Kapitel 104: Gālavopākhyānam Prārambhaḥ
Beginn der Gālava-Erzählung
Janamejaya unterbricht die Erzählung mit einer Frage: Warum halten Duryodhanas Verwandte ihn nicht von seinem verderblichen Weg ab? Vaiśaṃpāyana antwortet mit Verweis auf die vielfältigen bereits gehörten Mahnreden und beginnt, Nāradas Worte wiederzugeben - dieser leitet mit einer alten Lehrgeschichte über die Gefahren der Beharrlichkeit ein: die Erzählung von Gālava. Dharma, verkleidet, testet zweimal Viśvāmitras Geduld beim Erbitten von Speise - beim zweiten Mal, nach hundert Jahren regungslosen Wartens, ist er zufrieden, und Viśvāmitra erlangt dadurch Brahmanenwürde. Sein hingebungsvoller Schüler Gālava wird darauf aus dem Lehrdienst entlassen und besteht darauf, einen Lehrerlohn zu entrichten - trotz wiederholter Abweisung Viśvāmitras. Schließlich, durch Gālavas Beharrlichkeit gereizt, stellt Viśvāmitra die scheinbar unerfüllbare Forderung nach achthundert besonderen, einseitig dunkelohrigen, mondweißen Rossen.
‘Janamejaya sprach: ‚Der da Beharrlichkeit im Nichtnützlichen entwickelt hat, der von Gier nach fremdem Gut verblendet ist, der an Unedlem Gefallen findet, der zum Sterben entschlossen ist,
Wort für Wort
anarthe jātanirbandhaṃ parārthe lobhamohitam
der da Beharrlichkeit im Nichtnützlichen entwickelt hat, der von Gier nach fremdem Gut verblendet ist (Lok. + Akk., Bahuvrīhi + Lok. + Akk., Bahuvrīhi)
anāryakeṣu abhirataṃ maraṇe kṛtaniścayam
der an Unedlem Gefallen findet, der zum Sterben entschlossen ist (Lok. + Akk. + Lok. + Akk., Bahuvrīhi)
[Anm.: SQ schließt hier zunächst - Ende von Duryodhanas am Kapitelende von Kap.103 offengebliebener trotziger Rede - und öffnet sogleich neu für Janamejayas Frage an Vaiśaṃpāyana; dies ist die äußerste Rahmenebene der gesamten Erzählung (Janamejaya-Vaiśaṃpāyana-Dialog).]
wie kommt es, dass ihn, der auf dem Irrweg steht, hier seine Verwandten nicht zurückhalten - sei es aus Freundschaft, sei es der liebevolle Freund, sei es der ehrwürdige Großvater?‘
Wort für Wort
katham na enaṃ vimārgasthaṃ vārayanti iha bāndhavāḥ
wie kommt es, dass ihn, der auf dem Irrweg steht, hier seine Verwandten nicht zurückhalten (Frage + Neg. + Akk. + Akk. + 3. Pl. Präs. + Adv. + Nom.)
sauhṛdād vā suhṛtsnigdhaḥ bhagavān vā pitāmahaḥ
sei es aus Freundschaft, sei es der liebevolle Freund, sei es der ehrwürdige Großvater (Abl. + Partikel + Nom., Bahuvrīhi + Nom. + Partikel + Nom.)
[Anm.: SQ schließt hier - Ende von Janamejayas Frage; gemeint ist Duryodhana, dessen trotzige Rede den vorigen Kapitelabschluss bildete.]
Vaiśaṃpāyana sprach: Gesprochen wurde das Wort des Erhabenen, gesprochen wurde von Bhīṣma, was angemessen war, gesprochen wurde vielfältig auch von Nārada - höre das.
