Kapitel 165: Vasiṣṭhaviśvāmitravivādaḥ (Vāsiṣṭham Ākhyānam, 1)
Der Streit zwischen Vasiṣṭha und Viśvāmitra (Teil 1)
Auf Arjunas Frage nach dem Ursprung der Feindschaft zwischen Viśvāmitra und Vasiṣṭha erzählt der Gandharva die alte Vāsiṣṭha-Geschichte: Prinz Viśvāmitra wird im Einsiedlerhain Vasiṣṭhas von dessen Wunschkuh Nandinī prächtig bewirtet, begehrt sie daraufhin für sein Königreich, wird abgewiesen und will sie mit Gewalt rauben. Vasiṣṭha lässt es aus Gewaltlosigkeit geschehen, doch Nandinī selbst erschafft aus Zorn ganze Völkerscharen (Pahlavas, Śakas, Yavanas u.a.), die Viśvāmitras Heer vernichtend schlagen, ohne einen einzigen Soldaten zu töten. Erschüttert erkennt Viśvāmitra die Überlegenheit der Brahman-Kraft über kriegerische Macht, gibt sein Königreich auf und widmet sich der Askese, bis er selbst das Brahmanentum erlangt.
arjuna uvāca kiṃnimittam abhūd vairaṃ viśvāmitravasiṣṭhayoḥ vasator āśrame puṇye śaṃsa naḥ sarvam eva tat
Arjuna sprach: ‚Wodurch entstand die Feindschaft zwischen Viśvāmitra und Vasiṣṭha, die beide im heiligen Einsiedlerhain weilten? Erzähle uns dies alles.'
Wort für Wort
arjuna uvāca kiṃnimittam abhūd vairaṃ viśvāmitravasiṣṭhayoḥ vasator āśrame puṇye śaṃsa naḥ sarvam eva tat
Arjuna sprach: ‚Wodurch entstand die Feindschaft zwischen Viśvāmitra und Vasiṣṭha, die beide im heiligen Einsiedlerhain weilten? Erzähle uns dies alles.'
‚(Er sah die Kuh) mit sechsfach gestreckten Gliedern, schönen Flanken und Schenkeln, dreifach breit, fünffach wohlgerundet, froschäugig, wohlgestaltet, mit vollem Euter, makellos –'
[Anm.: formelhafte Beschreibung der Körpermerkmale einer als vollkommen geltenden Kuh; einzelne Zahlwörter (sechsfach/dreifach/fünffach) bleiben in der genauen Bezugnahme unsicher.
vasiṣṭha uvāca devatātithipitrartham ājyārthaṃ ca payasvinī adeyā nandinīyaṃ me rājyenāpi tavānagha
Vasiṣṭha sprach: ‚Für Götter, Gäste und Ahnen, und für Ghī-Opfer dient diese Milchspenderin; nicht zu geben ist mir diese Nandinī, selbst nicht für dein Königreich, o Makelloser.'
Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca devatātithipitrartham ājyārthaṃ ca payasvinī adeyā nandinīyaṃ me rājyenāpi tavānagha
Vasiṣṭha sprach: ‚Für Götter, Gäste und Ahnen, und für Ghī-Opfer dient diese Milchspenderin; nicht zu geben ist mir diese Nandinī, selbst nicht für dein Königreich, o Makelloser.'
Viśvāmitra sprach: ‚Ich bin ein Kṣatriya, du ein Brahmane, der sich durch Askese und Studium vollendet; woher käme bei Brahmanen, den Friedvollen, Selbstbeherrschten, Tapferkeit?'
Viśvāmitra sprach: ‚Ich bin ein Kṣatriya, du ein Brahmane, der sich durch Askese und Studium vollendet; woher käme bei Brahmanen, den Friedvollen, Selbstbeherrschten, Tapferkeit?'
arbudena gavāṃ yas tvaṃ na dadāsi mamepsitām svadharmaṃ na prahāsyāmi nayiṣye te balena gām
‚Da du mir die begehrte Kuh nicht für zehn Millionen Rinder gibst, werde ich meine eigene Pflicht nicht aufgeben – ich werde dir die Kuh mit Gewalt fortführen.'
Wort für Wort
arbudena gavāṃ yas tvaṃ na dadāsi mamepsitām svadharmaṃ na prahāsyāmi nayiṣye te balena gām
‚Da du mir die begehrte Kuh nicht für zehn Millionen Rinder gibst, werde ich meine eigene Pflicht nicht aufgeben – ich werde dir die Kuh mit Gewalt fortführen.'
vasiṣṭha uvāca śṛṇomi te ravaṃ bhadre vinadantyāḥ punaḥ punaḥ balād dhriyasi me nandi kṣamāvān brāhmaṇo hy aham
Vasiṣṭha sprach: ‚Ich höre deine Stimme, Holde, die du wieder und wieder aufschreist; mit Gewalt wirst du mir fortgeführt, Nandinī – doch ich bin ein Brahmane, der Nachsicht übt.'
Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca śṛṇomi te ravaṃ bhadre vinadantyāḥ punaḥ punaḥ balād dhriyasi me nandi kṣamāvān brāhmaṇo hy aham
Vasiṣṭha sprach: ‚Ich höre deine Stimme, Holde, die du wieder und wieder aufschreist; mit Gewalt wirst du mir fortgeführt, Nandinī – doch ich bin ein Brahmane, der Nachsicht übt.'
Der Gandharva sprach: ‚Sie aber, Nandinī, von jenen Truppen, o Stier der Bharatas, aus Furcht vor Viśvāmitras Streitmacht erregt, näherte sich Vasiṣṭha.'
Der Gandharva sprach: ‚Sie aber, Nandinī, von jenen Truppen, o Stier der Bharatas, aus Furcht vor Viśvāmitras Streitmacht erregt, näherte sich Vasiṣṭha.'
gaur uvāca pāṣāṇadaṇḍābhihatāṃ krandantīṃ mām anāthavat viśvāmitrabalair ghorair bhagavan kim upekṣase
Die Kuh sprach: ‚Mich, mit Stein und Stock geschlagen, hilflos schreiend, durch Viśvāmitras furchtbare Truppen – warum, Erhabener, siehst du dem untätig zu?'
Wort für Wort
gaur uvāca pāṣāṇadaṇḍābhihatāṃ krandantīṃ mām anāthavat viśvāmitrabalair ghorair bhagavan kim upekṣase
Die Kuh sprach: ‚Mich, mit Stein und Stock geschlagen, hilflos schreiend, durch Viśvāmitras furchtbare Truppen – warum, Erhabener, siehst du dem untätig zu?'
gandharva uvāca evaṃ tasyāṃ tadā partha dharṣitāyāṃ mahāmuniḥ na cukṣubhe na dhairyāc ca vicacāla dhṛtavrataḥ
Der Gandharva sprach: ‚Als sie so bedrängt wurde, o Pārtha, geriet der große Muni nicht in Aufruhr und wich, seinem Gelübde treu, nicht von seiner Standhaftigkeit ab.'
Wort für Wort
gandharva uvāca evaṃ tasyāṃ tadā partha dharṣitāyāṃ mahāmuniḥ na cukṣubhe na dhairyāc ca vicacāla dhṛtavrataḥ
Der Gandharva sprach: ‚Als sie so bedrängt wurde, o Pārtha, geriet der große Muni nicht in Aufruhr und wich, seinem Gelübde treu, nicht von seiner Standhaftigkeit ab.'
Vasiṣṭha sprach: ‚Der Kṣatriyas Stärke ist die Tatkraft, der Brahmanen Stärke ist die Nachsicht; die Nachsicht ist mir eigen – deshalb geh, wenn es dir beliebt.'
Vasiṣṭha sprach: ‚Der Kṣatriyas Stärke ist die Tatkraft, der Brahmanen Stärke ist die Nachsicht; die Nachsicht ist mir eigen – deshalb geh, wenn es dir beliebt.'
gaur uvāca kiṃ nu tyaktāsmi bhagavan yad evaṃ māṃ prabhāṣase atyaktāhaṃ tvayā brahman na śakyā nayituṃ balāt
Die Kuh sprach: ‚Bin ich denn verlassen, Erhabener, da du so zu mir sprichst? Doch von dir nicht verlassen, o Brahmane, kann ich nicht mit Gewalt fortgeführt werden.'
Wort für Wort
gaur uvāca kiṃ nu tyaktāsmi bhagavan yad evaṃ māṃ prabhāṣase atyaktāhaṃ tvayā brahman na śakyā nayituṃ balāt
Die Kuh sprach: ‚Bin ich denn verlassen, Erhabener, da du so zu mir sprichst? Doch von dir nicht verlassen, o Brahmane, kann ich nicht mit Gewalt fortgeführt werden.'
vasiṣṭha uvāca na tvāṃ tyajāmi kalyāṇi sthīyatāṃ yadi śakyate dṛḍhena dāmnā baddhvaiṣa vatsas te hriyate balāt
Vasiṣṭha sprach: ‚Ich verlasse dich nicht, Holde; bleibe, wenn es dir möglich ist – dieses dein Kalb wird mit festem Strick gebunden mit Gewalt fortgeführt.'
Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca na tvāṃ tyajāmi kalyāṇi sthīyatāṃ yadi śakyate dṛḍhena dāmnā baddhvaiṣa vatsas te hriyate balāt
Vasiṣṭha sprach: ‚Ich verlasse dich nicht, Holde; bleibe, wenn es dir möglich ist – dieses dein Kalb wird mit festem Strick gebunden mit Gewalt fortgeführt.'
Der Gandharva sprach: ‚Als sie „Bleibe!“ von Vasiṣṭha vernommen hatte, erhob die Milchspenderin Kopf und Hals aufwärts und erstrahlte furchterregend anzusehen.'
Der Gandharva sprach: ‚Als sie „Bleibe!“ von Vasiṣṭha vernommen hatte, erhob die Milchspenderin Kopf und Hals aufwärts und erstrahlte furchterregend anzusehen.'
