Kapitel 93: Vasiṣṭha-Vasu-Śāpaḥ (Nandinī-Haraṇam)
Der Diebstahl der Wunschkuh und Vasiṣṭhas Fluch über die acht Vasus
Auf Śaṃtanus Frage erzählt Gaṅgā die volle, hier nur angedeutete Vorgeschichte des Fluchs: Der Weise Vasiṣṭha (Āpava, Sohn Varuṇas) besitzt eine wunscherfüllende Opferkuh, Tochter der Surabhi. Als die acht Vasu-Götter mit ihren Gattinnen durch seinen Wald streifen, begehrt die Gattin des Vasu Dyaus die Kuh für ihre menschliche Freundin Jinavatī, Tochter des Königs Uśīnara; auf ihre Bitte hin raubt Dyaus, unterstützt von seinen sieben Brüdern unter Führung Pṛthus, die Kuh. Vasiṣṭha entdeckt den Diebstahl und verflucht im Zorn alle acht Vasus zur Geburt als Sterbliche; da er seinen Fluch nicht zurücknehmen kann, mildert er ihn: Die sieben unbeteiligten Brüder werden nach nur einem Jahr Menschenleben erlöst, doch Dyaus, der eigentliche Dieb, muss ein langes, kinderloses, frauenentsagendes Menschenleben führen. Die Vasus bitten Gaṅgā, sie bei der Geburt sofort ins Wasser zurückzuwerfen, um die Erlösung zu beschleunigen – dies erklärt die Ereignisse aus Adh.92. Der überlebende achte Sohn erhält den Namen Devavrata (auch Gāṅgeya); Gaṅgā nimmt ihn zunächst mit sich. Das Kapitel endet mit der berühmten, selbstreferenziellen Ankündigung, nun von Śaṃtanus Sohn – dessen glanzvolle Geschichte ‚Mahābhārata' genannt wird – zu erzählen.
śaṃtanur uvāca āpavo nāma ko nv eṣa vasūnāṃ kiṃ ca duṣkṛtam yasyābhiśāpāt te sarve mānuṣīṃ tanum āgatāḥ
Śaṃtanu sprach: Wer ist dieser Āpava? Und welches Unrecht haben die Vasus begangen, durch dessen Fluch sie alle einen menschlichen Leib angenommen haben?
Wort für Wort
śaṃtanur uvāca āpavo nāma ko nv eṣa vasūnāṃ kiṃ ca duṣkṛtam yasyābhiśāpāt te sarve mānuṣīṃ tanum āgatāḥ
Śaṃtanu sprach: Wer ist dieser Āpava? Und welches Unrecht haben die Vasus begangen, durch dessen Fluch sie alle einen menschlichen Leib angenommen haben?
vaiśaṃpāyana uvāca saivam uktā tato gaṅgā rājānam idam abravīt bhartāraṃ jāhnavī devī śaṃtanuṃ puruṣarṣabham
Vaiśaṃpāyana sprach: So angesprochen, sagte da Gaṅgā, die Tochter des Jahnu, die Göttin, zu ihrem Gatten, dem König Śaṃtanu, dem Stier unter den Männern, Folgendes:
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca saivam uktā tato gaṅgā rājānam idam abravīt bhartāraṃ jāhnavī devī śaṃtanuṃ puruṣarṣabham
Vaiśaṃpāyana sprach: So angesprochen, sagte da Gaṅgā, die Tochter des Jahnu, die Göttin, zu ihrem Gatten, dem König Śaṃtanu, dem Stier unter den Männern, Folgendes:
‚Seine heilige Einsiedelei, von Scharen wilder Tiere und Vögel bevölkert, liegt an der Seite des Bergfürsten Meru, umgeben von Blüten aller Jahreszeiten.'
‚Seine heilige Einsiedelei, von Scharen wilder Tiere und Vögel bevölkert, liegt an der Seite des Bergfürsten Meru, umgeben von Blüten aller Jahreszeiten.'
tatraikasya tu bhāryā vai vasor vāsavavikrama sā carantī vane tasmin gāṃ dadarśa sumadhyamā yā sā vasiṣṭhasya muneḥ sarvakāmadhug uttamā
‚Dort erblickte die Gattin eines der Vasus, o Indra-gleicher an Tapferkeit, die schöngegürtete, während sie in jenem Wald umherging, jene beste, allwunscherfüllende Kuh des Weisen Vasiṣṭha.'
Wort für Wort
tatraikasya tu bhāryā vai vasor vāsavavikrama sā carantī vane tasmin gāṃ dadarśa sumadhyamā yā sā vasiṣṭhasya muneḥ sarvakāmadhug uttamā
‚Dort erblickte die Gattin eines der Vasus, o Indra-gleicher an Tapferkeit, die schöngegürtete, während sie in jenem Wald umherging, jene beste, allwunscherfüllende Kuh des Weisen Vasiṣṭha.'
‚Dyaus, kaum die Kuh erblickt, o an Kraft dem Elefantenfürsten und Indra gleicher König, sprach zu jener Göttin, von deren Schönheit und Eigenschaften redend:'
‚Dyaus, kaum die Kuh erblickt, o an Kraft dem Elefantenfürsten und Indra gleicher König, sprach zu jener Göttin, von deren Schönheit und Eigenschaften redend:'
‚Um ihretwillen, du Hochgesegneter, bringe mir diese von mir begehrte Kuh samt ihrem Kalb, du Bester der Unsterblichen, eilends, du Mehrer des Verdienstes.'