Wort für Wort
uktaṃ bhagavatā vākyam uktaṃ bhīṣmeṇa yat kṣamam
gesprochen wurde das Wort des Erhabenen, gesprochen wurde von Bhīṣma, was angemessen war (Nom. Sg. Ppp. + Instr. + Akk. + Nom. Sg. Ppp. + Instr. + Rel. + Nom.)
uktaṃ bahuvidhaṃ ca eva nāradena api tat śṛṇu
gesprochen wurde vielfältig auch von Nārada - höre das (Nom. Sg. Ppp. + Adv. + Instr. + Partikel + Akk. + Imperativ)
[Anm.: reine Übergangs-Erzählung Vaiśaṃpāyanas (Grundebene, unmarkiert) - kein Zitat; die eigentliche Rede Nāradas (die Gālava-Erzählung) beginnt erst in V.005.]
nārada uvāca durlabho vai suhṛc chrotā durlabhaś ca hitaḥ suhṛt tiṣṭhate hi suhṛd yatra na bandhus tatra tiṣṭhati
‚Nārada sprach: Selten wahrlich ist ein Freund, der zuhört, und selten ein wohlmeinender Freund; denn wo ein Freund weilt, dort weilt auch, wer kein Verwandter ist.
Wort für Wort
durlabhaḥ vai suhṛt śrotā durlabhaḥ ca hitaḥ suhṛt
selten wahrlich ist ein Freund, der zuhört, und selten ein wohlmeinender Freund (Nom. + Partikel + Nom. + Nom. + Nom. + Nom. + Nom.)
tiṣṭhate hi suhṛd yatra na bandhuḥ tatra tiṣṭhati
denn wo ein Freund weilt, dort weilt auch, wer kein Verwandter ist (3. Sg. Präs. Med. + Partikel + Nom. + Rel. + Neg. + Nom. + Adv. + 3. Sg. Präs.)
[Anm.: SQ öffnet hier neu - Nāradas Rede beginnt (die Gālava-Erzählung), von Vaiśaṃpāyana als Antwort auf Janamejayas Frage wiedergegeben.]
śrotavyam api paśyāmi suhṛdāṃ kurunandana na kartavyaś ca nirbandho nirbandho hi sudāruṇaḥ
Auch das Zuhören der Freunde sehe ich als geboten an, o Freude der Kurus, doch Beharrlichkeit sollte man nicht üben, denn Beharrlichkeit ist überaus verhängnisvoll.
Wort für Wort
śrotavyam api paśyāmi suhṛdāṃ kurunandana
auch das Zuhören der Freunde sehe ich als geboten an, o Freude der Kurus (Akk. Gerundivum + Partikel + 1. Sg. Präs. + Gen. Pl. + Vok.)
na kartavyaḥ ca nirbandhaḥ nirbandhaḥ hi sudāruṇaḥ
doch Beharrlichkeit sollte man nicht üben, denn Beharrlichkeit ist überaus verhängnisvoll (Neg. + Nom. Gerundivum + Nom. + Nom. + Partikel + Nom.)
da kam Viśvāmitra, die noch sehr heiße Speise in Händen haltend, heran (Adv. + Ger. + Akk. + Akk. + Nom. + 3. Sg. Ipf.)
[Anm.: gemeint ist, dass der verkleidete Dharma bereits von anderen Asketen Speise erhalten und gegessen hatte, bevor Viśvāmitra mit dem eigens zubereiteten Opferbrei zurückkehrte.]
bhuktaṃ me tiṣṭha tāvat tvam ity uktvā bhagavān yayau viśvāmitras tato rājan sthita eva mahādyutiḥ
„Ich habe schon gegessen; warte du derweil“ - so gesprochen habend, ging der Erhabene fort; Viśvāmitra aber, o König, blieb da stehen, von großem Glanz.
Wort für Wort
bhuktaṃ me tiṣṭha tāvat tvam iti uktvā bhagavān yayau
ich habe schon gegessen, warte du derweil - so gesprochen habend, ging der Erhabene fort (Nom. Sg. Ppp. + Dat. + Imperativ + Adv. + Nom. + Partikel + Ger. + Nom. + 3. Sg. Perf.)
viśvāmitraḥ tataḥ rājan sthitaḥ eva mahādyutiḥ
Viśvāmitra aber, o König, blieb da stehen, von großem Glanz (Nom. + Adv. + Vok. + Nom. Sg. Ppp. + Partikel + Nom.)
