Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 29: Āstīka-parva (Fortsetzung): Garuḍa ergreift das Amṛta Āstīka-parva (Fortsetzung): das Rasiermesser-Rad, die Schlangen-Wächter, der Gabentausch mit Viṣṇu, und Indras Angriff — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)

Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,029.001“ bis „01,029.023“). Garuḍa überwindet das letzte Hindernis – ein rasendes Rasiermesser-Rad und zwei feuerspeiende Schlangen-Wächter – und ergreift das Amṛta, ohne selbst davon zu trinken. Im Luftraum begegnet er Viṣṇu; im Gabentausch erhält Garuḍa einen Platz über Viṣṇu sowie Alterslosigkeit und Unsterblichkeit auch ohne das Amṛta, während Viṣṇu ihn zu seinem Reittier und Feldzeichen erwählt. Indra greift ihn mit dem Donnerkeil an; Garuḍa, unversehrt, lässt gelassen eine Feder fallen, wodurch er den Namen „Suparṇa“ erhält, und Indra bittet um seine Freundschaft. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.

sūta uvāca | jāmbūnadamayo bhūtvā marīcivikacojjvalaḥ | praviveśa balāt pakṣī vārivega ivārṇavam

Sūta sprach: Golden geworden, von schimmernden Strahlen erglänzend, drang der Vogel mit Gewalt hinein, wie die Wasserflut in den Ozean.

Wort für Wort
sūta uvāca | jāmbūnadamayo bhūtvā marīcivikacojjvalaḥ | praviveśa balāt pakṣī vārivega ivārṇavam
Sūta sprach: Golden geworden, von schimmernden Strahlen erglänzend, drang der Vogel mit Gewalt hinein, wie die Wasserflut in den Ozean.

[Anm.: „Jāmbūnada“ bezeichnet das goldene Metall, benannt nach dem mythischen Fluss Jambū.]

sa cakraṃ kṣuraparyantam apaśyad amṛtāntike | paribhramantam aniśaṃ tīkṣṇadhāram ayasmayam

Er erblickte, in der Nähe des Amṛta, ein Rad mit Rasiermesser-Schneiden am Rand, unaufhörlich umherwirbelnd, scharfschneidig, aus Eisen,

Wort für Wort
sa cakraṃ kṣuraparyantam apaśyad amṛtāntike | paribhramantam aniśaṃ tīkṣṇadhāram ayasmayam
Er erblickte, in der Nähe des Amṛta, ein Rad mit Rasiermesser-Schneiden am Rand, unaufhörlich umherwirbelnd, scharfschneidig, aus Eisen,

jvalanārkaprabhaṃ ghoraṃ chedanaṃ somahāriṇām | ghorarūpaṃ tad atyarthaṃ yantraṃ devaiḥ sunirmitam

feuer- und sonnengleich glänzend, furchtbar, ein Zerschneidegerät für die Soma-Räuber, von überaus furchtbarer Gestalt, eine von den Göttern kunstvoll gefertigte Maschine.

Wort für Wort
jvalanārkaprabhaṃ ghoraṃ chedanaṃ somahāriṇām | ghorarūpaṃ tad atyarthaṃ yantraṃ devaiḥ sunirmitam
feuer- und sonnengleich glänzend, furchtbar, ein Zerschneidegerät für die Soma-Räuber, von überaus furchtbarer Gestalt, eine von den Göttern kunstvoll gefertigte Maschine.

tasyāntaraṃ sa dṛṣṭvaiva paryavartata khecaraḥ | arāntareṇābhyapatat saṃkṣipyāṅgaṃ kṣaṇena ha

Kaum hatte er eine Lücke darin erblickt, wandte sich der Himmelswandler sogleich; durch die Lücke zwischen den Speichen flog er hindurch, seinen Leib im Augenblick zusammenziehend.

Wort für Wort
tasyāntaraṃ sa dṛṣṭvaiva paryavartata khecaraḥ | arāntareṇābhyapatat saṃkṣipyāṅgaṃ kṣaṇena ha
Kaum hatte er eine Lücke darin erblickt, wandte sich der Himmelswandler sogleich; durch die Lücke zwischen den Speichen flog er hindurch, seinen Leib im Augenblick zusammenziehend.

adhaś cakrasya caivātra dīptānalasamadyutī | vidyujjihvau mahāghorau dīptāsyau dīptalocanau

Und unterhalb des Rades erblickte er da zwei feuergleich leuchtende, überaus furchtbare Schlangen mit blitzenden Zungen, mit lodernden Mäulern und lodernden Augen,

Wort für Wort
adhaś cakrasya caivātra dīptānalasamadyutī | vidyujjihvau mahāghorau dīptāsyau dīptalocanau
Und unterhalb des Rades erblickte er da zwei feuergleich leuchtende, überaus furchtbare Schlangen mit blitzenden Zungen, mit lodernden Mäulern und lodernden Augen,

cakṣurviṣau mahāvīryau nityakruddhau tarasvinau | rakṣārtham evāmṛtasya dadarśa bhujagottamau

mit den Augen vergiftend, von großer Kraft, stets zornig, geschwind – die besten der Schlangen, die einzig zum Schutz des Amṛta dort waren.

