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Mahābhārata · Udyogaparva

Kapitel 142: Kuntyupagamanam Kuntīs Aufbruch zu Karṇa

Vidura klagt bei Kuntī über Duryodhanas Uneinsichtigkeit trotz der offenkundigen Übermacht der Pāṇḍava-Verbündeten. Kuntī, tief bekümmert, erinnert sich an Durvāsas' Segen und die Geburt Karṇas und beschließt, selbst zu ihm zu gehen, um ihn für die Sache seiner Brüder zu gewinnen. Sie findet ihn beim Sonnengebet am Gaṅgā-Ufer und wartet, bis er fertig ist.

vaiśaṃpāyana uvāca asiddhānunaye kṛṣṇe kurubhyaḥ pāṇḍavān gate abhigamya pṛthāṃ kṣattā śanaiḥ śocann ivābravīt

Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem Kṛṣṇa, dessen Vermittlungsversuch bei den Kurus gescheitert war, zu den Pāṇḍavas aufgebrochen war, näherte sich der Kṣattṛ Vidura der Pṛthā und sprach leise, wie klagend.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Verbform, 3.Sg.Perf.)
asiddhānunaye kṛṣṇe
als Kṛṣṇas Vermittlung gescheitert war (Lok.Abs., Kompositum)
kurubhyaḥ pāṇḍavān gate
als er von den Kurus zu den Pāṇḍavas gegangen war (Abl.Pl.m. + Akk.Pl.m. + Lok.Abs.)
abhigamya pṛthām kṣattā
der Kṣattṛ, nachdem er sich Pṛthā genähert hatte (Abs. + Akk.Sg.f. + Nom.Sg.m.)
śanaiḥ śocan iva abravīt
sprach leise, wie klagend (Adv. + Part.Präs.Akt. + Verb, 3.Sg.Impf.)

Mit diesem Vers kehrt die Rahmenerzählung auf die Basisebene Vaiśaṃpāyanas zurück; der seit Kap.138 offene Dhṛtarāṣṭra-Saṃjaya-Rahmen ist damit endgültig geschlossen.

jānāsi me jīvaputre bhāvaṃ nityam anugrahe krośato na ca gṛhṇīte vacanaṃ me suyodhanaḥ

‚Du kennst meine Gesinnung, o du mit lebenden Söhnen Gesegnete, meine beständige Zuneigung; doch obwohl ich rufe, nimmt Suyodhana mein Wort nicht an.

Wort für Wort
jānāsi me bhāvam
du kennst meine Gesinnung (Verb, 2.Sg.Präs. + Gen. + Akk.Sg.m.)
jīvaputre
o du mit lebenden Söhnen (Vok.Sg.f., Kompositum)
nityam anugrahe
die beständige Zuneigung (Akk.Sg.m., adv. + Lok.Sg.m.)
krośataḥ
obwohl ich rufe (Part.Präs.Akt., Gen.Sg.m.)
na gṛhṇīte vacanam
er nimmt das Wort nicht an (Neg. + Verb, 3.Sg.Präs.Med. + Akk.Sg.n.)

upapanno hy asau rājā cedipāñcālakekayaiḥ bhīmārjunābhyāṃ kṛṣṇena yuyudhānayamair api

Denn jener König ist ausgestattet mit den Cedis, Pāñcālas und Kekayas, mit Bhīma und Arjuna, mit Kṛṣṇa, mit Yuyudhāna und auch mit den Zwillingen.

Wort für Wort
upapannaḥ asau rājā
ausgestattet ist jener König (Nom.Sg.m., Part.Perf.Pass.)
cedipāñcālakekayaiḥ
mit den Cedis, Pāñcālas, Kekayas (Instr.Pl.m., Kompositum)
bhīmārjunābhyāṃ kṛṣṇena
mit Bhīma und Arjuna, mit Kṛṣṇa (Instr.Du.m. + Instr.Sg.m.)
yuyudhānayamaiḥ api
auch mit Yuyudhāna und den Zwillingen (Instr.Pl.m., Kompositum)

upaplavye niviṣṭo 'pi dharmam eva yudhiṣṭhiraḥ kāṅkṣate jñātisauhārdād balavān durbalo yathā

Obwohl in Upaplavya niedergelassen, begehrt Yudhiṣṭhira dennoch einzig das Dharma, aus verwandtschaftlicher Zuneigung, wie ein Schwacher, obwohl er mächtig ist.

