Kapitel 142: Kuntyupagamanam
Kuntīs Aufbruch zu Karṇa
Vidura klagt bei Kuntī über Duryodhanas Uneinsichtigkeit trotz der offenkundigen Übermacht der Pāṇḍava-Verbündeten. Kuntī, tief bekümmert, erinnert sich an Durvāsas' Segen und die Geburt Karṇas und beschließt, selbst zu ihm zu gehen, um ihn für die Sache seiner Brüder zu gewinnen. Sie findet ihn beim Sonnengebet am Gaṅgā-Ufer und wartet, bis er fertig ist.
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem Kṛṣṇa, dessen Vermittlungsversuch bei den Kurus gescheitert war, zu den Pāṇḍavas aufgebrochen war, näherte sich der Kṣattṛ Vidura der Pṛthā und sprach leise, wie klagend.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Verbform, 3.Sg.Perf.)
asiddhānunaye kṛṣṇe
als Kṛṣṇas Vermittlung gescheitert war (Lok.Abs., Kompositum)
kurubhyaḥ pāṇḍavān gate
als er von den Kurus zu den Pāṇḍavas gegangen war (Abl.Pl.m. + Akk.Pl.m. + Lok.Abs.)
abhigamya pṛthām kṣattā
der Kṣattṛ, nachdem er sich Pṛthā genähert hatte (Abs. + Akk.Sg.f. + Nom.Sg.m.)
śanaiḥ śocan iva abravīt
sprach leise, wie klagend (Adv. + Part.Präs.Akt. + Verb, 3.Sg.Impf.)
Mit diesem Vers kehrt die Rahmenerzählung auf die Basisebene Vaiśaṃpāyanas zurück; der seit Kap.138 offene Dhṛtarāṣṭra-Saṃjaya-Rahmen ist damit endgültig geschlossen.
Obwohl in Upaplavya niedergelassen, begehrt Yudhiṣṭhira dennoch einzig das Dharma, aus verwandtschaftlicher Zuneigung, wie ein Schwacher, obwohl er mächtig ist.
Wort für Wort
upaplavye niviṣṭaḥ api
obwohl in Upaplavya niedergelassen (Lok.Sg.n. + Part.Perf.Pass. + Partikel)
dharmam eva kāṅkṣate
er begehrt einzig das Dharma (Akk.Sg.m. + Partikel + Verb, 3.Sg.Präs.Med.)
jñātisauhārdāt
aus verwandtschaftlicher Zuneigung (Abl.Sg.n., Kompositum)
balavān durbalaḥ yathā
wie ein Schwacher, obwohl mächtig (Nom.Sg.m. x2, Vergleich)
adharmeṇa hi dharmiṣṭhaṃ hṛtaṃ vai rājyam īdṛśam yeṣāṃ teṣām ayaṃ dharmaḥ sānubandho bhaviṣyati
Denn jenen, die durch Unrecht ein solches, dem Dharma verpflichtetes Königreich geraubt haben — für sie wird dieses Unrecht zu einer Tat mit schweren Folgen werden.
Wort für Wort
adharmeṇa hṛtam
durch Unrecht geraubt (Instr.Sg.m. + Part.Perf.Pass.)
dharmiṣṭhaṃ rājyam īdṛśam
ein solches, dem Dharma verpflichtetes Königreich (Akk.Sg.n.)
yeṣāṃ teṣām
denen, für sie (Gen.Pl.m., Korrelativ)
ayaṃ dharmaḥ sānubandhaḥ bhaviṣyati
dieses Unrecht wird mit Folge sein (Nom.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Fut.)
[?] 'ayaṃ dharmaḥ sānubandhaḥ' ist doppeldeutig: wörtlich 'dieses Dharma mit Folge'; hier ironisch/im Sinne von karmischer Vergeltung für die Untat gedeutet.
hriyamāṇe balād dharme kurubhiḥ ko na saṃjvaret asāmnā keśave yāte samudyokṣyanti pāṇḍavāḥ
Wenn das Dharma von den Kurus gewaltsam vergewaltigt wird, wer würde da nicht entbrennen? Da Keśava ohne Versöhnung zurückgekehrt ist, werden die Pāṇḍavas sich zum Kampf rüsten.
Wort für Wort
hriyamāṇe balāt dharme
wenn das Dharma gewaltsam geraubt wird (Lok.Abs., Part.Präs.Pass. + Abl.Sg.n., adv. + Lok.Sg.m.)
kurubhiḥ
von den Kurus (Instr.Pl.m.)
kaḥ na saṃjvaret
wer würde nicht entbrennen (Nom.Sg.m. + Neg. + Verb, 3.Sg.Opt.)
asāmnā keśave yāte
da Keśava ohne Versöhnung zurückgekehrt ist (Instr.Sg.n. + Lok.Abs.)
samudyokṣyanti pāṇḍavāḥ
die Pāṇḍavas werden sich rüsten (Verb, 3.Pl.Fut. + Nom.Pl.m.)
dhig astv arthaṃ yatkṛte 'yaṃ mahāñ jñātivadhe kṣayaḥ vartsyate suhṛdāṃ hy eṣāṃ yuddhe 'smin vai parābhavaḥ
‚Verwünscht sei der Gewinn, um dessentwillen dieser gewaltige Untergang im Verwandtenmord droht; in diesem Krieg wird ja der Niedergang dieser Freunde bestehen bleiben.
