Kapitel 108: Paścimadigvarṇanam
Beschreibung der westlichen Himmelsrichtung
Garuḍa setzt seine Beschreibung der Himmelsrichtungen mit dem Westen fort, der Region Varuṇas, des Herrn der Gewässer. Er schildert den Berg Asta, hinter dem die Sonne untergeht, die Geburt von Nacht und Schlaf, zahlreiche mythologische Anspielungen (Ditis Maruts, den Rumpf des Svarbhānu als Ursprung der Finsternisse, die Jungfrau Dhvajavatī, die auf Sonnenbefehl bewegungslos verharrt) sowie kosmologische Phänomene wie den Eintritt der Gestirne in die Sonnenscheibe. Er schließt mit der Wohnstatt des Schlangenkönigs Ananta, Viṣṇus höchstem Ort und den Wohnstätten Vāyus und Kaśyapas, und fragt Gālava, ob dieser Weg beschritten werden soll.
atra pītvā samastān vai varuṇasya rasāṃs tu ṣaṭ jāyate taruṇaḥ somaḥ śuklasyādau tamisrahā
Hier, nachdem er alle sechs Essenzen Varuṇas getrunken hat, wird der junge, finsternisvertreibende Soma zu Beginn der hellen Monatshälfte geboren.
Wort für Wort
atra pītvā samastān vai varuṇasya rasān tu ṣaṭ
hier, nachdem er alle sechs Essenzen Varuṇas getrunken hat (Adv. + Ger. + Akk. + Partikel + Gen. + Akk. + Partikel + Num.)
jāyate taruṇaḥ somaḥ śuklasya ādau tamisrahā
wird der junge, finsternisvertreibende Soma zu Beginn der hellen Monatshälfte geboren (3. Sg. Präs. Med. + Nom. + Nom. + Gen. + Lok. + Nom., Bahuvrīhi)
ato rātriś ca nidrā ca nirgatā divasakṣaye jāyate jīvalokasya hartum ardham ivāyuṣaḥ
Von hier aus werden Nacht und Schlaf, am Ende des Tages hervorgetreten, geboren, als wollten sie der lebendigen Welt die Hälfte ihrer Lebensspanne rauben.
Wort für Wort
ataḥ rātriḥ ca nidrā ca nirgatā divasakṣaye
von hier aus werden Nacht und Schlaf, am Ende des Tages hervorgetreten (Adv. + Nom. + Nom. + Nom. Sg. Ppp. + Lok.)
jāyate jīvalokasya hartum ardham iva āyuṣaḥ
geboren, als wollten sie der lebendigen Welt die Hälfte ihrer Lebensspanne rauben (3. Sg. Präs. Med. + Gen. + Inf. + Akk. + Vergleich + Gen.)
Hier stand die Jungfrau namens Dhvajavatī, Tochter des Harimedhas, auf das Gebot der Sonne, stillzustehen, bewegungslos im Himmel.
Wort für Wort
atra dhvajavatī nāma kumārī harimedhasaḥ
hier die Jungfrau namens Dhvajavatī, Tochter des Harimedhas (Adv. + Nom. + Instr. + Nom. + Gen.)
ākāśe tiṣṭha tiṣṭha iti tasthau sūryasya śāsanāt
stand im Himmel bewegungslos, auf das Gebot der Sonne, stillzustehen [wörtlich: stehe, stehe] (Lok. + Imperativ + Imperativ [in indir. Rede] + Partikel + 3. Sg. Perf. + Gen. + Abl.)
[Anm.: hier bewusst in indirekte Wiedergabe umgewandelt (,auf das Gebot...stillzustehen' statt eines wörtlichen dritten Zitats ,tiṣṭha tiṣṭha') statt einer dritten Zitatebene innerhalb von Garuḍas bereits als CQ markierter Rede, gemäß Standardregel gegen Drittebenen-Zitate.]
Hier legen Vāyu, ebenso Feuer, Wasser und Raum, o Gālava, ihre tägliche und nächtliche Berührung mit Leid ab; von hier an wendet sich der Lauf der Sonne seitwärts.
Wort für Wort
atra vāyuḥ tathā vahniḥ āpaḥ khaṃ ca eva gālava
hier Vāyu, ebenso Feuer, Wasser und Raum, o Gālava (Adv. + Nom. + Adv. + Nom. + Nom. + Nom. + Vok.)
āhnikaṃ ca eva naiśaṃ ca duḥkhasparśaṃ vimuñcati ataḥ prabhṛti sūryasya tiryag āvartate gatiḥ
legen ihre tägliche und nächtliche Berührung mit Leid ab; von hier an wendet sich der Lauf der Sonne seitwärts (Akk. + Akk. + Akk. + 3. Sg. Präs. + Adv. + Adv. + Gen. + Adv. + 3. Sg. Präs. Med. + Nom.)
atra jyotīṃṣi sarvāṇi viśanty ādityamaṇḍalam aṣṭāviṃśatirātraṃ ca caṅkramya saha bhānunā niṣpatanti punaḥ sūryāt somasaṃyogayogataḥ
Hier treten alle Gestirne in die Sonnenscheibe ein; und nachdem sie achtundzwanzig Nächte mit der Sonne gewandert sind, treten sie wieder aus der Sonne hervor, durch die Vereinigung mit dem Mond.
Wort für Wort
atra jyotīṃṣi sarvāṇi viśanti ādityamaṇḍalam
hier treten alle Gestirne in die Sonnenscheibe ein (Adv. + Nom. Pl. + Nom. Pl. + 3. Pl. Präs. + Akk.)
aṣṭāviṃśatirātraṃ ca caṅkramya saha bhānunā niṣpatanti punaḥ sūryāt somasaṃyogayogataḥ
und nachdem sie achtundzwanzig Nächte mit der Sonne gewandert sind, treten sie wieder aus der Sonne hervor, durch die Vereinigung mit dem Mond (Akk. + Ger. + Adv. + Instr. + 3. Pl. Präs. + Adv. + Abl. + Abl.)
eṣa te paścimo mārgo digdvāreṇa prakīrtitaḥ brūhi gālava gacchāvo buddhiḥ kā dvijasattama
Dies ist dein westlicher Weg, verkündet durch das Tor dieser Richtung; sage, Gālava, sollen wir gehen - welches ist deine Entscheidung, o Bester der Zweimalgeborenen?
Wort für Wort
eṣa te paścimaḥ mārgaḥ digdvāreṇa prakīrtitaḥ
dies ist dein westlicher Weg, verkündet durch das Tor dieser Richtung (Nom. + Gen. + Nom. + Nom. + Instr. + Nom. Sg. Ppp.)
brūhi gālava gacchāvaḥ buddhiḥ kā dvijasattama
sage, Gālava, sollen wir gehen - welches ist deine Entscheidung, o Bester der Zweimalgeborenen (Imperativ + Vok. + 1. Dual Konj. + Nom. + Nom. + Vok.)
[Anm.: CQ bleibt am Kapitelende offen - Garuḍas Rede setzt sich fort; Fortsetzung in Kap.109 (vermutlich Norden) erwartet.]