Wort für Wort
upaplavye niviṣṭaḥ api
obwohl in Upaplavya niedergelassen (Lok.Sg.n. + Part.Perf.Pass. + Partikel)
dharmam eva kāṅkṣate
er begehrt einzig das Dharma (Akk.Sg.m. + Partikel + Verb, 3.Sg.Präs.Med.)
jñātisauhārdāt
aus verwandtschaftlicher Zuneigung (Abl.Sg.n., Kompositum)
balavān durbalaḥ yathā
wie ein Schwacher, obwohl mächtig (Nom.Sg.m. x2, Vergleich)

rājā tu dhṛtarāṣṭro 'yaṃ vayovṛddho na śāmyati mattaḥ putramadenaiva vidharme pathi vartate

Doch dieser König Dhṛtarāṣṭra, an Jahren gealtert, findet keine Ruhe; berauscht von Sohnesliebe allein, wandelt er auf dem Pfad des Unrechts.

Wort für Wort
rājā... dhṛtarāṣṭraḥ vayovṛddhaḥ
der an Jahren gealterte König Dhṛtarāṣṭra (Nom.Sg.m., Kompositum)
na śāmyati
er findet keine Ruhe (Neg. + Verb, 3.Sg.Präs.)
mattaḥ putramadena eva
berauscht von Sohnesliebe allein (Part.Perf.Pass. + Instr.Sg.m., Kompositum)
vidharme pathi vartate
er wandelt auf dem Pfad des Unrechts (Lok.Sg.n. + Lok.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Präs.Med.)

jayadrathasya karṇasya tathā duḥśāsanasya ca saubalasya ca durbuddhyā mithobhedaḥ pravartate

Durch die Bosheit des Jayadratha, des Karṇa, des Duḥśāsana und des Saubala entsteht wechselseitige Zwietracht.

Wort für Wort
jayadrathasya karṇasya
des Jayadratha, des Karṇa (Gen.Sg.m.)
duḥśāsanasya saubalasya ca
des Duḥśāsana und des Saubala (Gen.Sg.m.)
durbuddhyā
durch die Bosheit (Instr.Sg.f.)
mithobhedaḥ pravartate
wechselseitige Zwietracht entsteht (Nom.Sg.m., Kompositum + Verb, 3.Sg.Präs.Med.)

adharmeṇa hi dharmiṣṭhaṃ hṛtaṃ vai rājyam īdṛśam yeṣāṃ teṣām ayaṃ dharmaḥ sānubandho bhaviṣyati

Denn jenen, die durch Unrecht ein solches, dem Dharma verpflichtetes Königreich geraubt haben — für sie wird dieses Unrecht zu einer Tat mit schweren Folgen werden.

Wort für Wort
adharmeṇa hṛtam
durch Unrecht geraubt (Instr.Sg.m. + Part.Perf.Pass.)
dharmiṣṭhaṃ rājyam īdṛśam
ein solches, dem Dharma verpflichtetes Königreich (Akk.Sg.n.)
yeṣāṃ teṣām
denen, für sie (Gen.Pl.m., Korrelativ)
ayaṃ dharmaḥ sānubandhaḥ bhaviṣyati
dieses Unrecht wird mit Folge sein (Nom.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Fut.)

[?] 'ayaṃ dharmaḥ sānubandhaḥ' ist doppeldeutig: wörtlich 'dieses Dharma mit Folge'; hier ironisch/im Sinne von karmischer Vergeltung für die Untat gedeutet.

hriyamāṇe balād dharme kurubhiḥ ko na saṃjvaret asāmnā keśave yāte samudyokṣyanti pāṇḍavāḥ

Wenn das Dharma von den Kurus gewaltsam vergewaltigt wird, wer würde da nicht entbrennen? Da Keśava ohne Versöhnung zurückgekehrt ist, werden die Pāṇḍavas sich zum Kampf rüsten.

