Kapitel 129: Bhagavadviśvarūpadarśanam
Kṛṣṇas Offenbarung seiner Universalgestalt vor der Kuru-Versammlung
Kṛṣṇa antwortet auf die Warnungen vor seiner Gefangennahme, indem er der Versammlung kurz seine kosmische Universalgestalt zeigt, aus der Götter, Waffen und die Pāṇḍava-Helden selbst hervortreten. Nach diesem Wunder verabschiedet er sich, weist noch einmal auf Duryodhanas Uneinsichtigkeit hin und erklärt seine Friedensmission für endgültig gescheitert; begleitet von Sātyaki und Kṛtavarman sowie den Kuru-Ältesten fährt er davon, um Kuntī (Pṛthā) aufzusuchen.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als Vidura so gesprochen hatte, redete Keśava, der Vernichter feindlicher Scharen, der Kraftvolle, den Dhārtarāṣṭra Duryodhana an:
Wort für Wort
vidureṇa evam ukte
als Vidura so gesprochen hatte (Loc.Absol.)
keśavaḥ śatrupūgahā
Keśava, der Vernichter feindlicher Scharen (Nom.Sg.)
duryodhanam dhārtarāṣṭram
den Dhārtarāṣṭra Duryodhana (Akk.Sg.)
abhyabhāṣata vīryavān
redete der Kraftvolle an (3.Sg.Impf.Ā. + Nom.Sg.)
Mit diesem Kapitel beginnt die berühmte Viśvarūpa-Szene des Udyogaparvan: Kṛṣṇa offenbart der Kuru-Versammlung kurz seine Universalgestalt, bevor er unverrichteter Dinge zu den Pāṇḍavas zurückkehrt. Sie ist von der bekannteren Viśvarūpa-Offenbarung der Bhagavadgītā im Bhīṣmaparvan zu unterscheiden.
eko 'ham iti yan mohān manyase māṃ suyodhana paribhūya ca durbuddhe grahītuṃ māṃ cikīrṣasi
‚Weil du in deiner Verblendung denkst, „ich bin allein“, o Suyodhana, und weil du mich verachtest und mich gefangen zu nehmen wünschst, o Übelgesinnter —
Wort für Wort
ekaḥ aham iti
'ich bin allein' (Zitat, Nom.Sg. + Partikel)
yat mohāt manyase
weil du in Verblendung denkst (Kausalsatz + Abl. + 2.Sg.Präs.)
suyodhana
o Suyodhana (Vok.Sg.)
paribhūya
verachtend (Gerundium)
durbuddhe
o Übelgesinnter (Vok.Sg.)
grahītum cikīrṣasi
du wünschst zu ergreifen (Inf. + 2.Sg.Desiderativ)
Hier beginnt Kṛṣṇas kurze Rede; sie reicht bis V003. Innerhalb der wörtlichen Rede wird Duryodhanas eigener, unausgesprochener Gedanke 'ich bin allein' als eingebettetes Kleinzitat wiedergegeben.
So gesprochen habend, lachte Keśava, der Vernichter feindlicher Helden, laut auf; während der großseelige Śauri lächelte, entließen daumengroße Götter von Blitzgestalt Flammen des Feuers aus ihm.
Wort für Wort
evam uktvā
so gesprochen habend (Gerundium)
jahāsa uccaiḥ
er lachte laut (3.Sg.Perf. + Adv.)
keśavaḥ paravīrahā
Keśava, der Feindeshelden-Vernichter (Nom.Sg.)
saṃsmayataḥ śaureḥ
während der Śauri lächelte (Gen.Absol.)
vidyudrūpāḥ mahātmanaḥ
von Blitzgestalt, des Großseeligen (Nom.Pl. + Gen.Sg.)
aṅguṣṭhamātrāḥ tridaśāḥ
daumengroße Götter (Nom.Pl.)
mumucuḥ pāvakārciṣaḥ
sie entließen Feuerflammen (3.Pl.Perf. + Akk.Pl.)
[?] Die Wendung 'aṅguṣṭhamātrās tridaśā ... mumucuḥ pāvakārciṣaḥ' ('daumengroße Götter ... entließen Feuerflammen') ist im Sanskrit-Original bildhaft-knapp und lässt offen, ob die Feuerflammen aus diesen Gottgestalten selbst oder aus Kṛṣṇas Körper insgesamt hervorbrachen; hier möglichst wörtlich wiedergegeben. Hiermit setzt die Beschreibung der Universalgestalt ein.