‚Wie die Sonne am Mittag erstrahlte sie, ihr Leib vor Zorn erglühend, indem sie wiederholt einen gewaltigen Regen glühender Kohlen aus ihrem Schweif entließ.'
‚Wie die Sonne am Mittag erstrahlte sie, ihr Leib vor Zorn erglühend, indem sie wiederholt einen gewaltigen Regen glühender Kohlen aus ihrem Schweif entließ.'
‚Die Puṇḍras, Kirātas, Draviḍas, Siṃhalas, ebenso die Barbaras und Daradas – diese Mlecchas erschuf sie aus ihrem Schaum.'
[Anm.: mythische Ätiologie realer Völkernamen (u.a. Parther/Pahlava, Skythen/Śaka, Griechen/Yavana) als Ausdruck der überbordenden Zornkraft der Kuh – nicht wörtlich als Abstammungslehre zu verstehen.
‚Von diesen freigesetzten, mit mancherlei Rüstung bedeckten, mancherlei Waffen tragenden, wütenden Scharen verschiedener Mlecchas wurde damals ein gewaltiges Heer ausgebreitet, vor Viśvāmitras Augen.'
‚Von diesen freigesetzten, mit mancherlei Rüstung bedeckten, mancherlei Waffen tragenden, wütenden Scharen verschiedener Mlecchas wurde damals ein gewaltiges Heer ausgebreitet, vor Viśvāmitras Augen.'
‚Und ein jeder Krieger, von fünf oder sieben umringt, trieb durch gewaltigen Waffenregen (Viśvāmitras Heer) zurück; so wurde jenes Heer darauf zersprengt, überall in Schrecken versetzt, vor Viśvāmitras Augen.'
‚Und ein jeder Krieger, von fünf oder sieben umringt, trieb durch gewaltigen Waffenregen (Viśvāmitras Heer) zurück; so wurde jenes Heer darauf zersprengt, überall in Schrecken versetzt, vor Viśvāmitras Augen.'
‚Als er jenes große Wunder sah, das aus der Kraft des Brahman entstanden war, sprach Viśvāmitra, seines Kṣatriya-Standes überdrüssig geworden, folgendes Wort:'
‚Als er jenes große Wunder sah, das aus der Kraft des Brahman entstanden war, sprach Viśvāmitra, seines Kṣatriya-Standes überdrüssig geworden, folgendes Wort:'
dhig balaṃ kṣatriyabalaṃ brahmatejobalaṃ balam balābalaṃ viniścitya tapa eva paraṃ balam
‚Schande über die Kraft, die Kṣatriya-Kraft! Die Kraft der Brahman-Macht allein ist wahre Kraft. Nachdem ich Stärke und Schwäche erkannt habe: Askese allein ist die höchste Kraft.'
Wort für Wort
dhig balaṃ kṣatriyabalaṃ brahmatejobalaṃ balam balābalaṃ viniścitya tapa eva paraṃ balam
‚Schande über die Kraft, die Kṣatriya-Kraft! Die Kraft der Brahman-Macht allein ist wahre Kraft. Nachdem ich Stärke und Schwäche erkannt habe: Askese allein ist die höchste Kraft.'
sa rājyaṃ sphītam utsṛjya tāṃ ca dīptāṃ nṛpaśriyam bhogāṃś ca pṛṣṭhataḥ kṛtvā tapasy eva mano dadhe
‚Er gab sein blühendes Königreich auf, samt jenem strahlenden königlichen Glanz, ließ die Genüsse hinter sich und richtete den Sinn allein auf Askese.'
Wort für Wort
sa rājyaṃ sphītam utsṛjya tāṃ ca dīptāṃ nṛpaśriyam bhogāṃś ca pṛṣṭhataḥ kṛtvā tapasy eva mano dadhe
‚Er gab sein blühendes Königreich auf, samt jenem strahlenden königlichen Glanz, ließ die Genüsse hinter sich und richtete den Sinn allein auf Askese.'
sa gatvā tapasā siddhiṃ lokān viṣṭabhya tejasā tatāpa sarvān dīptaujā brāhmaṇatvam avāpa ca apibat sutaṃ somam indreṇa saha kauśikaḥ
‚Er, der zur Vollkommenheit durch Askese gelangte, durchdrang die Welten mit seinem Glanz, versengte alle mit seiner flammenden Kraft, erlangte das Brahmanentum – und Kauśika trank den gepressten Soma zusammen mit Indra.'
Wort für Wort
sa gatvā tapasā siddhiṃ lokān viṣṭabhya tejasā tatāpa sarvān dīptaujā brāhmaṇatvam avāpa ca apibat sutaṃ somam indreṇa saha kauśikaḥ
‚Er, der zur Vollkommenheit durch Askese gelangte, durchdrang die Welten mit seinem Glanz, versengte alle mit seiner flammenden Kraft, erlangte das Brahmanentum – und Kauśika trank den gepressten Soma zusammen mit Indra.'