Wort für Wort
hriyamāṇe balāt dharme
wenn das Dharma gewaltsam geraubt wird (Lok.Abs., Part.Präs.Pass. + Abl.Sg.n., adv. + Lok.Sg.m.)
kurubhiḥ
von den Kurus (Instr.Pl.m.)
kaḥ na saṃjvaret
wer würde nicht entbrennen (Nom.Sg.m. + Neg. + Verb, 3.Sg.Opt.)
asāmnā keśave yāte
da Keśava ohne Versöhnung zurückgekehrt ist (Instr.Sg.n. + Lok.Abs.)
samudyokṣyanti pāṇḍavāḥ
die Pāṇḍavas werden sich rüsten (Verb, 3.Pl.Fut. + Nom.Pl.m.)

tataḥ kurūṇām anayo bhavitā vīranāśanaḥ cintayan na labhe nidrām ahaḥsu ca niśāsu ca

Dann wird den Kurus ein heldenvernichtendes Unrecht widerfahren; darüber nachdenkend finde ich weder bei Tag noch bei Nacht Schlaf.‘

Wort für Wort
kurūṇām anayaḥ bhavitā
den Kurus wird ein Unrecht widerfahren (Gen.Pl.m. + Nom.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Fut.)
vīranāśanaḥ
heldenvernichtend (Nom.Sg.m., Kompositum, attributiv)
cintayan na labhe nidrām
nachdenkend finde ich keinen Schlaf (Part.Präs.Akt. + Neg. + Verb, 1.Sg.Präs.Med. + Akk.Sg.f.)
ahaḥsu niśāsu ca
bei Tag und bei Nacht (Lok.Pl.n. + Lok.Pl.f.)

śrutvā tu kuntī tad vākyam arthakāmena bhāṣitam aniṣṭanantī duḥkhārtā manasā vimamarśa ha

Doch Kuntī, nachdem sie diese aus Sorge um ihre Sache gesprochene Rede gehört hatte, seufzend, von Kummer gequält, überlegte in ihrem Herzen.

Wort für Wort
śrutvā kuntī tat vākyam
Kuntī, nachdem sie diese Rede gehört hatte (Abs. + Nom.Sg.f. + Akk.Sg.n.)
arthakāmena bhāṣitam
aus Sorge um die Sache gesprochen (Instr.Sg.m., Kompositum + Part.Perf.Pass.)
aniṣṭanantī duḥkhārtā
seufzend, von Kummer gequält (Part.Präs.Akt. + Nom.Sg.f., Kompositum)
manasā vimamarśa ha
sie überlegte in ihrem Herzen (Instr.Sg.n. + Verb, 3.Sg.Perf.)

dhig astv arthaṃ yatkṛte 'yaṃ mahāñ jñātivadhe kṣayaḥ vartsyate suhṛdāṃ hy eṣāṃ yuddhe 'smin vai parābhavaḥ

‚Verwünscht sei der Gewinn, um dessentwillen dieser gewaltige Untergang im Verwandtenmord droht; in diesem Krieg wird ja der Niedergang dieser Freunde bestehen bleiben.

Wort für Wort
dhik astu artham
verwünscht sei der Gewinn (Interj. + Verb, 3.Sg.Imp. + Akk.Sg.m.)
yatkṛte
um dessentwillen (Postp.)
mahān jñātivadhe kṣayaḥ
der gewaltige Untergang im Verwandtenmord (Nom.Sg.m. + Lok.Sg.m., Kompositum)
vartsyate suhṛdām
wird bestehen bleiben bei den Freunden (Verb, 3.Sg.Fut.Med. + Gen.Pl.m.)
yuddhe asmin parābhavaḥ
in diesem Krieg der Niedergang (Lok.Sg.n. + Nom.Sg.m.)

pāṇḍavāś cedipāñcālā yādavāś ca samāgatāḥ bhāratair yadi yotsyanti kiṃ nu duḥkham ataḥ param

Wenn die Pāṇḍavas, die versammelten Cedis, Pāñcālas und Yādavas gegen die Bhāratas kämpfen werden, welches Leid könnte größer sein als dieses?

