Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 195: Bhīṣmavākyam Bhīṣmas Rede für die Teilung des Reiches

Bhīṣma spricht sich entschieden gegen einen Streit mit den Pāṇḍavas aus: Ihm seien die Söhne Kuntīs ebenso teuer wie die Söhne Gāndhārīs, und das Reich stehe ihnen ebenso rechtmäßig zu. Er mahnt Duryodhana, den Ruhm zu wahren, erinnert an die Schande der Lākṣāgṛha-Tat Purocanas, die die Welt Duryodhana selbst anlaste, und fordert, den Pāṇḍavas in Güte die Hälfte des Reiches zu geben - als einzigen Weg, die eigene Schuld zu tilgen und dem Recht zu genügen.

bhīṣma uvāca na rocate vigraho me pāṇḍuputraiḥ kathaṃ cana yathaiva dhṛtarāṣṭro me tathā pāṇḍur asaṃśayam

Bhīṣma sprach: Streit mit den Söhnen des Pāṇḍu missfällt mir auf jede Weise; so wie mir Dhṛtarāṣṭra lieb ist, so ist mir zweifellos auch Pāṇḍu lieb.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca na rocate vigraho me pāṇḍuputraiḥ kathaṃ cana yathaiva dhṛtarāṣṭro me tathā pāṇḍur asaṃśayam
Bhīṣma sprach: Streit mit den Söhnen des Pāṇḍu missfällt mir auf jede Weise; so wie mir Dhṛtarāṣṭra lieb ist, so ist mir zweifellos auch Pāṇḍu lieb.

gāndhāryāś ca yathā putrās tathā kuntīsutā matāḥ yathā ca mama te rakṣyā dhṛtarāṣṭra tathā tava

Und wie die Söhne der Gāndhārī, so gelten mir auch die Söhne Kuntīs; und wie sie von mir zu beschützen sind, Dhṛtarāṣṭra, so auch von dir.

Wort für Wort
gāndhāryāś ca yathā putrās tathā kuntīsutā matāḥ yathā ca mama te rakṣyā dhṛtarāṣṭra tathā tava
Und wie die Söhne der Gāndhārī, so gelten mir auch die Söhne Kuntīs; und wie sie von mir zu beschützen sind, Dhṛtarāṣṭra, so auch von dir.

yathā ca mama rājñaś ca tathā duryodhanasya te tathā kurūṇāṃ sarveṣām anyeṣām api bhārata

Und wie sie mir und dem König gehören, so auch deinem Duryodhana, so allen Kurus und auch den übrigen, o Bhārata.

Wort für Wort
yathā ca mama rājñaś ca tathā duryodhanasya te tathā kurūṇāṃ sarveṣām anyeṣām api bhārata
Und wie sie mir und dem König gehören, so auch deinem Duryodhana, so allen Kurus und auch den übrigen, o Bhārata.

evaṃ gate vigrahaṃ tair na rocaye; saṃdhāya vīrair dīyatām adya bhūmiḥ teṣām apīdaṃ prapitāmahānāṃ; rājyaṃ pituś caiva kurūttamānām

So stehen die Dinge; Streit mit ihnen missfällt mir; man schließe mit den Helden Frieden und gebe ihnen heute Land - gehört doch auch ihnen dieses Reich ihrer Urgroßväter und ihres Vaters, der Besten der Kurus.

Wort für Wort
evaṃ gate vigrahaṃ tair na rocaye; saṃdhāya vīrair dīyatām adya bhūmiḥ teṣām apīdaṃ prapitāmahānāṃ; rājyaṃ pituś caiva kurūttamānām
So stehen die Dinge; Streit mit ihnen missfällt mir; man schließe mit den Helden Frieden und gebe ihnen heute Land - gehört doch auch ihnen dieses Reich ihrer Urgroßväter und ihres Vaters, der Besten der Kurus.

duryodhana yathā rājyaṃ tvam idaṃ tāta paśyasi mama paitṛkam ity evaṃ te 'pi paśyanti pāṇḍavāḥ

So wie du, Duryodhana, mein Sohn, dieses Reich als das deines Vaters ansiehst, ebenso sehen es auch die Pāṇḍavas an.

Wort für Wort
duryodhana yathā rājyaṃ tvam idaṃ tāta paśyasi mama paitṛkam ity evaṃ te 'pi paśyanti pāṇḍavāḥ
So wie du, Duryodhana, mein Sohn, dieses Reich als das deines Vaters ansiehst, ebenso sehen es auch die Pāṇḍavas an.

yadi rājyaṃ na te prāptāḥ pāṇḍaveyās tapasvinaḥ kuta eva tavāpīdaṃ bhāratasya ca kasya cit

Wenn die leidgeprüften Söhne des Pāṇḍu das Reich nicht erlangt hätten - woher wäre es dann überhaupt dein, oder das irgendeines Bhārata?

