadus Glück bringt.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyanaḥ uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
iti evam uktvā vacanaṃ
nachdem er so diese Worte gesprochen hatte (Part. + Adv. + Absolutiv + Akk.Sg.)
vṛṣṇīnām ṛṣabhas tadā
der Stier der Vṛṣṇis, damals (Gen.Pl. + Nom.Sg. + Adv.)
śayane sukhasaṃsparśe śiśye
legte sich auf ein Lager von angenehmer Berührung nieder (Lok.Sg. + Lok.Sg. + 3.Sg.Perf.Med.)
yadusukhāvahaḥ
er, der den Yadus Glück bringt (Nom.Sg. Bahuvrīhi)
[Anm.: reine Schluss-Erzählung - SQ endgültig auf Tiefe 0, Rahmenerzählung kehrt zur Grundebene zurück.]