Kapitel 107: Dakṣiṇadigvarṇanam
Beschreibung der südlichen Himmelsrichtung
Garuḍa setzt seine Beschreibung der Himmelsrichtungen fort und schildert den Süden (Dakṣiṇā), den Bereich der Ahnen und des Totenreichs: hier wohnen die Viśvedevas mit den Pitṛs, hier werden Dharma, Wahrheit und Taten geprüft, hier liegt der Fluss Vaitaraṇī und der Ort, wo Übeltäter für ihre bösen Taten büßen. Er streift zahlreiche mythologische Anspielungen - Rāvaṇas Askese, Vṛtras Feindschaft mit Śakra, seine eigene Episode mit dem kämpfenden Elefanten und der Schildkröte, den Seher Kapila, der Sagaras Söhne verzehrte - und schließt mit der Frage an Gālava, ob dieser Weg der Qual beschritten werden soll, oder ob er stattdessen von der westlichen Richtung hören möchte.
suparṇa uvāca iyaṃ vivasvatā pūrvaṃ śrautena vidhinā kila gurave dakṣiṇā dattā dakṣiṇety ucyate 'tha dik
Suparṇa sprach: Diese Richtung, einst von Vivasvat dem Lehrer gemäß der im Śruti überlieferten Vorschrift als Opferlohn gegeben, wird fürwahr Dakṣiṇā genannt - so heißt diese Richtung.
Wort für Wort
iyaṃ vivasvatā pūrvaṃ śrautena vidhinā kila gurave dakṣiṇā dattā
diese, einst von Vivasvat dem Lehrer gemäß der Śruti-Vorschrift fürwahr als Opferlohn gegeben (Nom. + Instr. + Adv. + Instr. + Instr. + Partikel + Dat. + Nom. + Nom. Sg. Ppp.)
dakṣiṇā iti ucyate atha dik
wird Dakṣiṇā genannt - so heißt diese Richtung (Nom. + Partikel + 3. Sg. Präs. Pass. + Adv. + Nom.)
[Anm.: ,suparṇa uvāca' erscheint hier erneut, doch ohne dass die vorige CQ (Garuḍas Rede) geschlossen wurde - Fortsetzung derselben Rede, nun zur Beschreibung des Südens; Wortspiel: ,dakṣiṇā' bedeutet sowohl ,Opferlohn/Priestergabe' als auch ,Süden'.]
atra dharmaś ca satyaṃ ca karma cātra niśāmyate gatir eṣā dvijaśreṣṭha karmaṇātmāvasādinaḥ
Hier werden Dharma und Wahrheit und die Tat geprüft; dies ist die Bestimmung, o Bester der Zweimalgeborenen, für den, dessen Selbst durch seine Tat zugrunde gerichtet wurde.
Wort für Wort
atra dharmaḥ ca satyaṃ ca karma ca atra niśāmyate
hier werden Dharma und Wahrheit und die Tat geprüft (Adv. + Nom. + Nom. + Nom. + Adv. + 3. Sg. Präs. Pass.)
gatiḥ eṣā dvijaśreṣṭha karmaṇā ātmāvasādinaḥ
dies ist die Bestimmung, o Bester der Zweimalgeborenen, für den, dessen Selbst durch seine Tat zugrunde gerichtet wurde (Nom. + Nom. + Vok. + Instr. + Gen., Bahuvrīhi)
eṣā dik sā dvijaśreṣṭha yāṃ sarvaḥ pratipadyate vṛtā tv anavabodhena sukhaṃ tena na gamyate
Dies ist jene Richtung, o Bester der Zweimalgeborenen, die jeder erreicht; doch wenn sie aus Unverständnis gewählt wird, gelangt man auf ihr nicht glücklich dorthin.
Wort für Wort
eṣā dik sā dvijaśreṣṭha yāṃ sarvaḥ pratipadyate
dies ist jene Richtung, o Bester der Zweimalgeborenen, die jeder erreicht (Nom. + Nom. + Nom. + Vok. + Akk. + Nom. + 3. Sg. Präs. Med.)
vṛtā tu anavabodhena sukhaṃ tena na gamyate
doch wenn sie aus Unverständnis gewählt wird, gelangt man auf ihr nicht glücklich dorthin (Nom. Sg. Ppp. + Partikel + Instr. + Adv. + Instr. + Neg. + 3. Sg. Präs. Pass.)