ādityāś caiva sādhyāś ca vasavo 'thāśvināv api marutaś ca sahendreṇa viśvedevās tathaiva ca babhūvuś caiva rūpāṇi yakṣagandharvarakṣasām
Die Ādityas, die Sādhyas, die Vasus, auch die beiden Aśvins, die Maruts samt Indra, und ebenso die Viśvedevas, und auch die Gestalten der Yakṣas, Gandharvas und Rākṣasas kamen zum Vorschein.
Wort für Wort
ādityāḥ sādhyāḥ vasavaḥ
die Ādityas, Sādhyas, Vasus (Nom.Pl.)
aśvinau api
auch die beiden Aśvins (Nom.Du.)
marutaḥ saha indreṇa
die Maruts samt Indra (Nom.Pl. + Instr.)
viśvedevāḥ
die Viśvedevas (Nom.Pl.)
babhūvuḥ rūpāṇi
die Gestalten kamen zum Vorschein (3.Pl.Perf. + Nom.Pl.)
Ebenso erschienen aus seinen beiden Armen Saṃkarṣaṇa [Balarāma] und Dhanaṃjaya [Arjuna]: Arjuna, der Bogenschütze, zur Rechten, und Rāma, der Pflugträger, zur Linken.
Wort für Wort
prādurāstām dorbhyām
sie erschienen aus den beiden Armen (3.Du.Impf. + Instr.Du.)
saṃkarṣaṇadhanaṃjayau
Saṃkarṣaṇa und Dhanaṃjaya (Nom.Du.)
dakṣiṇe arjunaḥ dhanvī
zur Rechten Arjuna, der Bogenschütze (Loc. + Nom.Sg.)
Vorn erschienen bei Kṛṣṇa [die Waffen] mit erhobenen großen Waffen: Muschelhorn, Diskus, Keule, Speer, [der Bogen] Śārṅga, der Pflug und [das Schwert] Nandaka.
netrābhyāṃ nas tataś caiva śrotrābhyāṃ ca samantataḥ prādurāsan mahāraudrāḥ sadhūmāḥ pāvakārciṣaḥ romakūpeṣu ca tathā sūryasyeva marīcayaḥ
Aus seinen Augen sodann, und aus seinen Ohren, ringsum, erschienen überaus schreckliche, rauchige Feuerflammen, und ebenso aus seinen Poren [Strahlen] wie die Strahlen der Sonne.
wie die Strahlen der Sonne (Gen. + Vergleich + Nom.Pl.)
[?] Die Lesart 'netrābhyāṃ nas' ('aus den Augen ... uns/nun') ist im überlieferten Text unklar; das enklitische 'nas' scheint hier metrische Füllfunktion zu haben oder ist textkritisch unsicher. Die Übersetzung folgt dem naheliegenden Sinn, dass die Flammen aus Kṛṣṇas eigenen Augen und Ohren hervorbrachen.
ṛte droṇaṃ ca bhīṣmaṃ ca viduraṃ ca mahāmatim saṃjayaṃ ca mahābhāgam ṛṣīṃś caiva tapodhanān prādāt teṣāṃ sa bhagavān divyaṃ cakṣur janārdanaḥ
Außer Droṇa, Bhīṣma, dem weisen Vidura, dem hochgesegneten Saṃjaya und den an Askese reichen Sehern — diesen gewährte der erhabene Janārdana göttliches Sehvermögen.
Wort für Wort
ṛte droṇaṃ ca bhīṣmaṃ ca
außer Droṇa und Bhīṣma (Präp. + Akk.Sg. je)
viduram mahāmatim
den weisen Vidura (Akk.Sg.)
saṃjayam mahābhāgam
den hochgesegneten Saṃjaya (Akk.Sg.)
ṛṣīn tapodhanān
die an Askese reichen Seher (Akk.Pl.)
prādāt divyam cakṣuḥ
er gewährte göttliches Sehvermögen (3.Sg.Perf. + Akk.Sg.n.)
Dann zog jener Tiger unter den Männern, der Bezwinger der Feinde, seine eigene Gestalt zurück, jene göttliche, wunderbare, mannigfaltige, majestätische.
