Kapitel 183: Caturthadivasayuddham
Der vierte Tag des Zweikampfs: Bhīṣmas vermeintlicher Tod und Rāmas Sturz
Bhīṣma erzählt weiter: Am nächsten Morgen entbrennt der Kampf erneut. Bhīṣmas Wagenlenker wird tödlich getroffen, Bhīṣma selbst wird schwer verwundet und sinkt scheinbar leblos zu Boden; Rāma und seine Anhänger jubeln in dem Glauben, er sei tot. Acht Brahmanen beschützen den schwebenden Bhīṣma, bis seine Mutter Gaṅgā erscheint, die Pferde birgt und ihm einen neuen Wagen bringt. Wiederhergestellt, schießt Bhīṣma einen herzdurchbohrenden Pfeil auf Rāma, der daraufhin selbst besinnungslos zu Boden sinkt; gewaltige kosmische Vorzeichen (Blutregen, Meteore, Sonnenfinsternis, Erdbeben) begleiten seinen Fall. Der Kampf endet mit Sonnenuntergang. Bhīṣma berichtet abschließend, dass der Zweikampf insgesamt bereits dreiundzwanzig Tage gedauert habe.
Bhīṣma sprach weiter: Dann, o Herrscher der Könige, als am Morgen die klare Sonne aufgegangen war, habe sich der Kampf des Sohnes des Bhṛgu mit mir aufs Neue erhoben.
tataḥ sūtaḥ sa me 'tyarthaṃ kaśmalaṃ prāviśan mahat pṛthivyāṃ ca śarāghātān nipapāta mumoha ca
Dann sei jener mein Wagenlenker von großer, übermäßiger Betäubung erfasst worden und infolge des Pfeilschlags zu Boden gefallen und ohnmächtig geworden.
Dann habe der Wagenlenker, von Rāmas Pfeil gequält, gleichsam binnen einer Muhūrta sein Leben ausgehaucht, o Herrscher der Könige, und da habe mich Furcht ergriffen.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
sūtaḥ
der Wagenlenker (Nom. Sg.)
ajahāt prāṇān
er gab das Leben auf (Impf. 3.Sg.)
rāmabāṇaprapīḍitaḥ
von Rāmas Pfeil gequält (Nom. Sg.)
muhūrtāt iva
gleichsam binnen einer Muhūrta (Abl. Sg.)
rājendra
o Herrscher der Könige (Vok. Sg.)
mām
mich (Akk. Sg.)
ca
und (Konj.)
bhīḥ
Furcht (Nom. Sg.)
āviśat
ergriff (Impf. 3.Sg.)
tadā
da (Adv.)
[?] Eine 'Muhūrta' ist ein altes Zeitmaß von etwa 48 Minuten.
Dann habe jener Sohn des Bhṛgu mich, der ich durch das Unglück des Wagenlenkers in Verwirrung geraten war, nachdem er kräftig seinen Bogen gespannt hatte, mit einem Pfeil heftig getroffen.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
sūtavyasaninam
durch das Unglück des Wagenlenkers betroffen (Akk. Sg.)
sa me jatrvantare rājan nipatya rudhirāśanaḥ mayaiva saha rājendra jagāma vasudhātalam
Er, Blut trinkend, sei in meine Schlüsselbeingegend eingedrungen, o König, und ich selbst sei mit ihm zugleich zu Boden gesunken, o Herrscher der Könige.
Wort für Wort
saḥ
er (der Pfeil, Nom. Sg.)
me jatrvantare
in meine Schlüsselbeingegend (Lok. Sg.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
nipatya
nachdem er eingedrungen war (Absolutiv)
rudhirāśanaḥ
Blut trinkend (Nom. Sg.)
mayā eva saha
mit mir selbst zugleich (Instr. Sg. + Postposition)
mama tatrābhavan ye tu kauravāḥ pārśvataḥ sthitāḥ āgatā ye ca yuddhaṃ taj janās tatra didṛkṣavaḥ ārtiṃ paramikāṃ jagmus te tadā mayi pātite
Die Kauravas aber, die dort an meiner Seite standen, und jene Leute, die gekommen waren, um dieses Gefecht zu betrachten, seien, als ich gefallen war, in höchste Not geraten.
tato 'paśyaṃ pātito rājasiṃha dvijān aṣṭau sūryahutāśanābhān te māṃ samantāt parivārya tasthuḥ svabāhubhiḥ parigṛhyājimadhye
Da habe ich, gefallen, o Löwe unter den Königen, acht Brahmanen erblickt, der Sonne und dem Feuer gleich; sie hätten mich ringsum umringt, mit ihren eigenen Armen gefasst haltend, inmitten des Schlachtfelds.