Viele Tausende von Nairṛtas gibt es hier, o Stier unter den Zweimalgeborenen, feindselige Geschöpfe, zu sehen von denen, die ihr Selbst nicht beherrscht haben.
Wort für Wort
nairṛtānāṃ sahasrāṇi bahūni atra dvijarṣabha
viele Tausende von Nairṛtas gibt es hier, o Stier unter den Zweimalgeborenen (Gen. Pl. + Nom. Pl. + Nom. Pl. + Adv. + Vok.)
sṛṣṭāni pratikūlāni draṣṭavyāni akṛtātmabhiḥ
feindselige, geschaffene Geschöpfe, zu sehen von denen, die ihr Selbst nicht beherrscht haben (Nom. Pl. Ppp. + Nom. Pl. + Nom. Pl. Gerundivum + Instr., Bahuvrīhi)
[Anm.: ,Nairṛtas' sind dämonische, mit Nirṛti (der Göttin des Unheils) verbundene Wesen.]
atra mandarakuñjeṣu viprarṣisadaneṣu ca gandharvā gānti gāthā vai cittabuddhiharā dvija
Hier, in den Hainen des Mandara und in den Wohnstätten der Weisen-Brahmanen, singen die Gandharvas Lieder, die fürwahr Sinn und Verstand rauben, o Zweimalgeborener.
Wort für Wort
atra mandarakuñjeṣu viprarṣisadaneṣu ca
hier, in den Hainen des Mandara und in den Wohnstätten der Weisen-Brahmanen (Adv. + Lok. Pl. + Lok. Pl.)
gandharvāḥ gānti gāthāḥ vai cittabuddhiharāḥ dvija
singen die Gandharvas Lieder, die fürwahr Sinn und Verstand rauben, o Zweimalgeborener (Nom. Pl. + 3. Pl. Präs. + Akk. Pl. + Partikel + Akk. Pl., Bahuvrīhi + Vok.)
[?] Hier, nachdem er die mit Liedern gesungenen Sāman-Melodien gehört hatte, ging Raivata, seiner Gattin, seiner Minister und seines Königreichs verlustig, in den Wald.
Wort für Wort
atra sāmāni gāthābhiḥ śrutvā gītāni raivataḥ
hier, nachdem er die mit Liedern gesungenen Sāman-Melodien gehört hatte, Raivata (Adv. + Akk. + Instr. + Ger. + Akk. Pl. Ppp. + Nom.)
gatadāraḥ gatāmātyaḥ gatarājyaḥ vanaṃ gataḥ
seiner Gattin, seiner Minister und seines Königreichs verlustig, ging in den Wald (Nom., Bahuvrīhi-Reihe + Akk. + Nom. Sg. Ppp.)
[Anm.: kompakte Anspielung auf eine offenbar bekannte, hier nicht weiter erläuterte Geschichte um König Raivata (evtl. verwandt mit der Kakudmī-Revatī-Erzählung); Details bleiben unsicher [?].]
Hier wurde von Sāvarṇi und ebenso vom Sohn des Yavakrīta eine Grenze errichtet, o Brahmane, die selbst die Sonne nicht überschreitet.
Wort für Wort
atra sāvarṇinā ca eva yavakrītātmajena ca
hier von Sāvarṇi und ebenso vom Sohn des Yavakrīta (Adv. + Instr. + Instr.)
maryādā sthāpitā brahman yāṃ sūryaḥ na ativartate
eine Grenze wurde errichtet, o Brahmane, die selbst die Sonne nicht überschreitet (Nom. + Nom. Sg. Ppp. + Vok. + Akk. + Nom. + Neg. + 3. Sg. Präs. Med.)
Hier wurde von Rāvaṇa, dem großherzigen König der Rākṣasas, dem Nachkommen des Pulastya, nach vollbrachter Askese die Unsterblichkeit von den Göttern erbeten.
Wort für Wort
atra rākṣasarājena paulastyena mahātmanā rāvaṇena
hier von Rāvaṇa, dem großherzigen König der Rākṣasas, dem Nachkommen des Pulastya (Adv. + Instr. + Instr. + Instr. + Instr.)
tapaḥ cīrtvā surebhyaḥ amaratā vṛtā
nach vollbrachter Askese wurde die Unsterblichkeit von den Göttern erbeten (Akk. + Ger. + Abl. + Nom. + Nom. Sg. Ppp.)
