Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 171: Aurvopākhyānam (3, Schluss) Die Erzählung von Aurva (Teil 3, Schluss)

Aurva rechtfertigt gegenüber den erschienenen Ahnen seinen Zornes-Entschluss zur Weltvernichtung als notwendige Vergeltung und Pflicht eines Herrschers, erklärt sich aber bereit, sich ihrem besseren Urteil zu fügen. Die Ahnen raten ihm, das Zornesfeuer stattdessen ins Meer zu entlassen, da die Welt auf Wasser gründet – so wird sein Gelübde erfüllt, ohne die Welten zu vernichten. Aurva entlässt das Feuer als das mythische ,Pferdehaupt' (Hayaśiras) in Varuṇas Ozean, wo es seither die Wasser verzehrt. Mit dieser Lehre schließt Vasiṣṭha seine Erzählung und mahnt Parāśara, es Aurva gleichzutun und von der Weltvernichtung abzulassen – womit die gesamte, vom Gandharva berichtete Vāsiṣṭha-Erzählung endet.

aurva uvāca uktavān asmi yāṃ krodhāt pratijñāṃ pitaras tadā sarvalokavināśāya na sā me vitathā bhavet

Aurva sprach: ‚Das Gelübde, das ich damals aus Zorn zur Vernichtung aller Welten abgelegt habe, o Ahnen – dieses darf mir nicht ungültig werden.'

Wort für Wort
aurva uvāca uktavān asmi yāṃ krodhāt pratijñāṃ pitaras tadā sarvalokavināśāya na sā me vitathā bhavet
Aurva sprach: ‚Das Gelübde, das ich damals aus Zorn zur Vernichtung aller Welten abgelegt habe, o Ahnen – dieses darf mir nicht ungültig werden.'

vṛthāroṣapratijño hi nāhaṃ jīvitum utsahe anistīrṇo hi māṃ roṣo dahed agnir ivāraṇim

‚Denn wenn mein aus Zorn abgelegtes Gelübde vergeblich bliebe, könnte ich nicht weiterleben; denn der uneingelöste Zorn würde mich verbrennen, wie das Feuer das Reibholz.'

Wort für Wort
vṛthāroṣapratijño hi nāhaṃ jīvitum utsahe anistīrṇo hi māṃ roṣo dahed agnir ivāraṇim
‚Denn wenn mein aus Zorn abgelegtes Gelübde vergeblich bliebe, könnte ich nicht weiterleben; denn der uneingelöste Zorn würde mich verbrennen, wie das Feuer das Reibholz.'

yo hi kāraṇataḥ krodhaṃ saṃjātaṃ kṣantum arhati nālaṃ sa manujaḥ samyak trivargaṃ parirakṣitum

‚Denn wer berechtigten, entstandenen Zorn nur erträgt, jener Mensch vermag nicht, die drei Lebensziele recht zu wahren.'

Wort für Wort
yo hi kāraṇataḥ krodhaṃ saṃjātaṃ kṣantum arhati nālaṃ sa manujaḥ samyak trivargaṃ parirakṣitum
‚Denn wer berechtigten, entstandenen Zorn nur erträgt, jener Mensch vermag nicht, die drei Lebensziele recht zu wahren.'

[Anm.: 'trivarga' – die drei Lebensziele Dharma (Recht), Artha (Nutzen) und Kāma (Begehren).

aśiṣṭānāṃ niyantā hi śiṣṭānāṃ parirakṣatā sthāne roṣaḥ prayuktaḥ syān nṛpaiḥ svargajigīṣubhiḥ

‚Denn Zorn, am rechten Ort angewandt, ist der Bändiger der Zuchtlosen und Beschützer der Rechtschaffenen; so sollten Könige, die den Himmel erlangen wollen, ihn einsetzen.'

Wort für Wort
aśiṣṭānāṃ niyantā hi śiṣṭānāṃ parirakṣatā sthāne roṣaḥ prayuktaḥ syān nṛpaiḥ svargajigīṣubhiḥ
‚Denn Zorn, am rechten Ort angewandt, ist der Bändiger der Zuchtlosen und Beschützer der Rechtschaffenen; so sollten Könige, die den Himmel erlangen wollen, ihn einsetzen.'

aśrauṣam aham ūrustho garbhaśayyāgatas tadā ārāvaṃ mātṛvargasya bhṛgūṇāṃ kṣatriyair vadhe

‚Ich vernahm, im Schenkel weilend, im Mutterleib liegend, damals das Wehklagen der Schar meiner Mütter bei der Tötung der Bhṛgus durch die Kṣatriyas.'

