Kapitel 160: Arjunapratyuktiḥ
Arjunas Antwort und der Befehl zur Bereitschaft
Arjuna gibt Ulūka seine eigene scharfe Antwort auf Duryodhanas Botschaft: er unterscheidet zwischen wahrem Mut (auf eigener Kraft beruhend) und Duryodhanas geborgter Prahlerei, kündigt an, Bhīṣma als Ersten zu erschlagen, listet Duryodhanas Laster auf und weissagt seinen Untergang samt Söhnen und Brüdern durch Bhīmasena. Nach Ulūkas Rückkehr befiehlt Duryodhana Duḥśāsana, Karṇa und Śakuni, das gesamte Heer schon vor Sonnenaufgang bereitzustellen - die Boten eilen aus, um den Befehl zu verbreiten.
paravīryaṃ samāśritya yaḥ samāhvayate parān kṣatrabandhur aśaktatvāl loke sa puruṣādhamaḥ
Wer sich auf die Kraft eines anderen verlassend die Feinde herausfordert, der ist, ein bloßer Kṣatriya-Abkömmling aus Unfähigkeit, in der Welt der Niedrigste der Männer.
Du, der du den Alten, der allen Königen wohlgesonnen ist, den Sinnenbezwinger, den Weisen, dem Tode geweiht und trotzdem prahlst -
Wort für Wort
yaḥ
der (Nom. Sg.)
tvam
du (Nom. Sg.)
vṛddham
den Alten (Akk. Sg.)
sarvarājñām
allen Königen (Gen. Pl.)
hitabuddhim
den Wohlgesonnenen (Akk. Sg. Bahuvrīhi)
jitendriyam
den Sinnenbezwinger (Akk. Sg. Bahuvrīhi)
maraṇāya
dem Tode (Dat. Sg.)
mahābuddhim
den Weisen (Akk. Sg.)
dīkṣayitvā
geweiht habend (Absol. Kaus.)
vikatthase
du prahlst (Präs. Med. 2. Sg.)
[?] 'dīkṣayitvā' (wörtl. 'geweiht/eingeweiht habend') bezieht sich vermutlich auf Duryodhanas Ernennung Bhīṣmas zum Heerführer, die Arjuna hier als faktische Weihung des greisen Bhīṣma zum sicheren Tod deutet.
Sohn des Kitava, geh, tritt vor die Bharatas und sage dem Sohn des Dhṛtarāṣṭra, Suyodhana: So sei es, sagt Arjuna, der Linkshändige Schütze - am Ende der Nacht wird der Kampf beginnen.
yad vo 'bravīd vākyam adīnasattvo madhye kurūṇāṃ harṣayan satyasaṃdhaḥ ahaṃ hantā pāṇḍavānām anīkaṃ śālveyakāṃś ceti mamaiṣa bhāraḥ
Das Wort, das euch der Standhafte, der Wahrhafte, inmitten der Kurus verkündete, sie erfreuend - dass er das Heer der Pāṇḍavas vernichten werde, und die Śālveyakas dazu, dies sei seine Bürde -
Wort für Wort
yat
das (Akk. Sg.)
vaḥ
euch (Dat. Pl.)
abravīt
verkündete (Impf. 3. Sg.)
vākyam
das Wort (Akk. Sg.)
adīnasattvaḥ
der Standhafte (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
madhye
inmitten (Loc. Sg.)
kurūṇām
der Kurus (Gen. Pl.)
harṣayan
erfreuend (Nom. Sg. Präs. Part.)
satyasaṃdhaḥ
der Wahrhafte (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
aham
ich (Nom. Sg.)
hantā
Vernichter (Nom. Sg.)
pāṇḍavānām
der Pāṇḍavas (Gen. Pl.)
anīkam
das Heer (Akk. Sg.)
śālveyakān
die Śālveyakas (Akk. Pl.)
ca
und (Partikel)
iti
so (Partikel)
mama
meine (Gen. Sg.)
eṣaḥ
diese (Nom. Sg.)
bhāraḥ
Bürde (Nom. Sg.)
[?] Der ungenannte Sprecher dieser zitierten Prahlerei ('adīnasattvaḥ', 'satyasaṃdhaḥ') ist im Text nicht explizit benannt; vermutlich ist Karṇa gemeint, dessen frühere Prahlerei hier von Arjuna aufgegriffen und indirekt wiedergegeben wird.
hanyām ahaṃ droṇam ṛte hi lokaṃ na te bhayaṃ vidyate pāṇḍavebhyaḥ tato hi te labdhatamaṃ ca rājyaṃ kṣayaṃ gatāḥ pāṇḍavāś ceti bhāvaḥ
- dass er selbst ohne Droṇa die Welt bezwingen könnte; dass du keine Furcht vor den Pāṇḍavas hättest; dass du daher das Königreich fast schon errungen habest, und die Pāṇḍavas dem Untergang geweiht seien - so war die Gesinnung -
sa darpapūrṇo na samīkṣase tvam anartham ātmany api vartamānam tasmād ahaṃ te prathamaṃ samūhe hantā samakṣaṃ kuruvṛddham eva
Du, voller Hochmut, erkennst nicht das Unheil, das dir selbst bevorsteht; deshalb werde ich zuerst, in der Versammlung, vor aller Augen, den Ältesten der Kurus erschlagen.
