Kapitel 8: Sainyoddyoga-parva (8)
Śalyas List und die Vorausdeutung auf Karṇas Wagenlenker
Śalya, König von Madra und Onkel der Zwillinge Nakula/Sahadeva, zieht mit gewaltigem Heer zu den Pāṇḍavas, wird aber unterwegs von Duryodhana durch prunkvolle, anonym gewährte Gastfreundschaft geschickt eingebunden: Śalya sagt, ohne den Gastgeber zu kennen, eine Gabe zu und ist an sein Wort gebunden, als sich Duryodhana offenbart - so gewinnt Duryodhana ihn als Oberbefehlshaber. Bei den Pāṇḍavas angekommen, berichtet Śalya reumütig; Yudhiṣṭhira bittet ihn, wenigstens als künftiger Wagenlenker Karṇas dessen Kampfkraft im entscheidenden Duell mit Arjuna zu schwächen - eine zentrale Vorausdeutung auf die spätere Karṇaparva-Handlung. Śalya sagt dies zu und tröstet Yudhiṣṭhira mit dem Hinweis, dass Leid auch Große und selbst die Götter treffe.
vaiśaṃpāyana uvāca śalyaḥ śrutvā tu dūtānāṃ sainyena mahatā vṛtaḥ abhyayāt pāṇḍavān rājan saha putrair mahārathaiḥ
Vaiśampāyana sprach: Als Śalya die Botschaft der Boten vernommen hatte, brach er, von einem gewaltigen Heer umgeben, mit seinen Söhnen, den großen Wagenkämpfern, zu den Pāṇḍavas auf, o König.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca śalyaḥ śrutvā tu dūtānāṃ sainyena mahatā vṛtaḥ abhyayāt pāṇḍavān rājan saha putrair mahārathaiḥ
Vaiśampāyana sprach: Als Śalya die Botschaft der Boten vernommen hatte, brach er, von einem gewaltigen Heer umgeben, mit seinen Söhnen, den großen Wagenkämpfern, zu den Pāṇḍavas auf, o König.
tato duryodhanaḥ śrutvā mahāsenaṃ mahāratham upāyāntam abhidrutya svayam ānarca bhārata
Als Duryodhana dann von dem großen Wagenkämpfer mit dem gewaltigen Heer hörte, der herannahte, eilte er ihm entgegen und ehrte ihn eigenhändig, o Bhārata.
Wort für Wort
tato duryodhanaḥ śrutvā mahāsenaṃ mahāratham upāyāntam abhidrutya svayam ānarca bhārata
Als Duryodhana dann von dem großen Wagenkämpfer mit dem gewaltigen Heer hörte, der herannahte, eilte er ihm entgegen und ehrte ihn eigenhändig, o Bhārata.
Als er, an jedem Ort durch Duryodhanas Diener gebührend geehrt wie ein Unsterblicher, diese Rasthäuser erreichte, kam er zu einem weiteren Rasthaus von der Pracht einer Götterwohnung.
Als er, an jedem Ort durch Duryodhanas Diener gebührend geehrt wie ein Unsterblicher, diese Rasthäuser erreichte, kam er zu einem weiteren Rasthaus von der Pracht einer Götterwohnung.