Wort für Wort
pāṇḍavāḥ cedipāñcālāḥ yādavāḥ ca
die Pāṇḍavas, Cedis, Pāñcālas und Yādavas (Nom.Pl.m.)
samāgatāḥ
versammelt (Part.Perf.Akt., Nom.Pl.m.)
bhārataiḥ yadi yotsyanti
wenn sie gegen die Bhāratas kämpfen werden (Instr.Pl.m. + Konj. + Verb, 3.Pl.Fut.)
kiṃ nu duḥkham ataḥ param
welches Leid wäre größer als dieses (Frage + Adv. + Nom.Sg.n. + Adv. + Adj.)

paśye doṣaṃ dhruvaṃ yuddhe tathā yuddhe parābhavam adhanasya mṛtaṃ śreyo na hi jñātikṣaye jayaḥ

Ich sehe gewiss Verderben im Krieg, ebenso im Krieg Niederlage; besser ist der Tod des Mittellosen, denn im Verwandtenuntergang liegt kein wahrer Sieg.

Wort für Wort
paśye doṣaṃ dhruvaṃ yuddhe
ich sehe gewiss Verderben im Krieg (Verb, 1.Sg.Präs.Med. + Akk.Sg.m. + Adv. + Lok.Sg.n.)
yuddhe parābhavam
im Krieg Niederlage (Lok.Sg.n. + Akk.Sg.m.)
adhanasya mṛtaṃ śreyaḥ
der Tod des Mittellosen ist besser (Gen.Sg.m. + Nom.Sg.n. + Nom.Sg.n.)
na jñātikṣaye jayaḥ
im Verwandtenuntergang gibt es keinen Sieg (Neg. + Lok.Sg.m., Kompositum + Nom.Sg.m.)

pitāmahaḥ śāṃtanava ācāryaś ca yudhāṃ patiḥ karṇaś ca dhārtarāṣṭrārthaṃ vardhayanti bhayaṃ mama

Der Großvater, der Śāṃtanava, der Lehrer, der Herr der Krieger, und Karṇa, die für die Sache des Dhārtarāṣṭra kämpfen, mehren meine Furcht.

Wort für Wort
pitāmahaḥ śāṃtanavaḥ
der Großvater, der Śāṃtanava (Bhīṣma) (Nom.Sg.m.)
ācāryaḥ yudhāṃ patiḥ
der Lehrer, der Herr der Krieger (Droṇa) (Nom.Sg.m. + Gen.Pl.f. + Nom.Sg.m.)
dhārtarāṣṭrārtham
für die Sache des Dhārtarāṣṭra (Akk.Sg.m., adv., Kompositum)
vardhayanti bhayaṃ mama
sie mehren meine Furcht (Verb, 3.Pl.Präs. + Akk.Sg.n. + Gen.Sg.)

[?] 'yudhāṃ patiḥ' ('Herr der Kämpfe/Krieger') wird hier als Epitheton Droṇas gedeutet, parallel zu 'ācāryaḥ' in derselben Zeile.

nācāryaḥ kāmavāñ śiṣyair droṇo yudhyeta jātu cit pāṇḍaveṣu kathaṃ hārdaṃ kuryān na ca pitāmahaḥ

Niemals würde der Lehrer Droṇa aus eigenem Wunsch gegen seine Schüler kämpfen; wie sollte er nicht liebevolle Zuneigung für die Pāṇḍavas hegen, und ebenso nicht der Großvater?

Wort für Wort
na ācāryaḥ kāmavān
nicht der Lehrer aus eigenem Wunsch (Neg. + Nom.Sg.m. + Nom.Sg.m., adj.)
śiṣyaiḥ droṇaḥ yudhyeta jātu cit
würde Droṇa je gegen seine Schüler kämpfen (Instr.Pl.m. + Nom.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Opt. + Adv.)
pāṇḍaveṣu kathaṃ hārdaṃ kuryāt
wie sollte er den Pāṇḍavas gegenüber Zuneigung hegen (Lok.Pl.m. + Frage + Akk.Sg.n. + Verb, 3.Sg.Opt.)
na ca pitāmahaḥ
und ebensowenig der Großvater (Neg. + Nom.Sg.m.)