Wort für Wort
tataḥ saḥ puruṣavyāghraḥ
dann jener Tiger unter den Männern (Adv. + Nom.Sg.)
saṃjahāra vapuḥ svakam
er zog seine eigene Gestalt zurück (3.Sg.Perf. + Akk.Sg.n.)
divyām adbhutām citrām ṛddhimattām
die göttliche, wunderbare, mannigfaltige, majestätische (Akk.Sg.f.)
Als Śauri, der Bezwinger der Feinde, bei seinem bereitstehenden Wagen stand, im Begriff aufzubrechen, redete der Großkönig Dhṛtarāṣṭra ihn noch einmal an:
Wort für Wort
upasthitaratham śaurim
Śauri bei seinem bereitstehenden Wagen (Akk.Sg.)
prayāsyantam ariṃdamam
im Begriff aufzubrechen, den Bezwinger der Feinde (Akk.Sg.)
yāvad balaṃ me putreṣu paśyasy etaj janārdana pratyakṣaṃ te na te kiṃ cit parokṣaṃ śatrukarśana
‚Du siehst selbst, wie weit meine Macht über meine Söhne reicht, o Janārdana; dies liegt dir unmittelbar vor Augen, nichts ist dir verborgen, o Feindbezwinger.
Wort für Wort
yāvat balam me putreṣu
wie weit meine Macht über meine Söhne (Adv. + Nom.Sg.n. + Gen. + Loc.)
paśyasi etat janārdana
du siehst dies, o Janārdana (2.Sg.Präs. + Akk. + Vok.)
pratyakṣam te
dir unmittelbar vor Augen (Nom.Sg.n. + Dat.)
na te kiṃ cit parokṣam
nichts ist dir verborgen (Verneinung + Dat. + Nom.Sg.n.)
śatrukarśana
o Feindbezwinger (Vok.Sg.)
Dhṛtarāṣṭras Rechtfertigungsrede an Kṛṣṇa, reicht bis V028.
kurūṇāṃ śamam icchantaṃ yatamānaṃ ca keśava viditvaitām avasthāṃ me nātiśaṅkitum arhasi
Da du weißt, dass ich Frieden für die Kurus wünsche und danach strebe, o Keśava, und [dass dies] mein Zustand ist, solltest du mich nicht allzu sehr verdächtigen.
Wort für Wort
kurūṇām śamam icchantam
der für die Kurus Frieden wünscht (Gen.Pl. + Akk.Sg.m. + Ptz.)
yatamānam ca
und danach strebt (Ptz.)
viditvā etām avasthām me
wissend um diesen meinen Zustand (Gerundium + Akk.Sg. + Gen.)
na atiśaṅkitum arhasi
du solltest nicht allzu sehr verdächtigen (Inf. + 2.Sg.Präs.)
Als Śauri, der Stier unter den Männern, verabschiedet hatte und, im Wagen stehend, aufgebrochen war, folgten ihm die großen Bogenschützen, die tapferen Helden, die Stiere der Bharatas.
Wort für Wort
āmantrya
verabschiedet habend (Gerundium)
prasthitam śaurim rathastham
den aufgebrochenen, im Wagen stehenden Śauri (Akk.Sg.)
puruṣarṣabham
den Stier unter den Männern (Akk.Sg.)
anujagmuḥ maheṣvāsāḥ
die großen Bogenschützen folgten (3.Pl.Perf. + Nom.Pl.)
pravīrāḥ bharatarṣabhāḥ
die tapferen Helden, die Stiere der Bharatas (Nom.Pl.)
— dann fuhr er in dem prächtigen, großen, mit Glöckchen behangenen Wagen, während die Kurus zusahen, davon, um Pṛthā, die Schwester seines Vaters, zu besuchen.
Wort für Wort
rathena śubhreṇa mahatā
in dem prächtigen, großen Wagen (Instr.Sg.)
kiṅkiṇīkinā
mit Glöckchen behangen (Instr.Sg.)
kurūṇām paśyatām
während die Kurus zusahen (Gen.Absol.)
prāyāt
er fuhr davon (3.Sg.Impf.)
pṛthām draṣṭum pitṛṣvasām
um Pṛthā, die Vaterschwester, zu besuchen (Akk.Sg. + Inf. + Akk.Sg.)
Der nächste Erzählabschnitt schildert Kṛṣṇas Zusammentreffen mit Kuntī (Pṛthā).