Wort für Wort
dhik astu artham
verwünscht sei der Gewinn (Interj. + Verb, 3.Sg.Imp. + Akk.Sg.m.)
yatkṛte
um dessentwillen (Postp.)
mahān jñātivadhe kṣayaḥ
der gewaltige Untergang im Verwandtenmord (Nom.Sg.m. + Lok.Sg.m., Kompositum)
vartsyate suhṛdām
wird bestehen bleiben bei den Freunden (Verb, 3.Sg.Fut.Med. + Gen.Pl.m.)
yuddhe asmin parābhavaḥ
in diesem Krieg der Niedergang (Lok.Sg.n. + Nom.Sg.m.)
paśye doṣaṃ dhruvaṃ yuddhe tathā yuddhe parābhavam adhanasya mṛtaṃ śreyo na hi jñātikṣaye jayaḥ
Ich sehe gewiss Verderben im Krieg, ebenso im Krieg Niederlage; besser ist der Tod des Mittellosen, denn im Verwandtenuntergang liegt kein wahrer Sieg.
Wort für Wort
paśye doṣaṃ dhruvaṃ yuddhe
ich sehe gewiss Verderben im Krieg (Verb, 1.Sg.Präs.Med. + Akk.Sg.m. + Adv. + Lok.Sg.n.)
yuddhe parābhavam
im Krieg Niederlage (Lok.Sg.n. + Akk.Sg.m.)
adhanasya mṛtaṃ śreyaḥ
der Tod des Mittellosen ist besser (Gen.Sg.m. + Nom.Sg.n. + Nom.Sg.n.)
na jñātikṣaye jayaḥ
im Verwandtenuntergang gibt es keinen Sieg (Neg. + Lok.Sg.m., Kompositum + Nom.Sg.m.)
nācāryaḥ kāmavāñ śiṣyair droṇo yudhyeta jātu cit pāṇḍaveṣu kathaṃ hārdaṃ kuryān na ca pitāmahaḥ
Niemals würde der Lehrer Droṇa aus eigenem Wunsch gegen seine Schüler kämpfen; wie sollte er nicht liebevolle Zuneigung für die Pāṇḍavas hegen, und ebenso nicht der Großvater?
Wort für Wort
na ācāryaḥ kāmavān
nicht der Lehrer aus eigenem Wunsch (Neg. + Nom.Sg.m. + Nom.Sg.m., adj.)
śiṣyaiḥ droṇaḥ yudhyeta jātu cit
würde Droṇa je gegen seine Schüler kämpfen (Instr.Pl.m. + Nom.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Opt. + Adv.)
pāṇḍaveṣu kathaṃ hārdaṃ kuryāt
wie sollte er den Pāṇḍavas gegenüber Zuneigung hegen (Lok.Pl.m. + Frage + Akk.Sg.n. + Verb, 3.Sg.Opt.)
na ca pitāmahaḥ
und ebensowenig der Großvater (Neg. + Nom.Sg.m.)
[?] 'kathaṃ hārdaṃ kuryāt na' wird rhetorisch als Bejahung gelesen ('wie sollte er NICHT Zuneigung hegen' = er hegt sie gewiss), nicht als Verneinung der Zuneigung.
balābalaṃ ca mantrāṇāṃ brāhmaṇasya ca vāgbalam strībhāvād bālabhāvāc ca cintayantī punaḥ punaḥ
über die Kraft oder Schwäche der Zaubersprüche und über die Wortmacht des Brahmanen, wieder und wieder nachdenkend, aus meinem Frau-Sein und meinem Kind-Sein heraus.
Wort für Wort
balābalaṃ mantrāṇām
die Kraft oder Schwäche der Zaubersprüche (Akk.Sg.n., Kompositum + Gen.Pl.m.)
brāhmaṇasya vāgbalam
die Wortmacht des Brahmanen (Gen.Sg.m. + Akk.Sg.n., Kompositum)
strībhāvāt bālabhāvāt ca
aus dem Frau-Sein und Kind-Sein (Abl.Sg.m., Kompositum)
cintayantī punaḥ punaḥ
wieder und wieder nachdenkend (Part.Präs.Akt. + Adv., wiederholt)
Hier ist ein kurzes, in die Erinnerung eingebettetes Selbstgespräch der jungen Kuntī als eigenständiges Zitat innerhalb ihrer gegenwärtigen Reflexion markiert.