‚Um ihretwillen, du Hochgesegneter, bringe mir diese von mir begehrte Kuh samt ihrem Kalb, du Bester der Unsterblichen, eilends, du Mehrer des Verdienstes.'
tayā kamalapatrākṣyā niyukto dyaus tadā nṛpa ṛṣes tasya tapas tīvraṃ na śaśāka nirīkṣitum hṛtā gauḥ sā tadā tena prapātas tu na tarkitaḥ
Von jener Lotusäugigen dazu veranlasst, o König, vermochte Dyaus die strenge Askese jenes Sehers nicht zu bedenken; so raubte er die Kuh, ohne den drohenden Sturz ins Menschsein zu bedenken.
Wort für Wort
tayā kamalapatrākṣyā niyukto dyaus tadā nṛpa ṛṣes tasya tapas tīvraṃ na śaśāka nirīkṣitum hṛtā gauḥ sā tadā tena prapātas tu na tarkitaḥ
Von jener Lotusäugigen dazu veranlasst, o König, vermochte Dyaus die strenge Askese jenes Sehers nicht zu bedenken; so raubte er die Kuh, ohne den drohenden Sturz ins Menschsein zu bedenken.
Als er mit seinem göttlichen Blick erkannte, dass sie so von den Vasus fortgeführt worden war, geriet er alsbald in die Gewalt des Zorns und verfluchte da die Vasus:
Als er mit seinem göttlichen Blick erkannte, dass sie so von den Vasus fortgeführt worden war, geriet er alsbald in die Gewalt des Zorns und verfluchte da die Vasus:
śaptvā ca tān mahābhāgas tapasy eva mano dadhe evaṃ sa śaptavān rājan vasūn aṣṭau tapodhanaḥ mahāprabhāvo brahmarṣir devān roṣasamanvitaḥ
Nachdem er sie verflucht hatte, richtete der Hochgesegnete seinen Sinn wieder auf die Askese. So verfluchte, o König, jener askesereiche, hochmächtige Brahmanenweise, von Zorn erfüllt, die acht Vasu-Götter.
Wort für Wort
śaptvā ca tān mahābhāgas tapasy eva mano dadhe evaṃ sa śaptavān rājan vasūn aṣṭau tapodhanaḥ mahāprabhāvo brahmarṣir devān roṣasamanvitaḥ
Nachdem er sie verflucht hatte, richtete der Hochgesegnete seinen Sinn wieder auf die Askese. So verfluchte, o König, jener askesereiche, hochmächtige Brahmanenweise, von Zorn erfüllt, die acht Vasu-Götter.
prasādayantas tam ṛṣiṃ vasavaḥ pārthivarṣabha na lebhire ca tasmāt te prasādam ṛṣisattamāt āpavāt puruṣavyāghra sarvadharmaviśāradāt
Die Vasus versuchten, den Seher zu besänftigen, o Stier unter den Fürsten, doch erlangten sie von jenem besten der Seher, Āpava, dem in allem Dharma Bewanderten, o Tiger unter den Männern, keine Gnade.
Wort für Wort
prasādayantas tam ṛṣiṃ vasavaḥ pārthivarṣabha na lebhire ca tasmāt te prasādam ṛṣisattamāt āpavāt puruṣavyāghra sarvadharmaviśāradāt
Die Vasus versuchten, den Seher zu besänftigen, o Stier unter den Fürsten, doch erlangten sie von jenem besten der Seher, Āpava, dem in allem Dharma Bewanderten, o Tiger unter den Männern, keine Gnade.
nānṛtaṃ tac cikīrṣāmi yuṣmān kruddho yad abruvam na prajāsyati cāpy eṣa mānuṣeṣu mahāmanāḥ
‚Nicht will ich zur Unwahrheit machen, was ich im Zorn zu euch gesagt habe; doch wird dieser Hochgesinnte unter den Menschen keine Nachkommenschaft zeugen.'
Wort für Wort
nānṛtaṃ tac cikīrṣāmi yuṣmān kruddho yad abruvam na prajāsyati cāpy eṣa mānuṣeṣu mahāmanāḥ
‚Nicht will ich zur Unwahrheit machen, was ich im Zorn zu euch gesagt habe; doch wird dieser Hochgesinnte unter den Menschen keine Nachkommenschaft zeugen.'
‚Und er wird dharmagesinnt sein, in allen Lehrschriften bewandert, dem Wohl und Wunsch seines Vaters zugetan, und wird die Freuden der Frauen meiden.' So zu allen Vasus gesprochen habend, ging der erhabene Seher fort.
‚Und er wird dharmagesinnt sein, in allen Lehrschriften bewandert, dem Wohl und Wunsch seines Vaters zugetan, und wird die Freuden der Frauen meiden.' So zu allen Vasus gesprochen habend, ging der erhabene Seher fort.
tato mām upajagmus te samastā vasavas tadā ayācanta ca māṃ rājan varaṃ sa ca mayā kṛtaḥ jātāñ jātān prakṣipāsmān svayaṃ gaṅge tvam ambhasi
Da kamen all jene Vasus zu mir und baten mich, o König, um eine Gunst; und diese wurde von mir erfüllt: ‚Wirf uns selbst, sobald wir geboren sind, du Gaṅgā, ins Wasser.'
Wort für Wort
tato mām upajagmus te samastā vasavas tadā ayācanta ca māṃ rājan varaṃ sa ca mayā kṛtaḥ jātāñ jātān prakṣipāsmān svayaṃ gaṅge tvam ambhasi
Da kamen all jene Vasus zu mir und baten mich, o König, um eine Gunst; und diese wurde von mir erfüllt: ‚Wirf uns selbst, sobald wir geboren sind, du Gaṅgā, ins Wasser.'