Wort für Wort
aśrauṣam aham ūrustho garbhaśayyāgatas tadā ārāvaṃ mātṛvargasya bhṛgūṇāṃ kṣatriyair vadhe
‚Ich vernahm, im Schenkel weilend, im Mutterleib liegend, damals das Wehklagen der Schar meiner Mütter bei der Tötung der Bhṛgus durch die Kṣatriyas.'

sāmarair hi yadā lokair bhṛgūṇāṃ kṣatriyādhamaiḥ āgarbhotsādanaṃ kṣāntaṃ tadā māṃ manyur āviṣat

‚Als die niedrigsten der Kṣatriyas die Vernichtung der Bhṛgus bis hin zu den Ungeborenen begingen, geduldet von den Welten samt den Unsterblichen, da ergriff mich der Zorn.'

Wort für Wort
sāmarair hi yadā lokair bhṛgūṇāṃ kṣatriyādhamaiḥ āgarbhotsādanaṃ kṣāntaṃ tadā māṃ manyur āviṣat
‚Als die niedrigsten der Kṣatriyas die Vernichtung der Bhṛgus bis hin zu den Ungeborenen begingen, geduldet von den Welten samt den Unsterblichen, da ergriff mich der Zorn.'

āpūrṇakośāḥ kila me mātaraḥ pitaras tathā bhayāt sarveṣu lokeṣu nādhijagmuḥ parāyaṇam

‚Obwohl meine Mütter und Väter angeblich mit vollen Schatzkammern gesegnet waren, fanden sie aus Furcht in keiner der Welten eine Zuflucht.'

Wort für Wort
āpūrṇakośāḥ kila me mātaraḥ pitaras tathā bhayāt sarveṣu lokeṣu nādhijagmuḥ parāyaṇam
‚Obwohl meine Mütter und Väter angeblich mit vollen Schatzkammern gesegnet waren, fanden sie aus Furcht in keiner der Welten eine Zuflucht.'

tān bhṛgūṇāṃ tadā dārān kaś cin nābhyavapadyata yadā tadā dadhāreyam ūruṇaikena māṃ śubhā

‚Als sich niemand jener Frauen der Bhṛgus annahm, da trug mich diese Holde in einem einzigen Schenkel.'

Wort für Wort
tān bhṛgūṇāṃ tadā dārān kaś cin nābhyavapadyata yadā tadā dadhāreyam ūruṇaikena māṃ śubhā
‚Als sich niemand jener Frauen der Bhṛgus annahm, da trug mich diese Holde in einem einzigen Schenkel.'

pratiṣeddhā hi pāpasya yadā lokeṣu vidyate tadā sarveṣu lokeṣu pāpakṛn nopapadyate

‚Denn wenn es in den Welten einen Abwehrer des Bösen gibt, dann entsteht in keiner der Welten ein Übeltäter.'

Wort für Wort
pratiṣeddhā hi pāpasya yadā lokeṣu vidyate tadā sarveṣu lokeṣu pāpakṛn nopapadyate
‚Denn wenn es in den Welten einen Abwehrer des Bösen gibt, dann entsteht in keiner der Welten ein Übeltäter.'

yadā tu pratiṣeddhāraṃ pāpo na labhate kva cit tiṣṭhanti bahavo loke tadā pāpeṣu karmasu

‚Wenn aber das Böse nirgends einen Abwehrer findet, dann verharren viele in der Welt in bösen Taten.'

Wort für Wort
yadā tu pratiṣeddhāraṃ pāpo na labhate kva cit tiṣṭhanti bahavo loke tadā pāpeṣu karmasu
‚Wenn aber das Böse nirgends einen Abwehrer findet, dann verharren viele in der Welt in bösen Taten.'

jānann api ca yaḥ pāpaṃ śaktimān na niyacchati īśaḥ san so 'pi tenaiva karmaṇā saṃprayujyate

‚Und wer, obwohl er das Böse kennt und dazu fähig ist, es nicht unterbindet, obwohl er Herr dazu ist – auch der wird mit eben jener Tat behaftet.'