yo 'sau kānīnagarbho me putravat parivartitaḥ kasmān na kuryād vacanaṃ pathyaṃ bhrātṛhitaṃ tathā
Warum sollte er, der jener vorehelich empfangene Sohn ist, der wie ein Sohn aufgezogen wurde, nicht mein heilsames, den Brüdern zuträgliches Wort befolgen?‘
Wort für Wort
yaḥ asau kānīnagarbhaḥ
der, der jener vorehelich empfangene Sohn ist (Nom.Sg.m., Kompositum)
me putravat parivartitaḥ
von mir wie ein Sohn aufgezogen (Gen.Sg. + Adv. + Part.Perf.Pass.)
kasmāt na kuryāt vacanam
warum sollte er das Wort nicht befolgen (Frage, Abl. + Neg. + Verb, 3.Sg.Opt. + Akk.Sg.n.)
pathyaṃ bhrātṛhitaṃ tathā
heilsam, den Brüdern zuträglich (Akk.Sg.n., attributiv, Kompositum)
'kānīnagarbha' bezeichnet den vorehelich (als Jungfrau) empfangenen Sohn, vgl. die Kānīna-Klassifikation aus Kap.138.
So dachte Kuntī, und nachdem sie sich für diese vortreffliche, entschlossene Handlung entschieden hatte, brach sie um dieser Sache willen auf und zog zur Bhāgīrathī, dem Ganges.
Wort für Wort
iti kuntī viniścitya
so, nachdem Kuntī sich entschieden hatte (Zitatpartikel + Nom.Sg.f. + Abs.)
kāryaṃ niścitam uttamam
die entschlossene, vortreffliche Handlung (Akk.Sg.n.)
kāryārtham abhiniryāya
um dieser Sache willen aufbrechend (Akk.Sg.m., adv. + Abs.)
yayau bhāgīrathīṃ prati
sie zog zur Bhāgīrathī (Verb, 3.Sg.Perf. + Akk.Sg.f. + Postp.)
Sie stand hinter ihm, der nach Osten gewandt war, die Arme erhoben, und wartete, die Büßerin, um ihrer Sache willen auf das Ende seines stillen Gebets.
Wort für Wort
prāṅmukhasya ūrdhvabāhoḥ
der nach Osten Gewandte, mit erhobenen Armen (Gen.Sg.m., Kompositum)
sā paryatiṣṭhata pṛṣṭhataḥ
sie stand hinter ihm (Nom.Sg.f. + Verb, 3.Sg.Impf.Med. + Adv.)
japyāvasānaṃ kāryārtham pratīkṣantī
auf das Ende des stillen Gebets wartend, um der Sache willen (Akk.Sg.n., Kompositum + Akk.Sg.m., adv. + Part.Präs.Akt.)
Sie stand, von der Sonnenglut gequält, im Schatten von Karṇas oberem Gewand — die Gattin eines Kauravya, aus dem Geschlecht der Vṛṣṇis, welkend wie eine Lotusgirlande.
Wort für Wort
atiṣṭhat sūryatāpārtā
sie stand, von Sonnenglut gequält (Verb, 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.f., Kompositum)
karṇasya uttaravāsasi
im Schatten von Karṇas oberem Gewand (Gen.Sg.m. + Lok.Sg.n.)
kauravyapatnī vārṣṇeyī
die Kauravya-Gattin, die Vārṣṇeyī (Nom.Sg.f., Kompositum + Nom.Sg.f.)
padmamālā iva śuṣyatī
welkend wie eine Lotusgirlande (Nom.Sg.f. + Part.Präs.Akt.)
[?] 'kauravyapatnī vārṣṇeyī' sind Epitheta Kuntīs: Gattin eines Kauravya (d.h. Pāṇḍus) durch Heirat, aus dem Vṛṣṇi-Geschlecht (Vasudevas Schwester) durch Geburt.
Nachdem er, bis sein Rücken brannte, sein stilles Gebet vollendet hatte, wandte er sich, der seinem Gelübde treu Verpflichtete, um, und als er Kuntī erblickte, trat er, mit gefalteten Händen sie begrüßend, wie es sich gehört, zu ihr — der hochglänzende, stolze Beste der Dharma-Wahrer.
Wort für Wort
ā pṛṣṭhatāpāt japtvā
nachdem er bis zum Brennen des Rückens gebetet hatte (Postp. + Abl.Sg.m., Kompositum + Abs.)
sa parivṛtya yatavrataḥ
er, der seinem Gelübde treu, sich umwendend (Nom.Sg.m. + Abs. + Nom.Sg.m., Kompositum)
dṛṣṭvā kuntīm upātiṣṭhat
als er Kuntī erblickte, trat er hin (Abs. + Akk.Sg.f. + Verb, 3.Sg.Impf.)
abhivādya kṛtāñjaliḥ yathānyāyam
mit gefalteten Händen begrüßend, wie es sich gehört (Abs. + Nom.Sg.m., Kompositum + Adv.)
mahātejā mānī dharmabhṛtāṃ varaḥ
der hochglänzende, stolze Beste der Dharma-Wahrer (Nom.Sg.m. x3, Kompositum + Gen.Pl.m. + Nom.Sg.m.)