Kapitel 178: Rāmabhīṣmasaṃvādaḥ
Die Begegnung von Bhīṣma und Rāma; Bhīṣmas Herausforderung
Bhīṣma erzählt weiter: Er selbst zieht Rāma entgegen, der ihm die Rücknahme Ambās aufträgt. Bhīṣma weigert sich standhaft mit Verweis auf sein Kṣatriya-Gelübde, woraufhin Rāma ihm mit dem Tod droht. Nach vergeblichem Bitten stellt Bhīṣma die Machtfrage: Rāma sei zwar sein einstiger Waffenlehrer, doch da er sich als Kämpfer verhalte, dürfe man ihn im Kampf bekämpfen, ohne sich der Brahmanentötung schuldig zu machen; als Kṣatriya werde er daher gegen ihn kämpfen. Beide vereinbaren ein Duell auf dem Kurukṣetra; Bhīṣma schließt mit einer trotzigen Herausforderung, seinen Lehrer den eigenen, bislang unbesiegten Hochmut zu nehmen. (Die gesamte Rede - einschließlich der von Bhīṣma selbst zitierten eigenen einstigen Herausforderungsworte an Rāma - bleibt, als Teil seiner eigenen, seit Kap.170 offenen Erzählung, indirekt wiedergegeben.)
gāṃ puraskṛtya rājendra brāhmaṇaiḥ parivāritaḥ ṛtvigbhir devakalpaiś ca tathaiva ca purohitaiḥ
Eine Kuh als Ehrengabe vorausschickend, o Herr der Könige, umgeben von Brahmanen, von gottgleichen Opferpriestern und ebenso von Hauspriestern, näherte er sich ihm.
vibhraṃśitā tvayā hīyaṃ dharmāvāpteḥ parāvarāt parāmṛṣṭāṃ tvayā hīmāṃ ko hi gantum ihārhati
Sie sei durch ihn gestürzt worden, um jede Möglichkeit rechtschaffenen Erwerbs gebracht, sowohl höheren als auch niederen Ranges; denn wer wäre bereit, sie, von ihm berührt, zur Frau zu nehmen?
Denn sie sei von Śālva zurückgewiesen worden mit den Worten, sie sei von ihm entführt worden, Bhārata; deshalb solle er sie auf sein Geheiß hin annehmen.
Diese Königstochter solle ihre eigentliche Bestimmung erlangen, Tiger unter den Männern; es zieme sich nicht für einen König wie ihn, Schuldloser, diese Schmach zu verursachen.
na bhayān nāpy anukrośān na lobhān nārthakāmyayā kṣatradharmam ahaṃ jahyām iti me vratam āhitam
Weder aus Furcht noch aus Mitleid, weder aus Gier noch aus Verlangen nach Gewinn werde ich die Pflicht eines Kṣatriya aufgeben - dies sei mein festes Gelübde.
tato mām abravīd rāmaḥ krodhasaṃraktalocanaḥ jānīṣe māṃ guruṃ bhīṣma na cemāṃ pratigṛhṇase sutāṃ kāśyasya kauravya matpriyārthaṃ mahīpate
Da habe Rāma, die Augen rot vor Zorn, mir gesagt, ich wisse ihn als meinen Lehrer und nähme dennoch diese Tochter des Königs von Kāśi nicht an, ihm zuliebe, Kaurava, Herr der Erde.
na hi te vidyate śāntir anyathā kurunandana gṛhāṇemāṃ mahābāho rakṣasva kulam ātmanaḥ tvayā vibhraṃśitā hīyaṃ bhartāraṃ nābhigacchati
Anders gebe es für mich keinen Frieden, Sohn der Kurus; ich solle sie nehmen, Starkarmiger, und mein eigenes Geschlecht bewahren; denn durch mich gestürzt, finde sie keinen Gatten.
tathā bruvantaṃ tam ahaṃ rāmaṃ parapuraṃjayam naitad evaṃ punar bhāvi brahmarṣe kiṃ śrameṇa te
Ihm, Rāma, dem Bezwinger feindlicher Städte, der so sprach, habe ich erwidert, dies werde nie wieder geschehen, Brahmanenweiser; wozu diene seine Mühe?