sūryodaye yuktasenaḥ pratīkṣya dhvajī rathī rakṣa ca satyasaṃdham ahaṃ hi vaḥ paśyatāṃ dvīpam enaṃ rathād bhīṣmaṃ pātayitāsmi bāṇaiḥ
Bei Sonnenaufgang, mit aufgestelltem Heer wartend, mit Banner und Wagen versehen - beschütze den, der seinem Gelübde treu ist, wenn du kannst; denn ich werde, vor euren Augen, diesen Bhīṣma mit Pfeilen vom Wagen stürzen.
Wort für Wort
sūryodaye
bei Sonnenaufgang (Loc. Sg.)
yuktasenaḥ
mit aufgestelltem Heer (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
pratīkṣya
wartend (Absol.)
dhvajī
mit Banner versehen (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
rathī
mit Wagen versehen (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
rakṣa
beschütze! (Imp. 2. Sg.)
ca
und (Partikel)
satyasaṃdham
den seinem Gelübde Treuen (Akk. Sg. Bahuvrīhi)
aham
ich (Nom. Sg.)
hi
denn (Partikel)
vaḥ
euch (Gen. Pl.)
paśyatām
vor euren Augen (Gen. Pl. Präs. Part.)
dvīpam
diesen (Akk. Sg.)
enam
diesen (Akk. Sg.)
rathāt
vom Wagen (Abl. Sg.)
bhīṣmam
Bhīṣma (Akk. Sg.)
pātayitā asmi
ich werde stürzen (Fut. Kaus. Periphr. 1. Sg.)
bāṇaiḥ
mit Pfeilen (Instr. Pl.)
[?] Der Bezug von 'satyasaṃdham' ('den seinem Gelübde Treuen') ist im Text nicht eindeutig benannt; vermutlich ist Bhīṣma selbst gemeint, den Arjuna hier ironisch auffordert, Duryodhana möge ihn beschützen, wenn er könne.
Morgen, wenn es soweit ist, wird Suyodhana das Wort der Prahlerei erkennen, wenn er sieht, wie der Großvater von mir mit einem Pfeilnetz bedrängt wird.
- er, der das Unrecht nicht kennt, der stete Feind, von sündigem Sinn, der Grausames tut: bald wirst du, Suyodhana, erleben, wie jenes wahre Gelübde eingehalten wird.
Wort für Wort
adharmajñaḥ
der das Unrecht nicht kennt (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
nityavairī
der stete Feind (Nom. Sg.)
pāpabuddhiḥ
von sündigem Sinn (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
nṛśaṃsakṛt
der Grausames tut (Nom. Sg.)
satyām
wahre (Akk. Sg.)
pratijñām
Gelübde (Akk. Sg.)
nacirāt
bald (Adv.)
rakṣyase
du wirst erleben, wie bewahrt wird (Pass. Präs. 2. Sg.)
tām
jenes (Akk. Sg.)
suyodhana
o Suyodhana (Vok. Sg.)
[?] Die genaue grammatische Konstruktion von 'rakṣyase tāṃ [pratijñām]' ('du wirst bewahrt/es wird dir bewahrt jenes Gelübde') ist im knappen Sanskrit-Text nicht ganz eindeutig; hier sinngemäß als Ankündigung der Erfüllung von Bhīmas Rachegelübde gedeutet.
vāsudevadvitīye hi mayi kruddhe narādhipa āśā te jīvite mūḍha rājye vā kena hetunā
Denn wenn ich, mit Vāsudeva als zweitem, erzürnt bin, o Herrscher der Menschen - welchen Grund, du Tor, hast du noch zur Hoffnung auf Leben oder Königreich?
śānte bhīṣme tathā droṇe sūtaputre ca pātite nirāśo jīvite rājye putreṣu ca bhaviṣyasi
Wenn Bhīṣma zur Ruhe gebracht, ebenso Droṇa, und der Sohn des Wagenlenkers gefällt ist, wirst du die Hoffnung auf Leben, Königreich und Söhne verlieren.
ity uktaḥ kaitavo rājaṃs tad vākyam upadhārya ca anujñāto nivavṛte punar eva yathāgatam
So angesprochen, o König, und nachdem der Sohn des Kitava dieses Wort vernommen hatte, kehrte er, verabschiedet, wieder zurück, so wie er gekommen war.
upāvṛtya tu pāṇḍubhyaḥ kaitavyo dhṛtarāṣṭrajam gatvā yathoktaṃ tat sarvam uvāca kurusaṃsadi
Nachdem sich der Sohn des Kitava von den Pāṇḍus abgewandt hatte, ging er zum Sohn des Dhṛtarāṣṭra und berichtete alles wie gesagt in der Versammlung der Kurus.
Darauf eilten die von Karṇa beauftragten Boten schnell davon, auf Wagen, andere auf Kamelen und Maultieren, und mit trefflichen, sehr schnellen Rossen,