Wort für Wort
yadi rājyaṃ na te prāptāḥ pāṇḍaveyās tapasvinaḥ kuta eva tavāpīdaṃ bhāratasya ca kasya cit
Wenn die leidgeprüften Söhne des Pāṇḍu das Reich nicht erlangt hätten - woher wäre es dann überhaupt dein, oder das irgendeines Bhārata?

atha dharmeṇa rājyaṃ tvaṃ prāptavān bharatarṣabha te 'pi rājyam anuprāptāḥ pūrvam eveti me matiḥ

Wenn du aber, o Stier der Bharatas, das Reich rechtmäßig erlangt hast, so haben auch sie es rechtmäßig erlangt - schon zuvor, das ist meine Meinung.

Wort für Wort
atha dharmeṇa rājyaṃ tvaṃ prāptavān bharatarṣabha te 'pi rājyam anuprāptāḥ pūrvam eveti me matiḥ
Wenn du aber, o Stier der Bharatas, das Reich rechtmäßig erlangt hast, so haben auch sie es rechtmäßig erlangt - schon zuvor, das ist meine Meinung.

madhureṇaiva rājyasya teṣām ardhaṃ pradīyatām etad dhi puruṣavyāghra hitaṃ sarvajanasya ca

So gebe man ihnen denn in Güte die Hälfte des Reiches; dies nämlich, o Tiger unter den Männern, ist zum Wohl aller Menschen.

Wort für Wort
madhureṇaiva rājyasya teṣām ardhaṃ pradīyatām etad dhi puruṣavyāghra hitaṃ sarvajanasya ca
So gebe man ihnen denn in Güte die Hälfte des Reiches; dies nämlich, o Tiger unter den Männern, ist zum Wohl aller Menschen.

ato 'nyathā cet kriyate na hitaṃ no bhaviṣyati tavāpy akīrtiḥ sakalā bhaviṣyati na saṃśayaḥ

Wird aber anders gehandelt, so wird uns dies nicht zum Heil gereichen, und auch dir wird vollständige Schande zuteilwerden, daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
ato 'nyathā cet kriyate na hitaṃ no bhaviṣyati tavāpy akīrtiḥ sakalā bhaviṣyati na saṃśayaḥ
Wird aber anders gehandelt, so wird uns dies nicht zum Heil gereichen, und auch dir wird vollständige Schande zuteilwerden, daran ist kein Zweifel.

kīrtirakṣaṇam ātiṣṭha kīrtir hi paramaṃ balam naṣṭakīrter manuṣyasya jīvitaṃ hy aphalaṃ smṛtam

Wahre den Ruhm; denn Ruhm ist die höchste Kraft; das Leben eines Menschen mit verlorenem Ruhm gilt als fruchtlos.

Wort für Wort
kīrtirakṣaṇam ātiṣṭha kīrtir hi paramaṃ balam naṣṭakīrter manuṣyasya jīvitaṃ hy aphalaṃ smṛtam
Wahre den Ruhm; denn Ruhm ist die höchste Kraft; das Leben eines Menschen mit verlorenem Ruhm gilt als fruchtlos.

yāvat kīrtir manuṣyasya na praṇaśyati kaurava tāvaj jīvati gāndhāre naṣṭakīrtis tu naśyati

Solange der Ruhm eines Menschen nicht vergeht, o Kaurava, solange lebt er wahrhaft, Sohn der Gāndhārī; wer aber seinen Ruhm verloren hat, der geht zugrunde.

Wort für Wort
yāvat kīrtir manuṣyasya na praṇaśyati kaurava tāvaj jīvati gāndhāre naṣṭakīrtis tu naśyati
Solange der Ruhm eines Menschen nicht vergeht, o Kaurava, solange lebt er wahrhaft, Sohn der Gāndhārī; wer aber seinen Ruhm verloren hat, der geht zugrunde.

tam imaṃ samupātiṣṭha dharmaṃ kurukulocitam anurūpaṃ mahābāho pūrveṣām ātmanaḥ kuru

Halte dich an dieses Recht, das dem Kuru-Geschlecht geziemt; handle, Starkarmiger, dem deiner Vorfahren entsprechend.

Wort für Wort
tam imaṃ samupātiṣṭha dharmaṃ kurukulocitam anurūpaṃ mahābāho pūrveṣām ātmanaḥ kuru
Halte dich an dieses Recht, das dem Kuru-Geschlecht geziemt; handle, Starkarmiger, dem deiner Vorfahren entsprechend.

diṣṭyā dharanti te vīrā diṣṭyā jīvati sā pṛthā diṣṭyā purocanaḥ pāpo nasakāmo 'tyayaṃ gataḥ

Zum Glück bestehen jene Helden, zum Glück lebt jene Pṛthā, zum Glück ist der böse Purocana, seines Wunsches beraubt, dem Untergang verfallen.