[Anm.: CQ öffnet und schließt hier innerhalb eines Verses - Dharmas kurzer, mit ,iti' markierter Ausspruch, mit dem er Viśvāmitra beim ersten Besuch auf die Probe stellt.]
Den Speisebrei mit dem Haupt gefasst haltend, mit beiden Armen, ging er zur Seite, stand regungslos wie ein Pfahl in der Nähe, nur von Luft sich nährend.
Wort für Wort
bhaktaṃ pragṛhya mūrdhnā tad bāhubhyāṃ pārśvataḥ agamat
den Speisebrei mit dem Haupt gefasst haltend, mit beiden Armen, ging er zur Seite (Akk. + Ger. + Instr. + Akk. + Instr. Dual + Adv. + 3. Sg. Ipf.)
sthitaḥ sthāṇuḥ iva abhyāśe niśceṣṭaḥ mārutāśanaḥ
stand regungslos wie ein Pfahl in der Nähe, nur von Luft sich nährend (Nom. Sg. Ppp. + Nom. + Vergleich + Lok. + Nom., Bahuvrīhi + Nom., Bahuvrīhi)
pratigṛhya tato dharmas tathaivoṣṇaṃ tathā navam bhuktvā prīto 'smi viprarṣe tam uktvā sa munir gataḥ
da nahm Dharma ihn entgegen, noch ebenso heiß, ebenso frisch wie zuvor, und nachdem er gegessen hatte: „Ich bin erfreut, o Weiser unter den Brahmanen“ - so zu ihm gesprochen habend, ging jener Weise fort.
Wort für Wort
pratigṛhya tataḥ dharmaḥ tathā eva uṣṇaṃ tathā navam
da nahm Dharma ihn entgegen, noch ebenso heiß, ebenso frisch (Ger. + Adv. + Nom. + Adv. + Akk. + Adv. + Akk.)
bhuktvā prītaḥ asmi viprarṣe tam uktvā sa muniḥ gataḥ
nachdem er gegessen hatte: ich bin erfreut, o Weiser unter den Brahmanen - so zu ihm gesprochen habend, ging jener Weise fort (Ger. + Nom. Sg. Ppp. + 1. Sg. Präs. + Vok. + Akk. + Ger. + Nom. + Nom. + Nom. Sg. Ppp.)
[Anm.: CQ öffnet und schließt hier innerhalb eines Verses - Dharmas kurzer Ausspruch beim zweiten Besuch, nun als Lob statt als Prüfung.]
viśvāmitras tu śiṣyasya gālavasya tapasvinaḥ śuśrūṣayā ca bhaktyā ca prītimān ity uvāca tam anujñāto mayā vatsa yatheṣṭaṃ gaccha gālava
Viśvāmitra aber, erfreut durch den Dienst und die Hingabe seines asketischen Schülers Gālava, sprach zu ihm: „Du bist von mir entlassen, mein Kind; geh, wie es dir beliebt, Gālava.“
Wort für Wort
viśvāmitraḥ tu śiṣyasya gālavasya tapasvinaḥ śuśrūṣayā ca bhaktyā ca prītimān
Viśvāmitra aber, erfreut durch den Dienst und die Hingabe seines asketischen Schülers Gālava (Nom. + Gen. + Gen. + Gen. + Instr. + Instr. + Nom.)
iti uvāca tam anujñātaḥ mayā vatsa yatheṣṭaṃ gaccha gālava
sprach so zu ihm: du bist von mir entlassen, mein Kind; geh, wie es dir beliebt, Gālava (Partikel + 3. Sg. Perf. + Akk. + Nom. Sg. Ppp. + Instr. + Vok. + Adv. + Imperativ + Vok.)
[Anm.: CQ öffnet und schließt hier innerhalb eines Verses - Viśvāmitra entlässt seinen Schüler Gālava aus dem Lehrdienst.]
