Kapitel 111: Śāṇḍilyāgamanam
Śāṇḍilīs Segen und Viśvāmitras Geduld
Nārada und Gālava landen mit Garuḍa auf dem Berg Ṛṣabha und treffen die asketische Brahmanin Śāṇḍilī. Nach dem Mahl erwacht Garuḍa und muss entsetzt feststellen, dass sein Körper zu einem bloßen Fleischklumpen geschrumpft ist. Auf Gālavas bestürzte Frage gesteht er, heimlich erwogen zu haben, Śāṇḍilī gegen ihren Willen fortzutragen, um sie an einen noch heiligeren Ort zu bringen - und bittet sie um Verzeihung. Śāṇḍilī, keineswegs zornig, versichert ihm, dass ihr durch tadellosen Wandel erlangte Vollkommenheit keinen Groll kenne, hält eine kurze Lehrrede über die Frucht rechten Wandels und erteilt ihm ihren Segen, worauf seine Flügel neue Kraft gewinnen. Auf dem Rückweg treffen sie erneut auf Viśvāmitra, der Gālava höflich mehr Zeit zur Erfüllung seines Versprechens einräumt. Suparṇa erkennt, dass es nun ernst gilt, und fordert Gālava zu gemeinsamer Beratung auf, da ohne Erfüllung der Schuld an den Lehrer kein Verharren möglich sei.
Nārada sprach: Dann, auf dem Gipfel des Ṛṣabha gelandet, die beiden Vogel-Zweimalgeborenen (Nom. + 3. Sg. Perf. + Gen. + Adv. + Lok. + Ger. + Nom. Dual, Bahuvrīhi)
śāṇḍilīṃ brāhmaṇīṃ tatra dadṛśāte taponvitām
sahen dort die von Askese erfüllte Brahmanin Śāṇḍilī (Akk. + Akk. + Adv. + 3. Dual Perf. + Akk., Bahuvrīhi)
[Anm.: Garuḍas am Ende von Kap.110 offene Rede schließt hier implizit - Nāradas eigene Rahmenerzählung (SQ) setzt sich unverändert fort.]
abhivādya suparṇas tu gālavaś cābhipūjya tām tayā ca svāgatenoktau viṣṭare saṃniṣīdatuḥ
Suparṇa begrüßte sie ehrerbietig, und Gālava erwies ihr Verehrung; von ihr mit einem Willkommensgruß empfangen, setzten sich beide auf den dargebotenen Sitz.
Wort für Wort
abhivādya suparṇaḥ tu gālavaḥ ca abhipūjya tām
Suparṇa begrüßte sie ehrerbietig, und Gālava erwies ihr Verehrung (Ger. + Nom. + Partikel + Nom. + Partikel + Ger. + Akk.)
tayā ca svāgatena uktau viṣṭare saṃniṣīdatuḥ
von ihr mit einem Willkommensgruß empfangen, setzten sich beide auf den dargebotenen Sitz (Instr. + Partikel + Instr. + Nom. Dual Ppp. + Lok. + 3. Dual Perf.)
Nachdem sie das von ihr rasch bereitete, mit Opfersprüchen verstärkte Speisegericht gegessen hatten, legten sich beide, gesättigt, auf den Boden, von der Speise betäubt.
nachdem sie das von ihr rasch bereitete, mit Opfersprüchen verstärkte Speisegericht gegessen hatten (Akk. + Akk. + Instr. + Adv. + Akk., Bahuvrīhi + Ger.)
tṛptau ubhau bhūmau suptau tau annamohitau
legten sich beide, gesättigt, auf den Boden, von der Speise betäubt (Nom. Dual Ppp. + Nom. Dual + Lok. + Nom. Dual Ppp. + Nom. Dual + Nom. Dual, Bahuvrīhi)
suparṇo 'thābravīd vipraṃ pradhyātaṃ vai mayā dvija imāṃ siddhām ito netuṃ tatra yatra prajāpatiḥ
Suparṇa sprach da zu dem Brahmanen: „In der Tat, o Zweimalgeborener, habe ich daran gedacht, diese vollkommene Frau von hier dorthin zu führen, wo Prajāpati weilt,
Wort für Wort
suparṇaḥ atha abravīt vipram pradhyātaṃ vai mayā dvija
Suparṇa sprach da zu dem Brahmanen: in der Tat habe ich, o Zweimalgeborener, gedacht (Nom. + Adv. + 3. Sg. Ipf. + Akk. + Akk. Sg. Ppp. + Partikel + Instr. + Vok.)
imāṃ siddhāṃ itaḥ netuṃ tatra yatra prajāpatiḥ
diese vollkommene Frau von hier dorthin zu führen, wo Prajāpati weilt (Akk. + Akk. + Adv. + Inf. + Adv. + Adv. + Nom.)
so 'haṃ bhagavatīṃ yāce praṇataḥ priyakāmyayā mayaitan nāma pradhyātaṃ manasā śocatā kila
So bitte ich, verneigt, aus dem Wunsch, ihr zu gefallen, die verehrungswürdige Herrin; wahrlich, eben dies habe ich in meinem betrübten Sinn erwogen.
