Kapitel 86: Kṛṣṇa-Nigrahaṇa-Mantraḥ
Duryodhanas Plan, Kṛṣṇa gefangen zu nehmen
Duryodhana stimmt Vidura formal zu, dass Kṛṣṇa nicht bestechlich sei, und lehnt daher jede Geschenkgabe ab; Bhīṣma mahnt zur Ehrung und raschem Frieden durch Kṛṣṇas Vermittlung. Doch dann enthüllt Duryodhana seinen wahren, ungeheuerlichen Plan: Kṛṣṇa gefangen zu nehmen, um so Vṛṣṇis und Pāṇḍavas gefügig zu machen. Dhṛtarāṣṭra und besonders Bhīṣma reagieren entsetzt; Bhīṣma verurteilt Duryodhana scharf und verlässt zornig die Versammlung.
duryodhana uvāca yad āha viduraḥ kṛṣṇe sarvaṃ tat satyam ucyate anurakto hy asaṃhāryaḥ pārthān prati janārdanaḥ
‘Duryodhana sprach: ‚Was Vidura über Kṛṣṇa gesagt hat, das alles wird als wahr bezeichnet; denn Janārdana ist ergeben und unwiderruflich den Pārthas zugewandt.
Wort für Wort
duryodhanaḥ uvāca
Duryodhana sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
yat āha viduraḥ kṛṣṇe
was Vidura über Kṛṣṇa gesagt hat (Akk.Sg. Rel. + 3.Sg.Perf. + Nom.Sg. + Lok.Sg.)
sarvam tat satyam ucyate
das alles wird als wahr bezeichnet (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Präs.Pass.)
anuraktaḥ hi asaṃhāryaḥ
denn er ist ergeben, unwiderruflich (Nom.Sg. Adj. + Partikel + Nom.Sg. Adj.)
pārthān prati janārdanaḥ
den Pārthas zugewandt, Janārdana (Akk.Pl. + Postp. + Nom.Sg.)
[Anm.: Viduras Rede aus Kap.85 schließt hier; Duryodhanas Erwiderung öffnet im selben Vers.]
yat tu satkārasaṃyuktaṃ deyaṃ vasu janārdane anekarūpaṃ rājendra na tad deyaṃ kadā cana
Was aber mit Ehrerbietung verbunden dem Janārdana als Gut gegeben werden sollte, in mancherlei Gestalt, o Fürst der Könige - das soll niemals gegeben werden.
Wort für Wort
yat tu satkārasaṃyuktam
was aber mit Ehrerbietung verbunden (Nom.Sg. Rel. + Partikel + Nom.Sg. Adj.)
deyam vasu janārdane
als Gut gegeben werden sollte dem Janārdana (Nom.Sg. Ger. + Nom.Sg. + Lok.Sg.)
anekarūpam rājendra
in mancherlei Gestalt, o Fürst der Könige (Nom.Sg. Adj. + Vok.Sg.)
na tat deyam kadā cana
das soll niemals gegeben werden (Neg. + Nom.Sg. + Nom.Sg. Ger. + Adv.)
deśaḥ kālas tathāyukto na hi nārhati keśavaḥ maṃsyaty adhokṣajo rājan bhayād arcati mām iti
Ort und Zeit sind dafür nicht geeignet - nicht dass Keśava es nicht verdiente [er verdient es durchaus] - Adhokṣaja würde denken, o König: „Aus Furcht verehrt er mich.“
Wort für Wort
deśaḥ kālaḥ tathā ayuktaḥ
Ort und Zeit sind dafür nicht geeignet (Nom.Sg. x2 + Adv. + Nom.Sg. Adj.Neg.)
na hi na arhati keśavaḥ
nicht dass Keśava es nicht verdiente [doppelte Verneinung] (Neg. + Partikel + Neg. + 3.Sg.Präs. + Nom.Sg.)
maṃsyati adhokṣajaḥ rājan
Adhokṣaja würde denken, o König (3.Sg.Fut.Med. + Nom.Sg. + Vok.Sg.)
bhayāt arcati mām iti
aus Furcht verehrt er mich, so (Abl.Sg. + 3.Sg.Präs. + Akk.Sg. + Partikel)
[Anm.: 'na hi nārhati' ist eine doppelte Verneinung (na+na) und daher affirmativ zu lesen ('Keśava verdient es durchaus') - Duryodhanas Punkt ist nicht, dass Kṛṣṇa die Ehrung nicht verdiente, sondern dass Zeitpunkt/Umstände ungünstig sind; das folgende 'iti'-Zitat gibt Kṛṣṇas hypothetischen Gedanken wieder, als CQ innerhalb Duryodhanas bereits offener Rede markiert.]
avamānaś ca yatra syāt kṣatriyasya viśāṃ pate na tat kuryād budhaḥ kāryam iti me niścitā matiḥ
Und wo eine Herabwürdigung eines Kṣatriya entstehen könnte, o Herr der Untertanen, das soll ein Weiser nicht tun - das ist meine feste Meinung.