So angesprochen, erwiderte Gālava dem besten der Weisen, dem glanzvollen Viśvāmitra, erfreut, mit süßer Stimme:
Wort für Wort
iti uktaḥ pratyuvāca idaṃ gālavaḥ munisattamam
so angesprochen, erwiderte Gālava dies dem besten der Weisen (Partikel + Nom. Sg. Ppp. + 3. Sg. Perf. + Akk. + Nom. + Akk.)
prītaḥ madhurayā vācā viśvāmitraṃ mahādyutim
erfreut, mit süßer Stimme, dem glanzvollen Viśvāmitra (Nom. Sg. Ppp. + Instr. + Instr. + Akk. + Akk.)
[Anm.: reine Übergangs-Erzählung - kein neues Zitat, sondern Abschluss von Viśvāmitras vorigem Ausspruch (V.019, dort bereits geschlossen) und Einleitung zu Gālavas Erwiderung, die erst in V.021 beginnt.]
dakṣiṇānāṃ hi sṛṣṭānām apavargeṇa bhujyate svarge kratuphalaṃ sadbhir dakṣiṇā śāntir ucyate kim āharāmi gurvarthaṃ bravītu bhagavān iti
[?] Denn von den gegebenen Lohngaben wird durch ihre Vollendung die Frucht des Opfers im Himmel genossen, so sagen die Guten; ein Lohn wird als Mittel des Friedens bezeichnet. Was soll ich für den Lehrer herbeischaffen - der Erhabene möge es sagen.“
Wort für Wort
dakṣiṇānāṃ hi sṛṣṭānām apavargeṇa bhujyate svarge kratuphalaṃ sadbhiḥ
denn von den gegebenen Lohngaben wird durch ihre Vollendung die Frucht des Opfers im Himmel genossen, so sagen die Guten (Gen. Pl. + Partikel + Gen. Pl. Ppp. + Instr. + 3. Sg. Präs. Pass. + Lok. + Nom. + Instr.)
dakṣiṇā śāntiḥ ucyate kim āharāmi gurvarthaṃ bravītu bhagavān iti
ein Lohn wird als Mittel des Friedens bezeichnet; was soll ich für den Lehrer herbeischaffen - der Erhabene möge es sagen (Nom. + Nom. + 3. Sg. Präs. Pass. + Frage + 1. Sg. Präs. + Akk. + 3. Sg. Imperativ + Nom. + Partikel)
[Anm.: CQ schließt hier - Ende von Gālavas Erwiderung, im Sanskrit durch ,iti' markiert; die genaue Bedeutung von ,apavargeṇa' (,durch Vollendung/Erfüllung') bleibt leicht unsicher [?], sinngemäß im Sinn der Vollendung der Lohngabe wiedergegeben.]
[Anm.: CQ öffnet und schließt hier innerhalb eines Verses - Viśvāmitras kurzer, wiederholter Ausspruch, mit dem er Gālava fortschickt, ohne einen Lohn zu nennen.]
Wiederholt von Viśvāmitra mit „Geh, geh“ angesprochen, erwiderte Gālava mehrfach: „Was soll ich geben?“
Wort für Wort
asakṛd gaccha gaccha iti viśvāmitreṇa bhāṣitaḥ
wiederholt von Viśvāmitra mit ,geh, geh' angesprochen (Adv. + Imperativ + Imperativ + Partikel + Instr. + Nom. Sg. Ppp.)
kiṃ dadāni iti bahuśaḥ gālavaḥ pratyabhāṣata
erwiderte Gālava mehrfach: was soll ich geben (Frage + 1. Sg. Präs. Konj. + Partikel + Adv. + Nom. + 3. Sg. Ipf. Med.)
[Anm.: zwei kurze eingebettete Zitate in diesem Vers - die wiederholte Anrede Viśvāmitras (Rückverweis auf V.023) und Gālavas eigene, mehrfach wiederholte Gegenfrage.]
der Rosse, mondweiß-glänzend; geh, Gālava, ohne Verzug (Gen. Pl. + Gen. Pl. + Imperativ + Vok. + Adv.)
[Anm.: CQ öffnet hier neu - Viśvāmitras berühmte, scheinbar unmögliche Lohnforderung beginnt; bleibt am Kapitelende offen, Fortsetzung in Kap.105 erwartet.]