Wort für Wort
saḥ aham bhagavatīṃ yāce praṇataḥ priyakāmyayā
so bitte ich, verneigt, aus dem Wunsch, ihr zu gefallen, die verehrungswürdige Herrin (Nom. + Nom. + Akk. + 1. Sg. Präs. Med. + Nom. Sg. Ppp. + Instr.)
mayā etat nāma pradhyātaṃ manasā śocatā kila
wahrlich, eben dies habe ich in meinem betrübten Sinn erwogen (Instr. + Akk. + Partikel + Akk. Sg. Ppp. + Instr. + Instr. Sg. Part. Präs. + Partikel)
tad evaṃ bahumānāt te mayehānīpsitaṃ kṛtam sukṛtaṃ duṣkṛtaṃ vā tvaṃ māhātmyāt kṣantum arhasi
So wurde von mir, aus großer Hochachtung vor dir, hier etwas Ungewolltes getan; ob wohlgetan oder übelgetan - du mögest es, aus deiner Seelengröße, zu verzeihen geruhen.“
Wort für Wort
tat evaṃ bahumānāt te mayā iha anīpsitaṃ kṛtam
so wurde von mir, aus großer Hochachtung vor dir, hier etwas Ungewolltes getan (Adv. + Adv. + Abl. + Gen. + Instr. + Adv. + Akk. + Akk. Sg. Ppp.)
sukṛtaṃ duṣkṛtaṃ vā tvaṃ māhātmyāt kṣantum arhasi
ob wohlgetan oder übelgetan - du mögest es, aus deiner Seelengröße, zu verzeihen geruhen (Akk. + Akk. + Partikel + Nom. + Abl. + Inf. + 2. Sg. Präs.)
sā tau tadābravīt tuṣṭā patagendradvijarṣabhau na bhetavyaṃ suparṇo 'si suparṇa tyaja saṃbhramam
Sie, zufrieden, sprach da zu den beiden, dem Herrn der Vögel und dem Bullen der Zweimalgeborenen: „Es gibt nichts zu fürchten; du bist wahrhaft schöngefiedert, Suparṇa - lass deine Bestürzung fahren.
Wort für Wort
sā tau tadā abravīt tuṣṭā patagendradvijarṣabhau
sie, zufrieden, sprach da zu den beiden, dem Herrn der Vögel und dem Bullen der Zweimalgeborenen (Nom. + Akk. Dual + Adv. + 3. Sg. Ipf. + Nom. + Akk. Dual, Dvandva)
na bhetavyaṃ suparṇaḥ asi suparṇa tyaja saṃbhramam
es gibt nichts zu fürchten; du bist wahrhaft schöngefiedert, Suparṇa - lass deine Bestürzung fahren (Neg. + Nom. Sg. Ger.-Verbaladj. + Nom. + 2. Sg. Präs. + Vok. + Imperativ + Akk.)
ninditāsmi tvayā vatsa na ca nindāṃ kṣamāmy aham lokebhyaḥ sa paribhraśyed yo māṃ nindeta pāpakṛt
Getadelt wurde ich von dir, mein Kind; und Tadel verzeihe ich nicht - wer mich, frevelhaft handelnd, tadeln würde, der fiele aus allen Welten.
Wort für Wort
ninditā asmi tvayā vatsa na ca nindāṃ kṣamāmi aham
getadelt wurde ich von dir, mein Kind; und Tadel verzeihe ich nicht (Nom. Sg. Ppp. + 1. Sg. Präs. + Instr. + Vok. + Neg. + Partikel + Akk. + 1. Sg. Präs. + Nom.)
lokebhyaḥ sa paribhraśyet yaḥ māṃ nindeta pāpakṛt
der fiele aus allen Welten, wer mich, frevelhaft handelnd, tadeln würde (Abl. Pl. + Nom. + 3. Sg. Opt. + Nom. + Akk. + 3. Sg. Opt. + Nom.)
Von mir, die ich zwar aller günstigen Merkmale entbehre, doch dadurch, dass ich rechtem Wandel folgte, ungetadelt blieb, wurde diese höchste Vollkommenheit erlangt.
Wort für Wort
hīnayā alakṣaṇaiḥ sarvaiḥ tathā aninditayā mayā
von mir, die aller günstigen Merkmale entbehrt, doch ungetadelt blieb (Instr. Sg. Ppp. + Instr. Pl. + Instr. Pl. + Adv. + Instr. Sg. Ppp. + Instr.)
ācāraṃ pratigṛhṇantyā siddhiḥ prāptā iyam uttamā
dadurch, dass ich rechtem Wandel folgte, wurde diese höchste Vollkommenheit erlangt (Akk. + Instr. Sg. Part. Präs. + Nom. + Nom. Sg. Ppp. + Nom. + Nom.)
