Kapitel 1: anukramaṇikā parva (Anfang) — nārāyaṇastuti und sūtāgamana
Anukramaṇikāparva: Dhṛtarāṣṭras Klage, Sañjayas Trostrede und der Lobpreis des Werkes (vollständig, Verse 1–301) — (Kumbhakonam-Südrezension)
Adhyāya 1 des Ādiparva (das Anukramaṇikāparva, „Kapitel des Inhaltsverzeichnisses“) ist mit dieser Erweiterung vollständig übersetzt (Verse 1–301, Kumbhakonam-Zählung). Er enthält die Rahmenerzählung in Naimiṣāraṇya, die Herkunft und Komposition des Werkes durch Vyāsa, das erste, kurze Baum-Gleichnis der 18 Parvas, Dhṛtarāṣṭras berühmte „yadāśrauṣam“-Klage-Litanei über den gesamten Kriegsverlauf, Sañjayas Trostrede mit der Liste alter, dennoch dem Tod verfallener Könige und einer Meditation über die alles bezwingende Zeit (Kāla), sowie den abschließenden Lobpreis auf den Nutzen dieses Kapitels (Phalaśruti) mit Kolophon. Zwei Passagen (Verse 81–85 und 101) bleiben als unverifizierte Lücken markiert; ab Vers 109 wurde eine zuvor entdeckte Zählabweichung von eins gegenüber der Quelle korrigiert (die Verse 27–107 folgen noch der ursprünglichen, um eins abweichenden Zählung dieser Sitzungen – eine rückwirkende Bereinigung bleibt für eine künftige Revision vorgemerkt). Es folgt als Nächstes Adhyāya 2 des Ādiparva, das ausführliche Parvasaṃgraha (die Inhaltsübersicht aller 18 Bücher). [Hinweis 2026-09-06: Diese Übersetzung folgt der Südtext-Rezension (Kumbhakonam-Ausgabe) und bleibt als eigenständige, vollständige Fassung erhalten. Ab sofort wird parallel eine zweite Fassung nach der kritischen Ausgabe (BORI/Poona) aufgebaut, die künftig die Haupt-Zählung des Projekts bildet, sobald sie das gesamte Ādiparva abdeckt.]
Nachdem man Nārāyaṇa verehrt hat, und auch Nara, den Besten der Männer, sowie die Göttin Sarasvatī und Vyāsa, soll man danach den „Jaya“ [den „Sieg“ – einen alten Titel des Werks] vortragen.
Wort für Wort
nārāyaṇam
den Nārāyaṇa (Akk.)
namaskṛtya
nachdem man Verehrung erwiesen hat (Ger.)
naram
den Nara (Akk.)
ca eva
und auch
narottamam
den Besten der Männer (Akk., nara + uttama)
devīm
die Göttin (Akk.)
sarasvatīm
Sarasvatī (Akk.)
vyāsam
Vyāsa (Akk.)
tataḥ
danach
jayam
den „Sieg“, d. h. das Werk (Akk.)
udīrayet
man möge aussprechen/vortragen (Opt. 3. Sg.)
[Anm.: Die verfügbare Digitalisierung zeigte an dieser Stelle eine erkennbar verderbte Lesart („… devīṃ sarasvatīṃ caiva(vyāsaṃ) …“). Wiedergegeben ist die andernorts einhellig bezeugte Standardlesart dieses berühmtesten alle Parvas eröffnenden Verses.]
Ich verehre Nārāyaṇa, den Lehrer der Götter, den alleinigen Herrn der Welt, den den Hingebungsvollen Lieben, den von allen Welten Verehrten, den von den drei Guṇas freien, Ungeborenen, Alldurchdringenden, ursprünglichen Herrscher, den Vernichter des Daseinskreislaufs, den von Unsterblichen, Asuras und Vollendeten zu Verehrenden.
Wort für Wort
nārāyaṇam
Nārāyaṇa (Akk.)
sura-gurum
den Lehrer der Götter
jagad-eka-nātham
den alleinigen Herrn der Welt
bhakta-priyam
den den Hingebungsvollen Lieben
sakala-loka-namaskṛtam
den von allen Welten Verehrten
ca
und
traiguṇya-varjitam
den von den drei Guṇas Freien
ajam
den Ungeborenen
vibhum
den Alldurchdringenden
ādyam
den Ursprünglichen
īśam
den Herrscher
vande
ich verehre (1. Sg. Präs.)
bhava-ghnam
den Vernichter des Daseins(kreislaufs)
amara-asura-siddha-vandyam
den von Göttern, Asuras und Vollendeten zu Verehrenden
[Anm.: Dieser zweite Invokationsvers steht in einem anderen, längeren Versmaß (Vasantatilakā) als Vers 1 und 3 (Anuṣṭubh) und gilt in der Textkritik nicht durchweg als ursprünglicher Bestandteil; er ist aber in den meisten gedruckten Ausgaben enthalten und wird hier mitübersetzt.]
Verehrung dem großen Dharma, Verehrung dem Kṛṣṇa [Dvaipāyana, d. h. Vyāsa], dem Ordner! Nachdem ich den Brahmanen Verehrung erwiesen habe, werde ich die ewigen Gesetze (Dharmas) verkünden.
Ugraśravas, der Sohn des Lomaharṣaṇa, der Sūta, der Purāṇa-Kundige – [kam] im Naimiṣa-Wald zur zwölfjährigen Opfersitzung des Sippenoberhaupts Śaunaka…
Wort für Wort
lomaharṣaṇa-putraḥ
der Sohn des Lomaharṣaṇa (Nom.)
ugraśravāḥ
Ugraśravas (Eigenname, Nom.)
sautiḥ
der Sūta[-Sohn] (Nom.)
paurāṇikaḥ
der Purāṇa-Kundige, Erzähler alter Geschichten (Nom.)
naimiṣāraṇye
im Naimiṣa-Wald (Lok.)
śaunakasya
des Śaunaka (Gen.)
kulapateḥ
des Sippenoberhaupts (Gen.)
dvādaśa-vārṣike
im zwölfjährigen (Lok.)
satre
bei der Opfersitzung (Lok.)
[Anm.: Der Quelltext hat „romaharṣaṇa-“; die in anderen Ausgaben häufigere Namensform ist „Lomaharṣaṇa“ (l/r-Wechsel), hier als Standardform gewählt.]
tam āśramam anuprāpya naimiṣāraṇya-vāsinaḥ | uvāca tān ṛṣīn sarvān dhanyo vo ’smy adya darśanāt ||
Nachdem er zu jener Einsiedelei gelangt war, sprach er zu all jenen Sehern, den Bewohnern des Naimiṣa-Waldes: „Gesegnet bin ich heute durch euren Anblick.“
veda vaiyāsikīḥ sarvāḥ kathā dharmārtha-saṃhitāḥ | vakṣyāmi vo dvija-śreṣṭhāḥ śṛṇvantv adya tapodhanāḥ ||
Ich kenne alle von Vyāsa stammenden Erzählungen, die mit Dharma und Artha verbunden sind; ich werde sie euch verkünden, ihr Besten der Zweifachgeborenen – so höret nun, die ihr an Askese reich seid.
Wort für Wort
veda
ich kenne (Perf. m. Präs.-bedeutung)
vaiyāsikīḥ
von Vyāsa stammende (Akk. Pl. f.)
sarvāḥ
alle (Akk. Pl. f.)
kathāḥ
Erzählungen (Akk. Pl.)
dharma-artha-saṃhitāḥ
mit Dharma und Artha verbundene (Akk. Pl.)
vakṣyāmi
ich werde verkünden (1. Sg. Fut.)
vaḥ
euch (Akk./Dat. Pl.)
dvija-śreṣṭhāḥ
oh Beste der Zweifachgeborenen (Vok. Pl.)
śṛṇvantu
sie mögen hören (3. Pl. Imp.)
adya
jetzt
tapo-dhanāḥ
oh ihr, deren Reichtum die Askese ist (Vok. Pl.)
[Anm.: Die verfügbare Digitalisierung las hier „dharmāryaisaṃhitāḥ“, was keinen tragfähigen Sinn ergibt; übersetzt ist die naheliegende, sinngemäß kaum anzuzweifelnde Lesart „dharmārtha-saṃhitāḥ“ („mit Dharma und Artha verbunden“), wie sie diese Wendung auch in Vers 21 zeigt.]
In jener weiten Versammlung der Weisen mit geläuterter Seele…
Wort für Wort
tasmin sadasi
in jener Versammlung (Lok.)
vistīrṇe
weiten (Lok.)
munīnām
der Weisen (Gen. Pl.)
bhāvita-ātmanam
deren Seele geläutert ist (Gen. Pl.)
[Anm.: Der Vers liegt im Quelltext nur mit einer Halbzeile vor; die zweite Pāda fehlt in der verfügbaren Digitalisierung und ist hier nicht ergänzt. Es folgt die Sprecherangabe „sūtir uvāca“ („der Sūta sprach“), mit der der eigentliche Bericht beginnt (s. Vers 15).]
Der Sūta sprach: Bei der Schlangenopfersitzung des königlichen Sehers Janamejaya, des Großmütigen, in der Nähe dieses Fürstenkönigs, des Sohnes des Parikṣit, ordnungsgemäß [durchgeführt]…
Wort für Wort
sūtiḥ uvāca
der Sūta[-Sohn] sprach
janamejayasya
des Janamejaya (Gen.)
rājarṣeḥ
des königlichen Sehers (Gen.)
sarpa-satre
bei der Schlangenopfersitzung (Lok.)
mahātmanaḥ
des Großmütigen (Gen.)
samīpe
in der Nähe (Lok.)
pārthiva-indrasya
des Fürstenkönigs (Gen.)
samyak
ordnungsgemäß
pārikṣitasya
des Sohnes des Parikṣit (Gen.)
ca
und
[Anm.: Zusammengesetzt aus den beiden im Quelltext getrennt zweitezählten Halbversen 1.1.15 und 1.1.15x.]
…die mannigfaltigen, sehr verdienstvollen Erzählungen, die von Kṛṣṇa Dvaipāyana [Vyāsa] verkündet worden waren und die von Vaiśampāyana vorschriftsgemäß vorgetragen wurden…
Nachdem ich viele Pilgerstätten und heilige Schreine durchwandert hatte, [gelangte ich zu] dem heiligen, von den Zweifachgeborenen aufgesuchten [Ort] namens Samantapañcaka…
gatavān asmi taṃ deśaṃ yuddhaṃ yatrābhavat purā | kurūṇāṃ pāṇḍavānāṃ ca sarveṣāṃ ca hi mahīkṣitām ||
…ich bin zu jenem Land gegangen, wo einst die Schlacht der Kurus und der Pāṇḍavas stattfand – und wahrlich [die Schlacht] aller Erdenherrscher.
Wort für Wort
gatavān asmi
ich bin gegangen (Perf. periphr., 1. Sg.)
tam deśam
zu jenem Land (Akk.)
yuddham
die Schlacht (Nom.)
yatra
wo
abhavat
geschah (3. Sg. Impf.)
purā
einst
kurūṇām
der Kurus (Gen. Pl.)
pāṇḍavānām
der Pāṇḍavas (Gen. Pl.)
ca
und
sarveṣām
aller (Gen. Pl.)
ca hi
und wahrlich
mahī-kṣitām
der Erdenherrscher (Gen. Pl.)
[Anm.: Quelltext „ca hīkṣitām“ normalisiert zu „ca hi mahīkṣitām“ („und wahrlich der Erdenherrscher“), da „hīkṣitām“ kein Wort ist und „mahīkṣit“ („Erdbewohner/König“) inhaltlich genau passt.]
…die in den Purāṇas gesammelten, heiligen Erzählungen, die auf Dharma und Artha gegründet sind, die Geschichte der Herrscher der Menschen und der großmütigen Seher.
„Jene uralte Erzählung, die von Dvaipāyana, dem höchsten Weisen, verkündet wurde, und die, nachdem sie [sie] gehört hatten, sogar von Göttern und Brahmanenweisen hochgepriesen wurde…“
Wort für Wort
dvaipāyanena
von Dvaipāyana (Instr.)
yat
welches (Akk. n.)
proktam
verkündet (Ptz.)
purāṇam
die uralte Erzählung (Akk.)
parama-ṛsiṇā
von dem höchsten Weisen (Instr.)
suraiḥ
von den Göttern (Instr. Pl.)
brahmarṣibhiḥ
von den Brahmanenweisen (Instr. Pl.)
ca eva
und auch, geradezu
śrutvā
nachdem sie gehört hatten (Ger.)
yat
welches
abhipūjitam
hochgepriesen (Ptz.)
[Anm.: Im Quelltext als Ergänzungsvers „1.1.23x“ gezählt.]
tasyākhyāna-variṣṭhasya vicitra-pada-parvaṇaḥ | sūkṣmārtha-nyāya-yuktasya vedārthair bhūṣitasya ca ||
…jener vorzüglichsten Erzählung, mit wunderbaren Worten und Abschnitten, versehen mit feinsinniger Bedeutung und Logik, und geschmückt mit den Bedeutungen der Veden…
Wort für Wort
tasya
von jener (Gen.)
ākhyāna-variṣṭhasya
der vorzüglichsten Erzählung (Gen.)
vicitra-pada-parvaṇaḥ
mit wunderbaren Worten und Abschnitten (Gen.)
sūkṣma-artha-nyāya-yuktasya
mit feinsinniger Bedeutung und Logik versehen (Gen.)
…der heiligen [Fassung] der Geschichte des Bhārata, die mit dem Sinngehalt der Komposition verbunden, zu sprachlicher Vollendung gelangt, in reinem [klassischem] Sanskrit und durch mannigfaltige Lehrwerke bereichert ist…
Wort für Wort
bhāratasya itihāsasya
der Geschichte des Bhārata (Gen.)
puṇyām
die heilige (Akk. f.)
grantha-artha-saṃyutām
mit dem Sinn der Komposition verbunden (Akk.)
saṃskāra-upagatām
zu sprachlicher Vollendung gelangt (Akk.)
brāhmīm
in reinem Sanskrit (Akk. f.)
nānā-śāstra-upabṛṃhitām
durch mannigfaltige Lehrwerke bereichert (Akk.)
[Anm.: Das Anliegen der Seher – den ganzen Bhārata-Bericht zu hören – setzt sich grammatisch über diesen Vers hinaus fort; die Fortsetzung folgt in einer späteren Ergänzung dieser Ausgabe.]
„Wir wünschen die mit den vier Veden gleichgestellte Komposition (Saṃhitā) des Vyāsa von wunderbarem Wirken zu hören, die heilige, die die Furcht vor Sünde vertreibt.“
[Ich verneige mich vor] dem ursprünglichen Puruṣa, dem Herrschenden, dem Vielgerufenen, dem Vielgepriesenen, der kosmischen Ordnung, dem einen unvergänglichen Brahman, dem Offenbarten und Unoffenbarten zugleich, dem Ewigen…
Wort für Wort
ādyam puruṣam
den ursprünglichen Puruṣa (Akk.)