Wort für Wort
diṣṭyā dharanti te vīrā diṣṭyā jīvati sā pṛthā diṣṭyā purocanaḥ pāpo nasakāmo 'tyayaṃ gataḥ
Zum Glück bestehen jene Helden, zum Glück lebt jene Pṛthā, zum Glück ist der böse Purocana, seines Wunsches beraubt, dem Untergang verfallen.

tadā prabhṛti gāndhāre na śaknomy abhivīkṣitum loke prāṇabhṛtāṃ kaṃ cic chrutvā kuntīṃ tathāgatām

Seitdem, Sohn der Gāndhārī, vermag ich keinem lebenden Wesen mehr ins Angesicht zu blicken, seit ich hörte, dass Kuntī so betroffen war.

Wort für Wort
tadā prabhṛti gāndhāre na śaknomy abhivīkṣitum loke prāṇabhṛtāṃ kaṃ cic chrutvā kuntīṃ tathāgatām
Seitdem, Sohn der Gāndhārī, vermag ich keinem lebenden Wesen mehr ins Angesicht zu blicken, seit ich hörte, dass Kuntī so betroffen war.

na cāpi doṣeṇa tathā loko vaiti purocanam yathā tvāṃ puruṣavyāghra loko doṣeṇa gacchati

Auch trifft die Welt Purocana nicht so sehr mit Schuld, wie sie dich, Tiger unter den Männern, mit Schuld belastet.

Wort für Wort
na cāpi doṣeṇa tathā loko vaiti purocanam yathā tvāṃ puruṣavyāghra loko doṣeṇa gacchati
Auch trifft die Welt Purocana nicht so sehr mit Schuld, wie sie dich, Tiger unter den Männern, mit Schuld belastet.

tad idaṃ jīvitaṃ teṣāṃ tava kalmaṣanāśanam saṃmantavyaṃ mahārāja pāṇḍavānāṃ ca darśanam

So halte, o Großkönig, dieses ihr Überleben und das Wiedersehen mit den Pāṇḍavas für die Tilgung deiner eigenen Schuld.

Wort für Wort
tad idaṃ jīvitaṃ teṣāṃ tava kalmaṣanāśanam saṃmantavyaṃ mahārāja pāṇḍavānāṃ ca darśanam
So halte, o Großkönig, dieses ihr Überleben und das Wiedersehen mit den Pāṇḍavas für die Tilgung deiner eigenen Schuld.

na cāpi teṣāṃ vīrāṇāṃ jīvatāṃ kurunandana pitryo 'ṃśaḥ śakya ādātum api vajrabhṛtā svayam

Auch vermöchte, solange jene Helden leben, o Freude der Kurus, nicht einmal der Träger des Donnerkeils selbst ihnen ihren väterlichen Anteil zu nehmen.

Wort für Wort
na cāpi teṣāṃ vīrāṇāṃ jīvatāṃ kurunandana pitryo 'ṃśaḥ śakya ādātum api vajrabhṛtā svayam
Auch vermöchte, solange jene Helden leben, o Freude der Kurus, nicht einmal der Träger des Donnerkeils selbst ihnen ihren väterlichen Anteil zu nehmen.

te hi sarve sthitā dharme sarve caivaikacetasaḥ adharmeṇa nirastāś ca tulye rājye viśeṣataḥ

Denn sie alle stehen im Recht, alle sind eines Sinnes, und sie wurden zumal unrechtmäßig von dem ihnen zustehenden gleichen Anteil am Reich vertrieben.

Wort für Wort
te hi sarve sthitā dharme sarve caivaikacetasaḥ adharmeṇa nirastāś ca tulye rājye viśeṣataḥ
Denn sie alle stehen im Recht, alle sind eines Sinnes, und sie wurden zumal unrechtmäßig von dem ihnen zustehenden gleichen Anteil am Reich vertrieben.

yadi dharmas tvayā kāryo yadi kāryaṃ priyaṃ ca me kṣemaṃ ca yadi kartavyaṃ teṣām ardhaṃ pradīyatām

Willst du das Recht wahren, willst du mir zuliebe handeln, willst du das Wohlergehen fördern - so gebe man ihnen die Hälfte.

Wort für Wort
yadi dharmas tvayā kāryo yadi kāryaṃ priyaṃ ca me kṣemaṃ ca yadi kartavyaṃ teṣām ardhaṃ pradīyatām
Willst du das Recht wahren, willst du mir zuliebe handeln, willst du das Wohlergehen fördern - so gebe man ihnen die Hälfte.

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