[?] 'kathaṃ hārdaṃ kuryāt na' wird rhetorisch als Bejahung gelesen ('wie sollte er NICHT Zuneigung hegen' = er hegt sie gewiss), nicht als Verneinung der Zuneigung.

ayaṃ tv eko vṛthādṛṣṭir dhārtarāṣṭrasya durmateḥ mohānuvartī satataṃ pāpo dveṣṭi ca pāṇḍavān

Doch dieser eine, von verblendeter Einsicht, dem übelgesinnten Dhārtarāṣṭra stets in seiner Verblendung folgend, der Sündige, hasst die Pāṇḍavas.

Wort für Wort
ayaṃ eko vṛthādṛṣṭiḥ
dieser eine, von verblendeter Einsicht (Nom.Sg.m., Kompositum)
dhārtarāṣṭrasya durmateḥ
dem übelgesinnten Dhārtarāṣṭra (Gen.Sg.m.)
mohānuvartī satatam
stets der Verblendung folgend (Nom.Sg.m., Kompositum + Adv.)
pāpaḥ dveṣṭi pāṇḍavān
der Sündige hasst die Pāṇḍavas (Nom.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Präs. + Akk.Pl.m.)

[?] 'ayam... ekaḥ' bezieht sich vermutlich auf Karṇa, im Gegensatz zu Bhīṣma und Droṇa aus den Versen zuvor.

mahaty anarthe nirbandhī balavāṃś ca viśeṣataḥ karṇaḥ sadā pāṇḍavānāṃ tan me dahati sāṃpratam

Karṇa, in seinem großen Unheil beharrlich und besonders mächtig, ist den Pāṇḍavas stets feindlich gesinnt — das verzehrt mich jetzt.

Wort für Wort
mahati anarthe nirbandhī
in großem Unheil beharrlich (Lok.Sg.m. + Nom.Sg.m.)
balavān viśeṣataḥ
besonders mächtig (Nom.Sg.m. + Adv.)
karṇaḥ sadā pāṇḍavānām
Karṇa stets gegen die Pāṇḍavas (Nom.Sg.m. + Adv. + Gen.Pl.m.)
tat me dahati sāṃpratam
das verzehrt mich jetzt (Nom.Sg.n. + Akk.Sg. + Verb, 3.Sg.Präs. + Adv.)

āśaṃse tv adya karṇasya mano 'haṃ pāṇḍavān prati prasādayitum āsādya darśayantī yathātatham

Doch ich hoffe, heute den Sinn Karṇas gegenüber den Pāṇḍavas milde zu stimmen, indem ich zu ihm gehe und ihm die Wahrheit zeige, wie sie wirklich ist.

Wort für Wort
āśaṃse adya
ich hoffe heute (Verb, 1.Sg.Präs.Med. + Adv.)
karṇasya manaḥ
den Sinn Karṇas (Gen.Sg.m. + Akk.Sg.n.)
pāṇḍavān prati prasādayitum
gegenüber den Pāṇḍavas milde zu stimmen (Akk.Pl.m. + Postp. + Inf.)
āsādya darśayantī yathātatham
indem ich hingehe und wie es wirklich ist zeige (Abs. + Part.Präs.Akt. + Adv.)

toṣito bhagavān yatra durvāsā me varaṃ dadau āhvānaṃ devasaṃyuktaṃ vasantyāḥ pitṛveśmani

Als der erhabene Durvāsas, zufriedengestellt, mir, die ich im Hause meines Vaters weilte, den Segen der Anrufung, verbunden mit einer Gottheit, gab —

