Kapitel 109: Kiṃdamamunivadhaḥ
Die Tötung des Muni Kiṃdama und der Fluch über Pāṇḍu
Auf Janamejayas Bitte um die Geburtsgeschichte der Pāṇḍavas erzählt Vaiśaṃpāyana den Ursprung des Verhängnisses: Auf der Jagd erschießt Pāṇḍu ein sich paarendes Hirschpaar – tatsächlich der Muni Kiṃdama und seine Gattin, die sich aus Scham in Hirschgestalt vereinigt hatten. Sterbend hält der Muni Pāṇḍu in einem langen Streitgespräch die Grausamkeit seiner Tat vor und verflucht ihn: Pāṇḍu werde sterben, sobald er sich das nächste Mal in Liebe mit einer Frau vereinige.
Janamejaya sprach: Erzählt hast du, o bester Kenner des Veda, die erhabene, von einem Ṛṣi bewirkte, geradezu übermenschliche Abkunft der Dhārtarāṣṭras unter den Menschen.
Janamejaya sprach: Erzählt hast du, o bester Kenner des Veda, die erhabene, von einem Ṛṣi bewirkte, geradezu übermenschliche Abkunft der Dhārtarāṣṭras unter den Menschen.
te hi sarve mahātmāno devarājaparākramāḥ tvayaivāṃśāvataraṇe devabhāgāḥ prakīrtitāḥ
Denn sie alle, die Hochgesinnten, an Kraft dem König der Götter gleich, wurden von dir selbst schon in der Aṃśāvataraṇa als Anteile der Götter verkündet.
Wort für Wort
te hi sarve mahātmāno devarājaparākramāḥ tvayaivāṃśāvataraṇe devabhāgāḥ prakīrtitāḥ
Denn sie alle, die Hochgesinnten, an Kraft dem König der Götter gleich, wurden von dir selbst schon in der Aṃśāvataraṇa als Anteile der Götter verkündet.
Vaiśaṃpāyana sprach: König Pāṇḍu erblickte im großen, von wilden Tieren und Schlangen bewohnten Wald den Leithirsch einer Hirschherde, wie er sich zur Paarungszeit mit seiner Hirschkuh vereinigte.
Vaiśaṃpāyana sprach: König Pāṇḍu erblickte im großen, von wilden Tieren und Schlangen bewohnten Wald den Leithirsch einer Hirschherde, wie er sich zur Paarungszeit mit seiner Hirschkuh vereinigte.
mṛga uvāca kāmamanyuparītāpi buddhyaṅgarahitāpi ca varjayanti nṛśaṃsāni pāpeṣv abhiratā narāḥ
Der Hirsch sprach: Selbst von Begierde und Zorn Ergriffene, selbst der Klugheit gänzlich Beraubte – selbst Männer, die an Sünde Gefallen finden, meiden grausame Taten.
Wort für Wort
mṛga uvāca kāmamanyuparītāpi buddhyaṅgarahitāpi ca varjayanti nṛśaṃsāni pāpeṣv abhiratā narāḥ
Der Hirsch sprach: Selbst von Begierde und Zorn Ergriffene, selbst der Klugheit gänzlich Beraubte – selbst Männer, die an Sünde Gefallen finden, meiden grausame Taten.
śaśvaddharmātmanāṃ mukhye kule jātasya bhārata kāmalobhābhibhūtasya kathaṃ te calitā matiḥ
Wie konnte dir, o Bhārata, der du in einem erstrangigen Geschlecht von je frommgesinnten Männern geboren bist, von Begierde und Gier überwältigt, der Verstand wanken?
Wort für Wort
śaśvaddharmātmanāṃ mukhye kule jātasya bhārata kāmalobhābhibhūtasya kathaṃ te calitā matiḥ
Wie konnte dir, o Bhārata, der du in einem erstrangigen Geschlecht von je frommgesinnten Männern geboren bist, von Begierde und Gier überwältigt, der Verstand wanken?
Pāṇḍu sprach: Was für Feinde die Weise der Tötung ist, dieselbe gilt, wie überliefert, für Könige bei der Tötung von Wild, o Hirsch; du solltest mich nicht aus Verblendung tadeln.
Pāṇḍu sprach: Was für Feinde die Weise der Tötung ist, dieselbe gilt, wie überliefert, für Könige bei der Tötung von Wild, o Hirsch; du solltest mich nicht aus Verblendung tadeln.
