Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 136: Lākṣāgṛhadāhaḥ Der Brand des Lackhauses

Nach einem Jahr scheinbarer Arglosigkeit beschließen die Pāṇḍavas, Purocana zuvorzukommen: Sie entzünden selbst das Waffenlager und lassen darin Purocana sowie – als grausiges Alibi für die eigene ‚Verbrennung' – eine zufällig anwesende, betrunken eingeschlafene Niṣāda-Frau mit ihren fünf Söhnen zurück. In der Nacht entfacht Bhīma den Brand; die Bürger von Vāraṇāvata halten Duryodhana für den Mörder der Pāṇḍavas und beklagen Dhṛtarāṣṭras Untat, freuen sich aber über Purocanas vermeintlichen Tod im eigenen Feuer. Die Pāṇḍavas entkommen währenddessen unbemerkt durch den Fluchttunnel; der übermüdete, verängstigte Familienverband kommt nur langsam voran, bis der gewaltige Bhīma Mutter und Brüder auf Schultern, Hüfte und Händen trägt und mit ihnen davoneilt.

vaiśaṃpāyana uvāca tāṃs tu dṛṣṭvā sumanasaḥ parisaṃvatsaroṣitān viśvastān iva saṃlakṣya harṣaṃ cakre purocanaḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: Als er sie, wohlgemut, ein volles Jahr dort weilend, gleichsam arglos wahrnahm, empfand Purocana Freude.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tāṃs tu dṛṣṭvā sumanasaḥ parisaṃvatsaroṣitān viśvastān iva saṃlakṣya harṣaṃ cakre purocanaḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Als er sie, wohlgemut, ein volles Jahr dort weilend, gleichsam arglos wahrnahm, empfand Purocana Freude.

purocane tathā hṛṣṭe kaunteyo 'tha yudhiṣṭhiraḥ bhīmasenārjunau caiva yamau covāca dharmavit

Als Purocana so erfreut war, sprach der Kaunteya Yudhiṣṭhira, der Dharma-Kundige, zu Bhīmasena und Arjuna sowie zu den Zwillingen:

Wort für Wort
purocane tathā hṛṣṭe kaunteyo 'tha yudhiṣṭhiraḥ bhīmasenārjunau caiva yamau covāca dharmavit
Als Purocana so erfreut war, sprach der Kaunteya Yudhiṣṭhira, der Dharma-Kundige, zu Bhīmasena und Arjuna sowie zu den Zwillingen:

asmān ayaṃ suviśvastān vetti pāpaḥ purocanaḥ vañcito 'yaṃ nṛśaṃsātmā kālaṃ manye palāyane

‚Dieser Bösewicht Purocana hält uns für völlig arglos; getäuscht ist dieser Grausame – ich denke, die Zeit zur Flucht ist gekommen.'

Wort für Wort
asmān ayaṃ suviśvastān vetti pāpaḥ purocanaḥ vañcito 'yaṃ nṛśaṃsātmā kālaṃ manye palāyane
‚Dieser Bösewicht Purocana hält uns für völlig arglos; getäuscht ist dieser Grausame – ich denke, die Zeit zur Flucht ist gekommen.'

āyudhāgāram ādīpya dagdhvā caiva purocanam ṣaṭ prāṇino nidhāyeha dravāmo 'nabhilakṣitāḥ

‚Lasst uns das Waffenlager anzünden und Purocana verbrennen; sechs andere Lebewesen hier zurücklassend, wollen wir unbemerkt entfliehen.'

Wort für Wort
āyudhāgāram ādīpya dagdhvā caiva purocanam ṣaṭ prāṇino nidhāyeha dravāmo 'nabhilakṣitāḥ
‚Lasst uns das Waffenlager anzünden und Purocana verbrennen; sechs andere Lebewesen hier zurücklassend, wollen wir unbemerkt entfliehen.'

[Anm.: Die ‚sechs Lebewesen' sind die im Folgenden eingeführte Niṣāda-Frau und ihre fünf Söhne (V.7f.), die – ein moralisch zwiespältiges Detail des Originaltextes – im Feuer zurückgelassen werden, damit man die verbrannten Leichen für die Pāṇḍavas und Kuntī hält.

atha dānāpadeśena kuntī brāhmaṇabhojanam cakre niśi mahad rājann ājagmus tatra yoṣitaḥ

Darauf veranstaltete Kuntī, unter dem Vorwand einer frommen Spende, in der Nacht ein großes Brahmanenmahl, o König; dorthin kamen auch Frauen.

Wort für Wort
atha dānāpadeśena kuntī brāhmaṇabhojanam cakre niśi mahad rājann ājagmus tatra yoṣitaḥ
Darauf veranstaltete Kuntī, unter dem Vorwand einer frommen Spende, in der Nacht ein großes Brahmanenmahl, o König; dorthin kamen auch Frauen.

tā vihṛtya yathākāmaṃ bhuktvā pītvā ca bhārata jagmur niśi gṛhān eva samanujñāpya mādhavīm

Nachdem sie sich nach Belieben vergnügt, gegessen und getrunken hatten, o Bhārata, begaben sie sich in der Nacht, nach Einnehmen des Madhu-Weins, wieder nach Hause.