Wort für Wort
toṣitaḥ bhagavān durvāsāḥ
der zufriedengestellte, erhabene Durvāsas (Nom.Sg.m.)
me varaṃ dadau
gab mir einen Segen (Gen.Sg. + Akk.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Perf.)
āhvānaṃ devasaṃyuktam
die Anrufung, verbunden mit einer Gottheit (Akk.Sg.n., Kompositum)
vasantyāḥ pitṛveśmani
als ich im Vaterhaus weilte (Part.Präs.Akt., Gen.Sg.f. + Lok.Sg.n., Kompositum)

sāham antaḥpure rājñaḥ kuntibhojapuraskṛtā cintayantī bahuvidhaṃ hṛdayena vidūyatā

da war ich, im inneren Gemach des Königs, unter der Obhut des Kuntibhoja, und dachte mit gequältem Herzen auf vielerlei Weise nach —

Wort für Wort
sā aham antaḥpure rājñaḥ
ich, im inneren Gemach des Königs (Nom.Sg.f. + Lok.Sg.n. + Gen.Sg.m.)
kuntibhojapuraskṛtā
unter der Obhut des Kuntibhoja (Nom.Sg.f., Kompositum)
cintayantī bahuvidham
auf vielerlei Weise nachdenkend (Part.Präs.Akt. + Akk.Sg.n., adv.)
hṛdayena vidūyatā
mit gequältem Herzen (Instr.Sg.n. + Part.Präs.Med.)

balābalaṃ ca mantrāṇāṃ brāhmaṇasya ca vāgbalam strībhāvād bālabhāvāc ca cintayantī punaḥ punaḥ

über die Kraft oder Schwäche der Zaubersprüche und über die Wortmacht des Brahmanen, wieder und wieder nachdenkend, aus meinem Frau-Sein und meinem Kind-Sein heraus.

Wort für Wort
balābalaṃ mantrāṇām
die Kraft oder Schwäche der Zaubersprüche (Akk.Sg.n., Kompositum + Gen.Pl.m.)
brāhmaṇasya vāgbalam
die Wortmacht des Brahmanen (Gen.Sg.m. + Akk.Sg.n., Kompositum)
strībhāvāt bālabhāvāt ca
aus dem Frau-Sein und Kind-Sein (Abl.Sg.m., Kompositum)
cintayantī punaḥ punaḥ
wieder und wieder nachdenkend (Part.Präs.Akt. + Adv., wiederholt)

dhātryā viśrabdhayā guptā sakhījanavṛtā tadā doṣaṃ pariharantī ca pituś cāritrarakṣiṇī

Von einer vertrauten Amme behütet, von Freundinnen umgeben, damals einen Fehltritt vermeidend und die Ehre meines Vaters wahrend —

Wort für Wort
dhātryā viśrabdhayā guptā
von einer vertrauten Amme behütet (Instr.Sg.f. + Nom.Sg.f., Part.Perf.Pass.)
sakhījanavṛtā tadā
damals von Freundinnen umgeben (Nom.Sg.f., Kompositum + Adv.)
doṣaṃ pariharantī
einen Fehltritt vermeidend (Akk.Sg.m. + Part.Präs.Akt.)
pituḥ cāritrarakṣiṇī
die Ehre des Vaters wahrend (Gen.Sg.m. + Nom.Sg.f., Kompositum)

kathaṃ nu sukṛtaṃ me syān nāparādhavatī katham bhaveyam iti saṃcintya brāhmaṇaṃ taṃ namasya ca

„Wie könnte mir wohlgetan sein, wie könnte ich nicht schuldig werden?“ — so überlegend, und jenem Brahmanen Verehrung erweisend —

Wort für Wort
kathaṃ nu sukṛtaṃ me syāt
wie könnte mir wohlgetan sein (Frage + Partikel + Nom.Sg.n. + Gen. + Verb, 3.Sg.Opt.)
na aparādhavatī katham bhaveyam
wie könnte ich nicht schuldig werden (Neg. + Nom.Sg.f. + Frage + Verb, 1.Sg.Opt.)
iti saṃcintya
so überlegend (Zitatpartikel + Abs.)
brāhmaṇaṃ taṃ namasya
jenem Brahmanen Verehrung erweisend (Akk.Sg.m. + Abs.)