In Anbetracht seiner früheren Lehrerschaft, Sohn des Jamadagni, bitte ich um seine Gnade, Heiliger; denn sie sei von mir ja schon zuvor verstoßen worden.
ko jātu parabhāvāṃ hi nārīṃ vyālīm iva sthitām vāsayeta gṛhe jānan strīṇāṃ doṣān mahātyayān
Wer würde denn je eine Frau, die einem anderen gehöre, gleichsam wie eine giftige Schlange dastehend, in seinem Haus aufnehmen, da er doch die schwerwiegenden Fehler der Frauen kenne?
na bhayād vāsavasyāpi dharmaṃ jahyāṃ mahādyute prasīda mā vā yad vā te kāryaṃ tat kuru māciram
Selbst aus Furcht vor Vāsava würde ich meine Pflicht nicht aufgeben, Glanzvoller; er möge gnädig sein oder nicht - was auch immer zu tun sei, solle er ohne Verzug tun.
sa tvaṃ gurur iti premṇā mayā saṃmānito bhṛśam guruvṛttaṃ na jānīṣe tasmād yotsyāmy ahaṃ tvayā
Er, obwohl mein Lehrer, sei von mir aus Zuneigung überaus geehrt worden; doch er kenne das einem Lehrer geziemende Verhalten nicht - deshalb werde ich gegen ihn kämpfen.
Wort für Wort
saḥ
er (Nom. Sg.)
tvam
du (Nom. Sg.)
guruḥ
Lehrer (Nom. Sg.)
iti
als (Zitatpartikel)
premṇā
aus Zuneigung (Instr. Sg.)
mayā
von mir (Instr. Sg.)
saṃmānitaḥ
geehrt (PPP Nom.)
bhṛśam
überaus (Adv.)
guruvṛttam
das dem Lehrer geziemende Verhalten (Akk. Sg. n.)
na
nicht (Negationspartikel)
jānīṣe
du kennst (Präs. Med. 2.Sg.)
tasmāt
deshalb (Adv.)
yotsyāmi
ich werde kämpfen (Fut. 1.Sg.)
aham
ich (Nom. Sg.)
tvayā
mit dir (Instr. Sg.)
[?] Hier zitiert Bhīṣma seine eigenen, damals gesprochenen Worte der Herausforderung an seinen Lehrer Rāma. Auch diese - wie alle Rede innerhalb der seit Kap.170 offenen Ambā-Rückblende - bleibt indirekt wiedergegeben; ein neuer dritter Anführungslevel wird auch dort vermieden, wo Bhīṣma sich selbst zitiert.
guruṃ na hanyāṃ samare brāhmaṇaṃ ca viśeṣataḥ viśeṣatas tapovṛddham evaṃ kṣāntaṃ mayā tava
Einen Lehrer werde ich im Kampf nicht töten, zumal einen Brahmanen, zumal einen in Askese Ergrauten; so viel Nachsicht habe ich ihm gegenüber schon geübt.
udyateṣum atho dṛṣṭvā brāhmaṇaṃ kṣatrabandhuvat yo hanyāt samare kruddho yudhyantam apalāyinam brahmahatyā na tasya syād iti dharmeṣu niścayaḥ
Sähe man aber einen Brahmanen sich wie ein Kṣatriya verhalten, die Waffe erhoben, und erschlüge ihn jemand im Zorn, während er kämpfend nicht fliehe, so treffe den, der ihn töte, keine Schuld des Brahmanenmordes - dies sei die feste Regel in Fragen des Dharma.
kṣatriyāṇāṃ sthito dharme kṣatriyo 'smi tapodhana yo yathā vartate yasmiṃs tathā tasmin pravartayan nādharmaṃ samavāpnoti naraḥ śreyaś ca vindati
Ich stehe in der Pflicht der Kṣatriyas und bin ein Kṣatriya, Büßer; wer gegenüber einem anderen so handle, wie jener sich ihm gegenüber verhalte, begehe kein Unrecht und erlange das Heilsame.