īśānam
den Herrschenden (Akk.)
puruhūtam
den Vielgerufenen (Akk.)
puruṣṭutam
den Vielgepriesenen (Akk.)
ṛtam
die kosmische Ordnung/Wahrheit (Akk.)
eka-akṣaram brahma
das eine unvergängliche Brahman (Akk.)
vyakta-avyaktam
das Offenbarte und Unoffenbarte (Akk.)
sanātanam
das Ewige (Akk.)
[Anm.: Die Verse 28–30 bilden syntaktisch einen einzigen Satz; das Verb („namaskṛtya“, „nachdem ich Verehrung erwiesen habe“) folgt erst in Vers 30.]
asac ca sac caiva ca yad viśvaṃ sad-asataḥ param | parāvarāṇāṃ sraṣṭāraṃ purāṇaṃ param avyayam |
…dem, das Nichtseiende und das Seiende zugleich, das was das Universum ist, das jenseits von Sein und Nichtsein liegt, dem Schöpfer der höheren und niederen Wesen, dem Uralten, höchsten Unvergänglichen…
…nachdem ich Verehrung erwiesen habe dem Heilbringenden, dem Heil selbst, Viṣṇu, dem Erwählenswerten, Makellosen, Reinen, Hṛṣīkeśa, dem Herrn alles Beweglichen und Unbeweglichen, Hari.
Wort für Wort
maṅgalyam maṅgalam
den Heilbringenden, das Heil selbst (Akk.)
viṣṇum
Viṣṇu (Akk.)
vareṇyam
den Erwählenswerten (Akk.)
anagham
den Makellosen (Akk.)
śucim
den Reinen (Akk.)
namaskṛtya
nachdem ich Verehrung erwiesen habe (Ger.)
hṛṣīkeśam
Hṛṣīkeśa, den Herrn der Sinne (Akk.)
cara-acara-gurum
den Herrn des Beweglichen und Unbeweglichen (Akk.)
sarvāśramābhiśamanaṃ sarvatīrthāvagāhanam | na tathā phalada sūte nārāyaṇakathā yathā ||
Nicht die Befriedung durch alle Lebensstadien, nicht das Eintauchen in alle Pilgerstätten bringt so viel Frucht, oh Sūta, wie die Erzählung von Nārāyaṇa.
Wort für Wort
sarva-āśrama-abhiśamanam
die Befriedung/Vollendung aller Lebensstadien (Nom.)
idaṃ tu triṣu lokeṣu mahaj jñānaṃ pratiṣṭhitam | vistaraiś ca samāsaiś ca dhāryate yad dvijātibhiḥ ||
Dieses große Wissen aber ist in den drei Welten begründet; es wird von den Zweifachgeborenen sowohl in ausführlicher als auch in gekürzter Form bewahrt.
Wort für Wort
idam tu
dieses aber
triṣu lokeṣu
in den drei Welten (Lok.)
mahat jñānam
das große Wissen (Nom.)
pratiṣṭhitam
begründet (Nom.)
vistaraiḥ ca samāsaiḥ ca
in ausführlicher wie in gekürzter Form (Instr.)
dhāryate
es wird bewahrt (Passiv)
yat
welches
dvijātibhiḥ
von den Zweifachgeborenen (Instr. Pl.)
[Anm.: Dieser Vers steht im Quelltext identisch zweimal, als 1.1.35 und 1.1.36 gezählt. Da er inhaltlich unverändert ist, wird er hier nur einmal übersetzt; beide Verszählungen verweisen auf dieselbe Übersetzung.]
Geschmückt mit schönen Worten, mit Konventionen und [unklar: „göttlichen Bögen“], verbunden mit mannigfaltigen Versmaßen – den Gelehrten lieb.
Wort für Wort
alaṅkṛtam
geschmückt (Nom./Akk.)
śubhaiḥ śabdaiḥ
mit schönen Worten (Instr.)
samayaiḥ
mit Konventionen (Instr.)
divyadhanuṣaiḥ
„mit göttlichen Bögen“ (Instr., Bedeutung unsicher)
chandaḥ-vṛttaiḥ ca vividhaiḥ
und mit mannigfaltigen Versmaßen (Instr.)
anvitam
verbunden (Nom./Akk.)
viduṣām priyam
den Gelehrten lieb (Nom./Akk.)
[Anm.: Die Wendung „divyadhanuṣaiḥ“ („mit göttlichen Bögen“) ergibt im Kontext einer Beschreibung literarischer Gestaltungsmittel keinen erkennbaren Sinn; die Lesart ist in der verfügbaren Digitalisierung vermutlich verderbt. Als unsicher markiert, nicht stillschweigend geglättet – ein Abgleich mit einer zweiten Ausgabe steht aus.] [?]
Durch Askese und Studien-Enthaltsamkeit, nachdem er den ewigen Veda gegliedert hatte, schuf der Sohn der Satyavatī diese heilige Geschichte.
Wort für Wort
tapasā
durch Askese (Instr.)
brahmacaryeṇa
durch Studien-Enthaltsamkeit (Instr.)
vyasya
nachdem er gegliedert/ediert hatte (Ger.)
vedam sanātanam
den ewigen Veda (Akk.)
itihāsam imam
diese Geschichte (Akk.)
cakre
er schuf (3. Sg. Perf. Med.)
puṇyam
die heilige (Akk.)
satyavatī-sutaḥ
der Sohn der Satyavatī, d. h. Vyāsa (Nom.)
[Anm.: Dieser Vers kehrt im Quelltext, wortgleich, als 1.1.67 wieder – vermutlich eine bewusste Wiederaufnahme (Ringkomposition), mit der nach dem eingelagerten kosmogonischen Abschnitt (39–66) zum Haupterzählfaden zurückgelenkt wird, keine Fehlübertragung.]
Am heiligen Fuß des Himālaya, an einem reinen Ort, in einer Bergeshöhle wohnend, ließ sich der Rechtschaffene, nachdem er seinen Körper gereinigt hatte, auf einer Streu aus Kuśagras nieder.
adbhutaṃ cāpy acintyaṃ ca sarvatra samatāṃ matam | avyaktaṃ kāraṇaṃ sūkṣmaṃ yat tat sadasadātmakam ||
Wunderbar und auch undenkbar, überall als Gleichmaß angesehen, ist die unoffenbare, feinstoffliche Ursache, jenes, das von der Natur des Seienden und Nichtseienden ist.
Wort für Wort
adbhutam ca api acintyam ca
wunderbar und auch undenkbar
sarvatra samatām matam
überall als Gleichmaß angesehen (Nom./Akk.)
avyaktam kāraṇam sūkṣmam
die unoffenbare, feinstoffliche Ursache (Nom.)
yat tat
welches, jenes
sad-asad-ātmakam
von der Natur des Seienden und Nichtseienden (Nom.)
In welchem der Großvater (Brahmā) geboren wurde, der eine Herr, der Herr der Geschöpfe – Brahmā, der Lehrer der Götter, Sthāṇu, Manu, Ka, der Höchststehende…
…Yakṣas, Sādhyas und Piśācas, Guhyakas und die Ahnen (Pitṛs); daraus hervorgegangen die gelehrten, rechtschaffenen Weisen, die besten der Brahmanenweisen…
maharṣayaś ca bahavaḥ sarvaiḥ samuditā guṇaiḥ | ataś ca dyauḥ pṛthivī vāyur antarikṣaṃ diśas tathā ||
…und viele große Seher, mit allen guten Eigenschaften ausgestattet. Daraus entstanden: Himmel, Erde, Wind, der Luftraum und ebenso die Himmelsrichtungen…
Wort für Wort
maharṣayaḥ ca bahavaḥ
und viele große Seher
sarvaiḥ samuditāḥ guṇaiḥ
mit allen guten Eigenschaften ausgestattet
ataḥ
daraus
dyauḥ pṛthivī vāyuḥ
Himmel, Erde, Wind
antarikṣam diśaḥ tathā
der Luftraum und ebenso die Himmelsrichtungen
[Anm.: Quelltext „āto“ zu „ataḥ ca“ emendiert.] [?]
saṃvatsararttavo māsāḥ pakṣāhorātrayaḥ kramāt | yac cānyad api tat sarvaṃ saṃbhūtaṃ lokasākṣikam ||
…das Jahr, die Jahreszeiten, die Monate, die Monatshälften, Tage und Nächte der Reihe nach, und was es sonst noch gibt – all das entstand, vor den Augen der Welt bezeugt.
Was auch immer hier gesehen wird an Wesen, beweglich oder unbeweglich – die ganze Welt wird wieder eingezogen, wenn das Ende des Weltzeitalters eintritt.
Wort für Wort
yat idam dṛśyate kiṃcit
was auch immer hier gesehen wird
bhūtam sthāvara-jaṅgamam
an Wesen, beweglich und unbeweglich
punaḥ saṃkṣipyate
wird wieder eingezogen
sarvam jagat
die ganze Welt
prāpte yuga-kṣaye
wenn das Ende des Weltzeitalters eingetreten ist (Lok. abs.)
So wie im Kreislauf der Jahreszeiten die Kennzeichen der jeweiligen Jahreszeit in mannigfaltigen Formen immer wieder aufs Neue erscheinen, so erscheinen die Wesenszustände an den Anfängen der Weltzeitalter.
trayastriṃśat sahasrāṇi trayastriṃśac chatāni ca | trayastriṃśac ca devānāṃ sṛṣṭiḥ saṃkṣepalakṣaṇā ||
Dreiunddreißigtausend, dreiunddreißighundert und dreiunddreißig – das ist die Schöpfung der Götter, kurz umrissen.
Wort für Wort
trayastriṃśat sahasrāṇi
dreiunddreißigtausend
trayastriṃśat śatāni ca
und dreiunddreißighundert
trayastriṃśat ca
und dreiunddreißig
devānām
der Götter (Gen. Pl.)
sṛṣṭiḥ
die Schöpfung (Nom.)
saṃkṣepa-lakṣaṇā
kurz umrissen
[Anm.: Anspielung auf die traditionelle Zahlenformel „33 Götter“ (8 Vasus, 11 Rudras, 12 Ādityas, 2 Aśvins) bzw. deren spätere hyperbolische Vervielfachung; die genaue Bedeutung dieser Zahlenfolge (33.000 + 3.300 + 33) ist in der Forschung nicht abschließend geklärt.]
Der Sohn des Himmels, von großem Glanz, dessen Wesen das (Welten-)Auge ist, der Lichtreiche, Savitṛ, jener Ṛcīka, Arka, Bhānu, der die Himmelsrichtungen durchdringt, Ravi — [Namen der Sonne].
Wort für Wort
divaḥ putraḥ
der Sohn des Himmels (Nom.)
bṛhad-bhānuḥ
von großem Glanz (Nom.)
cakṣuḥ-ātmā
dessen Wesen das (Welten-)Auge ist (Nom.)
vibhāvasuḥ
der Lichtreiche (Nom.)
savitā
Savitṛ (Nom.)
saḥ ṛcīkaḥ
jener Ṛcīka (Nom.)
arkaḥ
Arka (Nom.)
bhānuḥ
Bhānu (Nom.)
āśā-vahaḥ
der die Himmelsrichtungen durchdringt (Nom.)
raviḥ
Ravi (Nom.)
[Anm.: Aufzählung von Beinamen der Sonne (Sūrya), eingeleitet durch die Genealogie „Sohn des Himmels (Dyaus)“.]
yayātīkṣvākuvaṃśaś ca rājarṣīṇāṃ ca sarvaśaḥ | saṃbhūtā bahavo vaṃśā bhūtasargāḥ suvistarāḥ ||
…und die Dynastie des Yayāti und des Ikṣvāku, und die aller königlichen Seher überhaupt – so entstanden viele Dynastien, ausführliche Hervorbringungen der Wesen.
…die Sittenlehre der Bharata-Dynastie und ihre Ausbreitung in jeder Hinsicht, Geschichtserzählungen mitsamt Erläuterung, und mannigfaltige Offenbarungstexte.
Nachdem der Seher dieses große Wissen ausgebreitet hatte, verkündete er es auch in gekürzter Form; denn den Gelehrten in der Welt ist es lieb, ein Werk sowohl gekürzt wie ausgebreitet festzuhalten.
Wort für Wort
vistīrya etat mahat jñānam
nachdem er dieses große Wissen ausgebreitet hatte
ṛṣiḥ saṃkṣipya ca abravīt
sprach der Seher es auch gekürzt
iṣṭam hi viduṣām loke
denn den Gelehrten in der Welt ist es lieb
samāsa-vyāsa-dhāraṇam
das Festhalten in gekürzter wie in ausgebreiteter Form
Die Weisen erhellen das mannigfaltige Wissen dieser Sammlung – manche sind geschickt darin, es zu erläutern, andere darin, die Texte im Gedächtnis zu bewahren.
Durch Askese und Studien-Enthaltsamkeit, nachdem er den ewigen Veda gegliedert hatte, schuf der Sohn der Satyavatī diese heilige Geschichte.
Wort für Wort
tapasā brahmacaryeṇa
durch Askese und Studien-Enthaltsamkeit
vyasya vedam sanātanam
nachdem er den ewigen Veda gegliedert hatte
itihāsam imam cakre
schuf er diese Geschichte
puṇyam satyavatī-sutaḥ
die heilige, der Sohn der Satyavatī
[Anm.: Wortgleiche Wiederholung von Vers 38 – Wiederaufnahme des Haupterzählfadens nach dem eingelagerten kosmogonisch-genealogischen Abschnitt (39–66).]
Der gelehrte Sohn des Parāśara, der Brahmanenweise von strengen Gelübden, der Rechtschaffene – auf Geheiß seiner Mutter und im Auftrag des weisen Sohnes der Gaṅgā [Bhīṣma]…
Als jene geboren und herangewachsen und schließlich zum höchsten Gang (dem Tod) gegangen waren, verkündete der große Seher das Bhārata in dieser Menschenwelt.
Jener Vaiśampāyana trug, zusammen mit den Opferpriestern sitzend, das Bhārata vor, in den Pausen zwischen den Ritualhandlungen des Opfers, immer wieder dazu aufgefordert.
Die Ausbreitung der Kuru-Dynastie, die Rechtschaffenheit der Gāndhārī, die Weisheit Viduras, die Standhaftigkeit der Kuntī – all dies verkündete Dvaipāyana genau.
Die Erhabenheit des Vāsudeva (Kṛṣṇa), die Wahrhaftigkeit der Pāṇḍavas, das schlechte Verhalten der Söhne des Dhṛtarāṣṭra – all dies verkündete der erhabene Seher.
Vierundzwanzigtausend Verse umfassend schuf er die Bhārata-Komposition; ohne die Nebenerzählungen wird dieser kürzere Kern von den Gelehrten einfach als „Bhārata“ bezeichnet.