Hier ist ein kurzes, in die Erinnerung eingebettetes Selbstgespräch der jungen Kuntī als eigenständiges Zitat innerhalb ihrer gegenwärtigen Reflexion markiert.

kautūhalāt tu taṃ labdhvā bāliśyād ācaraṃ tadā kanyā satī devam arkam āsādayam ahaṃ tataḥ

aus Neugier aber, nachdem ich den Segen erlangt hatte, handelte ich damals aus Torheit; als Jungfrau seiend, rief ich daraufhin den Gott Sonne herbei.

Wort für Wort
kautūhalāt taṃ labdhvā
aus Neugier, nachdem ich ihn (den Segen) erlangt hatte (Abl.Sg.n. + Akk.Sg.m. + Abs.)
bāliśyāt ācaram tadā
handelte ich damals aus Torheit (Abl.Sg.n. + Verb, 1.Sg.Impf. + Adv.)
kanyā satī
als Jungfrau seiend (Nom.Sg.f. + Part.Präs.Akt.)
devam arkam āsādayam
ich rief den Gott Sonne herbei (Akk.Sg.m. x2 + Verb, 1.Sg.Impf.Kaus.)

yo 'sau kānīnagarbho me putravat parivartitaḥ kasmān na kuryād vacanaṃ pathyaṃ bhrātṛhitaṃ tathā

Warum sollte er, der jener vorehelich empfangene Sohn ist, der wie ein Sohn aufgezogen wurde, nicht mein heilsames, den Brüdern zuträgliches Wort befolgen?‘

Wort für Wort
yaḥ asau kānīnagarbhaḥ
der, der jener vorehelich empfangene Sohn ist (Nom.Sg.m., Kompositum)
me putravat parivartitaḥ
von mir wie ein Sohn aufgezogen (Gen.Sg. + Adv. + Part.Perf.Pass.)
kasmāt na kuryāt vacanam
warum sollte er das Wort nicht befolgen (Frage, Abl. + Neg. + Verb, 3.Sg.Opt. + Akk.Sg.n.)
pathyaṃ bhrātṛhitaṃ tathā
heilsam, den Brüdern zuträglich (Akk.Sg.n., attributiv, Kompositum)

'kānīnagarbha' bezeichnet den vorehelich (als Jungfrau) empfangenen Sohn, vgl. die Kānīna-Klassifikation aus Kap.138.

iti kuntī viniścitya kāryaṃ niścitam uttamam kāryārtham abhiniryāya yayau bhāgīrathīṃ prati

So dachte Kuntī, und nachdem sie sich für diese vortreffliche, entschlossene Handlung entschieden hatte, brach sie um dieser Sache willen auf und zog zur Bhāgīrathī, dem Ganges.

Wort für Wort
iti kuntī viniścitya
so, nachdem Kuntī sich entschieden hatte (Zitatpartikel + Nom.Sg.f. + Abs.)
kāryaṃ niścitam uttamam
die entschlossene, vortreffliche Handlung (Akk.Sg.n.)
kāryārtham abhiniryāya
um dieser Sache willen aufbrechend (Akk.Sg.m., adv. + Abs.)
yayau bhāgīrathīṃ prati
sie zog zur Bhāgīrathī (Verb, 3.Sg.Perf. + Akk.Sg.f. + Postp.)

ātmajasya tatas tasya ghṛṇinaḥ satyasaṅginaḥ gaṅgātīre pṛthāśṛṇvad upādhyayananisvanam

Dort am Ufer der Gaṅgā hörte Pṛthā den Klang der Rezitation ihres Sohnes, der barmherzig und der Wahrheit verbunden war.

