Kapitel 130: Kuntīvākyam
Kuntīs Mahnbotschaft an Yudhiṣṭhira
Kṛṣṇa berichtet Kuntī vom Scheitern der Friedensmission und will zu den Pāṇḍavas aufbrechen. Kuntī trägt ihm eine eindringliche Botschaft für Yudhiṣṭhira auf: Er solle sein übertriebenes Anhaften an einer engen Auffassung von Dharma ablegen, sich seiner ererbten Kṣatriya-Pflicht zur Königsherrschaft und zum Kampf besinnen und nicht länger im Zustand der Machtlosigkeit verharren. Die Rede stützt sich auf Reflexionen über Rājadharma, die kosmische Bedeutung des Königs für die Weltzeitalter und das Gleichnis von König Mucukunda. Kuntīs Botschaft bricht am Kapitelende nicht ab, sondern setzt sich in Kap.131 mit der Erzählung von Vidurā und ihrem Sohn fort.
vaiśaṃpāyana uvāca praviśyātha gṛhaṃ tasyāś caraṇāv abhivādya ca ācakhyau tat samāsena yad vṛttaṃ kurusaṃsadi
Vaiśaṃpāyana sprach: Darauf, in ihr Haus eingetreten und ihre Füße ehrerbietig grüßend, berichtete er ihr in Kürze, was sich in der Kuru-Versammlung zugetragen hatte.
Wort für Wort
praviśya gṛham
in das Haus eingetreten (Gerundium + Akk.Sg.)
tasyāḥ caraṇau abhivādya
ihre beiden Füße ehrerbietig grüßend (Gen. + Akk.Du. + Gerundium)
ācakhyau samāsena
er berichtete in Kürze (3.Sg.Perf. + Adv.)
yat vṛttam kurusaṃsadi
was sich in der Kuru-Versammlung zugetragen hatte (Relativsatz + Loc.)
Kṛṣṇa sucht nach dem gescheiterten Friedensversuch Kuntī (Pṛthā), seine Tante, auf, um ihr vor der Abreise Bericht zu erstatten.
vāsudeva uvāca uktaṃ bahuvidhaṃ vākyaṃ grahaṇīyaṃ sahetukam ṛṣibhiś ca mayā caiva na cāsau tad gṛhītavān
Vāsudeva sprach: ‚Viele Arten annehmbarer, wohlbegründeter Worte wurden sowohl von den Sehern als auch von mir gesprochen — doch er hat sie nicht angenommen.
Wort für Wort
uktam bahuvidham vākyam
vielerlei gesprochenes Wort (Nom.Sg.n.)
grahaṇīyam sahetukam
annehmbar, wohlbegründet (Nom.Sg.n.)
ṛṣibhiḥ ca mayā ca
sowohl von den Sehern als auch von mir (Instr.Pl. + Instr.Sg.)
na asau tat gṛhītavān
er hat es nicht angenommen (Verneinung + Nom.Sg. + Ptz.Perf.)
Kuntī sprach: ‚Sage, o Keśava, dem König, dem rechtschaffenen Yudhiṣṭhira: ,Dein Verdienst schwindet zusehends; handle nicht vergeblich, mein Söhnchen.
Wort für Wort
brūyāḥ keśava
sage, o Keśava (2.Sg.Optativ + Vok.)
rājānam dharmātmānam yudhiṣṭhiram
dem König, dem rechtschaffenen Yudhiṣṭhira (Akk.Sg. je)
bhūyāṃs hīyate dharmaḥ
das Verdienst schwindet zusehends (Adv. + 3.Sg.Präs.Pass. + Nom.Sg.)
putraka
mein Söhnchen (Vok.Sg.)
mā vṛthā kṛthāḥ
handle nicht vergeblich (Verneinung + Adv. + 2.Sg.Injunktiv)
Hier beginnt Kuntīs an Kṛṣṇa gerichtete, für Yudhiṣṭhira bestimmte Botschaft; sie erstreckt sich, da Kuntī das Wort in Kap.131 mit erneutem 'kunty uvāca' ohne Sprecherwechsel fortsetzt, über das Kapitelende hinaus.
śrotriyasyeva te rājan mandakasyāvipaścitaḥ anuvākahatā buddhir dharmam evaikam īkṣate
Wie bei einem trägen, unverständigen Veda-Rezitator ist dein Verstand, o König, vom bloßen Hersagen abgestumpft und blickt nur auf das eine, [engverstandene] Recht allein.