Nachdem er die Gedanken des Sehers Dvaipāyana erkannt hatte, kam dorthin der Erhabene, Brahmā, der Weltenlehrer, selbst.
Wort für Wort
tasya tat cintitam jñātvā
nachdem er dessen Gedanken erkannt hatte
ṛṣeḥ dvaipāyanasya ca
des Sehers Dvaipāyana
tatra ājagāma bhagavān
dorthin kam der Erhabene
brahmā lokaguruḥ svayam
Brahmā, der Weltenlehrer, selbst
[Anm.: Die Verse 81–85 (Beschreibung der Ankunft Brahmās und der Begrüßung durch Vyāsa) konnten in dieser Runde in der verfügbaren Digitalisierung nicht zweifelsfrei verifiziert werden und fehlen daher vorerst; sie werden in einer künftigen Erweiterung ergänzt.]
„Oh Brahman, das Geheimnis der Veden und was ich sonst noch dargelegt habe, die ausführliche Darlegung der Veden mitsamt ihren Hilfswissenschaften und Upaniṣaden…“
Wort für Wort
brahman veda-rahasyam ca
oh Brahman, das Geheimnis der Veden
yat ca anyat sthāpitam mayā
und was sonst noch von mir dargelegt wurde
sa-aṅga-upaniṣadām ca eva
der (Veden) mitsamt ihren Hilfswissenschaften und Upaniṣaden
itihāsapurāṇānām unmeṣaṃ nimiṣaṃ ca yat | bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyac ca trividhaṃ kālasaṃjñitam |
…das Entstehen und Vergehen der Geschichten und alten Erzählungen, das Gewesene, Gegenwärtige und Zukünftige – die dreifache, „Zeit“ genannte Gliederung…
jarāmṛtyubhayavyādhibhāvābhāvaviniścayaḥ | vividhasya ca dharmasya hy āśramāṇāṃ ca lakṣaṇam |
…die gesicherte Erkenntnis über Alter, Tod, Furcht, Krankheit, Sein und Nichtsein, sowie über den mannigfaltigen Dharma und die Kennzeichen der Lebensstadien…
…Logik, Sprachlehre, Heilkunde, Freigebigkeit und ebenso die Pāśupata-Lehre – so entfaltet sich eine Entstehung, die nicht auf eine einzige Grundlage beschränkt ist und die als „göttlich-menschlich“ bezeichnet wird…
Wort für Wort
nyāya-śikṣā cikitsā ca
Logik, Sprachlehre und Heilkunde
dānam pāśupatam tathā
Freigebigkeit und ebenso die Pāśupata-Lehre
iti na eka-āśrayam janma
so eine nicht auf eine einzige Grundlage beschränkte Entstehung
purāṇāṃ caiva divyānāṃ kalpānāṃ yuddhakauśalam | vākyajātiviśeṣāś ca lokayātrākramaś ca yaḥ |
…und der göttlichen (Städte/Überlieferungen), die Kunstfertigkeit im Kampf der Weltzeitalter, die Besonderheiten der Redearten und die Ordnung des Weltenlaufs…
Wort für Wort
purāṇām ca eva divyānām
und der göttlichen (Städte/Überlieferungen)
kalpānām yuddha-kauśalam
die Kunstfertigkeit im Kampf der Weltzeitalter
vākya-jāti-viśeṣāḥ ca
und die Besonderheiten der Redearten
lokayātrā-kramaḥ ca yaḥ
und die Ordnung des Weltenlaufs, welche es gibt
[Anm.: „purāṇāṃ ... divyānāṃ“ bleibt in dieser Wendung mehrdeutig (etwa „göttliche Städte“ oder „göttliche Überlieferungen“); der genaue Bezug ist im vorliegenden Ausschnitt nicht restlos zu klären.] [?]
yac cāpi sarvagaṃ vastu tac caiva pratipāditam | paraṃ na lekhakaḥ kaścid etasya bhuvi vidyate |
„Und was auch immer eine alldurchdringende Sache ist – eben das ist in diesem Werk dargelegt. Aber es gibt auf Erden keinen geeigneten Schreiber dafür.“
Wort für Wort
yat ca api sarvagam vastu
und was auch immer eine alldurchdringende Sache ist
„Ich halte dich, ausgezeichnet durch Askese, im Vergleich zu Vasiṣṭha, dem Stier unter den Weisen, fürwahr für überlegen aufgrund deiner Kenntnis des Geheimwissens.“
Wort für Wort
tapaḥ-viśiṣṭam
ausgezeichnet durch Askese (Akk.)
advaivam
unklare Form (Bedeutung unsicher)
vasiṣṭhāt munipuṅgavāt
im Vergleich zu Vasiṣṭha, dem Stier unter den Weisen
manye śreṣṭhatayā tvām vai
ich halte dich fürwahr für überlegen
rahasya-jñāna-vedanāt
aufgrund deiner Kenntnis des Geheimwissens
[Anm.: Das Wort „advaivam“ ist in der verfügbaren Digitalisierung unklar bzw. möglicherweise verderbt; nicht sicher aufgelöst, sinngemäß als verstärkende Partikel behandelt.] [?]
janmaprabhṛti satyāṃ te vedmi gāṃ brahmavādinīm | tvayā ca kāvyam ity uktaṃ tasmāt kāvyaṃ bhaviṣyati |
„Seit deiner Geburt kenne ich deine Wahrhaftigkeit, ich kenne deine Rede als brahmanverkündend. Und da du es selbst ‚Kāvya‘ genannt hast, wird es zu Recht ein Kāvya sein.“
Wort für Wort
janma-prabhṛti satyām te
seit (deiner) Geburt (kenne ich) deine Wahrhaftigkeit
asya kāvyasya kavayo na samarthā viśeṣaṇe | viśeṣaṇe gṛhasthasya śeṣās traya ivāśramāḥ |
„Andere Dichter sind nicht fähig, dieses Dichtwerk zu übertreffen – so wie die übrigen drei Lebensstadien nicht fähig sind, den Hausvaterstand zu übertreffen.“
Wort für Wort
asya kāvyasya kavayaḥ
die Dichter dieses Dichtwerks
na samarthāḥ viśeṣaṇe
sind nicht fähig, es zu übertreffen
viśeṣaṇe gṛhasthasya
wie im Übertreffen des Hausvaterstandes
śeṣāḥ trayaḥ iva āśramāḥ
(wie) die übrigen drei Lebensstadien (nicht fähig sind)
[Anm.: Der Vergleich mit den vier Lebensstadien (āśrama) ist im Detail nicht restlos eindeutig; sinngemäß übersetzt.] [?]
„Stumpfsinnig, blind, taub und wahnsinnig, zu purer Finsternis würde die Welt, wenn sie nicht durch das Feuer der Erkenntnis von dir erleuchtet würde.“
„Der von Finsternis erblindeten, von ihren eigenen Taten umschlungenen Welt wurde mit den Salbstäbchen der Erkenntnis ein Fest für das innere Auge des Verstandes bereitet.“
Wort für Wort
tamasā andhasya lokasya
der von Finsternis erblindeten Welt
veṣṭitasya svakarmabhiḥ
die von ihren eigenen Taten umschlungen ist
jñāna-añjana-śalākābhiḥ
mit den Salbstäbchen der Erkenntnis
buddhi-netra-utsavaḥ kṛtaḥ
wurde ein Fest für das Auge des Verstandes bereitet
[Anm.: Bildhafte Anspielung auf die traditionelle Anwendung von Augensalbe (añjana) mit einem Stäbchen (śalākā) gegen Blindheit – hier auf die „Blindheit“ der Unwissenheit übertragen.]
Durch die Lampe der Geschichtserzählung, die die Hülle der Verblendung zerschlägt, wurde das gesamte innerste Gemach der Welt, wie es sich gebührt, erhellt.
Wort für Wort
itihāsa-pradīpena
durch die Lampe der Geschichtserzählung
moha-āvaraṇa-ghātinā
die die Hülle der Verblendung zerschlägt
loka-garbha-gṛham kṛtsnam
das gesamte innerste Gemach der Welt
yathāvat saṃprakāśitam
wurde, wie es sich gebührt, erhellt
[Anm.: Vers 101 konnte in dieser Runde nicht zweifelsfrei verifiziert werden (widersprüchliche Lesarten in der verfügbaren Digitalisierung) und fehlt daher vorerst.]
saṃgrahādhyāyabījo vai paulomāstīkamūlavān | sambhavaskandhavistāraḥ sabhāparvaviṭaṅkavān |
[Dieser Baum der Erzählung] hat den Zusammenfassungs-Adhyāya als Samen, die Unterbücher Paulomā und Āstīka als Wurzel, das Sambhavaparva als Stammausbreitung, das Sabhāparva als Kronenaufbau…
Wort für Wort
saṃgraha-adhyāya-bījaḥ vai
dessen Same fürwahr der Zusammenfassungs-Adhyāya ist
paulomā-āstīka-mūlavān
der Paulomā und Āstīka als Wurzel hat
sambhava-skandha-vistāraḥ
dessen Stammausbreitung das Sambhavaparva ist
sabhāparva-viṭaṅkavān
der das Sabhāparva als Kronenaufbau hat
[Anm.: Hier beginnt das berühmte „Baum-Gleichnis“ (Parvasaṃgraha), das die 18 Parvas als Same, Wurzel, Stamm, Äste, Laub, Blüten und Frucht eines Baumes beschreibt.]
…mit den weißen, durch das Śalyaparva wohlriechenden Blüten des Karṇaparva, im Strīparva wie in Schilfrohr zur Ruhe kommend, mit dem Śāntiparva als großer Frucht…
Wort für Wort
karṇaparva-sitaiḥ puṣpaiḥ
mit den weißen Blüten des Karṇaparva
śalyaparva-sugandhibhiḥ
die durch das Śalyaparva wohlriechend sind
strīparva-eṣīka-viśrāmaḥ
der im Strīparva wie im Schilfrohr Ruhe findet
śāntiparva-mahāphalaḥ
der das Śāntiparva als große Frucht hat
[Anm.: Das Bild „strīparvaiṣīkaviśrāmaḥ“ bleibt in der Forschung uneindeutig; hier sinngemäß als Bild einer Rast im Schilfrohr wiedergegeben.] [?]
aśvamedhāmṛtarasas tv āśramasthānasaṃśrayaḥ | mausalaśrutisaṃkṣepaḥ śiṣṭadvijaniṣevitaḥ |
…mit dem Amṛta-Saft des Aśvamedhaparva, im Āśramavāsikaparva seine Zuflucht, im Mausalaparva seine abschließende Zusammenfassung – von rechtschaffenen Zweifachgeborenen aufgesucht…
Wort für Wort
aśvamedha-amṛta-rasaḥ tu
der aber den Amṛta-Saft des Aśvamedhaparva hat
āśramasthāna-saṃśrayaḥ
der im Āśramavāsikaparva Zuflucht hat
mausala-śruti-saṃkṣepaḥ
der im Mausalaparva seine Zusammenfassung hat
śiṣṭa-dvija-niṣevitaḥ
der von rechtschaffenen Zweifachgeborenen aufgesucht wird
„Für die Niederschrift dieses Dichtwerks möge Gaṇeśa angerufen werden, oh Weiser!“
Wort für Wort
kāvyasya lekhana-arthāya
für den Zweck der Niederschrift des Dichtwerks
gaṇeśaḥ smaryatām mune
möge Gaṇeśa angerufen werden, oh Weiser
[Anm.: Ab hier zeigte ein unabhängiger Abgleich, dass die fortlaufende Zählung dieser Ausgabe seit etwa Vers 27 um eins hinter der internen Verszählung der Kumbhakonam-Ausgabe zurückliegt (vermutlich durch die Zählung der Sprecherangabe „sautir uvāca“ als eigener Halbvers). Die Nummerierung ab hier folgt wieder exakt der Editionszählung; eine rückwirkende Bereinigung der Verse 27–107 ist für eine künftige Revision vorgesehen und wird dann vermerkt.]
evam ābhāṣya taṃ brahmā jagāma svaṃ niveśanam | bhagavān sa jagatsraṣṭā ṛṣidevagaṇaiḥ saha |
Nachdem er so zu ihm gesprochen hatte, ging Brahmā, der erhabene Weltenschöpfer, zusammen mit den Scharen der Seher und Götter zu seiner eigenen Wohnstatt.
pūjitaś copaviṣṭaś ca vyāsenoktas tadānagha | lekhako bhāratasyāsya bhava tvaṃ gaṇanāyaka | mayaiva procyamānasya manasā kalpitasya ca |
Verehrt und niedergesetzt, wurde er da von Vyāsa angesprochen: „Sei du, oh Anführer der Scharen, der Schreiber dieses Bhārata, das von mir diktiert und im Geiste ersonnen wird.“
śrutvaitat prāha vighneśo yadi me lekhanī kṣaṇam | likhato nāvatiṣṭheta tadā syāṃ lekhako hy aham |
Nachdem er dies gehört hatte, sagte der Hindernis-Herr: „Wenn mein Schreibrohr, während ich schreibe, auch nur einen Augenblick nicht innehält, dann werde ich fürwahr dein Schreiber sein.“
Wort für Wort
śrutvā etat prāha vighneśaḥ
nachdem er dies gehört hatte, sagte der Hindernis-Herr
vyāso ’py uvāca taṃ devam abuddhvā mā likha kvacit | om ity uktvā gaṇeśo ’pi babhūva kila lekhakaḥ |
Auch Vyāsa sprach zu jenem Gott: „Schreibe nichts nieder, ohne es verstanden zu haben.“ Nachdem er „Om“ gesagt hatte, wurde Gaṇeśa fürwahr der Schreiber.
Wort für Wort
vyāsaḥ api uvāca tam devam
auch Vyāsa sprach zu jenem Gott
abuddhvā mā likha kvacit
ohne (den Sinn) verstanden zu haben, schreibe nirgends
tac chlokakūṭam adyāpi grathitaṃ sudṛḍhaṃ mune | bhettuṃ na śakyate ’rthasya gūḍhatvāt praśritasya ca |
„Jene Rätselverse sind bis heute, oh Weiser, fest verknotet; sie können wegen der Verborgenheit ihres Sinnes und ihrer sprachlichen Verhülltheit nicht aufgelöst werden.“
tasya vṛkṣasya vakṣyāmi śākhāpuṣpaphalodayam | svādumedhyarasopetam acchedyam amarair api |
Von jenem Baum werde ich das Hervorbringen von Ästen, Blüten und Früchten verkünden, versehen mit süßem, reinem Saft, unzerstörbar selbst für die Unsterblichen.