rakṣyamāṇaś ca tair viprair nāhaṃ bhūmim upāspṛśam antarikṣe sthito hy asmi tair viprair bāndhavair iva svapann ivāntarikṣe ca jalabindubhir ukṣitaḥ
Von jenen Brahmanen beschützt, habe ich den Boden nicht berührt; ich sei, gleichsam wie von Verwandten getragen, in der Luft geschwebt, wie schlafend, in der Luft, und von Wassertropfen besprengt.
tatas te brāhmaṇā rājann abruvan parigṛhya mām mā bhair iti samaṃ sarve svasti te 'stv iti cāsakṛt
Dann hätten jene Brahmanen, o König, mich haltend, alle zugleich gesagt, ich solle mich nicht fürchten, und wiederholt: Heil sei mit mir.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
te brāhmaṇāḥ
jene Brahmanen (Nom. Pl.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
abruvan
sie sagten (Impf. 3.Pl.)
parigṛhya
mich haltend (Absolutiv)
mām
mich (Akk. Sg.)
mā bhaiḥ
fürchte dich nicht! (Inj. 2.Sg.)
iti
so (Zitatpartikel)
samam sarve
alle zugleich (Adv.)
svasti te astu
Heil sei dir (Opt. 3.Sg.)
iti
so (Zitatpartikel)
ca asakṛt
und wiederholt (Adv.)
[?] Die an Bhīṣma gerichteten Worte der acht Brahmanen werden hier indirekt wiedergegeben, da sie innerhalb von Bhīṣmas fortlaufender Ich-Erzählung liegen.
hayāś ca me saṃgṛhītās tayā vai mahānadyā saṃyati kauravendra pādau jananyāḥ pratipūjya cāhaṃ tathārṣṭiṣeṇaṃ ratham abhyaroham
Meine Pferde seien von jenem großen Fluss im Kampf ergriffen worden, o Herr der Kauravas; und nachdem ich die Füße meiner Mutter verehrt hatte, sei ich auf den Wagen namens Ṛṣṭiṣeṇa gestiegen.
Wort für Wort
hayāḥ ca me
und meine Pferde (Nom. Pl.)
saṃgṛhītāḥ
ergriffen (PPP Nom.)
tayā mahānadyā
von jenem großen Fluss (Instr. Sg.)
vai
fürwahr (Partikel)
saṃyati
im Kampf (Lok. Sg.)
kauravendra
o Herr der Kauravas (Vok. Sg.)
pādau jananyāḥ
die Füße der Mutter (Akk. Dual)
pratipūjya
nachdem ich verehrt hatte (Absolutiv)
ca aham
und ich (Nom. Sg.)
tathā
dann (Adv.)
ṛṣṭiṣeṇam ratham
den Wagen namens Ṛṣṭiṣeṇa (Akk. Sg.)
abhyaroham
ich bestieg (Impf. 1.Sg.)
[?] 'Ṛṣṭiṣeṇa' als Wagenname ist unsicher überliefert; die genaue Bedeutung des Beinamens bleibt unklar.
tato ravir mandamarīcimaṇḍalo jagāmāstaṃ pāṃsupuñjāvagāḍhaḥ niśā vyagāhat sukhaśītamārutā tato yuddhaṃ pratyavahārayāvaḥ
Dann sei die Sonne, ihr Strahlenkreis geschwächt, in einer Wolke von Staub versunken untergegangen; die Nacht mit ihrem angenehm kühlen Wind sei hereingebrochen, und da hätten wir beide den Kampf beendet.
So, o König, sei die Kampfpause eingetreten; und danach, an jedem klaren Morgen, sei aufs Neue ein höchst schreckliches Gefecht entstanden, zwanzig Tage lang, und ebenso noch drei weitere Tage.
Wort für Wort
evam
so (Adv.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
avahāraḥ
die Kampfpause (Nom. Sg.)
babhūva
sie trat ein (Perf. 3.Sg.)
tataḥ punaḥ
danach wieder (Adv.)
vimale
am klaren [Morgen] (Lok. Sg.)
abhūt
es entstand (Impf. 3.Sg.)
sughoram
höchst schrecklich (Nom. Sg.)
kālyam kālyam
an jedem Morgen (Adv., Wiederholung)
viṃśatim
zwanzig (Akk. Sg.)
vai
fürwahr (Partikel)
dināni
Tage (Akk. Pl.)
tathā eva
ebenso (Adv.)
ca anyāni
und weitere (Akk. Pl.)
dināni trīṇi
drei Tage (Akk. Pl.)
[?] Der Vers zählt die Gesamtdauer des Zweikampfs bislang auf dreiundzwanzig Tage (zwanzig plus drei weitere).