Wort für Wort
śrotriyasya iva mandakasya avipaścitaḥ
wie eines trägen, unverständigen Veda-Kundigen (Gen.Sg. + Vergleich)
anuvākahatā buddhiḥ
der vom Hersagen abgestumpfte Verstand (Nom.Sg.)
dharmam eva ekam īkṣate
blickt nur auf das eine Recht (Akk.Sg.m. + Adv. + 3.Sg.Präs.Ā.)
[?] Der Vergleich mit dem 'trägen Veda-Rezitator' ist bildhaft-knapp; gemeint ist wohl ein Vorwurf, Yudhiṣṭhira klammere sich an eine enge, buchstabengetreue Auffassung von Dharma, ohne die kṣatriya-gemäße Tatkraft zu bedenken.
Bedenke wohl, mein Lieber, das Recht, so wie du vom Selbstentstandenen [Brahmā] geschaffen wurdest: aus der Brust wurde der Kṣatriya geschaffen, von der Kraft seines Armes lebend, für das harte Werk, die Untertanen beständig zu beschützen.
Und höre hierzu ein Gleichnis, das ich von den Alten gehört habe: Vaiśravaṇa [Kubera] bot einst, wohlgesonnen, dem königlichen Weisen Mucukunda diese Erde an, doch jener nahm sie nicht an.
Wort für Wort
śṛṇu ca atra upamām ekām
und höre hierzu ein Gleichnis (2.Sg.Imperativ + Adv. + Akk.Sg.)
yā vṛddhebhyaḥ śrutā mayā
das ich von den Alten gehört habe (Relativsatz + Abl.Pl. + Ptz. + Instr.)
mucukundasya rājarṣeḥ
dem königlichen Weisen Mucukunda (Gen.Sg.)
adadāt pṛthivīm imām
er bot diese Erde an (3.Sg.Impf. + Akk.Sg.)
vaiśravaṇaḥ prītaḥ
Vaiśravaṇa, wohlgesonnen (Nom.Sg.)
na tām gṛhītavān
er nahm sie nicht an (Verneinung + Akk.Sg. + Ptz.Perf.)
daṇḍanītiḥ svadharmeṇa cāturvarṇyaṃ niyacchati prayuktā svāminā samyag adharmebhyaś ca yacchati
Die Strafgewalt hält, entsprechend ihrer eigenen Ordnung, die vier Stände im Zaum; von ihrem Herrn recht angewandt, hält sie sie auch von Unrecht zurück.
Wort für Wort
daṇḍanītiḥ svadharmeṇa
die Strafgewalt gemäß ihrer eigenen Ordnung (Nom.Sg. + Instr.Sg.)
cāturvarṇyam niyacchati
sie hält die vier Stände im Zaum (Akk.Sg.n. + 3.Sg.Präs.)
prayuktā svāminā samyak
von ihrem Herrn recht angewandt (Ptz. + Instr.Sg. + Adv.)
adharmebhyaḥ ca yacchati
und hält sie von Unrecht zurück (Abl.Pl. + 3.Sg.Präs.)
Weil er die Ursache des Kṛta[-Zeitalters] ist, genießt der König den Himmel ohne Ende; weil er die Ursache der Tretā ist, genießt der König den Himmel nicht ohne Ende; weil er die Dvāpara bewirkt, genießt er ihn nach seinem Anteil.
Wort für Wort
kṛtasya kāraṇāt
als Ursache des Kṛta (Gen. + Abl.)
rājā svargam atyantam aśnute
der König genießt den Himmel ohne Ende (Nom.Sg. + Akk.Sg. + Adv. + 3.Sg.Präs.Ā.)
tretāyāḥ kāraṇāt
als Ursache der Tretā (Gen. + Abl.)
na atyantam aśnute
genießt er nicht ohne Ende (Verneinung + Adv. + 3.Sg.Präs.Ā.)
pravartanāt dvāparasya
durch das Bewirken der Dvāpara (Abl. + Gen.)
yathābhāgam upāśnute
genießt er ihn nach seinem Anteil (Adv. + 3.Sg.Präs.Ā.)
tato vasati duṣkarmā narake śāśvatīḥ samāḥ rājadoṣeṇa hi jagat spṛśyate jagataḥ sa ca
Danach wohnt der Übeltäter für ewige Jahre in der Hölle; denn durch die Schuld des Königs wird die Welt berührt [heimgesucht], und er durch [die Schuld] der Welt.