Wort für Wort
tasya vṛkṣasya vakṣyāmi
von jenem Baum werde ich verkünden
śākhā-puṣpa-phala-udayam
das Hervorkommen von Ästen, Blüten und Früchten
svādu-medhya-rasa-upetam
versehen mit süßem, reinem Saft
acchedyam amaraiḥ api
unzerstörbar selbst durch die Unsterblichen
[Anm.: Knüpft an das Baum-Gleichnis aus 103–107 an und leitet zu einer erneuten kurzen Zusammenfassung über.]
tato ’nyebhyo ’nurūpebhyaḥ śiṣyebhyaḥ pradadau prabhuḥ | ṣaṣṭiṃ śatasahasrāṇi cakāra anyāṃ sa saṃhitām | triṃśac chatasahasraṃ ca devaloke pratiṣṭhitam |
Danach gab der Herr das Werk auch anderen, geeigneten Schülern weiter. Er schuf eine weitere, aus sechzig Hunderttausend-Versen bestehende Komposition; dreißig Hunderttausend davon sind in der Götterwelt verankert.
Wort für Wort
tataḥ anyebhyaḥ anurūpebhyaḥ
danach den anderen, geeigneten
śiṣyebhyaḥ pradadau prabhuḥ
Schülern gab der Herr es weiter
ṣaṣṭim śatasahasrāṇi
sechzig Hunderttausend
cakāra anyām sa saṃhitām
schuf er eine andere Komposition
triṃśat śatasahasram ca
und dreißig Hunderttausend
devaloke pratiṣṭhitam
in der Götterwelt verankert
[Anm.: Diese Zahlen (60 bzw. 30 „Hunderttausend“) sind mythisch-hyperbolisch zu verstehen und beziehen sich auf kosmisch verteilte Fassungen des Werks, nicht auf die irdische Textmenge (vgl. Vers 123 und den bekannten Umfang von „100.000 Versen“).]
Bei den Ahnen spricht man von fünfzehn Hunderttausend-Versen, bei den Rākṣasas und Yakṣas von vierzehn; eines aber, ein Hunderttausend, ist bei den Menschen verankert.
Duryodhana ist der aus Zorn bestehende große Baum, Karṇa sein Stamm, Śakuni seine Äste, Duḥśāsana seine reiche Blüte und Frucht, und die Wurzel ist der unweise König Dhṛtarāṣṭra.
yudhiṣṭhire dharmamayo mahādrumaḥ skandho ’rjuno bhīmaseno ’sya śākhāḥ | mādrīsutau puṣpaphale samṛddhe mūlaṃ kṛṣṇo brahma ca brāhmaṇāś ca |
In Yudhiṣṭhira ist der aus Dharma bestehende große Baum, Arjuna sein Stamm, Bhīmasena seine Äste, die beiden Söhne der Mādrī seine reiche Blüte und Frucht, und die Wurzel ist Kṛṣṇa, das Brahman und die Brahmanen.
Wort für Wort
yudhiṣṭhire dharmamayaḥ mahādrumaḥ
in Yudhiṣṭhira ist der aus Dharma bestehende große Baum
skandhaḥ arjunaḥ
Arjuna der Stamm
bhīmasenaḥ asya śākhāḥ
Bhīmasena seine Äste
mādrī-sutau puṣpaphale samṛddhe
die beiden Söhne der Mādrī die reiche Blüte und Frucht
mūlam kṛṣṇaḥ brahma ca brāhmaṇāḥ ca
die Wurzel ist Kṛṣṇa, das Brahman und die Brahmanen
mṛgavyavāyanidhanāt kṛcchrāṃ prāpa sa āpadam | janmaprabhṛti pārthānāṃ tatrācāravidhikramaḥ |
Durch den Tod, den er sich zuzog, als er sich mit einer verwandelten Weisen in Gazellengestalt paarte, geriet er in schweres Unglück. Von der Geburt der Pārthas an begann dort die Ordnung ihrer Lebensführung.
Wort für Wort
mṛga-vyavāya-nidhanāt
durch den Tod bei der Vereinigung mit einer Gazelle (Fluchgeschichte)
kṛcchrām prāpa sa āpadam
geriet er in schweres Unglück
janma-prabhṛti pārthānām
seit der Geburt der Pārthas
tatra ācāra-vidhi-kramaḥ
dort begann die Ordnung ihrer Lebensführung
[Anm.: Stark verkürzte Anspielung auf die Vorgeschichte von Pāṇḍus Tod durch einen Fluch; die Einzelheiten folgen später im entsprechenden Parva.]
mātror abhyupapattiś ca dharmopaniṣadaṃ prati | dharmānilendrāṃs tābhiḥ sā ’’juhāva sutavāñchayā |
Und was das Herankommen der beiden Mütter an die geheime Mantra-Lehre betrifft: Sie (Kuntī) rief mit jenen Mantras, aus dem Wunsch nach einem Sohn, Dharma, Anila (den Windgott) und Indra an…
…nachdem Pṛthā (Kuntī), die Geliebte ihres Gatten, so die geheime Dharma-Lehre erlangt hatte, rief sie mit jenen Mantras, aus Wunsch nach einem Sohn, Dharma, Anila und Indra an.
Wort für Wort
tataḥ dharma-upaniṣadam bhūtvā
nachdem sie die geheime Dharma-Lehre erlangt hatte
bhartuḥ priyā pṛthā
Pṛthā, die Geliebte ihres Gatten
dharma-anila-indrān tābhiḥ
Dharma, Anila und Indra durch jene (Mantras)
sā juhāva sutavāñchayā
sie rief an, aus Wunsch nach einem Sohn
[Anm.: In der Quelle als Variante mit fast wortgleicher zweiter Zeile zu Vers 132 markiert; beide Fassungen sind überliefert und werden hier beide wiedergegeben.]
tad dattopaniṣan mādrī cāśvināv ājuhāva ca | jātāḥ pārthās tataḥ sarve kuntyā mādryāś ca mantrataḥ | tāpasaiḥ saha saṃvṛddhā mātṛbhyāṃ parirakṣitāḥ |
Nachdem Kuntī ihr diese geheime Lehre übergeben hatte, rief auch Mādrī die beiden Aśvins an. So wurden alle Pārthas von Kuntī und Mādrī mittels dieses Mantras geboren, wuchsen zusammen mit den Asketen auf und wurden von den beiden Müttern behütet.
Wort für Wort
tat-datta-upaniṣat mādrī
die von jener (Kuntī) übergebene geheime Lehre, Mādrī
tāṃs tair niveditān dṛṣṭvā pāṇḍavān kauravās tadā | śiṣṭāś ca varṇāḥ paurā ye te harṣāc cukruśur bhṛśam |
Als die Kauravas, die rechtschaffenen Stände und die Stadtbewohner die so von den Sehern vorgestellten Pāṇḍavas sahen, schrien sie vor Freude heftig auf.
Manche sagten: „Diese sind nicht seine Söhne“, andere: „Diese sind seine.“ Wieder andere sagten: „Da Pāṇḍu doch schon lange tot ist, wie können sie seine Söhne sein?“
„Willkommen, durch Schicksalsfügung sehen wir nun die Nachkommenschaft des Pāṇḍu! Man heiße sie willkommen!“ – solche Worte wurden von allen Seiten gehört.
Wort für Wort
svāgatam sarvathā diṣṭyā
willkommen, auf jeden Fall, durch Schicksalsfügung
guruśuśrūṣayā kuntyā yamayor vinayena ca | tutoṣa lokaḥ sakalas teṣāṃ śauryaguṇena ca |
Durch Kuntīs Dienst an den Älteren, durch die Bescheidenheit der beiden Zwillinge (Nakula und Sahadeva) und durch ihrer aller Tapferkeit wurde das ganze Volk zufrieden.
Danach, in der Versammlung der Könige, erlangte Arjuna, nachdem er eine überaus schwierige Tat vollbracht hatte, Kṛṣṇā (Draupadī), die Jungfrau, die sich selbst ihren Gatten wählte.
Wort für Wort
samavāye tataḥ rājñām
danach, in der Versammlung der Könige
kanyām bhartṛ-svayaṃvarām
das Mädchen, das ihren Gatten selbst wählte
prāptavān arjunaḥ kṛṣṇām
erlangte Arjuna, Kṛṣṇā (Draupadī)
kṛtvā karma suduṣkaram
nachdem er eine überaus schwierige Tat vollbracht hatte
sunayād vāsudevasya bhīmārjunabalena ca | ghātayitvā jarāsandhaṃ caidyaṃ ca balagarvitam |
Durch die weise Politik des Vāsudeva und durch die Kraft von Bhīma und Arjuna, nachdem er Jarāsandha und den auf seine Kraft stolzen Fürsten von Cedi (Śiśupāla) hatte töten lassen…
vimānapratimāṃ tatra mayena sukṛtāṃ sabhām | pāṇḍavānām upahṛtāṃ sa dṛṣṭvā paryatapyata |
Als er die von Maya kunstvoll errichtete, einem Götterwagen gleichende Versammlungshalle sah, die den Pāṇḍavas dargebracht worden war, quälte er sich vor Neid.
Wort für Wort
vimāna-pratimām tatra
dort, dem Götterwagen gleichend
mayena sukṛtām sabhām
die von Maya kunstvoll errichtete Versammlungshalle
Dort wurde er, wie vor Verwirrung ausgleitend, auch verspottet – von Bhīma, vor den Augen des Vāsudeva, als sei er von unedler Herkunft.
Wort für Wort
tatra avahasitaḥ ca āsīt
dort wurde er auch verspottet
praskandan iva saṃbhramāt
wie ausgleitend, vor Verwirrung
pratyakṣam vāsudevasya
vor den Augen des Vāsudeva
bhīmena anabhijātavat
von Bhīma, als wäre er unedler Herkunft
[Anm.: Anspielung auf die berühmte Szene, in der Duryodhana in der Wunder-Versammlungshalle über eine spiegelglatte, wasserähnlich wirkende Fläche stolpert und von Bhīma verlacht wird.]
Und obwohl er nicht sonderlich erfreuten Sinnes war, billigte er doch die Streitigkeiten und übersah das Würfelspiel und andere schreckliche, mannigfaltige Unrechtstaten.
Wort für Wort
na atiprīta-manāḥ ca āsīt
und er war nicht sonderlich erfreuten Sinnes
vivādān ca anvamodata
und billigte doch die Streitigkeiten
dyūta-ādīn anayān ghorān
das Würfelspiel und andere schreckliche Unrechtstaten
Vidura, Bhīṣma, Droṇa und Kṛpa, den Sohn des Śaradvat, beiseiteschiebend, ließ er zu, dass in jenem tosenden Streit die Kriegerkaste sich gegenseitig verzehrte…
Wort für Wort
nirasya viduram bhīṣmam
Vidura, Bhīṣma
droṇam śāradvatam kṛpam
Droṇa und den Sohn des Śaradvat, Kṛpa, beiseiteschiebend
…während die Söhne des Pāṇḍu siegten, nachdem er sehr Unliebsames gehört und die Gesinnung Duryodhanas sowie ebenso die des Karṇa und Śakuni erkannt hatte…
śrutavān asi medhāvī buddhimān prājñasaṃmataḥ | na vigrahe mama matir na ca prīye kulakṣaye |
„Du bist gelehrt, klug, verständig, von den Weisen geachtet. Meine Absicht ist nicht auf Streit gerichtet, und ich freue mich nicht am Untergang der Sippe.“
na me viśeṣaḥ putreṣu sveṣu pāṇḍusuteṣu vā | vṛddhaṃ mām abhyasūyanti putrā manyuparāyaṇāḥ |
„Ich mache keinen Unterschied zwischen meinen eigenen Söhnen und den Söhnen des Pāṇḍu. Aber meine dem Zorn ergebenen Söhne missachten mich, den Alten.“
Wort für Wort
na me viśeṣaḥ putreṣu
ich mache keinen Unterschied zwischen meinen Söhnen
ahaṃ tv acakṣuḥ kārpaṇyāt putraprītyā sahāmi tat | muhyantaṃ cānumuhyāmi duryodhanam acetanam |
„Ich aber, aus Blindheit und Hilflosigkeit, dulde dies aus Liebe zum Sohn, und stimme dem sich verwirrenden, unbesonnenen Duryodhana in seiner Verwirrung zu.“
amarṣitaḥ svayaṃ jetum aśaktaḥ pāṇḍavān raṇe | nirutsāhaś ca saṃprāptuṃ suśriyaṃ kṣatriyo ’pi san |
„…unfähig, es zu ertragen, selbst nicht imstande, die Pāṇḍavas in der Schlacht zu besiegen, und ohne die Tatkraft, selbst solchen Wohlstand zu erlangen, obwohl er ein Kṣatriya war…“
Wort für Wort
amarṣitaḥ svayam jetum
unfähig zu ertragen, selbst zu siegen
aśaktaḥ pāṇḍavān raṇe
nicht imstande, die Pāṇḍavas in der Schlacht (zu besiegen)
gāndhārarājasahitaś chadmadyūtam amantrayat | tatra yad yad yathā jñātaṃ mayā saṃjaya tac chṛṇu |
„…zusammen mit dem König von Gāndhāra (Śakuni) beriet er ein betrügerisches Würfelspiel. Was auch immer mir davon bekannt wurde, das höre nun von mir, Sañjaya.“
śrutvā tu mama vākyāni buddhiyuktāni tattvataḥ | tato jñāsyasi māṃ saute prajñācakṣuṣam ity uta |
„Nachdem du aber meine der Vernunft entsprechenden, wahrheitsgemäßen Worte gehört hast, wirst du mich, Sūta-Sohn, als einen erkennen, ‚dessen Auge die Weisheit ist‘ – so heißt es.“
Wort für Wort
śrutvā tu mama vākyāni
nachdem du aber meine Worte gehört hast
buddhi-yuktāni tattvataḥ
die der Vernunft entsprechen, der Wahrheit gemäß
tataḥ jñāsyasi mām saute
dann wirst du mich erkennen, Sūta-Sohn
prajñā-cakṣuṣam iti uta
als einen, dessen Auge die Weisheit ist, so heißt es
[Anm.: Hier endet für diese Erweiterung die Übersetzung. Es folgt im Original die berühmte, sehr lange Litanei Dhṛtarāṣṭras („yadāśrauṣam … tadā nāśaṃse vijayāya saṃjaya“, Verse 171–242), die formelhaft den gesamten Kriegsverlauf in Frageform rekapituliert, danach Saṃjayas Trostrede mit einer Liste alter Könige und einer Meditation über die Zeit (Kāla, 243–280), und schließlich der Lobpreis auf den Nutzen dieses Kapitels (281–300) mit dem Kolophon. Diese ca. 130 Verse folgen in einer künftigen Erweiterung.]