Wort für Wort
avamānaḥ ca yatra syāt
und wo eine Herabwürdigung entstehen könnte (Nom.Sg. + Konj. + 3.Sg.Opt.)
kṣatriyasya viśām pate
eines Kṣatriya, o Herr der Untertanen (Gen.Sg. + Gen.Pl. + Vok.Sg.)
na tat kuryāt budhaḥ kāryam
das soll ein Weiser nicht tun (Neg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Opt. + Nom.Sg. + Akk.Sg.)
iti me niścitā matiḥ
so ist meine feste Meinung (Partikel + Gen.Sg. + Nom.Sg. Adj. + Nom.Sg.)
[Anm.: 'iti me niścitā matiḥ' ist die formelhafte Wendung 'das ist meine feste Meinung' und schließt hier keine separate Zitatebene, sondern bekräftigt nur Duryodhanas eigene, bereits offene Rede.]
sa yad brūyān mahābāhus tat kāryam aviśaṅkayā vāsudevena tīrthena kṣipraṃ saṃśāmya pāṇḍavaiḥ
Was immer der Starkarmige sagen würde, das soll ohne Zweifel getan werden; durch Vāsudeva als Vermittler soll rasch mit den Pāṇḍavas Frieden geschlossen werden.
Wort für Wort
saḥ yat brūyāt mahābāhuḥ
was der Starkarmige sagen würde (Nom.Sg. + Akk.Sg. Rel. + 3.Sg.Opt. + Nom.Sg.)
tat kāryam aviśaṅkayā
das soll ohne Zweifel getan werden (Nom.Sg. + Nom.Sg. Ger. + Instr.Sg. Adv.)
vāsudevena tīrthena
durch Vāsudeva als Vermittler (Instr.Sg. + Instr.Sg.)
kṣipram saṃśāmya pāṇḍavaiḥ
rasch Frieden schließend mit den Pāṇḍavas (Adv. + Absolutiv/Ger. + Instr.Pl.)
dharmyam arthyaṃ sa dharmātmā dhruvaṃ vaktā janārdanaḥ tasmin vācyāḥ priyā vāco bhavatā bāndhavaiḥ saha
Dharma-gemäß und nützlich wird Janārdana, der Dharma-gesinnte, gewiss sprechen; zu ihm sollen von dir, zusammen mit den Verwandten, freundliche Worte gesprochen werden.
Wort für Wort
dharmyam arthyam
Dharma-gemäß, nützlich (Akk.Sg. Adj. x2)
saḥ dharmātmā dhruvam vaktā
er, der Dharma-gesinnte, wird gewiss sprechen (Nom.Sg. + Nom.Sg. Adj. + Adv. + Nom.Sg. Fut.Part.)
janārdanaḥ tasmin vācyāḥ
Janārdana, zu ihm sollen gesprochen werden (Nom.Sg. + Lok.Sg. + Nom.Pl. Ger.)
priyā vācaḥ bhavatā bāndhavaiḥ saha
freundliche Worte von dir, zusammen mit den Verwandten (Nom.Pl. Adj. + Nom.Pl. + Instr.Sg. + Instr.Pl.)
duryodhana uvāca na paryāyo 'sti yad rājañ śriyaṃ niṣkevalām aham taiḥ sahemām upāśnīyāṃ jīvañ jīvaiḥ pitāmaha
‘Duryodhana sprach: ‚Es gibt keinen anderen Weg, o Großvater, wie ich, lebend, zusammen mit ihnen, diese Herrschaft ausschließlich für mich genießen könnte, während sie leben.
Wort für Wort
duryodhanaḥ uvāca
Duryodhana sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
na paryāyaḥ asti yat rājan
es gibt keinen anderen Weg, o Großvater/König (Neg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Präs. + Akk.Sg. Rel. + Vok.Sg.)
śriyam niṣkevalām aham
die Herrschaft ausschließlich ich (Akk.Sg. + Akk.Sg. Adj. + Nom.Sg.)
taiḥ saha imām upāśnīyām
zusammen mit ihnen diese genießen könnte (Instr.Pl. + Postp. + Akk.Sg. + 1.Sg.Opt.)
jīvan jīvaiḥ pitāmaha
lebend, während sie leben, o Großvater (Nom.Sg. Part.Präs. + Instr.Pl. + Vok.Sg.)