papraccha sa tataḥ preṣyān prahṛṣṭaḥ kṣatriyarṣabhaḥ yudhiṣṭhirasya puruṣāḥ ke nu cakruḥ sabhā imāḥ ānīyantāṃ sabhākārāḥ pradeyārhā hi me matāḥ
Da fragte der hocherfreute Kṣatriya-Stier die Diener: ‚Welche Männer Yudhiṣṭhiras haben wohl diese Rasthäuser errichtet? Man bringe die Erbauer der Rasthäuser her, denn ich meine, sie verdienen eine Belohnung von mir.‘
Wort für Wort
papraccha sa tataḥ preṣyān prahṛṣṭaḥ kṣatriyarṣabhaḥ yudhiṣṭhirasya puruṣāḥ ke nu cakruḥ sabhā imāḥ ānīyantāṃ sabhākārāḥ pradeyārhā hi me matāḥ
Da fragte der hocherfreute Kṣatriya-Stier die Diener: ‚Welche Männer Yudhiṣṭhiras haben wohl diese Rasthäuser errichtet? Man bringe die Erbauer der Rasthäuser her, denn ich meine, sie verdienen eine Belohnung von mir.‘
gūḍho duryodhanas tatra darśayām āsa mātulam taṃ dṛṣṭvā madrarājas tu jñātvā yatnaṃ ca tasya tam pariṣvajyābravīt prīta iṣṭo 'rtho gṛhyatām iti
Da zeigte sich der bis dahin verhüllt gebliebene Duryodhana dort seinem Onkel; als der König von Madra ihn erblickte und seine Mühe erkannte, umarmte er ihn und sprach erfreut: ‚Nimm dir, was dir lieb ist, als Wunsch.‘
Wort für Wort
gūḍho duryodhanas tatra darśayām āsa mātulam taṃ dṛṣṭvā madrarājas tu jñātvā yatnaṃ ca tasya tam pariṣvajyābravīt prīta iṣṭo 'rtho gṛhyatām iti
Da zeigte sich der bis dahin verhüllt gebliebene Duryodhana dort seinem Onkel; als der König von Madra ihn erblickte und seine Mühe erkannte, umarmte er ihn und sprach erfreut: ‚Nimm dir, was dir lieb ist, als Wunsch.‘
[?] 'Onkel' (mātula): Śalya ist als Bruder der Mādrī der mütterliche Onkel von Nakula und Sahadeva; die Anrede wird hier von Duryodhana verwendet, wohl als ehrende Verwandtschaftsbezeichnung gegenüber dem angeheirateten älteren Verwandten.
duryodhana uvāca satyavāg bhava kalyāṇa varo vai mama dīyatām sarvasenāpraṇetā me bhavān bhavitum arhati
Duryodhana sprach: ‚Sei wahr in deinem Wort, Erlauchter; die Gabe soll mir gegeben werden - du sollst der Oberbefehlshaber meines gesamten Heeres werden.‘
Wort für Wort
duryodhana uvāca satyavāg bhava kalyāṇa varo vai mama dīyatām sarvasenāpraṇetā me bhavān bhavitum arhati
Duryodhana sprach: ‚Sei wahr in deinem Wort, Erlauchter; die Gabe soll mir gegeben werden - du sollst der Oberbefehlshaber meines gesamten Heeres werden.‘
sa tathā śalyam āmantrya punar āyāt svakaṃ puram śalyo jagāma kaunteyān ākhyātuṃ karma tasya tat
Nachdem er so von Śalya Abschied genommen hatte, kehrte er in seine eigene Stadt zurück; Śalya aber begab sich zu den Söhnen der Kuntī, um ihnen jene Tat zu berichten.
Wort für Wort
sa tathā śalyam āmantrya punar āyāt svakaṃ puram śalyo jagāma kaunteyān ākhyātuṃ karma tasya tat
Nachdem er so von Śalya Abschied genommen hatte, kehrte er in seine eigene Stadt zurück; Śalya aber begab sich zu den Söhnen der Kuntī, um ihnen jene Tat zu berichten.
tataḥ kuśalapūrvaṃ sa madrarājo 'risūdanaḥ prītyā paramayā yuktaḥ samāśliṣya yudhiṣṭhiram
Darauf umarmte der König von Madra, der Feindebezwinger, von höchster Zuneigung erfüllt, Yudhiṣṭhira, nachdem er sich zuvor nach seinem Wohlergehen erkundigt hatte.