„Als ich hörte, dass er den Bogen spannte, das schwer zu treffende Ziel traf und zu Boden warf, und dass Kṛṣṇā [Draupadī] vor den Augen aller Könige gewonnen wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam dhanuḥ āyamya
als ich hörte: er spannte den Bogen
citram viddham lakṣyam pātitam pṛthivyām
das seltsame Ziel wurde getroffen und zu Boden geworfen
kṛṣṇām hṛtām prekṣatām sarva-rājñām
Kṛṣṇā [Draupadī] wurde gewonnen, während alle Könige zusahen
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: Hier beginnt die berühmte, im Original sehr lange Litanei Dhṛtarāṣṭras (die „yadāśrauṣam“-Verse), in der er formelhaft den gesamten Kriegsverlauf in Rückblenden rekapituliert und dabei stets mit dem Kehrreim „da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya“ schließt. An einigen Stellen (Einheiten 200, 209, 212, 223) variiert das Original den einleitenden Halbvers und lässt das Wort „aśrauṣam“ („ich hörte“) formal aus, ohne den Sinn zu ändern; dies wird jeweils wörtlich wiedergegeben.]
Als ich hörte, dass Arjuna in Dvārakā die Mādhava-Frau Subhadrā mit Gewalt zur Frau nahm, und dass die beiden Vṛṣṇi-Helden [Kṛṣṇa und Balarāma] nach Indraprastha zogen, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam dvārakāyām subhadrām
als ich hörte: in Dvārakā wurde Subhadrā
prasahya ūḍhām mādhavīm arjunena
die Mādhava-Frau, mit Gewalt von Arjuna zur Frau genommen
indraprastham vṛṣṇi-vīrau ca yātau
und die beiden Vṛṣṇi-Helden nach Indraprastha zogen
Als ich hörte, dass Arjuna den heftig regnenden Götterkönig [Indra] mit himmlischen Pfeilen abwehrte, und dass Agni dabei im Khāṇḍava-Wald gesättigt wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass die fünf Pārthas [Söhne des Pāṇḍu] aus dem Haus aus Lack entkommen waren, mit Kuntī vereint, und dass Vidura ihnen zu ihrem eigenen Wohl beigestanden hatte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam jātuṣāt veśmanaḥ muktān
als ich hörte: aus dem Lackhaus entkommen
tān pārthān pañca kuntyā sametān
jene fünf Pārthas, mit Kuntī vereint
yuktam ca eṣām viduram sva-artha-siddhyai
und dass Vidura ihnen zu ihrem eigenen Wohl beigestanden hatte
Als ich hörte, dass Draupadī inmitten der Wettkampf-Arena von Arjuna gewonnen wurde, nachdem er das Ziel durchbohrt hatte, und dass sich die tapferen Pāñcālas mit den Pāṇḍu-Söhnen verbündeten, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam draupadīm raṅga-madhye
als ich hörte: Draupadī inmitten der Arena
lakṣyam bhittvā nirjitām arjunena
wurde, nachdem das Ziel durchbohrt war, von Arjuna gewonnen
śūrān pañcālān pāṇḍaveyān ca yuktān
und die tapferen Pāñcālas sich mit den Pāṇḍu-Söhnen verbündeten
Als ich hörte, dass der Beste der Māgadhas, Jarāsandha, der [vor Kraft] loderte, von Bhīmasena, der zu ihm gegangen war, mit bloßen Armen inmitten der Kampfbahn getötet wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam māgadhānām variṣṭham jarāsandham
als ich hörte: den Besten der Māgadhas, Jarāsandha
raṅga-madhye jvalantam
der [vor Kraft] loderte, inmitten der Kampfbahn
dorbhyām hatam bhīmasenena gatvā
wurde er, nachdem Bhīmasena zu ihm gegangen war, mit bloßen Armen getötet
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: Die im Quelltext überlieferte Lesung an dieser Stelle („kṣvamadhye“/„raṅgamadhye“) ist unsicher überliefert und wurde nach dem Sinn („inmitten der Kampfbahn“) übersetzt.]
Als ich hörte, dass die Söhne des Pāṇḍu bei der Eroberung der Weltgegenden die Herrscher der Erde mit Gewalt unterworfen hatten, und dass das große Opfer, der Rājasūya, vollzogen wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam dik-jaye pāṇḍu-putraiḥ
als ich hörte: bei der Eroberung der Weltgegenden durch die Pāṇḍu-Söhne
Als ich hörte, dass Draupadī, mit tränenerstickter Kehle, im einzigen Gewand, leidend und in ihrer monatlichen Reinheitszeit, in die Versammlungshalle geführt wurde – sie, die einen Beschützer hatte, doch wie eine Beschützerlose behandelt wurde –, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam draupadīm aśru-kaṇṭhīm
als ich hörte: Draupadī, mit tränenerstickter Kehle
sabhām nītām duḥkhitām eka-vastrām
in die Versammlungshalle geführt, leidend, im einzigen Gewand
rajasvalām nātha-vatīm anātha-vat
in ihrer Reinheitszeit, obwohl beschützt, wie eine Beschützerlose behandelt
Als ich hörte, dass der einfältige Falschspieler [Duḥśāsana] dort einen Berg von Gewändern herbeischleuderte, und dabei doch kein Ende fand, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam vāsasām tatra rāśim
als ich hörte: einen Berg von Gewändern dort
samākṣipat kitavaḥ manda-buddhiḥ
herbeischleuderte der einfältige Falschspieler
duḥśāsanaḥ gatavān na eva ca antam
und Duḥśāsana dabei doch kein Ende fand
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: Bezieht sich auf den vergeblichen Versuch, Draupadī zu entkleiden – ihr Gewand erneuerte sich der Überlieferung nach wie durch ein Wunder.]
Als ich hörte, dass Yudhiṣṭhira, seines Reiches beraubt, von dem Sohn Subalas [Śakuni] beim Würfelspiel besiegt wurde, und dass ihm seine unermesslich [treuen] Brüder folgten, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam hṛta-rājyam yudhiṣṭhiram
als ich hörte: Yudhiṣṭhira, seines Reiches beraubt
Als ich hörte von den mancherlei Bemühungen der rechtschaffenen Pāṇḍavas, die in den Wald aufgebrochen waren und aus Liebe zum ältesten Bruder Leiden ertrugen, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam vividhāḥ tatra ceṣṭāḥ
als ich hörte von den mancherlei Bemühungen dort
dharma-ātmanām prasthitānām vanāya
der rechtschaffenen, in den Wald aufgebrochenen [Pāṇḍavas]
Als ich hörte, dass dem im Wald weilenden Dharmarāja [Yudhiṣṭhira] Tausende von Snātaka-Brahmanen folgten, hochherzige Männer, die von Almosen lebten, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam snātakānām sahasraiḥ
als ich hörte: von Tausenden von Snātaka[-Brahmanen]
anvāgatam dharma-rājam vana-stham
begleitet wurde der im Wald weilende Dharmarāja
bhikṣā-bhujām brāhmaṇānām mahā-ātmanām
hochherzigen Brahmanen, die von Almosen lebten
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: Zwischen dieser und der folgenden Einheit könnte im Original ein weiterer Vers stehen (die Episode von Arjunas Zweikampf mit Śiva in Gestalt eines Kirāta-Jägers um die Pāśupata-Waffe); seine Bezeugung in der herangezogenen Ausgabe war nicht sicher zu verifizieren, weshalb er hier nicht ergänzt, sondern als mögliche Lücke vermerkt wird.]
Als ich hörte, dass Dhanañjaya [Arjuna], im dritten Himmel weilend, von Śakra [Indra] persönlich die göttlichen Waffen erlernte, wie es sich gebührt, und der Wahrhaftige [dafür] gepriesen wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam tridiva-stham dhanañjayam
als ich hörte: Dhanañjaya, im Himmel weilend
śakrāt sākṣāt divyam astram yathāvat
erlernte von Śakra persönlich die göttlichen Waffen, wie es sich gebührt
yadāśrauṣaṃ kālakeyās tatas te paulomāno varadānāc ca dṛptāḥ | devair ajeyā nirjitāś cārjunena tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya |
Als ich hörte, dass die Kālakeyas und die Paulomas, hochmütig durch eine [ihnen gewährte] Gunst, von den Göttern unbesiegbar, [dennoch] von Arjuna bezwungen wurden, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam kālakeyāḥ tataḥ te paulomānaḥ
als ich hörte: die Kālakeyas und die Paulomas
vara-dānāt ca dṛptāḥ devaiḥ ajeyāḥ
hochmütig durch eine Gunst, von den Göttern unbesiegbar
Als ich hörte, dass der Diademträger [Arjuna], der Bezwinger der Feinde, zur Vernichtung der Asuras auszog, und dass er, sein Ziel erreicht habend, aus der Welt des Śakra [Indra] zurückkehrte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam asurāṇām vadha-arthe
als ich hörte: zur Vernichtung der Asuras
kirīṭinam yāntam amitra-karśanam
zog der Diademträger, der Bezwinger der Feinde, aus
kṛta-artham ca api āgatam śakra-lokāt
und kehrte, sein Ziel erreicht habend, aus Śakras Welt zurück
Als ich hörte, dass der Sohn des Pāṇḍu [Yudhiṣṭhira], begleitet von Lomaśa, sich auf die Pilgerfahrt zu den heiligen Furten begab, und dass er von Bṛhadaśva das Geheimnis des Würfelspiels empfing, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam tīrtha-yātrā-pravṛttam pāṇḍoḥ sutam
als ich hörte: der Sohn des Pāṇḍu, auf die Pilgerfahrt zu den Furten aufgebrochen
sahitam lomaśena
begleitet von Lomaśa
bṛhadaśvāt akṣa-hṛdayam ca prāptam
und dass er von Bṛhadaśva das Geheimnis des Würfelspiels empfing
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: „akṣahṛdaya“, wörtlich „das Herz/Geheimnis des Würfels“, bezeichnet die von Bṛhadaśva an Yudhiṣṭhira weitergegebene Kunst des Würfelspiels (im Zusammenhang mit der Nala-Erzählung).]
Als ich hörte, dass Bhīma und die anderen Pārthas mit Vaiśravaṇa [Kubera] zusammentrafen, an jenem Ort, der für Menschen unzugänglich ist, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte von der Gefangennahme meiner eigenen Söhne, die zur Hirtenlager-Fahrt gezogen waren und sich auf Karṇas Rat verließen, durch die Gandharvas, und von ihrer Befreiung durch Arjuna, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass Dharma in Gestalt eines Yakṣa dem Dharmarāja begegnete, Sūta-Sohn, und ihm gewisse Fragen stellte, die jener treffend beantwortete, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam yakṣa-rūpeṇa dharmam samāgatam
als ich hörte: Dharma in Gestalt eines Yakṣa begegnete
dharma-rājena sūta
dem Dharmarāja, Sūta-Sohn
praśnān kāṃścit vibruvāṇam ca samyak
und stellte gewisse Fragen, die jener treffend beantwortete
yadāśrauṣaṃ na vidur māmakās tān pracchannarūpān vasataḥ pāṇḍaveyān | virāṭarāṣṭre saha kṛṣṇayā ca tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya |
Als ich hörte, dass meine Leute die Pāṇḍu-Söhne nicht erkannten, die verkleidet, zusammen mit Kṛṣṇā [Draupadī], im Reich Virāṭas lebten, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass der Vornehmste der Kīcakas samt seinen hundert Brüdern um Draupadīs willen von Bhīmasena im Kampf vernichtet wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam kīcakānām variṣṭham niṣūditam
als ich hörte: der Vornehmste der Kīcakas wurde vernichtet
Als ich hörte, dass die Vornehmsten der Meinen von Dhanañjaya, dem hochherzigen [Arjuna], der [zu jener Zeit unerkannt] im Reich Virāṭas lebte, allein auf einem einzigen Wagen [kämpfend] geschlagen wurden, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam māmakānām variṣṭhān bhagnān
als ich hörte: die Vornehmsten der Meinen wurden geschlagen
Als ich hörte, dass der König der Matsyas [Virāṭa], ihn ehrend, seine Tochter Uttarā dem Arjuna anbot, und dass Arjuna sie für seinen Sohn [Abhimanyu] annahm, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam satkṛtam matsya-rājñā
als ich hörte: geehrt vom König der Matsyas
sutām dattām uttarām arjunāya
wurde [ihm] die Tochter Uttarā angeboten, dem Arjuna
Als ich hörte, dass Yudhiṣṭhira, der besiegte, besitzlose, verbannte, von den Seinen getrennte, [dennoch] sieben Akṣauhiṇī-Heere [aufbieten konnte], da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam nirjitasya adhanasya
als ich hörte: des besiegten, besitzlosen
pravrājitasya svajanāt pracyutasya
des verbannten, von den Seinen getrennten [Yudhiṣṭhira]
Als ich hörte, dass Mādhava, der Sohn Vasudevas [Kṛṣṇa], sich mit ganzer Seele für die Sache der Pāṇḍavas einsetzte – er, von dem man sagt, diese Erde sei nur einer seiner Schritte –, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam mādhavam vāsudevam
als ich hörte: Mādhava, der Sohn Vasudevas
sarva-ātmanā pāṇḍava-arthe niviṣṭam
setzte sich mit ganzer Seele für die Sache der Pāṇḍavas ein
yasya imām gām vikramam ekam āhuḥ
von dem man sagt, diese Erde sei [nur] einer seiner Schritte
yadāśrauṣaṃ naranārāyaṇau tau kṛṣṇārjunau vadato nāradasya | ahaṃ draṣṭā brahmaloke ca samyak tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya |
Als ich hörte, wie Nārada sagte, Kṛṣṇa und Arjuna seien Nara und Nārāyaṇa, und dass er sie selbst in der Brahma-Welt mit eigenen Augen gesehen habe, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam nara-nārāyaṇau tau kṛṣṇa-arjunau
als ich hörte: jene beiden, Kṛṣṇa und Arjuna, seien Nara und Nārāyaṇa
vadataḥ nāradasya
so sprach Nārada
aham draṣṭā brahma-loke ca samyak
‚ich selbst habe [sie] in der Brahma-Welt mit eigenen Augen gesehen'
Als ich hörte, dass Kṛṣṇa, zum Wohl der Welt, zu den Kurus kam, um Frieden zu suchen, und dass er, obwohl er sich um Frieden bemühte, unverrichteter Dinge wieder ging, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam loka-hitāya kṛṣṇam śama-arthinam
als ich hörte: Kṛṣṇa, zum Wohl der Welt, den Frieden suchend
upayātam kurūṇām
kam zu den Kurus
śamam kurvāṇam akṛta-artham ca yātam
und ging, obwohl er sich um Frieden bemühte, unverrichteter Dinge wieder
Als ich hörte, dass Karṇa und Duryodhana den Entschluss fassten, Keśava [Kṛṣṇa] gefangen zu nehmen, und dass er sich daraufhin in vielfacher Gestalt zeigte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam karṇa-duryodhanābhyām buddhim kṛtām
als ich hörte: von Karṇa und Duryodhana wurde der Entschluss gefasst
nigrahe keśavasya
Keśava gefangen zu nehmen
tam ca ātmānam bahudhā darśayānam
und er zeigte sich daraufhin in vielfacher Gestalt
Als ich hörte, dass, als Vāsudeva [Kṛṣṇa] aufbrach, Pṛthā [Kuntī], leidend, allein vor seinem Wagen stand, und dass Keśava sie tröstete, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam vāsudeve prayāte
als ich hörte: während Vāsudeva aufbrach
rathasya ekām agrataḥ tiṣṭhamānām ārtām pṛthām
stand Pṛthā [Kuntī], leidend, allein vor seinem Wagen
Als ich hörte, dass Vāsudeva [den Pāṇḍavas] als Ratgeber diente, und ebenso Bhīṣma, der Sohn Śāntanus, und der Sohn Bharadvājas [Droṇa] ihnen [beim Abschied] Segenswünsche aussprachen, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam mantriṇam vāsudevam
als ich hörte: Vāsudeva als Ratgeber
tathā bhīṣmam śāntanavam ca teṣām
und ebenso Bhīṣma, den Sohn Śāntanus, für sie
bhāradvājam ca āśiṣaḥ anubruvāṇam
und der Sohn Bharadvājas [Droṇa] Segenswünsche aussprach
Als ich hörte, dass Karṇa zu Bhīṣma die Worte sprach: ‚Solange du kämpfst, werde ich nicht kämpfen', und dass er das Heer verließ und sich zurückzog, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā karṇaḥ bhīṣmam uvāca vākyam
als Karṇa zu Bhīṣma die Worte sprach
na aham yotsye yudhyamāne tvayi iti
‚ich werde nicht kämpfen, solange du kämpfst'
hitvā senām apacakrāma ca api
und das Heer verließ und sich zurückzog
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: Dieser Vers weicht im Original vom festen Kehrreim ab und beginnt mit „yadā“ statt „yadāśrauṣaṃ“ („als“ statt „als ich hörte“) – hier wörtlich wiedergegeben.]