Wort für Wort
tataḥ vasati duṣkarmā
danach wohnt der Übeltäter (Adv. + 3.Sg.Präs. + Nom.Sg.)
narake śāśvatīḥ samāḥ
in der Hölle für ewige Jahre (Loc. + Akk.Pl.)
rājadoṣeṇa jagat spṛśyate
durch die Königsschuld wird die Welt berührt (Instr. + Nom.Sg.n. + 3.Sg.Präs.Pass.)
jagataḥ sa ca
und er durch die der Welt (Gen. + Nom.Sg.)
[Gemeint ist das vierte, schlechteste Zeitalter (Kaliyuga), in dem der König seine Pflicht versäumt.]
rājadharmān avekṣasva pitṛpaitāmahocitān naitad rājarṣivṛttaṃ hi yatra tvaṃ sthātum icchasi
Bedenke die königlichen Pflichten, wie sie deinem Vater und Großvater geziemten; denn dies, worin du zu verharren wünschst, ist nicht das Verhalten eines königlichen Weisen.
Wort für Wort
rājadharmān avekṣasva
bedenke die königlichen Pflichten (Akk.Pl. + 2.Sg.Imperativ Ā.)
pitṛpaitāmahocitān
die dem Vater und Großvater geziemten (Akk.Pl.)
na etat rājarṣivṛttam
dies ist nicht das Verhalten eines königlichen Weisen (Verneinung + Nom.Sg.n.)
yatra tvam sthātum icchasi
worin du zu verharren wünschst (Adv. + Nom. + Inf. + 2.Sg.Präs.)
na hi vaiklavyasaṃsṛṣṭa ānṛśaṃsye vyavasthitaḥ prajāpālanasaṃbhūtaṃ kiṃ cit prāpa phalaṃ nṛpaḥ
Denn niemals hat ein König, der, von Schwäche befallen, sich auf bloße Milde festlegte, irgendeine aus dem Schutz der Untertanen entstehende Frucht erlangt.
Wort für Wort
na hi vaiklavyasaṃsṛṣṭaḥ
denn niemals der von Schwäche Befallene (Verneinung + Nom.Sg.)
ānṛśaṃsye vyavasthitaḥ
auf Milde festgelegt (Loc. + Nom.Sg.Ptz.)
prajāpālanasaṃbhūtam phalam
die aus dem Untertanenschutz entstehende Frucht (Akk.Sg.n.)
kiṃ cit prāpa nṛpaḥ
irgendeine erlangte der König (Akk.Sg.n. + 3.Sg.Perf. + Nom.Sg.)
Dieses Recht — oder Unrecht — bist du eben durch deine Geburt mitgeboren worden; auch die als Ärzte in eine [Familie] Geborenen leiden, mein Lieber, unter dem Fehlen ihrer [angestammten] Erwerbstätigkeit, [wenn sie sie versäumen].
Wort für Wort
etat dharmam adharmam vā
dieses Recht oder Unrecht (Akk.Sg.n. je)
janmanā eva abhyajāyathāḥ
bist du eben durch die Geburt mitgeboren worden (Instr. + Adv. + 2.Sg.Impf.Ā.Pass.)
te stha vaidyāḥ
[wie] die Ärzte sind (Nom.Pl.)
kule jātāḥ avṛttyā
in eine Familie geboren, durch Fehlen der Erwerbstätigkeit (Loc. + Ptz. + Instr.)
tāta pīḍitāḥ
mein Lieber, bedrängt (Vok. + Ptz.Pl.)
[?] Die Verse 'te stha vaidyāḥ kule jātā avṛttyā tāta pīḍitāḥ' sind im überlieferten Text knapp und sprichwortartig; der genaue Bezug des Vergleichs mit den 'in eine Familie geborenen Ärzten' bleibt unsicher. Sinngemäß dürfte gemeint sein: Wie ein in eine Ärztefamilie Geborener leidet, wenn er seinen angestammten Beruf versäumt, so leidest auch du als Kṣatriya, wenn du deine ererbte Pflicht vernachlässigst.
yat tu dānapatiṃ śūraṃ kṣudhitāḥ pṛthivīcarāḥ prāpya tṛptāḥ pratiṣṭhante dharmaḥ ko 'bhyadhikas tataḥ
Wenn aber hungrige Wanderer der Erde, einen heldenhaften Herrn der Freigebigkeit erreicht habend, gesättigt [wieder] aufbrechen — welches Recht wäre größer als dieses?
Wort für Wort
yat tu dānapatim śūram
wenn aber den heldenhaften Herrn der Freigebigkeit (Akk.Sg. je)
kṣudhitāḥ pṛthivīcarāḥ
hungrige Wanderer der Erde (Nom.Pl.)
prāpya tṛptāḥ pratiṣṭhante
erreicht habend, gesättigt brechen sie auf (Gerundium + Nom.Pl. + 3.Pl.Präs.Ā.)
dharmaḥ kaḥ abhyadhikaḥ tataḥ
welches Recht wäre größer als dieses (Nom.Sg. + Frage + Adj. + Adv.)
