Kapitel 62: Vidura-Śakuna-Madhu-Dṛṣṭāntaḥ
Viduras Gleichnisse vom Vogelpaar und vom Honig
Duryodhana erwidert Bhīṣma trotzig, beruft sich auf Karṇa und Duḥśāsana (SQ öffnet, V.1-5). Sprecherwechsel zu Vidura (close-reopen, V.6): Śakuna-Parabel (zwei Vögel, gemeinsam in einer Schlinge gefangen, gehen durch gegenseitigen Streit unter - Warnung vor Zwietracht unter Verwandten, mit zwei sequentiellen CQ-Einzelvers-Zitaten V.11 [Frage des Weisen] und V.12 [Antwort des Vogelfängers]), gefolgt von einer zweiten Parabel (Honig an einem gefährlichen Abgrund, von Kirātas aus Gier gesucht, die dabei zugrunde gehen - mit eingebettetem CQ-Zitat der Brahmanen-Behauptung V.25), beide auf Duryodhanas blinde Gier nach der Erde trotz tödlicher Gefahr angewandt (V.27). Vidura schließt mit der Einschätzung, dass Duryodhana Arjuna nicht gewachsen ist, und einem direkten Appell an Dhṛtarāṣṭra, sich mit Yudhiṣṭhira zu versöhnen. SQ bleibt am Kapitelende offen (Tiefe 1), CQ durchgehend 0 am Kapitelende (alle drei CQ-Episoden je innerhalb ihres eigenen Verses geschlossen, nie Tiefe >1).
‚Duryodhana sprach: Unter Menschen, die einander gleichen, alle von gleicher Geburt - warum glaubst du, dass jenen Pārthas der Sieg ausschließlich gehört?
Wort für Wort
duryodhana uvāca
Duryodhana sprach (Nom. + 3.Sg.Perf.)
sadṛśānāṃ manuṣyeṣu sarveṣāṃ tulyajanmanām
unter Menschen, die einander gleichen, alle von gleicher Geburt (Gen.Pl. + Lok.Pl. + Gen.Pl. + Gen.Pl., Kompositum)
katham ekāntatas teṣāṃ pārthānāṃ manyase jayam
warum glaubst du, dass jenen Pārthas der Sieg ausschließlich gehört (Interrogativ. + Adv. + Gen.Pl. + Gen.Pl. + 2.Sg.Präs.Med. + Akk.)
‘Vidura sprach: ‚Für den Zweck des Fangs von Vögeln legte einst ein gewisser Vogelfänger, mein Lieber, eine Schlinge auf dem Boden aus - so haben wir von den Alten gehört.
Wort für Wort
vidura uvāca
Vidura sprach (Nom. + 3.Sg.Perf.)
śakunīnām ihārthāya pāśaṃ bhūmāv ayojayat
für den Zweck des Fangs von Vögeln legte er eine Schlinge auf dem Boden aus (Gen.Pl. + Dat., Kompositum + Akk. + Lok. + 3.Sg.Impf.Kaus.)
kaś cic chākunikas tāta pūrveṣām iti śuśruma
ein gewisser Vogelfänger, mein Lieber - so haben wir von den Alten gehört (Nom. + Indefinitpron. + Nom. + Vok. + Gen.Pl. + Zitatpartikel + 1.Pl.Perf.)
[Anm.: Sprecherwechsel Duryodhana->Vidura (close-then-reopen, SQ bleibt Tiefe 1). Beginn der Śakuna-Parabel (V.6-19).]
In jener wurden zwei Vögel gleichzeitig gefangen, von gleicher Kraft; diese beiden, die Schlinge mit sich tragend, flogen beide, die Himmelswanderer, davon.
Wort für Wort
tasmin dvau śakunau baddhau yugapat samapauruṣau
in jener wurden zwei Vögel gleichzeitig gefangen, von gleicher Kraft (Lok. + Nom.Dual + Nom.Dual + Nom.Dual.Ptz.Perf. + Adv. + Nom.Dual, Kompositum)
tāv upādāya taṃ pāśaṃ jagmatuḥ khacarāv ubhau
diese beiden, die Schlinge mit sich tragend, flogen beide, die Himmelswanderer, davon (Akk.Dual + Absolutiv + Akk. + Akk. + 3.Dual.Perf. + Nom.Dual, Kompositum + Nom.Dual)
Als er so dem Jäger, der die Vögel begehrte, nachlief, sah ihn ein gewisser Weiser, der in seiner Einsiedelei wohnte, nachdem er seine Tagesriten vollendet hatte.