Als ich hörte, dass Vāsudeva und Arjuna, und ebenso der unermessliche Bogen Gāṇḍīva – diese drei von gewaltiger Kraft – zusammenkamen, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass Arjuna, von Verzagtheit ergriffen, auf dem Wagensitz zusammensank, und dass Kṛṣṇa ihm daraufhin die Welten in seinem Leib zeigte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam kaśmalena abhipanne
als ich hörte: von Verzagtheit ergriffen
ratha-upasthe sīdamāne arjune vai
sank Arjuna auf dem Wagensitz zusammen
kṛṣṇam lokān darśayānam śarīre
und Kṛṣṇa zeigte ihm die Welten in seinem Leib
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: Dies ist die im Mahābhārata berühmte Episode von Arjunas Mutlosigkeit vor der Schlacht und Kṛṣṇas Unterweisung/Offenbarung, die als eigenständiger Abschnitt unter dem Namen „Bhagavadgītā“ bekannt ist.]
Als ich hörte, dass Bhīṣma, der Bezwinger der Feinde, in der Schlacht zehntausend Wagenkämpfer erschlug, und dass keiner der Berühmten unter ihnen [den Pāṇḍavas] getötet wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam bhīṣmam amitra-karśanam
als ich hörte: Bhīṣma, der Bezwinger der Feinde
nighnantam ājau ayutam rathānām
erschlug in der Schlacht zehntausend Wagenkämpfer
na eṣām kaścit vadhyate khyāta-rūpaḥ
und keiner der Berühmten unter ihnen wurde getötet
Als ich hörte, dass der rechtschaffene Sohn der Gaṅgā [Bhīṣma] im Kampf selbst [den Zeitpunkt] seines Todes festlegte, und dass die hocherfreuten Pāṇḍu-Söhne dies vollbrachten, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam āpageyena saṅkhye
als ich hörte: vom Sohn der Gaṅgā [Bhīṣma] im Kampf
svayam mṛtyum vihitam dhārmikeṇa
wurde von dem Rechtschaffenen selbst [der Zeitpunkt] seines Todes festgelegt
tat ca akārṣuḥ pāṇḍaveyāḥ prahṛṣṭāḥ
und die hocherfreuten Pāṇḍu-Söhne vollbrachten dies
Als ich hörte, dass Bhīṣma, der überaus tapfere, in Schlachten unangreifbare, von Pārtha [Arjuna] getötet wurde, indem dieser Śikhaṇḍin vor sich aufstellte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam bhīṣmam atyanta-śūram
als ich hörte: Bhīṣma, den überaus tapferen
hatam pārthena āhaveṣu apradhṛṣyam
in Schlachten unangreifbar, [dennoch] von Pārtha getötet
Als ich hörte, dass der alte Held Bhīṣma, von bunt gefiederten Pfeilen niedergestreckt, auf einem Pfeilbett lag, nachdem er die Somakas beinahe völlig aufgerieben hatte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam śara-talpe śayānam
als ich hörte: auf einem Pfeilbett liegend
vṛddham vīram sāditam citra-puṅkhaiḥ
der alte Held, von bunt gefiederten Pfeilen niedergestreckt
bhīṣmam kṛtvā somakān alpa-śeṣān
Bhīṣma, nachdem er die Somakas beinahe völlig aufgerieben hatte
Als ich hörte, dass, während der Sohn Śāntanus [Bhīṣma] daniederlag, Arjuna, um Wasser gebeten, die Erde durchbohrte und Bhīṣma damit dort labte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam śāntanave śayāne
als ich hörte: während der Sohn Śāntanus daniederlag
pānīya-arthe coditena arjunena
von Arjuna, um Wasser gebeten
bhūmim bhittvā tarpitam tatra bhīṣmam
wurde die Erde durchbohrt und Bhīṣma damit dort gelabt
Als ich hörte, dass Śukra [Venus] und die Sonne den Kaunteyas günstig standen, ihrem Sieg zugewandt, und dass wilde Tiere uns beständig in Schrecken versetzten, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam śukra-sūryau ca yuktau
als ich hörte: Śukra [Venus] und die Sonne standen günstig
kaunteyānām anulomau jayāya
den Kaunteyas zugewandt, ihrem Sieg
nityam ca asmān śvāpadāḥ bhīṣayanti
und wilde Tiere versetzten uns beständig in Schrecken
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: Astrologisch-omenhafter Vers; die genaue Lesart der Planetenkonstellation ist im Quelltext nicht ganz eindeutig überliefert.]
Als ich hörte, dass Droṇa, der wunderbar kämpfende, in der Schlacht die mannigfachen Wege der Waffenkunst zeigte, und dennoch die vornehmsten Pāṇḍavas nicht erschlug, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā droṇaḥ vividhān astra-mārgān nidarśayan
als Droṇa die mannigfachen Wege der Waffenkunst zeigte
Als ich hörte, dass unsere Großwagenkämpfer, die Saṃśaptakas, die sich zu Arjunas Vernichtung verschworen und aufgestellt hatten, [selbst] von Arjuna erschlagen wurden, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam ca asmadīyān mahā-rathān
als ich hörte: unsere Großwagenkämpfer
vyavasthitān arjunasya antakāya
die zu Arjunas Vernichtung [verschworen und] aufgestellt waren
saṃśaptakān nihatān arjunena
die Saṃśaptakas, wurden [selbst] von Arjuna erschlagen
Als ich hörte, dass die von anderen unzerbrechliche Heeresformation, bewacht vom waffentragenden Sohn Bharadvājas [Droṇa], von dem Sohn Subhadrās [Abhimanyu] allein durchbrochen wurde und er allein [in sie] eindrang, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam vyūham abhedyam anyaiḥ
als ich hörte: die von anderen unzerbrechliche Heeresformation
bhāradvājena ātta-śastreṇa guptam
bewacht vom waffentragenden Sohn Bharadvājas
bhittvā saubhadram vīram ekam praviṣṭam
wurde durchbrochen, und der Sohn Subhadrās drang allein ein
Als ich hörte, dass die Großwagenkämpfer, unfähig, dem [jungen] Pārtha [Abhimanyu] [im Einzelkampf zu begegnen], den Knaben Abhimanyu umzingelten, ihn gemeinsam töteten und sich darüber freuten, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā abhimanyum parivārya bālam
als [ich hörte:] den Knaben Abhimanyu umzingelnd
sarve hatvā hṛṣṭa-rūpāḥ babhūvuḥ
töteten sie ihn alle gemeinsam und freuten sich darüber
mahārathāḥ pārtham aśaknuvantaḥ
die Großwagenkämpfer, unfähig, [ihm im Einzelkampf zu begegnen]
Als ich hörte, dass die Dhārtarāṣṭras [meine Söhne], nachdem sie Abhimanyu getötet hatten, in ihrer Torheit vor Freude aufschrien, und was Arjuna daraufhin voller Zorn über den Sindhu-König [Jayadratha] aussprach, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam abhimanyum nihatya
als ich hörte: nachdem sie Abhimanyu getötet hatten
harṣāt mūḍhān krośataḥ dhārtarāṣṭrān
die törichten Dhārtarāṣṭras vor Freude aufschrien
krodhāt uktam saindhave ca arjunena
und was Arjuna voller Zorn über den Sindhu-König aussprach
yadāśrauṣaṃ saindhavārthe pratijñāṃ pratijñātāṃ tadvadhāyārjunena | satyāṃ tīrṇāṃ śatrumadhye ca tena tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya |
Als ich hörte, dass Arjuna wegen des Sindhu-Königs den Schwur ablegte, ihn zu töten, und dass er diesen Schwur inmitten der Feinde wahr machte und einlöste, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass, während Dhanañjayas [Arjunas] Pferde erschöpft waren, Vāsudeva [Kṛṣṇa] sie ausspannte, tränkte, ausruhen ließ, wieder anspannte und weiterfuhr, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam śrānta-haye dhanañjaye
als ich hörte: während Dhanañjayas Pferde erschöpft waren
muktvā hayān pāyayitvā upavṛttān
spannte er die Pferde aus, tränkte und ließ sie ausruhen
Als ich hörte, dass, während die Zugtiere zu erschöpft und unfähig waren, der auf dem Wagensitz stehende Pāṇḍava [Arjuna] dennoch alle anstürmenden Krieger abwehrte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass Yuyudhāna [Sātyaki], nachdem er Droṇas mit Elefantentruppen kaum erträgliches Heer durchbrochen hatte, zu jenem Ort gelangte, wo Kṛṣṇa und Arjuna [gemeinsam] waren, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam nāga-balaiḥ su-duḥsaham
als ich hörte: mit Elefantentruppen kaum erträglich
droṇa-anīkam yuyudhānam pramathya
durchbrach Yuyudhāna [Sātyaki] Droṇas Heer
yātam vārṣṇeyam yatra tau kṛṣṇa-pārthau
und gelangte, der Vṛṣṇi-Held, zu dem Ort, wo Kṛṣṇa und Arjuna waren
Als ich hörte, dass Bhīma, als er auf Karṇa traf, [zwar] mit Worten verspottet und mit der Bogenspitze von Karṇa gestochen wurde, doch von der Tötung verschont blieb, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam karṇam āsādya muktam vadhāt bhīmam
als ich hörte: Bhīma, der auf Karṇa traf, wurde von der Tötung verschont
kutsayitvā vacobhiḥ
[obwohl er] mit Worten verspottet [wurde]
dhanuḥ-koṭyā ātudya karṇena vīram
und mit der Bogenspitze von Karṇa, dem Helden, gestochen [wurde]
Als ich hörte, dass der vom Götterkönig [Indra] geschenkte göttliche Speer [Karṇas], durch Mādhava [Kṛṣṇa] vereitelt, an dem furchtgestaltigen Rākṣasa Ghaṭotkaca verbraucht wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam deva-rājena dattām divyām śaktim
als ich hörte: den vom Götterkönig geschenkten göttlichen Speer
vyaṃsitām mādhavena
durch Mādhava [Kṛṣṇa] vereitelt
ghaṭotkace rākṣase ghora-rūpe
verbraucht an dem furchtgestaltigen Rākṣasa Ghaṭotkaca
Als ich hörte, dass im Kampf zwischen Karṇa und Ghaṭotkaca der Sūta-Sohn [Karṇa] jenen Speer verschoss, mit dem eigentlich der Linkshänder [Arjuna] in der Schlacht [hätte] getötet werden [sollen], da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam karṇa-ghaṭotkacābhyām yuddhe
als ich hörte: im Kampf zwischen Karṇa und Ghaṭotkaca
muktām sūta-putreṇa śaktim
verschoss der Sūta-Sohn [Karṇa] den Speer
yayā vadhyaḥ samare savya-sācī
mit dem der Linkshänder [Arjuna] in der Schlacht [hätte] getötet werden [sollen]
Als ich hörte, dass Dhṛṣṭadyumna, das Recht verletzend, den Lehrer Droṇa allein, während dieser auf dem Wagensitz die Todesfasten angetreten hatte, erschlug, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā droṇam ācāryam ekam
als [ich hörte:] den Lehrer Droṇa, allein
dhṛṣṭadyumnena abhyatikramya dharmam
durch Dhṛṣṭadyumna, das Recht verletzend
ratha-upasthe prāya-gatam viśastam
auf dem Wagensitz, die Todesfasten angetreten habend, erschlagen
Als ich hörte, dass Nakula, der Sohn der Mādrī, im Zweikampf gegen den Sohn Droṇas [Aśvatthāman] vor aller Augen ebenbürtig kämpfte und ihn in kunstvollen Kreisbewegungen umkreiste, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam drauṇinā dvairatha-stham
als ich hörte: im Zweikampf gegen den Sohn Droṇas
mādrī-sutam nakulam loka-madhye
der Sohn der Mādrī, Nakula, vor aller Augen
samam yuddhe maṇḍalebhyaḥ carantam
kämpfte ebenbürtig, ihn in Kreisbewegungen umkreisend
Als ich hörte, dass, nachdem Droṇa gefallen war, der Sohn Droṇas [Aśvatthāman] die göttliche Nārāyaṇa-Waffe entfesselte, damit jedoch den Pāṇḍavas kein Ende bereiten konnte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā droṇe nihate droṇa-putraḥ
als, nachdem Droṇa gefallen war, der Sohn Droṇas
nārāyaṇam divyam astram vikurvan
die göttliche Nārāyaṇa-Waffe entfesselte
na eṣām antam gatavān pāṇḍavānām
[damit jedoch] den Pāṇḍavas kein Ende bereiten konnte
Als ich hörte, dass Bhīmasena im Kampf das Blut seines Bruders Duḥśāsana trank, und dass niemand imstande war, Bhīma daran zu hindern, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass Karṇa, der überaus tapfere, in Schlachten unangreifbare, von Pārtha [Arjuna] getötet wurde, in jenem von den Göttern verborgen gehaltenen Bruderzwist, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam karṇam atyanta-śūram
als ich hörte: Karṇa, den überaus tapferen
hatam pārthena āhaveṣu apradhṛṣyam
in Schlachten unangreifbar, [dennoch] von Pārtha getötet
tasmin bhrātṝṇām vigrahe deva-guhye
in jenem von den Göttern verborgen gehaltenen Bruderzwist
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: „deva-guhye“ – wörtlich „von den Göttern verborgen“ – spielt darauf an, dass Karṇas wahre Herkunft als älterer Bruder der Pāṇḍavas den Kämpfenden zu diesem Zeitpunkt unbekannt war.]
yadāśrauṣaṃ droṇaputraṃ ca śūraṃ kṛtavarmāṇam ugram ca karṇam | yudhiṣṭhiraṃ dharmarājaṃ jayantaṃ tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya |
Als ich hörte, dass Yudhiṣṭhira, der Dharmarāja, den tapferen Sohn Droṇas, den furchterregenden Kṛtavarman und Karṇa [im Wortgefecht] besiegte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam droṇa-putram ca śūram
als ich hörte: den tapferen Sohn Droṇas
kṛtavarmāṇam ugram ca karṇam
den furchterregenden Kṛtavarman und Karṇa
yudhiṣṭhiram dharma-rājam jayantam
besiegte Yudhiṣṭhira, der Dharmarāja
tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya
da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya
[Anm.: Diese Einheit gibt den überlieferten Vers sinngemäß und leicht geglättet wieder, da die Nennung eines zweiten, sonst nicht identifizierbaren „Duḥśāsana“ neben Karṇa und Kṛtavarman an dieser Stelle im Quelltext unklar blieb; vermutlich ist schlicht Karṇa gemeint. Der genaue Wortlaut bleibt für eine künftige Prüfung vorgemerkt.]