Wort für Wort
jānann api ca yaḥ pāpaṃ śaktimān na niyacchati īśaḥ san so 'pi tenaiva karmaṇā saṃprayujyate
‚Und wer, obwohl er das Böse kennt und dazu fähig ist, es nicht unterbindet, obwohl er Herr dazu ist – auch der wird mit eben jener Tat behaftet.'

rājabhiś ceśvaraiś caiva yadi vai pitaro mama śaktair na śakitā trātum iṣṭaṃ matveha jīvitam

‚Wenn nun, o meine Väter, von den mächtigen Königen selbst euer geliebtes Leben nicht gerettet werden konnte, obwohl sie dazu fähig waren –'

Wort für Wort
rājabhiś ceśvaraiś caiva yadi vai pitaro mama śaktair na śakitā trātum iṣṭaṃ matveha jīvitam
‚Wenn nun, o meine Väter, von den mächtigen Königen selbst euer geliebtes Leben nicht gerettet werden konnte, obwohl sie dazu fähig waren –'

ata eṣām ahaṃ kruddho lokānām īśvaro 'dya san bhavatāṃ tu vaco nāham alaṃ samativartitum

‚– darum bin ich über sie erzürnt, ich, der heute der Herr der Welten ist; doch euer Wort vermag ich nicht zu übertreten.'

Wort für Wort
ata eṣām ahaṃ kruddho lokānām īśvaro 'dya san bhavatāṃ tu vaco nāham alaṃ samativartitum
‚– darum bin ich über sie erzürnt, ich, der heute der Herr der Welten ist; doch euer Wort vermag ich nicht zu übertreten.'

mama cāpi bhaved etad īśvarasya sato mahat upekṣamāṇasya punar lokānāṃ kilbiṣād bhayam

‚Und auch mir, der ich Herr bin, würde, wenn ich abermals untätig zusehe, große Furcht vor der Sünde an den Welten erwachsen.'

Wort für Wort
mama cāpi bhaved etad īśvarasya sato mahat upekṣamāṇasya punar lokānāṃ kilbiṣād bhayam
‚Und auch mir, der ich Herr bin, würde, wenn ich abermals untätig zusehe, große Furcht vor der Sünde an den Welten erwachsen.'

yaś cāyaṃ manyujo me 'gnir lokān ādātum icchati dahed eṣa ca mām eva nigṛhītaḥ svatejasā

‚Und dieses aus meinem Zorn geborene Feuer, das die Welten hinwegraffen will, würde, zurückgehalten, mich selbst durch seine eigene Glut verbrennen.'

Wort für Wort
yaś cāyaṃ manyujo me 'gnir lokān ādātum icchati dahed eṣa ca mām eva nigṛhītaḥ svatejasā
‚Und dieses aus meinem Zorn geborene Feuer, das die Welten hinwegraffen will, würde, zurückgehalten, mich selbst durch seine eigene Glut verbrennen.'

bhavatāṃ ca vijānāmi sarvalokahitepsutām tasmād vidadhvaṃ yac chreyo lokānāṃ mama ceśvarāḥ

‚Doch ich erkenne euer Verlangen nach dem Wohl aller Welten; deshalb bestimmt ihr, o Herren, was für die Welten und für mich das Beste ist.'

Wort für Wort
bhavatāṃ ca vijānāmi sarvalokahitepsutām tasmād vidadhvaṃ yac chreyo lokānāṃ mama ceśvarāḥ
‚Doch ich erkenne euer Verlangen nach dem Wohl aller Welten; deshalb bestimmt ihr, o Herren, was für die Welten und für mich das Beste ist.'

pitara ūcuḥ ya eṣa manyujas te 'gnir lokān ādātum icchati apsu taṃ muñca bhadraṃ te lokā hy apsu pratiṣṭhitāḥ

Die Ahnen sprachen: ‚Dieses aus deinem Zorn geborene Feuer, das die Welten hinwegraffen will – entlasse es in die Gewässer, Heil dir; denn die Welten gründen im Wasser.'

Wort für Wort
pitara ūcuḥ ya eṣa manyujas te 'gnir lokān ādātum icchati apsu taṃ muñca bhadraṃ te lokā hy apsu pratiṣṭhitāḥ
Die Ahnen sprachen: ‚Dieses aus deinem Zorn geborene Feuer, das die Welten hinwegraffen will – entlasse es in die Gewässer, Heil dir; denn die Welten gründen im Wasser.'