Hier werden Menschen böser Taten gekocht, Gālava; hier ist der Fluss namens Vaitaraṇī, von schwierigen Überfahrten umgeben; hierhin gegangen, erlangt man je nach Tat das Ende des Glücks oder das Ende des Leids.
Wort für Wort
atra duṣkṛtakarmāṇaḥ narāḥ pacyanti gālava
hier werden Menschen böser Taten gekocht, Gālava (Adv. + Nom. Pl., Bahuvrīhi + Nom. Pl. + 3. Pl. Präs. Pass. + Vok.)
hier ist der Fluss Vaitaraṇī, von Überfahrten umgeben; hierhin gegangen, erlangt man das Ende des Glücks oder das Ende des Leids (Adv. + Nom. + Instr. + Nom. + Instr. + Nom. Sg. Ppp. + Adv. + Ger. + Gen. + Akk. + Gen. + Akk. + 3. Sg. Präs. Med.)
[Anm.: ,Vaitaraṇī' ist der mythische Fluss der Unterwelt, den die Toten überqueren müssen.]
Hier war der große Seher namens Śakradhanus, von Sūrya geboren, den sie als den Gott Kapila kennen, durch den die Söhne Sagaras verzehrt wurden.
Wort für Wort
atra śakradhanuḥ nāma sūryāt jātaḥ mahān ṛṣiḥ
hier war der große Seher namens Śakradhanus, von Sūrya geboren (Adv. + Nom. + Instr. + Abl. + Nom. Sg. Ppp. + Nom. + Nom.)
viduḥ yaṃ kapilaṃ devaṃ yena āttāḥ sagarātmajāḥ
den sie als den Gott Kapila kennen, durch den die Söhne Sagaras verzehrt wurden (3. Pl. Perf. + Akk. + Akk. + Akk. + Instr. + Nom. Pl. Ppp. + Nom. Pl.)
[Anm.: Anspielung auf die Kapila-Sagara-Erzählung, in der Kapilas Zornesblick die sechzigtausend Söhne Sagaras verbrennt.]
[?] Hier erlangen die Vollendeten, Śivas genannt, Brahmanen, die die Veden durchdrungen haben, nachdem sie die Veden samt ihren Ergänzungen studiert haben, die Wohnstatt Yamas.
Wort für Wort
atra siddhāḥ śivāḥ nāma brāhmaṇāḥ vedapāragāḥ
hier die Vollendeten, Śivas genannt, Brahmanen, die die Veden durchdrungen haben (Adv. + Nom. Pl. + Nom. Pl. + Instr. + Nom. Pl. + Nom. Pl.)
adhītya sakhilān vedān ālabhante yamakṣayam
nachdem sie die Veden samt ihren Ergänzungen studiert haben, erlangen sie die Wohnstatt Yamas (Ger. + Akk. + Akk. + 3. Pl. Präs. Med. + Akk.)
[Anm.: die genaue Bedeutung von ,ālabhante yamakṣayam' (wörtlich etwa ,sie berühren/erlangen die Behausung/Vernichtung Yamas') bleibt leicht unsicher [?].]
eṣa tasyāpi te mārgaḥ paritāpasya gālava brūhi me yadi gantavyaṃ pratīcīṃ śṛṇu vā mama
Dies ist, Gālava, auch der Weg jener Qual; sage mir, ob dies begangen werden soll, oder höre von mir über den Westen.
Wort für Wort
eṣa tasya api te mārgaḥ paritāpasya gālava
dies ist auch der Weg jener Qual, Gālava (Nom. + Gen. + Partikel + Gen. + Nom. + Gen. + Vok.)
brūhi me yadi gantavyaṃ pratīcīṃ śṛṇu vā mama
sage mir, ob dies begangen werden soll, oder höre von mir über den Westen (Imperativ + Dat. + Bed. + Akk. Gerundivum + Akk. + Imperativ + Partikel + Gen.)
[Anm.: CQ bleibt am Kapitelende offen - Garuḍas Rede setzt sich fort, kündigt bereits die Beschreibung des Westens an; Fortsetzung in Kap.108 erwartet.]