Wort für Wort
cakṣurviṣau mahāvīryau nityakruddhau tarasvinau | rakṣārtham evāmṛtasya dadarśa bhujagottamau
mit den Augen vergiftend, von großer Kraft, stets zornig, geschwind – die besten der Schlangen, die einzig zum Schutz des Amṛta dort waren.

sadā saṃrabdhanayanau sadā cānimiṣekṣaṇau | tayor eko 'pi yaṃ paśyet sa tūrṇaṃ bhasmasād bhavet

Stets mit erregten Augen, stets mit unbewegten Lidern – wen auch nur einer von beiden erblickte, der würde augenblicklich zu Asche werden.

Wort für Wort
sadā saṃrabdhanayanau sadā cānimiṣekṣaṇau | tayor eko 'pi yaṃ paśyet sa tūrṇaṃ bhasmasād bhavet
Stets mit erregten Augen, stets mit unbewegten Lidern – wen auch nur einer von beiden erblickte, der würde augenblicklich zu Asche werden.

tayoś cakṣūṃṣi rajasā suparṇas tūrṇam āvṛṇot | adṛṣṭarūpas tau cāpi sarvataḥ paryakālayat

Suparṇa aber verhüllte rasch ihre Augen mit Staub; und, selbst ungesehen, umkreiste er sie von allen Seiten.

Wort für Wort
tayoś cakṣūṃṣi rajasā suparṇas tūrṇam āvṛṇot | adṛṣṭarūpas tau cāpi sarvataḥ paryakālayat
Suparṇa aber verhüllte rasch ihre Augen mit Staub; und, selbst ungesehen, umkreiste er sie von allen Seiten.

tayor aṅge samākramya vainateyo 'ntarikṣagaḥ | ācchinat tarasā madhye somam abhyadravat tataḥ

Über ihre Leiber hinwegsetzend, der Himmelswandler, der Sohn Vinatās, zerschnitt er sie mit Kraft in der Mitte; dann stürmte er auf den Soma zu.

Wort für Wort
tayor aṅge samākramya vainateyo 'ntarikṣagaḥ | ācchinat tarasā madhye somam abhyadravat tataḥ
Über ihre Leiber hinwegsetzend, der Himmelswandler, der Sohn Vinatās, zerschnitt er sie mit Kraft in der Mitte; dann stürmte er auf den Soma zu.

samutpāṭyāmṛtaṃ tat tu vainateyas tato balī | utpapāta javenaiva yantram unmathya vīryavān

Nachdem er jenes Amṛta emporgerissen hatte, erhob sich der starke Sohn Vinatās mit eben dieser Geschwindigkeit, die Maschine zerstörend, der Kraftvolle.

Wort für Wort
samutpāṭyāmṛtaṃ tat tu vainateyas tato balī | utpapāta javenaiva yantram unmathya vīryavān
Nachdem er jenes Amṛta emporgerissen hatte, erhob sich der starke Sohn Vinatās mit eben dieser Geschwindigkeit, die Maschine zerstörend, der Kraftvolle.

apītvaivāmṛtaṃ pakṣī parigṛhyāśu vīryavān | agacchad apariśrānta āvāryārkaprabhāṃ khagaḥ

Ohne das Amṛta zu trinken, ergriff es der kraftvolle Vogel rasch und zog, unermüdet, davon, seinen sonnengleichen Glanz verhüllend.

Wort für Wort
apītvaivāmṛtaṃ pakṣī parigṛhyāśu vīryavān | agacchad apariśrānta āvāryārkaprabhāṃ khagaḥ
Ohne das Amṛta zu trinken, ergriff es der kraftvolle Vogel rasch und zog, unermüdet, davon, seinen sonnengleichen Glanz verhüllend.