[Anm.: Bhīṣmas Rede schließt hier; Duryodhanas zweite, folgenreiche Rede öffnet im selben Vers.]
‘Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er dessen furchtbares, gegen Kṛṣṇa gerichtetes Wort gehört hatte, wurde Dhṛtarāṣṭra, mitsamt seinen Ministern, bestürzt und ganz verstört.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyanaḥ uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
tasya tat vacanam śrutvā
nachdem er dessen Wort gehört hatte (Gen.Sg. + Akk.Sg. + Absolutiv)
ghoram kṛṣṇābhisaṃhitam
furchtbares, gegen Kṛṣṇa gerichtetes (Akk.Sg. Adj. x2)
dhṛtarāṣṭraḥ sahāmātyaḥ
Dhṛtarāṣṭra, mitsamt seinen Ministern (Nom.Sg. + Nom.Sg. Adj.)
vyathitaḥ vimanā abhavat
wurde bestürzt und ganz verstört (Nom.Sg. Part. + Nom.Sg. Adj. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: Duryodhanas zweite Rede (der Kṛṣṇa-Gefangennahme-Plan) schließt hier.]
bhīṣma uvāca parīto dhṛtarāṣṭrāyaṃ tava putraḥ sumandadhīḥ vṛṇoty anarthaṃ na tv arthaṃ yācyamānaḥ suhṛdgaṇaiḥ
‘Bhīṣma sprach: ‚Dieser dein Sohn, o Dhṛtarāṣṭra, von sehr törichtem Verstand, umringt, wählt Unheil, nicht Nutzen, obwohl er von seinen Freunden gebeten wird.
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
parītaḥ dhṛtarāṣṭra ayam
umringt, o Dhṛtarāṣṭra, dieser (Nom.Sg. Part.Perf. + Vok.Sg. + Nom.Sg.)
tava putraḥ sumandadhīḥ
dein Sohn, von sehr törichtem Verstand (Gen.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg. Adj.)
vṛṇoti anartham na tu artham
er wählt Unheil, nicht aber Nutzen (3.Sg.Präs. + Akk.Sg. + Neg. + Partikel + Akk.Sg.)
yācyamānaḥ suhṛdgaṇaiḥ
obwohl er von seinen Freunden gebeten wird (Nom.Sg. Part.Präs.Pass. + Instr.Pl.)
[Anm.: Dhṛtarāṣṭras kurze Rede schließt hier; Bhīṣmas zornige zweite Rede öffnet im selben Vers.]
kṛṣṇam akliṣṭakarmāṇam āsādyāyaṃ sudurmatiḥ tava putraḥ sahāmātyaḥ kṣaṇena na bhaviṣyati
Nachdem er sich an Kṛṣṇa, den in seinem Tun Unermüdlichen, herangewagt hat, wird dieser sehr übelgesinnte Sohn von dir, mitsamt seinen Ministern, in einem Augenblick nicht mehr sein.
Wort für Wort
kṛṣṇam akliṣṭakarmāṇam
Kṛṣṇa, den in seinem Tun Unermüdlichen (Akk.Sg. + Akk.Sg. Adj.)
āsādya ayam sudurmatiḥ
nachdem er sich herangewagt hat, dieser sehr Übelgesinnte (Absolutiv + Nom.Sg. + Nom.Sg. Adj.)
tava putraḥ sahāmātyaḥ
dein Sohn, mitsamt seinen Ministern (Gen.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg. Adj.)
kṣaṇena na bhaviṣyati
wird in einem Augenblick nicht mehr sein (Instr.Sg. + Neg. + 3.Sg.Fut.)
‘Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er dies gesagt hatte, erhob sich der Beste der Bhāratas, der Alte, höchst zornerfüllt, und Bhīṣma, von wahrhafter Tapferkeit, verließ jenen Ort.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyanaḥ uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
iti uktvā bharataśreṣṭhaḥ
nachdem er dies gesagt hatte, der Beste der Bhāratas (Partikel + Absolutiv + Nom.Sg.)
vṛddhaḥ paramamanyumān
der Alte, höchst zornerfüllt (Nom.Sg. Adj. x2)
utthāya tasmāt prātiṣṭhat
sich erhebend, verließ jenen Ort (Absolutiv + Abl.Sg. + 3.Sg.Impf.)
bhīṣmaḥ satyaparākramaḥ
Bhīṣma, von wahrhafter Tapferkeit (Nom.Sg. x2)
[Anm.: Bhīṣmas zweite Rede schließt hier mit seinem zornigen Abgang - Rahmenerzählung kehrt zur Grundebene zurück.]