Als ich hörte, dass der tapfere König der Madras [Śalya], der in der Schlacht stets mit Kṛṣṇa wetteiferte, von Dharmarāja im Kampf erschlagen wurde, Sūta-Sohn, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam nihatam madra-rājam raṇe śūram
als ich hörte: den tapferen König der Madras, in der Schlacht erschlagen
Als ich hörte, dass der Sohn Subalas [Śakuni], die Wurzel von Streit und Würfelspiel, mächtig durch Blendwerk, der Sündige, von dem Pāṇḍava Sahadeva im Kampf erschlagen wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam kalaha-dyūta-mūlam
als ich hörte: die Wurzel von Streit und Würfelspiel
māyā-balam saubalam pāṇḍavena
mächtig durch Blendwerk, den Sohn Subalas, von dem Pāṇḍava
Als ich hörte, dass Duryodhana, erschöpft, wagenlos, seiner Kraft beraubt, allein zu einem See ging, dessen Wasser er [durch Zauberkraft] erstarren ließ, und sich dort niederlegte, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam śrāntam ekam śayānam
als ich hörte: erschöpft, allein, sich niederlegend
hradam gatvā stambhayitvā tat ambhaḥ
zu einem See gegangen, dessen Wasser er erstarren ließ
yadāśrauṣaṃ pāṇḍavāṃs tiṣṭhamānān gatvā hrade vāsudevena sārdham | amarṣaṇaṃ dharṣayataḥ sutaṃ me tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya |
Als ich hörte, dass die Pāṇḍavas, zusammen mit Vāsudeva [Kṛṣṇa], zum See gingen und dort standen, meinen zornentbrannten Sohn [Duryodhana] verhöhnend, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass er [Duryodhana], der im Keulenkampf mancherlei kunstvolle Bewegungen und Kreisgänge vollführte, durch einen unlauteren Schlag, [angestiftet] durch Vāsudevas [Kṛṣṇas] Rat, getötet wurde, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam vividhān citra-mārgān
als ich hörte: mancherlei kunstvolle Bewegungen
gadā-yuddhe maṇḍalaśaḥ carantam
im Keulenkampf, in Kreisgängen vollführend
mithyā hatam vāsudevasya buddhyā
durch einen unlauteren Schlag, angestiftet durch Vāsudevas Rat, getötet
yadāśrauṣaṃ droṇaputrādibhis tair hatān pāñcālān draupadeyāṃś ca suptān | kṛtaṃ bībhatsam ayaśasyaṃ ca karma tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya |
Als ich hörte, dass die Pāñcālas und die schlafenden Söhne Draupadīs von Droṇas Sohn [Aśvatthāman] und seinen Gefährten erschlagen wurden, eine abscheuliche und schändliche Tat, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Als ich hörte, dass Aśvatthāman, von Bhīmasena verfolgt, im Zorn die höchste Waffe, die Aiṣīka-Waffe, einsetzte, mit der er die [ungeborene] Leibesfrucht zu töten [versuchte], da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam bhīmasena-anuyātena aśvatthāmnā
als ich hörte: von Aśvatthāman, von Bhīmasena verfolgt
parama-astram prayuktam kruddhena
wurde im Zorn die höchste Waffe eingesetzt
aiṣīkam avadhīt yena garbham
die Aiṣīka-Waffe, mit der er die Leibesfrucht zu töten versuchte
Als ich hörte, dass Arjuna die Brahmaśiras-Waffe mit den Worten ‚Heil [dir]' durch eine Gegenwaffe besänftigte, und dass Aśvatthāman [daraufhin] sein Juwel [als Lösegeld] hergab, da hoffte ich nicht mehr auf den Sieg, Sañjaya.
Wort für Wort
yadā aśrauṣam brahma-śiraḥ arjunena
als ich hörte: die Brahmaśiras-Waffe wurde von Arjuna
svasti iti uktvā astram astreṇa śāntam
mit den Worten ‚Heil' durch eine Gegenwaffe besänftigt
dvaipāyanaḥ keśavo droṇaputraṃ parasparenābhiśāpaiḥ śaśāpa | buddhvā cāhaṃ buddhihīno 'dya sūta saṃtapye vai putrapautraiś ca hīnaḥ |
Dvaipāyana [Vyāsa] und Keśava [Kṛṣṇa] belegten den Sohn Droṇas [Aśvatthāman] mit gegenseitigen Flüchen. Da ich dies erfuhr, Sūta-Sohn, leide ich nun, meiner Einsicht beraubt, ohne Söhne und Enkel.
Wort für Wort
dvaipāyanaḥ keśavaḥ droṇa-putram
Dvaipāyana [Vyāsa] und Keśava [Kṛṣṇa] belegten den Sohn Droṇas
parasparena abhiśāpaiḥ śaśāpa
mit gegenseitigen Flüchen
buddhvā ca aham buddhi-hīnaḥ adya sūta
da ich dies erfuhr, leide ich nun, meiner Einsicht beraubt, Sūta-Sohn
saṃtapye vai putra-pautraiḥ ca hīnaḥ
ich leide, ohne Söhne und Enkel
[Anm.: Hier endet der feste Kehrreim „yadāśrauṣam … tadā nāśaṃse vijayāya sañjaya“; die folgenden Verse bilden Dhṛtarāṣṭras abschließende, freie Klage.]
Zu beklagen ist Gāndhārī, ihrer Söhne und Enkel beraubt, ebenso die Schwiegertöchter, ihrer Väter und Brüder beraubt. Vollbracht wurde von den Pāṇḍu-Söhnen eine schwer zu vollbringende Tat, und wiedererlangt haben sie nun ein Königreich ohne Widersacher.
Wort für Wort
śocyā gāndhārī putra-pautraiḥ vihīnā
zu beklagen ist Gāndhārī, ihrer Söhne und Enkel beraubt
tathā vadhvāḥ pitṛbhiḥ bhrātṛbhiḥ ca
ebenso die Schwiegertöchter, ihrer Väter und Brüder beraubt
kṛtam kāryam duṣkaram pāṇḍaveyaiḥ
vollbracht wurde von den Pāṇḍu-Söhnen eine schwer zu vollbringende Tat
prāptam rājyam asapatnam punaḥ taiḥ
und wiedererlangt haben sie nun ein Königreich ohne Widersacher
kaṣṭaṃ yuddhe daśa śeṣāḥ śrutā me trayo 'smākaṃ pāṇḍavānāṃ ca sapta | dvyūnā viṃśatir āhatākṣauhiṇīnāṃ tasmin saṅgrāme bhairave kṣatriyāṇām |
Schmerzlich – ich hörte, dass im Kampf nur zehn übrig blieben: drei von den Unseren und sieben von den Pāṇḍavas; achtzehn Akṣauhiṇī-Heere der Kṣatriyas wurden in jener furchtbaren Schlacht vernichtet.
Wort für Wort
kaṣṭam yuddhe daśa śeṣāḥ śrutā me
schmerzlich – ich hörte, im Kampf blieben zehn übrig
trayaḥ asmākam pāṇḍavānām ca sapta
drei von den Unseren und sieben von den Pāṇḍavas
dvi-ūnā viṃśatiḥ āhata-akṣauhiṇīnām
achtzehn [wörtlich: zwanzig weniger zwei] Akṣauhiṇī-Heere wurden vernichtet
tasmin saṅgrāme bhairave kṣatriyāṇām
in jener furchtbaren Schlacht der Kṣatriyas
[Anm.: „dvyūnā viṃśatiḥ“, wörtlich „zwanzig weniger zwei“, bezeichnet die Zahl achtzehn – die Gesamtzahl der im Krieg aufgebotenen Akṣauhiṇī-Heere (elf auf kaurava-, sieben auf pāṇḍava-Seite).]
tamas tv atīva vistīrṇaṃ moha āviśatīva mām | saṃjñāṃ nopalabhe sūta mano vihvalatīva me |
Überaus weite Finsternis, so scheint es, ergreift mich – Verblendung überkommt mich. Ich finde meine Besinnung nicht wieder, Sūta-Sohn; mein Geist scheint zu wanken.
Wort für Wort
tamaḥ tu atīva vistīrṇam
überaus weite Finsternis
moha āviśati iva mām
Verblendung überkommt mich, so scheint es
saṃjñām na upalabhe sūta
ich finde meine Besinnung nicht wieder, Sūta-Sohn
manaḥ vihvalati iva me
mein Geist scheint zu wanken
[Anm.: Hier bricht Dhṛtarāṣṭras Klage ab; im Original fällt er in Ohnmacht. Es folgen Sañjayas trostreiche Erwiderung mit einer Liste alter, ruhmreicher, doch dem Tod verfallener Könige und einer Meditation über die alles bezwingende Zeit (Kāla) sowie – zum Abschluss des Adhyāya – der Lobpreis auf den Nutzen dieses einleitenden Kapitels (Phalaśruti) mit dem Kolophon. Diese verbleibenden Verse (ca. 240–300/301) folgen in einer künftigen Erweiterung.]
Sūta sprach: „Nachdem er so gesprochen hatte, brach Dhṛtarāṣṭra in überaus schmerzliches Klagen aus; er wurde ohnmächtig, kam wieder zu sich und sprach zu Sañjaya folgende Worte:
sañjayaivaṃ gate prāṇāṃs tyaktum icchāmi mā ciram | stokaṃ hy api na paśyāmi phalaṃ jīvitadhāraṇe |
Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Da es nun so gekommen ist, Sañjaya, will ich mein Leben aufgeben, ohne Verzug; denn ich sehe nicht den geringsten Nutzen mehr darin, am Leben festzuhalten.‘
Wort für Wort
sañjaya evam gate prāṇān tyaktum icchāmi mā ciram
Sañjaya, da es nun so gekommen ist, will ich mein Leben aufgeben, ohne Verzug
stokam hi api na paśyāmi phalam jīvita-dhāraṇe
denn ich sehe nicht den geringsten Nutzen darin, am Leben festzuhalten
Sūta sprach: Zu ihm, der so klagend sprach, dem elenden, wehklagenden Herrscher der Erde, der wie ein Elefant schwer atmete und immer wieder die Besinnung verlor, sprach der kluge Sohn Gavalgaṇas [Sañjaya] daraufhin diese bedeutungsvollen Worte:
Wort für Wort
tam tathā vādinam dīnam vilapantam mahī-patim
zu ihm, der so klagend sprach, dem elenden, wehklagenden Herrscher der Erde
niḥśvasantam yathā nāgam muhyamānam punaḥ punaḥ
der wie ein Elefant schwer atmete und immer wieder die Besinnung verlor
gāvalgaṇiḥ idam dhīmān mahā-artham vākyam abravīt
sprach der kluge Sohn Gavalgaṇas [Sañjaya] diese bedeutungsvollen Worte
[Anm.: Dieser Vers ist im Original ausnahmsweise dreizeilig (drei Pādas statt der üblichen zwei); die betreffenden Zählnummern des Originals werden hier zu einer Einheit zusammengefasst.]
die durch Rechtschaffenheit die Erde eroberten, Opfer mit reichlichen Gaben darbrachten, in dieser Welt Ruhm erlangten und dann [dennoch] der Macht der Zeit anheimfielen –
Śaibya, den großen Wagenkämpfer, den Helden Sṛñjaya, den Besten der Sieger, Suhotra, Rantideva, und Kākṣīvat, den Sohn der Uśij,
Wort für Wort
śaibyam mahā-ratham vīram sṛñjayam jayatām varam
Śaibya, den großen Wagenkämpfer; den Helden Sṛñjaya, den Besten der Sieger
suhotram rantidevam ca kākṣīvantam a-tauśijam
Suhotra, Rantideva, und Kākṣīvat, den Sohn der Uśij
[Anm.: Ab hier folgt eine lange, im Original grammatisch zusammenhängende Aufzählung berühmter Könige der Vorzeit, die Nārada und Vyāsa Dhṛtarāṣṭra einst genannt haben sollen (Verse 246–260). Die Namen werden unübersetzt (transliteriert) wiedergegeben; nicht jeder ist heute sicher zu identifizieren.]
dessen [Opfer-]Land noch heute von Opferpfählen und Kultstätten gezeichnet ist –, so [wurden] diese vierundzwanzig Könige von Nārada, dem göttlichen Ṛṣi,
Wort für Wort
caitya-yūpa-aṅkitā bhūmiḥ yasya iyam savana-ākarā
dessen Land noch heute von Opferpfählen und Kultstätten [als Opferstätte] gezeichnet ist
iti rājñām caturviṃśat nāradena sura-ṛṣiṇā
so [wurden] diese vierundzwanzig Könige von Nārada, dem göttlichen Ṛṣi
[Anm.: Die Quelle zeigt vor diesem Vers ein isoliertes Schriftzeichen (vermutlich ein Digitalisierungs-Artefakt ohne Textbedeutung), das hier stillschweigend ausgelassen wurde.]
von denen man hört zu Hunderten, ja gezählt sogar zu Hunderttausenden – sie alle, verständig und gewaltig stark, verließen ihren überaus reichen Wohlstand,
Wort für Wort
śrūyante śataśaḥ ca anye saṃkhyātāḥ ca eva padmaśaḥ
von denen man hört zu Hunderten, ja gezählt sogar zu Hunderttausenden
hitvā su-vipulān bhogān buddhimantaḥ mahā-balāḥ
sie, verständig und gewaltig stark, verließen ihren überaus reichen Wohlstand
[Anm.: „padmaśaḥ“, wörtlich „zu Lotus[zahlen]“, bezeichnet eine sehr hohe, sprichwörtliche Menge (traditionell 10.000.000 oder mehr); hier sinngemäß als „zu Hunderttausenden“ wiedergegeben.]
deren Hochherzigkeit und Gottvertrauen, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Mitgefühl und Aufrichtigkeit von gelehrten, kundigen Dichtern in den Purāṇas der Welt erzählt werden –
Wort für Wort
māhātmyam api ca āstikyam satyam śaucam dayā-arjavam
deren Hochherzigkeit und Gottvertrauen, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Mitgefühl und Aufrichtigkeit
vidvadbhiḥ kathyate loke purāṇaiḥ kavi-sattamaiḥ
von gelehrten, kundigen Dichtern in den Purāṇas der Welt erzählt werden
Und die Zeit, die die Geschöpfe vernichtet, wird ihrerseits wieder von der Zeit zur Ruhe gebracht. Die Zeit verwandelt alle Zustände in der Welt, die guten wie die schlechten.