āpomayāḥ sarvarasāḥ sarvam āpomayaṃ jagat tasmād apsu vimuñcemaṃ krodhāgniṃ dvijasattama

‚Alle Säfte bestehen aus Wasser, die ganze Welt besteht aus Wasser; deshalb entlasse dieses Zornesfeuer in die Gewässer, o bester der Zweifachgeborenen.'

Wort für Wort
āpomayāḥ sarvarasāḥ sarvam āpomayaṃ jagat tasmād apsu vimuñcemaṃ krodhāgniṃ dvijasattama
‚Alle Säfte bestehen aus Wasser, die ganze Welt besteht aus Wasser; deshalb entlasse dieses Zornesfeuer in die Gewässer, o bester der Zweifachgeborenen.'

ayaṃ tiṣṭhatu te vipra yadīcchasi mahodadhau manyujo 'gnir dahann āpo lokā hy āpomayāḥ smṛtāḥ

‚Wenn du willst, o Brahmane, soll dieses aus Zorn geborene Feuer im großen Ozean verweilen und die Wasser verzehren; denn die Welten gelten als aus Wasser bestehend.'

Wort für Wort
ayaṃ tiṣṭhatu te vipra yadīcchasi mahodadhau manyujo 'gnir dahann āpo lokā hy āpomayāḥ smṛtāḥ
‚Wenn du willst, o Brahmane, soll dieses aus Zorn geborene Feuer im großen Ozean verweilen und die Wasser verzehren; denn die Welten gelten als aus Wasser bestehend.'

evaṃ pratijñā satyeyaṃ tavānagha bhaviṣyati na caiva sāmarā lokā gamiṣyanti parābhavam

‚So wird dieses dein Gelübde, o Makelloser, wahr werden, und dennoch werden die Welten samt den Unsterblichen nicht dem Untergang verfallen.'

Wort für Wort
evaṃ pratijñā satyeyaṃ tavānagha bhaviṣyati na caiva sāmarā lokā gamiṣyanti parābhavam
‚So wird dieses dein Gelübde, o Makelloser, wahr werden, und dennoch werden die Welten samt den Unsterblichen nicht dem Untergang verfallen.'

vasiṣṭha uvāca tatas taṃ krodhajaṃ tāta aurvo 'gniṃ varuṇālaye utsasarja sa caivāpa upayuṅkte mahodadhau

Vasiṣṭha sprach: ‚Darauf entließ Aurva, mein Kind, jenes aus Zorn geborene Feuer in Varuṇas Wohnstatt; und es verzehrt seither die Wasser im großen Ozean.'

Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca tatas taṃ krodhajaṃ tāta aurvo 'gniṃ varuṇālaye utsasarja sa caivāpa upayuṅkte mahodadhau
Vasiṣṭha sprach: ‚Darauf entließ Aurva, mein Kind, jenes aus Zorn geborene Feuer in Varuṇas Wohnstatt; und es verzehrt seither die Wasser im großen Ozean.'

mahad dhayaśiro bhūtvā yat tad vedavido viduḥ tam agnim udgiran vaktrāt pibaty āpo mahodadhau

‚Zu einem großen Pferdehaupt geworden, das die Vedakundigen kennen, jenes Feuer aus seinem Maul speiend, trinkt es die Wasser im großen Ozean.'

Wort für Wort
mahad dhayaśiro bhūtvā yat tad vedavido viduḥ tam agnim udgiran vaktrāt pibaty āpo mahodadhau
‚Zu einem großen Pferdehaupt geworden, das die Vedakundigen kennen, jenes Feuer aus seinem Maul speiend, trinkt es die Wasser im großen Ozean.'

[Anm.: Ätiologie des ,Pferdehaupt-Feuers' (Hayaśiras/Vāḍavāgni), des mythischen Unterwasserfeuers am Meeresgrund.

tasmāt tvam api bhadraṃ te na lokān hantum arhasi parāśara parān dharmāñ jānañ jñānavatāṃ vara

‚Deshalb sollst auch du, Heil dir, nicht die Welten vernichten wollen, Parāśara, du, der du die höchsten Pflichten kennst, o Bester der Wissenden.'

Wort für Wort
tasmāt tvam api bhadraṃ te na lokān hantum arhasi parāśara parān dharmāñ jānañ jñānavatāṃ vara
‚Deshalb sollst auch du, Heil dir, nicht die Welten vernichten wollen, Parāśara, du, der du die höchsten Pflichten kennst, o Bester der Wissenden.'

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