Den einen durch Freigebigkeit, den anderen durch Kraft, und wieder einen anderen durch freundliches Wort — so sollte der Rechtschaffene, das Reich erlangt habend, [seine Untertanen] von allen Seiten für sich gewinnen.
Wort für Wort
dānena anyam balena anyam
den einen durch Gabe, den anderen durch Kraft (Instr. + Akk. je)
sūnṛtayā aparam
einen weiteren durch freundliches Wort (Instr. + Akk.)
sarvataḥ pratigṛhṇīyāt
er sollte von allen Seiten für sich gewinnen (Adv. + 3.Sg.Optativ)
rājyam prāpya iha dhārmikaḥ
der Rechtschaffene, das Reich hier erlangt habend (Akk. + Gerundium + Adv. + Nom.Sg.)
bhaikṣaṃ vipratiṣiddhaṃ te kṛṣir naivopapadyate kṣatriyo 'si kṣatāt trātā bāhuvīryopajīvitā
Betteln ist dir untersagt; auch der Ackerbau geziemt sich nicht [für dich]. Du bist ein Kṣatriya, ein Beschützer vor Verletzung, von der Kraft deines Armes lebend.
Wort für Wort
bhaikṣam vipratiṣiddham te
das Betteln ist dir untersagt (Nom.Sg.n. + Ptz. + Dat.)
kṛṣiḥ na eva upapadyate
auch der Ackerbau geziemt sich nicht (Nom.Sg. + Verneinung + 3.Sg.Präs.Ā.)
kṣatriyaḥ asi kṣatāt trātā
du bist ein Kṣatriya, ein Beschützer vor Verletzung (Nom.Sg. + 2.Sg.Präs. + Abl. + Nom.Sg.)
Hebe, o Großarmiger, deinen versunkenen väterlichen Anteil wieder empor — durch Versöhnung, durch Gabe, durch Spaltung, durch Strafe und auch durch kluge Staatskunst.
Wort für Wort
pitryam aṃśam mahābāho
den väterlichen Anteil, o Großarmiger (Akk.Sg.m. + Vok.)
nimagnam punar uddhara
hebe den versunkenen wieder empor (Akk.Sg. + Adv. + 2.Sg.Imperativ)
sāmnā dānena bhedena
durch Versöhnung, Gabe, Spaltung (Instr.Sg. je)
daṇḍena atha nayena ca
durch Strafe und auch durch Staatskunst (Instr.Sg. je)
ito duḥkhataraṃ kiṃ nu yad ahaṃ hīnabāndhavā parapiṇḍam udīkṣāmi tvāṃ sūtvāmitranandana
Was könnte wohl schmerzlicher sein als dies, dass ich, der Verwandten beraubt, nach fremder Speise ausschaue, obwohl ich dich geboren habe, o Freude deiner Freunde?
Wort für Wort
itaḥ duḥkhataram kiṃ nu
was wohl schmerzlicher als dies (Adv. + Komparativ + Frage)
yat aham hīnabāndhavā
dass ich, der Verwandten beraubt (Konj. + Nom.Sg. + Nom.Sg.f.)
parapiṇḍam udīkṣāmi
nach fremder Speise ausschaue (Akk.Sg.n. + 1.Sg.Präs.)
tvām sūtvā amitranandana
obwohl ich dich geboren habe, o Freude deiner Freunde (Akk. + Gerundium + Vok.)
Kämpfe gemäß der königlichen Pflicht; sinke nicht unter deine Großväter herab; geh nicht, deines Verdienstes beraubt, samt deinen jüngeren Brüdern, auf einen sündigen Weg.
Wort für Wort
yudhyasva rājadharmeṇa
kämpfe gemäß der königlichen Pflicht (2.Sg.Imperativ Ā. + Instr.)
mā nimajjīḥ pitāmahān
sinke nicht unter deine Großväter herab (Verneinung + 2.Sg.Injunktiv + Akk.Pl.)
samt den jüngeren Brüdern auf einen sündigen Weg (Nom.Sg. + Akk.Sg.f.)
Kuntīs Botschaft an Yudhiṣṭhira bricht am Kapitelende nicht ab, sondern wird in Kap.131 fortgesetzt, wo sie zur Untermauerung ihrer Mahnung die alte Erzählung vom Zwiegespräch der Vidurā mit ihrem Sohn anführt.