Wort für Wort
tataḥ kuśalapūrvaṃ sa madrarājo 'risūdanaḥ prītyā paramayā yuktaḥ samāśliṣya yudhiṣṭhiram
Darauf umarmte der König von Madra, der Feindebezwinger, von höchster Zuneigung erfüllt, Yudhiṣṭhira, nachdem er sich zuvor nach seinem Wohlergehen erkundigt hatte.
tathā bhīmārjunau hṛṣṭau svasrīyau ca yamāv ubhau āsane copaviṣṭas tu śalyaḥ pārtham uvāca ha
Ebenso umarmte er die erfreuten Bhīma und Arjuna sowie beide Zwillinge, seine Schwestersöhne; und nachdem er auf einem Sitz Platz genommen hatte, sprach Śalya zum Pārtha:
Wort für Wort
tathā bhīmārjunau hṛṣṭau svasrīyau ca yamāv ubhau āsane copaviṣṭas tu śalyaḥ pārtham uvāca ha
Ebenso umarmte er die erfreuten Bhīma und Arjuna sowie beide Zwillinge, seine Schwestersöhne; und nachdem er auf einem Sitz Platz genommen hatte, sprach Śalya zum Pārtha:
suduṣkaraṃ kṛtaṃ rājan nirjane vasatā vane bhrātṛbhiḥ saha rājendra kṛṣṇayā cānayā saha
Ein sehr schwer zu Vollbringendes hast du vollbracht, o König, da du in menschenleerem Wald gewohnt hast, samt deinen Brüdern, o Fürst der Könige, und mit dieser Kṛṣṇā.
Wort für Wort
suduṣkaraṃ kṛtaṃ rājan nirjane vasatā vane bhrātṛbhiḥ saha rājendra kṛṣṇayā cānayā saha
Ein sehr schwer zu Vollbringendes hast du vollbracht, o König, da du in menschenleerem Wald gewohnt hast, samt deinen Brüdern, o Fürst der Könige, und mit dieser Kṛṣṇā.
ajñātavāsaṃ ghoraṃ ca vasatā duṣkaraṃ kṛtam duḥkham eva kutaḥ saukhyaṃ rājyabhraṣṭasya bhārata
Auch das schreckliche unerkannte Leben im Verborgenen hast du als schwer zu Vollbringendes vollbracht; wie sollte es Glück geben, wo nur Leid ist, für einen, der seines Königreichs beraubt wurde, o Bhārata?
Wort für Wort
ajñātavāsaṃ ghoraṃ ca vasatā duṣkaraṃ kṛtam duḥkham eva kutaḥ saukhyaṃ rājyabhraṣṭasya bhārata
Auch das schreckliche unerkannte Leben im Verborgenen hast du als schwer zu Vollbringendes vollbracht; wie sollte es Glück geben, wo nur Leid ist, für einen, der seines Königreichs beraubt wurde, o Bhārata?
duḥkhasyaitasya mahato dhārtarāṣṭrakṛtasya vai avāpsyasi sukhaṃ rājan hatvā śatrūn paraṃtapa
Für dieses große, von den Söhnen Dhṛtarāṣṭras verursachte Leid wirst du Glück erlangen, o König, wenn du die Feinde erschlagen hast, du Bezwinger der Feinde.
Wort für Wort
duḥkhasyaitasya mahato dhārtarāṣṭrakṛtasya vai avāpsyasi sukhaṃ rājan hatvā śatrūn paraṃtapa
Für dieses große, von den Söhnen Dhṛtarāṣṭras verursachte Leid wirst du Glück erlangen, o König, wenn du die Feinde erschlagen hast, du Bezwinger der Feinde.
viditaṃ te mahārāja lokatattvaṃ narādhipa tasmāl lobhakṛtaṃ kiṃ cit tava tāta na vidyate
Dir, großer König, Herrscher der Menschen, ist das Wesen der Welt bekannt; deshalb gibt es bei dir, mein Sohn, nichts, das aus Habgier entstanden wäre.‘
Wort für Wort
viditaṃ te mahārāja lokatattvaṃ narādhipa tasmāl lobhakṛtaṃ kiṃ cit tava tāta na vidyate
Dir, großer König, Herrscher der Menschen, ist das Wesen der Welt bekannt; deshalb gibt es bei dir, mein Sohn, nichts, das aus Habgier entstanden wäre.‘
tato 'syākathayad rājā duryodhanasamāgamam tac ca śuśrūṣitaṃ sarvaṃ varadānaṃ ca bhārata
Darauf erzählte ihm der König von der Begegnung mit Duryodhana, von der ganzen erwiesenen Gastfreundschaft und von der Gewährung des Wunsches, o Bhārata.