[Anm.: Der Sinn von „āvāryārkaprabhāṃ“ (etwa „seinen sonnengleichen Glanz zurückhaltend/verbergend“) bleibt in der genauen Nuance [?] unsicher.]

viṣṇunā tu tadākāśe vainateyaḥ sameyivān | tasya nārāyaṇas tuṣṭas tenālaulyena karmaṇā

Da aber begegnete der Sohn Vinatās im Luftraum dem Viṣṇu; über ihn, wegen dieser Tat ohne Gier – dass er das Amṛta nicht trank –, war Nārāyaṇa erfreut.

Wort für Wort
viṣṇunā tu tadākāśe vainateyaḥ sameyivān | tasya nārāyaṇas tuṣṭas tenālaulyena karmaṇā
Da aber begegnete der Sohn Vinatās im Luftraum dem Viṣṇu; über ihn, wegen dieser Tat ohne Gier – dass er das Amṛta nicht trank –, war Nārāyaṇa erfreut.

tam uvācāvyayo devo varado 'smīti khecaram | sa vavre tava tiṣṭheyam uparīty antarikṣagaḥ

Zu ihm, dem Himmelswandler, sprach der unvergängliche Gott: „Ich bin bereit, dir eine Gabe zu gewähren.“ Da wählte er, der Luftwandler: „Ich möchte über dir stehen.“

Wort für Wort
tam uvācāvyayo devo varado 'smīti khecaram | sa vavre tava tiṣṭheyam uparīty antarikṣagaḥ
Zu ihm, dem Himmelswandler, sprach der unvergängliche Gott: „Ich bin bereit, dir eine Gabe zu gewähren.“ Da wählte er, der Luftwandler: „Ich möchte über dir stehen.“

uvāca cainaṃ bhūyo 'pi nārāyaṇam idaṃ vacaḥ | ajaraś cāmaraś ca syām amṛtena vināpy aham

Und wiederum sprach er zu Nārāyaṇa dieses Wort: „Alterslos und unsterblich möge ich sein, auch ohne das Amṛta.“

Wort für Wort
uvāca cainaṃ bhūyo 'pi nārāyaṇam idaṃ vacaḥ | ajaraś cāmaraś ca syām amṛtena vināpy aham
Und wiederum sprach er zu Nārāyaṇa dieses Wort: „Alterslos und unsterblich möge ich sein, auch ohne das Amṛta.“

pratigṛhya varau tau ca garuḍo viṣṇum abravīt | bhavate 'pi varaṃ dadmi vṛṇītāṃ bhagavān api

Nachdem er diese beiden Gaben erhalten hatte, sprach Garuḍa zu Viṣṇu: „Auch dir gebe ich eine Gabe; auch der Erhabene möge wählen.“

Wort für Wort
pratigṛhya varau tau ca garuḍo viṣṇum abravīt | bhavate 'pi varaṃ dadmi vṛṇītāṃ bhagavān api
Nachdem er diese beiden Gaben erhalten hatte, sprach Garuḍa zu Viṣṇu: „Auch dir gebe ich eine Gabe; auch der Erhabene möge wählen.“

taṃ vavre vāhanaṃ kṛṣṇo garutmantaṃ mahābalam | dhvajaṃ ca cakre bhagavān upari sthāsyasīti tam

Ihn, Garutmān, den hochmächtigen, wählte der Dunkle [Viṣṇu] zu seinem Reittier; und der Erhabene machte ihn zu seinem Feldzeichen: „Du wirst oben stehen“, sprach er zu ihm.

Wort für Wort
taṃ vavre vāhanaṃ kṛṣṇo garutmantaṃ mahābalam | dhvajaṃ ca cakre bhagavān upari sthāsyasīti tam
Ihn, Garutmān, den hochmächtigen, wählte der Dunkle [Viṣṇu] zu seinem Reittier; und der Erhabene machte ihn zu seinem Feldzeichen: „Du wirst oben stehen“, sprach er zu ihm.

[Anm.: „Kṛṣṇa“ („der Dunkle“) ist hier ein Beiname Viṣṇus, nicht der spätere Held Kṛṣṇa des Epos.]

anupatya khagaṃ tv indro vajreṇāṅge 'bhyatāḍayat | vihaṃgamaṃ surāmitraṃ harantam amṛtaṃ balāt

Da flog Indra auf den Vogel zu und schlug ihn mit dem Donnerkeil am Leib, den Himmelswandler, den Feind der Götter, der mit Gewalt das Amṛta raubte.