Aus rechtem Wandel gewinnt man Dharma, aus rechtem Wandel gewinnt man Reichtum, aus rechtem Wandel erlangt man Glanz und Wohlstand; rechter Wandel vernichtet üble Vorzeichen.
Wort für Wort
ācārāt labhate dharmam ācārāt labhate dhanam
aus rechtem Wandel gewinnt man Dharma, aus rechtem Wandel gewinnt man Reichtum (Abl. + 3. Sg. Präs. Med. + Akk. + Abl. + 3. Sg. Präs. Med. + Akk.)
tadāyuṣman khagapate yatheṣṭaṃ gamyatām itaḥ na ca te garhaṇīyāpi garhitavyāḥ striyaḥ kva cit
Deshalb, o langlebiger Herr der Vögel, geh von hier fort, wohin du willst; und Frauen, selbst wenn sie tadelnswert sind, sollen von dir niemals getadelt werden.
Wort für Wort
tat āyuṣman khagapate yathā iṣṭam gamyatām itaḥ
deshalb, o langlebiger Herr der Vögel, geh von hier fort, wohin du willst (Adv. + Vok. + Vok. + Adv. + Nom. + 3. Sg. Imp. Pass. + Adv.)
na ca te garhaṇīyāḥ api garhitavyāḥ striyaḥ kva cit
und Frauen, selbst wenn sie tadelnswert sind, sollen von dir niemals getadelt werden (Neg. + Partikel + Gen. + Nom. Pl., Ger.-Verbaladj. + Partikel + Nom. Pl., Ger.-Verbaladj. + Nom. Pl. + Adv.)
Du wirst, wie zuvor, mit Kraft und Stärke ausgestattet sein.“ Danach wurden seine beiden Flügel gewichtiger.
Wort für Wort
bhavitā asi yathāpūrvaṃ balavīryasamanvitaḥ
du wirst, wie zuvor, mit Kraft und Stärke ausgestattet sein (Nom. Sg. Fut. Part. + 2. Sg. Präs. + Adv. + Nom., Bahuvrīhi)
babhūvatuḥ tataḥ tasya pakṣau draviṇavattarau
danach wurden seine beiden Flügel gewichtiger (3. Dual Perf. + Adv. + Gen. + Nom. Dual + Nom. Dual, Komparativ)
[Anm.: Śāṇḍilīs Segensrede - offen seit V.012 - schließt mitten im Vers, gefolgt von reiner Erzählung, die das Ergebnis des Segens (Garuḍas wiedererstarkte Flügel) beschreibt.]
„Die Aufgabe, die du selbst mir gegenüber gelobt hast, o Zweimalgeborener - was die Zeit für deren Erfüllung angeht, oder wie du selbst es für gut befindest,
Wort für Wort
yaḥ tvayā svayam eva arthaḥ pratijñātaḥ mama dvija
die Aufgabe, die du selbst mir gegenüber gelobt hast, o Zweimalgeborener (Nom. + Instr. + Adv. + Partikel + Nom. + Nom. Sg. Ppp. + Gen. + Vok.)
tasya kālaḥ apavargasya yathā vā manyate bhavān
was die Zeit für deren Erfüllung angeht, oder wie du selbst es für gut befindest (Gen. + Nom. + Gen. + Adv. + Partikel + 3. Sg. Präs. Med. + Nom.)
pratīkṣiṣyāmy ahaṃ kālam etāvantaṃ tathā param yathā saṃsidhyate vipra sa mārgas tu niśamyatām
so werde ich eine derartige oder auch längere Zeit abwarten, damit es gelingt, o Brahmane; doch möge jener Weg dazu vernommen werden.“
Wort für Wort
pratīkṣiṣyāmi aham kālam etāvantaṃ tathā param
so werde ich eine derartige oder auch längere Zeit abwarten (1. Sg. Fut. + Nom. + Akk. + Akk. + Adv. + Akk.)
yathā saṃsidhyate vipra sa mārgaḥ tu niśamyatām
damit es gelingt, o Brahmane; doch möge jener Weg dazu vernommen werden (Adv. + 3. Sg. Präs. Pass. + Vok. + Nom. + Nom. + Partikel + 3. Sg. Imp. Pass.)
So komm, o Bester der Zweimalgeborenen, lass uns beide beraten, Gālava; ohne dem Lehrer gegeben zu haben, kannst du in dieser ganzen Angelegenheit nicht verharren.
Wort für Wort
tat āgaccha dvijaśreṣṭha mantrayiṣyāva gālava
so komm, o Bester der Zweimalgeborenen, lass uns beide beraten, Gālava (Adv. + Imperativ + Vok. + 1. Dual Fut. + Vok.)
na adattvā gurave śakyaṃ kṛtsnam arthaṃ tvayā āsitum
ohne dem Lehrer gegeben zu haben, kannst du in dieser ganzen Angelegenheit nicht verharren (Neg. + Ger. + Dat. + Nom. + Akk. + Akk. + Instr. + Inf.)
[Anm.: CQ bleibt am Kapitelende offen - Suparṇas Rede setzt sich fort.]