Wort für Wort
tato 'syākathayad rājā duryodhanasamāgamam tac ca śuśrūṣitaṃ sarvaṃ varadānaṃ ca bhārata
Darauf erzählte ihm der König von der Begegnung mit Duryodhana, von der ganzen erwiesenen Gastfreundschaft und von der Gewährung des Wunsches, o Bhārata.
yudhiṣṭhira uvāca sukṛtaṃ te kṛtaṃ rājan prahṛṣṭenāntarātmanā duryodhanasya yad vīra tvayā vācā pratiśrutam ekaṃ tv icchāmi bhadraṃ te kriyamāṇaṃ mahīpate
Yudhiṣṭhira sprach: ‚Wohlgetan hast du, o König, mit erfreutem Herzen, was du, Held, dem Duryodhana durch dein Wort zugesagt hast. Eines aber wünsche ich, das du tun mögest - Segen sei mit dir, Herrscher.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca sukṛtaṃ te kṛtaṃ rājan prahṛṣṭenāntarātmanā duryodhanasya yad vīra tvayā vācā pratiśrutam ekaṃ tv icchāmi bhadraṃ te kriyamāṇaṃ mahīpate
Yudhiṣṭhira sprach: ‚Wohlgetan hast du, o König, mit erfreutem Herzen, was du, Held, dem Duryodhana durch dein Wort zugesagt hast. Eines aber wünsche ich, das du tun mögest - Segen sei mit dir, Herrscher.
Du, großer König, bist im Kampf Vāsudeva gleich; wenn es zum Zweikampf zwischen Karṇa und Arjuna kommt, du Vortrefflichster der Könige, wirst du zweifellos Karṇas Wagenlenker sein müssen.
Du, großer König, bist im Kampf Vāsudeva gleich; wenn es zum Zweikampf zwischen Karṇa und Arjuna kommt, du Vortrefflichster der Könige, wirst du zweifellos Karṇas Wagenlenker sein müssen.
Erste Vorausdeutung auf Śalyas spätere Rolle als Karṇas Wagenlenker in der Schlacht (Karṇaparva).
tatra pālyo 'rjuno rājan yadi matpriyam icchasi tejovadhaś ca te kāryaḥ sauter asmajjayāvahaḥ akartavyam api hy etat kartum arhasi mātula
Dabei sollst du Arjuna beschützen, o König, wenn du mir eine Freude bereiten willst, und du sollst dem Sohn der Sūtā die Kraft rauben, was uns zum Sieg verhilft; auch wenn dies eigentlich nicht zu tun wäre, mögest du es dennoch tun, Onkel.‘
Wort für Wort
tatra pālyo 'rjuno rājan yadi matpriyam icchasi tejovadhaś ca te kāryaḥ sauter asmajjayāvahaḥ akartavyam api hy etat kartum arhasi mātula
Dabei sollst du Arjuna beschützen, o König, wenn du mir eine Freude bereiten willst, und du sollst dem Sohn der Sūtā die Kraft rauben, was uns zum Sieg verhilft; auch wenn dies eigentlich nicht zu tun wäre, mögest du es dennoch tun, Onkel.‘
jaṭāsurāt parikleśaḥ kīcakāc ca mahādyute draupadyādhigataṃ sarvaṃ damayantyā yathāśubham
die Qual durch Jaṭāsura und durch Kīcaka, o Hochglänzender, und alles Unglückliche, das Draupadī erlitten hat, gleich dem, was einst Damayantī widerfuhr -
Wort für Wort
jaṭāsurāt parikleśaḥ kīcakāc ca mahādyute draupadyādhigataṃ sarvaṃ damayantyā yathāśubham
die Qual durch Jaṭāsura und durch Kīcaka, o Hochglänzender, und alles Unglückliche, das Draupadī erlitten hat, gleich dem, was einst Damayantī widerfuhr -
Anspielung auf die Nala-Damayantī-Erzählung, die den Pāṇḍavas bereits im Vanaparva als Trostgeschichte erzählt wurde.