Wort für Wort
tā vihṛtya yathākāmaṃ bhuktvā pītvā ca bhārata jagmur niśi gṛhān eva samanujñāpya mādhavīm
Nachdem sie sich nach Belieben vergnügt, gegessen und getrunken hatten, o Bhārata, begaben sie sich in der Nacht, nach Einnehmen des Madhu-Weins, wieder nach Hause.

[Anm.: mādhavīm – unsicher, ob hier ein süßer Wein (mādhavī) gemeint ist oder eine sonst nicht genannte Person; die Übersetzung folgt der gebräuchlicheren Deutung als Getränk. [?]

niṣādī pañcaputrā tu tasmin bhojye yadṛcchayā annārthinī samabhyāgāt saputrā kālacoditā

Eine Niṣāda-Frau mit fünf Söhnen aber kam, nach Speise verlangend, zufällig zu jenem Mahl, mit ihren Söhnen, vom Schicksal zu ihrem Verhängnis getrieben.

Wort für Wort
niṣādī pañcaputrā tu tasmin bhojye yadṛcchayā annārthinī samabhyāgāt saputrā kālacoditā
Eine Niṣāda-Frau mit fünf Söhnen aber kam, nach Speise verlangend, zufällig zu jenem Mahl, mit ihren Söhnen, vom Schicksal zu ihrem Verhängnis getrieben.

sā pītvā madirāṃ mattā saputrā madavihvalā saha sarvaiḥ sutai rājaṃs tasminn eva niveśane suṣvāpa vigatajñānā mṛtakalpā narādhipa

Sie, vom Wein trunken gemacht, mit ihren Söhnen, von Rausch betäubt, schlief mit all ihren Söhnen, o König, eben in jenem Haus ein, ohne Bewusstsein, einer Toten gleich, o Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
sā pītvā madirāṃ mattā saputrā madavihvalā saha sarvaiḥ sutai rājaṃs tasminn eva niveśane suṣvāpa vigatajñānā mṛtakalpā narādhipa
Sie, vom Wein trunken gemacht, mit ihren Söhnen, von Rausch betäubt, schlief mit all ihren Söhnen, o König, eben in jenem Haus ein, ohne Bewusstsein, einer Toten gleich, o Herrscher der Menschen.

atha pravāte tumule niśi supte jane vibho tad upādīpayad bhīmaḥ śete yatra purocanaḥ

Darauf, als der Wind heftig blies, in der Nacht, als die Leute schliefen, o Herr, zündete Bhīma jenes Haus an, dort, wo Purocana schlief.

Wort für Wort
atha pravāte tumule niśi supte jane vibho tad upādīpayad bhīmaḥ śete yatra purocanaḥ
Darauf, als der Wind heftig blies, in der Nacht, als die Leute schliefen, o Herr, zündete Bhīma jenes Haus an, dort, wo Purocana schlief.

tataḥ pratāpaḥ sumahāñ śabdaś caiva vibhāvasoḥ prādurāsīt tadā tena bubudhe sa janavrajaḥ

Darauf erhob sich eine gewaltige Hitze und ein Getöse des Feuers; dadurch erwachte die Menschenschar.

Wort für Wort
tataḥ pratāpaḥ sumahāñ śabdaś caiva vibhāvasoḥ prādurāsīt tadā tena bubudhe sa janavrajaḥ
Darauf erhob sich eine gewaltige Hitze und ein Getöse des Feuers; dadurch erwachte die Menschenschar.

paurā ūcuḥ duryodhanaprayuktena pāpenākṛtabuddhinā gṛham ātmavināśāya kāritaṃ dāhitaṃ ca yat

Die Bürger sprachen: ‚Von dem bösen, unbesonnenen Mann, den Duryodhana beauftragt hat, wurde das Haus zum eigenen Verderben errichtet und in Brand gesetzt.'

Wort für Wort
paurā ūcuḥ duryodhanaprayuktena pāpenākṛtabuddhinā gṛham ātmavināśāya kāritaṃ dāhitaṃ ca yat
Die Bürger sprachen: ‚Von dem bösen, unbesonnenen Mann, den Duryodhana beauftragt hat, wurde das Haus zum eigenen Verderben errichtet und in Brand gesetzt.'

aho dhig dhṛtarāṣṭrasya buddhir nātisamañjasī yaḥ śucīn pāṇḍavān bālān dāhayām āsa mantriṇā

‚Ach, schmählich ist Dhṛtarāṣṭras Verstand, nicht sehr gerecht, der die lauteren, jungen Pāṇḍavas durch seinen Ratgeber verbrennen ließ.'