Sei es in Fragen des Nutzens oder der Pflicht - der Fähige, der Ort und Zeit kenne, sei, selbst wenn er in einen zweifelhaften Nachteil gerate, durch entschlossenes Handeln zweifelsfrei im Vorteil.
Wort für Wort
arthe
in Fragen des Nutzens (Lok. Sg.)
vā
oder (Konj.)
yadi vā
oder (Konj.)
dharme
in Fragen der Pflicht (Lok. Sg.)
samarthaḥ
der Fähige (Nom. Sg.)
deśakālavit
Ort und Zeit kennend (Nom. Sg.)
anarthasaṃśayāpannaḥ
in zweifelhaften Nachteil geraten (Nom. Sg.)
śreyān
im Vorteil (Nom. Sg. Komp.)
niḥsaṃśayena
durch Entschlossenheit (Instr. Sg.)
ca
und (Konj.)
[?] Dieser sprichwortartige Vers ist knapp und in seiner genauen Aussage nicht ganz eindeutig; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten Deutung, dass entschlossenes Handeln selbst bei zweifelhaftem Nutzen dem Zögern vorzuziehen sei.
yasmāt saṃśayite 'rthe 'smin yathānyāyaṃ pravartase tasmād yotsyāmi sahitas tvayā rāma mahāhave paśya me bāhuvīryaṃ ca vikramaṃ cātimānuṣam
Da er, Rāma, sich in dieser zweifelhaften Angelegenheit so verhalte, wie es ihm gemäß sei, werde ich gegen ihn in großer Schlacht kämpfen; er möge die Kraft meiner Arme und meine übermenschliche Kühnheit sehen.
evaṃ gate 'pi tu mayā yac chakyaṃ bhṛgunandana tat kariṣye kurukṣetre yotsye vipra tvayā saha dvaṃdve rāma yatheṣṭaṃ te sajjo bhava mahāmune
Doch selbst so werde ich tun, was mir noch möglich sei, Sohn des Bhṛgu; ich werde mit ihm auf Kurukṣetra im Zweikampf kämpfen, Brahmane, Rāma, ganz wie er wünsche; er möge sich rüsten, großer Weiser.
Dort werde er, von mir mit hundert Pfeilen bedeckt und erschlagen, Rāma, die Welten der im Kampf Gefallenen erlangen, durch Waffen geläutert, in der großen Schlacht.
api yatra tvayā rāma kṛtaṃ śaucaṃ purā pituḥ tatrāham api hatvā tvāṃ śaucaṃ kartāsmi bhārgava
Auch dort, wo er, Rāma, einst für seinen Vater das Reinigungsritual vollzogen habe, werde ich selbst, nachdem ich ihn erschlagen, das Reinigungsritual vollziehen, Bhārgava.
Und auch das, womit er, Rāma, sich oft in den Versammlungen rühme - dass die Kṣatriyas in der Welt von ihm allein besiegt worden seien -, dazu möge er dies hören:
na tadā jāyate bhīṣmo madvidhaḥ kṣatriyo 'pi vā yas te yuddhamayaṃ darpaṃ kāmaṃ ca vyapanāśayet
Damals sei eben noch kein Bhīṣma geboren gewesen, noch ein Kṣatriya seinesgleichen, der seinen aus dem Kampf erwachsenen Hochmut und sein Verlangen hätte zunichtemachen können.
so 'haṃ jāto mahābāho bhīṣmaḥ parapuraṃjayaḥ vyapaneṣyāmi te darpaṃ yuddhe rāma na saṃśayaḥ
Nun aber sei jener Bhīṣma, der Bezwinger feindlicher Städte, geboren, Starkarmiger; er werde seinen Hochmut im Kampf zunichtemachen, Rāma - daran sei kein Zweifel.