Wort für Wort
ātmajasya tasya ghṛṇinaḥ
ihres barmherzigen Sohnes (Gen.Sg.m. + Gen.Sg.m., Adj.)
satyasaṅginaḥ
der Wahrheit verbunden (Gen.Sg.m., Kompositum)
gaṅgātīre pṛthā aśṛṇvat
Pṛthā hörte am Ufer der Gaṅgā (Lok.Sg.n., Kompositum + Nom.Sg.f. + Verb, 3.Sg.Impf.)
upādhyayananisvanam
den Klang der Rezitation (Akk.Sg.m., Kompositum)

prāṅmukhasyordhvabāhoḥ sā paryatiṣṭhata pṛṣṭhataḥ japyāvasānaṃ kāryārthaṃ pratīkṣantī tapasvinī

Sie stand hinter ihm, der nach Osten gewandt war, die Arme erhoben, und wartete, die Büßerin, um ihrer Sache willen auf das Ende seines stillen Gebets.

Wort für Wort
prāṅmukhasya ūrdhvabāhoḥ
der nach Osten Gewandte, mit erhobenen Armen (Gen.Sg.m., Kompositum)
sā paryatiṣṭhata pṛṣṭhataḥ
sie stand hinter ihm (Nom.Sg.f. + Verb, 3.Sg.Impf.Med. + Adv.)
japyāvasānaṃ kāryārtham pratīkṣantī
auf das Ende des stillen Gebets wartend, um der Sache willen (Akk.Sg.n., Kompositum + Akk.Sg.m., adv. + Part.Präs.Akt.)
tapasvinī
die Büßerin (Nom.Sg.f.)

atiṣṭhat sūryatāpārtā karṇasyottaravāsasi kauravyapatnī vārṣṇeyī padmamāleva śuṣyatī

Sie stand, von der Sonnenglut gequält, im Schatten von Karṇas oberem Gewand — die Gattin eines Kauravya, aus dem Geschlecht der Vṛṣṇis, welkend wie eine Lotusgirlande.

Wort für Wort
atiṣṭhat sūryatāpārtā
sie stand, von Sonnenglut gequält (Verb, 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.f., Kompositum)
karṇasya uttaravāsasi
im Schatten von Karṇas oberem Gewand (Gen.Sg.m. + Lok.Sg.n.)
kauravyapatnī vārṣṇeyī
die Kauravya-Gattin, die Vārṣṇeyī (Nom.Sg.f., Kompositum + Nom.Sg.f.)
padmamālā iva śuṣyatī
welkend wie eine Lotusgirlande (Nom.Sg.f. + Part.Präs.Akt.)

[?] 'kauravyapatnī vārṣṇeyī' sind Epitheta Kuntīs: Gattin eines Kauravya (d.h. Pāṇḍus) durch Heirat, aus dem Vṛṣṇi-Geschlecht (Vasudevas Schwester) durch Geburt.

ā pṛṣṭhatāpāj japtvā sa parivṛtya yatavrataḥ dṛṣṭvā kuntīm upātiṣṭhad abhivādya kṛtāñjaliḥ yathānyāyaṃ mahātejā mānī dharmabhṛtāṃ varaḥ

Nachdem er, bis sein Rücken brannte, sein stilles Gebet vollendet hatte, wandte er sich, der seinem Gelübde treu Verpflichtete, um, und als er Kuntī erblickte, trat er, mit gefalteten Händen sie begrüßend, wie es sich gehört, zu ihr — der hochglänzende, stolze Beste der Dharma-Wahrer.

Wort für Wort
ā pṛṣṭhatāpāt japtvā
nachdem er bis zum Brennen des Rückens gebetet hatte (Postp. + Abl.Sg.m., Kompositum + Abs.)
sa parivṛtya yatavrataḥ
er, der seinem Gelübde treu, sich umwendend (Nom.Sg.m. + Abs. + Nom.Sg.m., Kompositum)
dṛṣṭvā kuntīm upātiṣṭhat
als er Kuntī erblickte, trat er hin (Abs. + Akk.Sg.f. + Verb, 3.Sg.Impf.)
abhivādya kṛtāñjaliḥ yathānyāyam
mit gefalteten Händen begrüßend, wie es sich gehört (Abs. + Nom.Sg.m., Kompositum + Adv.)
mahātejā mānī dharmabhṛtāṃ varaḥ
der hochglänzende, stolze Beste der Dharma-Wahrer (Nom.Sg.m. x3, Kompositum + Gen.Pl.m. + Nom.Sg.m.)

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