Wort für Wort
saṃharantam prajāḥ kālam kālaḥ śamayate punaḥ
die Zeit, die die Geschöpfe vernichtet, wird ihrerseits wieder von der Zeit zur Ruhe gebracht
kālaḥ vikurute bhāvān sarvān loke śubha-aśubhān
die Zeit verwandelt alle Zustände in der Welt, die guten wie die schlechten
kālaḥ sarveṣu bhūteṣu carati avidhataḥ samaḥ | atītānāgatā bhāvā ye ca vartanti sāmpratam | tān kālanirmitān buddhvā na saṃjñāṃ hātum arhasi |
Die Zeit durchdringt alle Wesen gleichermaßen, ohne Ausnahme. Was vergangen, was zukünftig ist und was gegenwärtig geschieht – all dies als von der Zeit gewirkt erkennend, solltest du nicht die Besinnung verlieren.
Wort für Wort
kālaḥ sarveṣu bhūteṣu carati avidhataḥ samaḥ
die Zeit durchdringt alle Wesen gleichermaßen, ohne Ausnahme
atīta-anāgatā bhāvāḥ ye ca vartanti sāmpratam
was vergangen, was zukünftig ist und was gegenwärtig geschieht
tān kāla-nirmitān buddhvā na saṃjñām hātum arhasi
all dies als von der Zeit gewirkt erkennend, solltest du nicht die Besinnung verlieren
[Anm.: Dieser Vers fasst im Original mehrere kurze, eng aufeinander folgende Halbverse zu einer Sinneinheit zusammen.]
Sūta sprach: Nachdem er so den von Sohnesverlust gequälten Herrscher der Menschen, Dhṛtarāṣṭra, getröstet hatte, brachte ihn der Sūta-Sohn Gāvalgaṇi [Sañjaya] wieder zur Fassung.
dhṛtarāṣṭro ’pi tac chrutvā dhṛtim eva samāśrayat | diṣṭyedam āgatam iti matvā sa prājñasattamaḥ |
Auch Dhṛtarāṣṭra, nachdem er dies gehört hatte, fasste wieder Standhaftigkeit, indem er, der Weiseste, dachte: ‚So war es vom Schicksal bestimmt, dass dies geschehen musste.‘
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭraḥ api tat śrutvā dhṛtim eva samāśrayat
auch Dhṛtarāṣṭra, nachdem er dies gehört hatte, fasste wieder Standhaftigkeit
diṣṭyā idam āgatam iti matvā saḥ prājña-sattamaḥ
indem er, der Weiseste, dachte: so war es vom Schicksal bestimmt, dass dies geschehen musste
Zum Wohl der Welten und aus Mitgefühl verkündete der erhabenste Weise, Kṛṣṇa Dvaipāyana [Vyāsa], an dieser Stelle die heilige Geheimlehre [dieses Werkes]:
Wort für Wort
lokānām ca hita-arthāya kāruṇyāt muni-sattamaḥ
zum Wohl der Welten und aus Mitgefühl [verkündete] der erhabenste Weise
atra upaniṣadam puṇyām kṛṣṇadvaipāyanaḥ abravīt
Kṛṣṇa Dvaipāyana [Vyāsa] verkündete an dieser Stelle die heilige Geheimlehre
[Anm.: „upaniṣad“ wird hier im älteren, ursprünglichen Wortsinn von „Geheimlehre/esoterische Unterweisung“ gebraucht, nicht als Bezeichnung der späteren literarischen Gattung. Ab hier beginnt die abschließende „Phalaśruti“ – der Lobpreis auf den Nutzen dieses einleitenden Kapitels (Verse 274–295).]
Gelehrte und die besten Dichter erzählen in der Welt in den Purāṇas: Schon wer nur einen einzigen Versfuß des heiligen Studiums des Bhārata liest, dem gläubigen, werden alle Sünden gänzlich getilgt.
Wort für Wort
vidvadbhiḥ kathyate loke purāṇe kavi-sattamaiḥ
Gelehrte und die besten Dichter erzählen in der Welt in den Purāṇas
bhārata-adhyayanam puṇyam api pādam adhīyataḥ
schon wer nur einen einzigen Versfuß des heiligen Studiums des Bhārata liest
Denn hier werden die Götter, die göttlichen Ṛṣis, sowie die makellosen Brahmarṣis von reiner Tatkraft gepriesen, ebenso die Yakṣas und die großen Schlangenwesen [Nāgas].
Wort für Wort
devāḥ deva-ṛṣayaḥ hi atra tathā brahma-ṛṣayaḥ amalāḥ
denn hier werden die Götter, die göttlichen Ṛṣis, sowie die makellosen Brahmarṣis
kīrtyante śubha-karmāṇaḥ tathā yakṣāḥ mahā-uragāḥ
von reiner Tatkraft gepriesen, ebenso die Yakṣas und die großen Schlangenwesen
[Anm.: Die Lesung „śubhakarmāṇaḥ“ ersetzt eine im Quelltext unklare Form („śumakarmāṇaḥ“), die als Verschreibung gedeutet wurde.]
asatsatsadasac caiva yasmād viśvaṃ pravartate | santatiś ca pravṛttiś ca janmamṛtyupunarbhavāḥ |
Aus ihm, der sowohl Nichtsein als auch Sein und beides zugleich ist, entsteht das gesamte Universum – die Nachkommenschaft, das [weltliche] Geschehen, Geburt, Tod und Wiedergeburt,
Wort für Wort
asat-sat-sad-asat ca eva yasmāt viśvam pravartate
aus ihm, der sowohl Nichtsein als auch Sein und beides zugleich ist, entsteht das Universum
santatiḥ ca pravṛttiḥ ca janma-mṛtyu-punarbhavāḥ
die Nachkommenschaft, das Geschehen, Geburt, Tod und Wiedergeburt
adhyātmaṃ śrūyate ’tra yat pañcabhūtaguṇātmakam | avyaktādi paraṃ yac ca sa eva parigīyate |
das Wissen vom Selbst, das aus den fünf Elementen und ihren Eigenschaften besteht, und das, was jenseits des Unmanifesten und aller [Ursprünge] ist – eben er wird darin besungen.
Ihn, den die stets Befreiten, ausgestattet mit der Kraft der Meditation und des Yoga, beständig kontemplieren, [und] wie ein Spiegelbild schauen sie ihn, im eigenen Selbst weilend.
ubhe sandhye japan kiṃcit sadyo mucyeta kilbiṣāt | anukramaṇyā yāvat syād ahnā rātryā ca saṃcitam |
Wer es zu beiden Dämmerungszeiten [Morgen und Abend] auch nur teilweise murmelnd rezitiert, wird alsbald von Verfehlung befreit – von allem, was er tags und nachts angesammelt hat, allein durch [das Rezitieren] dieses Inhaltsverzeichnisses.
Wort für Wort
ubhe sandhye japan kiṃcit sadyaḥ mucyeta kilbiṣāt
wer es zu beiden Dämmerungszeiten auch nur teilweise rezitiert, wird alsbald von Verfehlung befreit
anukramaṇyā yāvat syāt ahnā rātryā ca saṃcitam
von allem, was er tags und nachts angesammelt hat, allein durch dieses Inhaltsverzeichnis
bhāratasya vapur hy etat satyaṃ cāmṛtam eva ca | navanītaṃ yathā dadhno dvipadāṃ brāhmaṇo yathā |
Denn dies ist die wahre Gestalt des Bhārata, Wahrheit und Unsterblichkeit zugleich – wie die Butter aus der Milch [entsteht] und der Brahmane der Erste unter den Zweifüßlern ist,
Wort für Wort
bhāratasya vapuḥ hi etat satyam ca amṛtam eva ca
dies ist die wahre Gestalt des Bhārata, Wahrheit und Unsterblichkeit zugleich
navanītam yathā dadhnaḥ dvipadām brāhmaṇaḥ yathā
wie die Butter aus der Milch und der Brahmane der Erste unter den Zweifüßlern ist
āraṇyakaṃ ca vedebhya oṣadhibhyo ’mṛtaṃ yathā | hradānām udadhiḥ śreṣṭho gaur variṣṭhā catuṣpadām |
wie das Āraṇyaka unter den Veden [das Beste ist] und der Göttertrank Amṛta unter den Heilkräutern, wie das Meer das Beste der Gewässer ist und die Kuh die Erhabenste der Vierfüßler,
Wort für Wort
āraṇyakam ca vedebhyaḥ oṣadhibhyaḥ amṛtam yathā
wie das Āraṇyaka unter den Veden und der Göttertrank Amṛta unter den Heilkräutern
so wird auch das Bhārata unter den Geschichtswerken genannt. Und wer bei einem Totenopfer [Śrāddha] den Brahmanen daraus auch nur einen Versfuß bis zum Ende vorlesen lässt,
Wort für Wort
yathā etān itihāsānām tathā bhāratam ucyate
wie diese [jeweils das Beste ihrer Art sind], so wird auch das Bhārata unter den Geschichtswerken genannt
yaḥ ca enam śrāvayet śrāddhe brāhmaṇān pādam antataḥ
und wer bei einem Totenopfer den Brahmanen daraus auch nur einen Versfuß vorlesen lässt
denn der Veda fürchtet sich vor dem, der wenig gehört hat, [mit dem Gedanken]: ‚Dieser wird mich [durch Missverständnis] betrügen.‘ Wer diesen Veda des Kṛṣṇa [Dvaipāyana, d.h. das Mahābhārata] kennt und ihn vortragen lässt, erlangt seinen [wahren] Sinn.
Wort für Wort
bibheti alpa-śrutāt vedaḥ mām ayam pratariṣyati
der Veda fürchtet sich vor dem, der wenig gehört hat: dieser wird mich betrügen
Er wird zweifellos selbst eine Sünde wie die Tötung eines Embryos [im Mutterleib] ablegen, wer, gereinigt, dieses Kapitel bei jedem Neu- und Vollmondtag [parvan] rezitiert.
Wort für Wort
bhrūṇa-hatya-ādikam ca api pāpam jahyāt asaṃśayam
er wird zweifellos selbst eine Sünde wie die Tötung eines Embryos ablegen
yaḥ imam śuciḥ adhyāyam paṭhet parvaṇi parvaṇi
wer, gereinigt, dieses Kapitel bei jedem Neu- und Vollmondtag rezitiert
purā kila suraiḥ sarvaiḥ sametya tulayā dhṛtam | caturbhyaḥ sarahasyebhyo vedebhyo hy adhikaṃ yadā |
einst, so heißt es, versammelten sich alle Götter und wogen sie auf einer Waage gegeneinander ab. Als sich zeigte, dass es schwerer war als die vier Veden samt ihren Geheimlehren,
Wort für Wort
purā kila suraiḥ sarvaiḥ sametya tulayā dhṛtam
einst, so heißt es, versammelten sich alle Götter und wogen sie auf einer Waage gegeneinander ab
caturbhyaḥ sa-rahasyebhyaḥ vedebhyaḥ hi adhikam yadā
als sich zeigte, dass es schwerer war als die vier Veden samt ihren Geheimlehren
mahattvād bhāravattvāc ca mahābhāratam ucyate | niruktam asya yo veda sarvapāpaiḥ pramucyate |
wird es wegen seiner Größe [mahattva] und seiner Gewichtigkeit [bhāravattva] ‚Mahābhārata‘ genannt. Wer diese Worterklärung [seines Namens] kennt, wird von allen Sünden befreit.
Wort für Wort
mahattvāt bhāravattvāt ca mahābhāratam ucyate
es wird wegen seiner Größe und seiner Gewichtigkeit Mahābhārata genannt
niruktam asya yaḥ veda sarva-pāpaiḥ pramucyate
wer diese Worterklärung seines Namens kennt, wird von allen Sünden befreit
[Anm.: Hier endet die Phalaśruti. Der folgende, letzte Vers des Adhyāya steht in einem abweichenden Versmaß (Triṣṭubh statt Anuṣṭubh) und bildet einen eigenständigen, aphoristischen Abschluss.]
tapo na kalko ’dhyayanaṃ na kalkaḥ svābhāviko vedavidhir na kalkaḥ | prasahya vittāharaṇaṃ na kalkas tāny eva bhāvopahatāni kalkaḥ |
Askese ist kein Makel, Studium ist kein Makel, die naturgemäße Beachtung der Veda-Vorschrift ist kein Makel, [selbst] das gewaltsame Wegnehmen von Besitz [in gewissen, rechtmäßigen Fällen] ist kein Makel – erst wenn diese [Handlungen] von [unlauterer] Gesinnung befallen sind, werden sie zum Makel.
Wort für Wort
tapaḥ na kalkaḥ adhyayanam na kalkaḥ
Askese ist kein Makel, Studium ist kein Makel
svābhāvikaḥ veda-vidhiḥ na kalkaḥ
die naturgemäße Beachtung der Veda-Vorschrift ist kein Makel
prasahya vitta-āharaṇam na kalkaḥ
das gewaltsame Wegnehmen von Besitz ist kein Makel
tāni eva bhāva-upahatāni kalkaḥ
erst wenn diese Handlungen von unlauterer Gesinnung befallen sind, werden sie zum Makel
So endet im glorreichen Mahābhārata, im Ādiparva, im Anukramaṇikāparva [dem „Kapitel des Inhaltsverzeichnisses“], der erste Adhyāya.
Wort für Wort
iti śrīmat-mahābhārate ādiparvaṇi
so [endet] im glorreichen Mahābhārata, im Ādiparva
anukramaṇikā-parvaṇi prathamaḥ adhyāyaḥ
im Anukramaṇikāparva, der erste Adhyāya
[Anm.: Kolophon des Originals. Damit ist Adhyāya 1 des Ādiparva (das Anukramaṇikāparva, 301 Verse in der Kumbhakonam-Zählung) vollständig übersetzt. Es folgt im Original Adhyāya 2, das ausführliche Parvasaṃgraha (die Zusammenfassung sämtlicher 18 Parvas Buch für Buch) – dies folgt in einer künftigen Erweiterung.]