Der Ṛṣi Agastya, während eines Opfersitzes weilend, betrieb die Jagd, nachdem er die wilden, allen Göttern geweihten Tiere im großen Wald [dem Opfer] geweiht hatte.
Der Ṛṣi Agastya, während eines Opfersitzes weilend, betrieb die Jagd, nachdem er die wilden, allen Göttern geweihten Tiere im großen Wald [dem Opfer] geweiht hatte.
pramāṇadṛṣṭadharmeṇa katham asmān vigarhase agastyasyābhicāreṇa yuṣmākaṃ vai vapā hutā
Wie kannst du uns tadeln, da dies doch durch maßgebliche Autoritäten als Recht erkannt ist? Durch Agastyas Opferhandlung wurde ja auch das Fett eurer Art dargebracht.
Wort für Wort
pramāṇadṛṣṭadharmeṇa katham asmān vigarhase agastyasyābhicāreṇa yuṣmākaṃ vai vapā hutā
Wie kannst du uns tadeln, da dies doch durch maßgebliche Autoritäten als Recht erkannt ist? Durch Agastyas Opferhandlung wurde ja auch das Fett eurer Art dargebracht.
mṛga uvāca na ripūn vai samuddiśya vimuñcanti purā śarān randhra eṣāṃ viśeṣeṇa vadhakālaḥ praśasyate
Der Hirsch sprach: Nicht schießt man Pfeile gegen zuvor benannte Feinde ab; als deren Tötungszeit wird insbesondere allein eine [offene] Blöße gepriesen.
Wort für Wort
mṛga uvāca na ripūn vai samuddiśya vimuñcanti purā śarān randhra eṣāṃ viśeṣeṇa vadhakālaḥ praśasyate
Der Hirsch sprach: Nicht schießt man Pfeile gegen zuvor benannte Feinde ab; als deren Tötungszeit wird insbesondere allein eine [offene] Blöße gepriesen.
[Anm.: Knapp formulierter Einwand – gemeint scheint: anders als im offenen Kampf gegen erklärte Feinde, die bei einer erkennbaren Schwachstelle angegriffen werden, überfiel Pāṇḍu den Hirsch gerade in dessen verletzlichstem, intimstem Augenblick.]
Pāṇḍu sprach: Ob unachtsam oder nicht, ob offen daliegend – man tötet mit Kraft, mit Mitteln, mit scharfen Pfeilen; warum tadelst du mich deswegen, o Hirsch?
Pāṇḍu sprach: Ob unachtsam oder nicht, ob offen daliegend – man tötet mit Kraft, mit Mitteln, mit scharfen Pfeilen; warum tadelst du mich deswegen, o Hirsch?
sarvabhūtahite kāle sarvabhūtepsite tathā ko hi vidvān mṛgaṃ hanyāc carantaṃ maithunaṃ vane puruṣārthaphalaṃ kāntaṃ yat tvayā vitathaṃ kṛtam
Zu der Zeit, die allen Wesen zuträglich und von allen Wesen begehrt ist – welcher Weise würde einen Hirsch töten, der sich im Wald der Paarung hingibt? Jenes geliebte Werk, das die Frucht menschlichen Strebens trägt, hast du zunichtegemacht.
Wort für Wort
sarvabhūtahite kāle sarvabhūtepsite tathā ko hi vidvān mṛgaṃ hanyāc carantaṃ maithunaṃ vane puruṣārthaphalaṃ kāntaṃ yat tvayā vitathaṃ kṛtam
Zu der Zeit, die allen Wesen zuträglich und von allen Wesen begehrt ist – welcher Weise würde einen Hirsch töten, der sich im Wald der Paarung hingibt? Jenes geliebte Werk, das die Frucht menschlichen Strebens trägt, hast du zunichtegemacht.
Du, der die Besonderheiten des Genusses mit Frauen kennt, der die Wahrheit von Lehrbuch, Recht und Nutzen kennt, o Götterähnlicher, solltest eine solche, den Himmel verwehrende Tat nicht begehen.
Du, der die Besonderheiten des Genusses mit Frauen kennt, der die Wahrheit von Lehrbuch, Recht und Nutzen kennt, o Götterähnlicher, solltest eine solche, den Himmel verwehrende Tat nicht begehen.
Was habe ich dir angetan, o Bester der Männer, dass du mich Schuldlosen erschlägst – einen Muni, der von Wurzeln und Früchten lebt, der die Gestalt eines Hirsches trägt, o König, der beständig in den Wäldern wohnt, der Ruhe hingegeben?