Wort für Wort
aho dhig dhṛtarāṣṭrasya buddhir nātisamañjasī yaḥ śucīn pāṇḍavān bālān dāhayām āsa mantriṇā
‚Ach, schmählich ist Dhṛtarāṣṭras Verstand, nicht sehr gerecht, der die lauteren, jungen Pāṇḍavas durch seinen Ratgeber verbrennen ließ.'

diṣṭyā tv idānīṃ pāpātmā dagdho 'yam atidurmatiḥ anāgasaḥ suviśvastān yo dadāha narottamān

‚Zum Glück ist nun jener Bösgesinnte, der überaus Übelgesinnte, selbst verbrannt, der die schuldlosen, völlig arglosen besten der Männer verbrannt hat.'

Wort für Wort
diṣṭyā tv idānīṃ pāpātmā dagdho 'yam atidurmatiḥ anāgasaḥ suviśvastān yo dadāha narottamān
‚Zum Glück ist nun jener Bösgesinnte, der überaus Übelgesinnte, selbst verbrannt, der die schuldlosen, völlig arglosen besten der Männer verbrannt hat.'

vaiśaṃpāyana uvāca evaṃ te vilapanti sma vāraṇāvatakā janāḥ parivārya gṛhaṃ tac ca tasthū rātrau samantataḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: So klagten die Leute von Vāraṇāvata und standen, jenes Haus umringend, die ganze Nacht ringsum.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evaṃ te vilapanti sma vāraṇāvatakā janāḥ parivārya gṛhaṃ tac ca tasthū rātrau samantataḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: So klagten die Leute von Vāraṇāvata und standen, jenes Haus umringend, die ganze Nacht ringsum.

pāṇḍavāś cāpi te rājan mātrā saha suduḥkhitāḥ bilena tena nirgatya jagmur gūḍham alakṣitāḥ

Die Pāṇḍavas aber, o König, zogen samt ihrer Mutter, tief bekümmert, durch jenen Tunnel hinaus und entkamen heimlich, unbemerkt.

Wort für Wort
pāṇḍavāś cāpi te rājan mātrā saha suduḥkhitāḥ bilena tena nirgatya jagmur gūḍham alakṣitāḥ
Die Pāṇḍavas aber, o König, zogen samt ihrer Mutter, tief bekümmert, durch jenen Tunnel hinaus und entkamen heimlich, unbemerkt.

tena nidroparodhena sādhvasena ca pāṇḍavāḥ na śekuḥ sahasā gantuṃ saha mātrā paraṃtapāḥ

Durch die Behinderung des Schlafes und die Angst konnten die Pāṇḍavas, Bezwinger der Feinde, nicht schnell mit ihrer Mutter gehen.

Wort für Wort
tena nidroparodhena sādhvasena ca pāṇḍavāḥ na śekuḥ sahasā gantuṃ saha mātrā paraṃtapāḥ
Durch die Behinderung des Schlafes und die Angst konnten die Pāṇḍavas, Bezwinger der Feinde, nicht schnell mit ihrer Mutter gehen.

bhīmasenas tu rājendra bhīmavegaparākramaḥ jagāma bhrātṝn ādāya sarvān mātaram eva ca

Bhīmasena aber, o Herrscher der Könige, von furchtbarer Kraft und Tatkraft, ging, all seine Brüder und auch die Mutter tragend,

Wort für Wort
bhīmasenas tu rājendra bhīmavegaparākramaḥ jagāma bhrātṝn ādāya sarvān mātaram eva ca
Bhīmasena aber, o Herrscher der Könige, von furchtbarer Kraft und Tatkraft, ging, all seine Brüder und auch die Mutter tragend,

skandham āropya jananīṃ yamāv aṅkena vīryavān pārthau gṛhītvā pāṇibhyāṃ bhrātarau sumahābalau

indem er, der Kraftvolle, die Mutter auf seine Schulter hob, die Zwillinge auf die Hüfte nahm und die beiden überaus starken Pārthas-Brüder [Yudhiṣṭhira und Arjuna] mit den Händen ergriff,

Wort für Wort
skandham āropya jananīṃ yamāv aṅkena vīryavān pārthau gṛhītvā pāṇibhyāṃ bhrātarau sumahābalau
indem er, der Kraftvolle, die Mutter auf seine Schulter hob, die Zwillinge auf die Hüfte nahm und die beiden überaus starken Pārthas-Brüder [Yudhiṣṭhira und Arjuna] mit den Händen ergriff,

tarasā pādapān bhañjan mahīṃ padbhyāṃ vidārayan sa jagāmāśu tejasvī vātaraṃhā vṛkodaraḥ

eilends Bäume zerbrechend, die Erde mit seinen Füßen aufreißend, ging jener glanzvolle, windschnelle Vṛkodara rasch.

Wort für Wort
tarasā pādapān bhañjan mahīṃ padbhyāṃ vidārayan sa jagāmāśu tejasvī vātaraṃhā vṛkodaraḥ
eilends Bäume zerbrechend, die Erde mit seinen Füßen aufreißend, ging jener glanzvolle, windschnelle Vṛkodara rasch.

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