Wort für Wort
tathā tam anudhāvantaṃ mṛgayuṃ śakunārthinam
dem so nachlaufenden Jäger, der die Vögel begehrte (Adv. + Akk. + Akk.Ptz.Präs. + Akk. + Akk., Kompositum)
āśramastho muniḥ kaś cid dadarśātha kṛtāhnikaḥ
sah ihn ein gewisser Weiser, der in seiner Einsiedelei wohnte, nachdem er seine Tagesriten vollendet hatte (Nom., Kompositum + Nom. + Indefinitpron. + 3.Sg.Perf.+Adv. + Nom., Kompositum)
śākunika uvāca pāśam ekam ubhāv etau sahitau harato mama yatra vai vivadiṣyete tatra me vaśam eṣyataḥ
„Der Vogelfänger sprach: Diese beiden gemeinsam tragen eine einzige Schlinge von mir fort; wo immer sie in Streit geraten werden, dort werden sie in meine Gewalt kommen.“
Wort für Wort
śākunika uvāca
der Vogelfänger sprach (Nom. + 3.Sg.Perf.)
pāśam ekam ubhāv etau sahitau harato mama
diese beiden gemeinsam tragen eine einzige Schlinge von mir fort (Akk. + Akk. + Nom.Dual + Nom.Dual + Nom.Dual + Gen.Dual.Ptz.Präs. + Gen.)
yatra vai vivadiṣyete tatra me vaśam eṣyataḥ
wo immer sie in Streit geraten werden, dort werden sie in meine Gewalt kommen (Adv. + Partikel + 3.Dual.Fut.Med. + Adv. + Gen. + Akk. + 3.Dual.Fut.)
[Anm.: Eingebettetes Einzelvers-Zitat der Antwort des Vogelfängers (CQ, sequentiell, nicht verschachtelt mit V.11, öffnet+schließt in diesem Vers).]
Da wünschten die Kirātas, als sie dies sahen, es zu erlangen, o Herrscher, und gingen zugrunde in jener gefährlichen, von Schlangen bewohnten Bergschlucht.
Wort für Wort
tataḥ kirātās tad dṛṣṭvā prārthayanto mahīpate
da wünschten die Kirātas, als sie dies sahen, es zu erlangen, o Herrscher (Adv. + Nom.Pl. + Akk. + Absolutiv + Nom.Pl.Ptz.Präs. + Vok., Kompositum)
vineśur viṣame tasmin sasarpe girigahvare
und gingen zugrunde in jener gefährlichen, von Schlangen bewohnten Bergschlucht (3.Pl.Impf. + Lok. + Lok. + Lok., Kompositum + Lok., Kompositum)
Nimm den König Yudhiṣṭhira in deinen Schoß, Dhṛtarāṣṭra; denn wenn zwei im Kampf gegeneinander kämpfen, ist der Sieg niemals einseitig sicher.
Wort für Wort
aṅke kuruṣva rājānaṃ dhṛtarāṣṭra yudhiṣṭhiram
nimm den König Yudhiṣṭhira in deinen Schoß, Dhṛtarāṣṭra (Lok. + 2.Sg.Imp.Med. + Akk. + Vok. + Akk.)
yudhyator hi dvayor yuddhe naikāntena bhavej jayaḥ
denn wenn zwei im Kampf gegeneinander kämpfen, ist der Sieg niemals einseitig sicher (Gen.Dual.Ptz.Präs. + Partikel + Gen.Dual + Lok. + Neg.+Instr. + Opt.3.Sg. + Nom.)
[Anm.: Kapitelende - Vidura fordert Dhṛtarāṣṭra direkt zur Versöhnung mit Yudhiṣṭhira auf. SQ bleibt offen (Tiefe 1), Fortsetzung vermutlich Kap.63.]