Wort für Wort
anupatya khagaṃ tv indro vajreṇāṅge 'bhyatāḍayat | vihaṃgamaṃ surāmitraṃ harantam amṛtaṃ balāt
Da flog Indra auf den Vogel zu und schlug ihn mit dem Donnerkeil am Leib, den Himmelswandler, den Feind der Götter, der mit Gewalt das Amṛta raubte.

tam uvācendram ākrande garuḍaḥ patatāṃ varaḥ | prahasañ ślakṣṇayā vācā tathā vajrasamāhataḥ

Ihn, obwohl vom Donnerkeil getroffen, sprach Garuḍa, der Beste der Fliegenden, lächelnd, mit sanfter Stimme zu Indra beim Kampfe an:

Wort für Wort
tam uvācendram ākrande garuḍaḥ patatāṃ varaḥ | prahasañ ślakṣṇayā vācā tathā vajrasamāhataḥ
Ihn, obwohl vom Donnerkeil getroffen, sprach Garuḍa, der Beste der Fliegenden, lächelnd, mit sanfter Stimme zu Indra beim Kampfe an:

ṛṣer mānaṃ kariṣyāmi vajraṃ yasyāsthisaṃbhavam | vajrasya ca kariṣyāmi tava caiva śatakrato

„Ich werde die Ehre des Weisen wahren, aus dessen Gebein der Donnerkeil entstanden ist, und ich werde auch dem Donnerkeil Ehre erweisen, und dir selbst, o Śatakratu.“

Wort für Wort
ṛṣer mānaṃ kariṣyāmi vajraṃ yasyāsthisaṃbhavam | vajrasya ca kariṣyāmi tava caiva śatakrato
„Ich werde die Ehre des Weisen wahren, aus dessen Gebein der Donnerkeil entstanden ist, und ich werde auch dem Donnerkeil Ehre erweisen, und dir selbst, o Śatakratu.“

[Anm.: Anspielung auf den Weisen Dadhīci, aus dessen Gebeinen der Sage nach Indras Donnerkeil gefertigt wurde – diese Geschichte wird an dieser Stelle vorausgesetzt, aber noch nicht selbst erzählt.]

eṣa patraṃ tyajāmy ekaṃ yasyāntaṃ nopalapsyase | na hi vajranipātena rujā me 'sti kadā cana

„Diese eine Feder lasse ich fallen, deren Ende du nicht finden wirst; denn durch den Fall des Donnerkeils habe ich niemals Schmerz.“

Wort für Wort
eṣa patraṃ tyajāmy ekaṃ yasyāntaṃ nopalapsyase | na hi vajranipātena rujā me 'sti kadā cana
„Diese eine Feder lasse ich fallen, deren Ende du nicht finden wirst; denn durch den Fall des Donnerkeils habe ich niemals Schmerz.“

tatra taṃ sarvabhūtāni vismitāny abruvaṃs tadā | surūpaṃ patram ālakṣya suparṇo 'yaṃ bhavatv iti

Da sprachen alle Wesen, darüber erstaunt: „Möge er, da man seine schöne Feder erblickt hat, ‚Suparṇa‘ genannt werden!“

Wort für Wort
tatra taṃ sarvabhūtāni vismitāny abruvaṃs tadā | surūpaṃ patram ālakṣya suparṇo 'yaṃ bhavatv iti
Da sprachen alle Wesen, darüber erstaunt: „Möge er, da man seine schöne Feder erblickt hat, ‚Suparṇa‘ genannt werden!“

dṛṣṭvā tad adbhutaṃ cāpi sahasrākṣaḥ puraṃdaraḥ | khago mahad idaṃ bhūtam iti matvābhyabhāṣata

Als auch der tausendäugige Purandara [Indra] dies Wunder sah, sprach er, denkend: „Dies ist ein großes Wesen“, zu dem Vogel:

Wort für Wort
dṛṣṭvā tad adbhutaṃ cāpi sahasrākṣaḥ puraṃdaraḥ | khago mahad idaṃ bhūtam iti matvābhyabhāṣata
Als auch der tausendäugige Purandara [Indra] dies Wunder sah, sprach er, denkend: „Dies ist ein großes Wesen“, zu dem Vogel:

balaṃ vijñātum icchāmi yat te param anuttamam | sakhyaṃ cānantam icchāmi tvayā saha khagottama

„Ich möchte deine höchste, unübertreffliche Kraft erfahren; und ich wünsche mit dir, o Bester der Vögel, endlose Freundschaft.“

Wort für Wort
balaṃ vijñātum icchāmi yat te param anuttamam | sakhyaṃ cānantam icchāmi tvayā saha khagottama
„Ich möchte deine höchste, unübertreffliche Kraft erfahren; und ich wünsche mit dir, o Bester der Vögel, endlose Freundschaft.“

[Anm.: Adhyāya 29 endet hier gemäß der lokalen Quelldatei, unmittelbar vor Garuḍas Antwort an Indra.]

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