Was habe ich dir angetan, o Bester der Männer, dass du mich Schuldlosen erschlägst – einen Muni, der von Wurzeln und Früchten lebt, der die Gestalt eines Hirsches trägt, o König, der beständig in den Wäldern wohnt, der Ruhe hingegeben?
Weil ich von dir verletzt wurde, wird dich, den unbeherrschten, von Begierde verblendeten Täter dieser Grausamkeit an zweien, ohne Zweifel ebenso ein lebenbeendendes Geschick ereilen – gerade in einer solchen Lage.
Weil ich von dir verletzt wurde, wird dich, den unbeherrschten, von Begierde verblendeten Täter dieser Grausamkeit an zweien, ohne Zweifel ebenso ein lebenbeendendes Geschick ereilen – gerade in einer solchen Lage.
mṛgo bhūtvā mṛgaiḥ sārdhaṃ carāmi gahane vane na tu te brahmahatyeyaṃ bhaviṣyaty avijānataḥ mṛgarūpadharaṃ hatvā mām evaṃ kāmamohitam
Ein Hirsch geworden, wandle ich mit den Hirschen im dichten Wald umher; doch wird dies für dich, der es nicht wusste, keine Brahmanentötung sein, da du mich, den Hirschgestaltigen, so, von Begierde verblendet, getötet hast.
Wort für Wort
mṛgo bhūtvā mṛgaiḥ sārdhaṃ carāmi gahane vane na tu te brahmahatyeyaṃ bhaviṣyaty avijānataḥ mṛgarūpadharaṃ hatvā mām evaṃ kāmamohitam
Ein Hirsch geworden, wandle ich mit den Hirschen im dichten Wald umher; doch wird dies für dich, der es nicht wusste, keine Brahmanentötung sein, da du mich, den Hirschgestaltigen, so, von Begierde verblendet, getötet hast.
asya tu tvaṃ phalaṃ mūḍha prāpsyasīdṛśam eva hi priyayā saha saṃvāsaṃ prāpya kāmavimohitaḥ tvam apy asyām avasthāyāṃ pretalokaṃ gamiṣyasi
Doch die Frucht davon wirst du, Tor, ebenso gerade erlangen: Wenn du mit einer Geliebten die Vereinigung eingehst, von Begierde ganz verblendet, wirst auch du in eben diesem Zustand in die Welt der Toten eingehen.
Wort für Wort
asya tu tvaṃ phalaṃ mūḍha prāpsyasīdṛśam eva hi priyayā saha saṃvāsaṃ prāpya kāmavimohitaḥ tvam apy asyām avasthāyāṃ pretalokaṃ gamiṣyasi
Doch die Frucht davon wirst du, Tor, ebenso gerade erlangen: Wenn du mit einer Geliebten die Vereinigung eingehst, von Begierde ganz verblendet, wirst auch du in eben diesem Zustand in die Welt der Toten eingehen.
[Anm.: Dies ist der Fluch, der später Pāṇḍus Tod herbeiführt (bereits in Adh.107 V5 knapp vorausgedeutet, dort noch unerklärt).]
Und mit jener Geliebten, mit der du zur Zeit deines Endes die Vereinigung eingehen wirst, wird eben sie, o Bester der Weisen, dir aus Ergebenheit folgen, wenn du in die Gewalt des allen Wesen unentrinnbaren Königs der Toten gelangt bist.
Und mit jener Geliebten, mit der du zur Zeit deines Endes die Vereinigung eingehen wirst, wird eben sie, o Bester der Weisen, dir aus Ergebenheit folgen, wenn du in die Gewalt des allen Wesen unentrinnbaren Königs der Toten gelangt bist.
vaiśaṃpāyana uvāca evam uktvā suduḥkhārto jīvitāt sa vyayujyata mṛgaḥ pāṇḍuś ca śokārtaḥ kṣaṇena samapadyata
Vaiśaṃpāyana sprach: So sprechend, von schwerem Leid gequält, schied jener Hirsch aus dem Leben; und Pāṇḍu wurde binnen eines Augenblicks von Kummer überwältigt.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evam uktvā suduḥkhārto jīvitāt sa vyayujyata mṛgaḥ pāṇḍuś ca śokārtaḥ kṣaṇena samapadyata
Vaiśaṃpāyana sprach: So sprechend, von schwerem Leid gequält, schied jener Hirsch aus dem Leben; und Pāṇḍu wurde binnen eines Augenblicks von Kummer überwältigt.