Kapitel 100: Dhṛtarāṣṭra-Pāṇḍu-Vidura-Janma
Die Geburt Dhṛtarāṣṭras, Pāṇḍus und Viduras
Vyāsa vollzieht das Niyoga an den beiden Witwen Vicitravīryas: Ambikā, die vor Furcht die Augen schließt, wird Mutter des blinden Dhṛtarāṣṭra; Ambālikā, die vor Schreck erbleicht, wird Mutter des blassen Pāṇḍu (Namensgeber der fünf Pāṇḍavas). Da Satyavatī einen dritten, makellosen Sohn wünscht, weigert sich Ambikā aus Furcht, selbst noch einmal zu Vyāsa zu gehen, und schickt stattdessen eine Dienerin, die ihm ohne Furcht und mit gebührender Achtung begegnet; aus dieser Vereinigung geht Vidura hervor, den der Text als Inkarnation des Gottes Dharma identifiziert, verflucht durch den Weisen Māṇḍavya.
Vaiśaṃpāyana sprach: Da ließ Satyavatī zur rechten Zeit die junge Frau, die nach dem Bad in ihrer fruchtbaren Zeit war, sanft in ihrem Bett Platz nehmen und sprach zu ihr folgende Worte:
Vaiśaṃpāyana sprach: Da ließ Satyavatī zur rechten Zeit die junge Frau, die nach dem Bad in ihrer fruchtbaren Zeit war, sanft in ihrem Bett Platz nehmen und sprach zu ihr folgende Worte:
kausalye devaras te 'sti so 'dya tvānupravekṣyati apramattā pratīkṣainaṃ niśīthe āgamiṣyati
‚Tochter der Kausalyā [Ambikā], du hast einen Schwager; er wird heute zu dir eintreten. Sei nicht unachtsam, erwarte ihn – er wird um Mitternacht kommen.'
Wort für Wort
kausalye devaras te 'sti so 'dya tvānupravekṣyati apramattā pratīkṣainaṃ niśīthe āgamiṣyati
‚Tochter der Kausalyā [Ambikā], du hast einen Schwager; er wird heute zu dir eintreten. Sei nicht unachtsam, erwarte ihn – er wird um Mitternacht kommen.'
In jener Nacht vereinigte er sich mit ihr, um der Mutter zu Willen zu sein; doch aus Furcht vermochte die Tochter des Königs von Kāśī nicht, ihn anzusehen.
In jener Nacht vereinigte er sich mit ihr, um der Mutter zu Willen zu sein; doch aus Furcht vermochte die Tochter des Königs von Kāśī nicht, ihn anzusehen.
‚Von der Lebenskraft zehntausend Elefanten, gelehrt, der Beste der königlichen Weisen, hochgesegnet, von großer Tatkraft, von großer Weisheit wird er sein.
‚Von der Lebenskraft zehntausend Elefanten, gelehrt, der Beste der königlichen Weisen, hochgesegnet, von großer Tatkraft, von großer Weisheit wird er sein.
punar eva tu sā devī paribhāṣya snuṣāṃ tataḥ ṛṣim āvāhayat satyā yathāpūrvam aninditā
Wiederum belehrte darauf die Königin ihre [andere] Schwiegertochter [Ambālikā] und rief den Weisen herbei, die wahrhafte, untadelige Satyavatī, wie zuvor.
Wort für Wort
punar eva tu sā devī paribhāṣya snuṣāṃ tataḥ ṛṣim āvāhayat satyā yathāpūrvam aninditā
Wiederum belehrte darauf die Königin ihre [andere] Schwiegertochter [Ambālikā] und rief den Weisen herbei, die wahrhafte, untadelige Satyavatī, wie zuvor.
tatas tenaiva vidhinā maharṣis tām apadyata ambālikām athābhyāgād ṛṣiṃ dṛṣṭvā ca sāpi tam viṣaṇṇā pāṇḍusaṃkāśā samapadyata bhārata
Da näherte sich der große Weise ihr auf dieselbe Weise; er ging zu Ambālikā; als sie den Weisen erblickte, wurde auch sie bekümmert und bleich, blass wie [die Farbe] pāṇḍu, o Bhārata.
Wort für Wort
tatas tenaiva vidhinā maharṣis tām apadyata ambālikām athābhyāgād ṛṣiṃ dṛṣṭvā ca sāpi tam viṣaṇṇā pāṇḍusaṃkāśā samapadyata bhārata
Da näherte sich der große Weise ihr auf dieselbe Weise; er ging zu Ambālikā; als sie den Weisen erblickte, wurde auch sie bekümmert und bleich, blass wie [die Farbe] pāṇḍu, o Bhārata.
Da gebar die Königin, als die Zeit gekommen war, einen Knaben, mit allen Glückszeichen ausgestattet, Pāṇḍu, gleichsam von Glanz erstrahlend; dessen Söhne, die großen Bogenschützen, wurden die fünf Pāṇḍavas.
Da gebar die Königin, als die Zeit gekommen war, einen Knaben, mit allen Glückszeichen ausgestattet, Pāṇḍu, gleichsam von Glanz erstrahlend; dessen Söhne, die großen Bogenschützen, wurden die fünf Pāṇḍavas.
ṛtukāle tato jyeṣṭhāṃ vadhūṃ tasmai nyayojayat sā tu rūpaṃ ca gandhaṃ ca maharṣeḥ pravicintya tam nākarod vacanaṃ devyā bhayāt surasutopamā
Danach, in der fruchtbaren Zeit, bestimmte sie [Satyavatī] die ältere Schwiegertochter [Ambikā] abermals für ihn; diese aber, in Gedanken an die Gestalt und den Geruch des großen Weisen, befolgte aus Furcht das Wort der Königin nicht, sie, den Göttertöchtern gleich.
Wort für Wort
ṛtukāle tato jyeṣṭhāṃ vadhūṃ tasmai nyayojayat sā tu rūpaṃ ca gandhaṃ ca maharṣeḥ pravicintya tam nākarod vacanaṃ devyā bhayāt surasutopamā
Danach, in der fruchtbaren Zeit, bestimmte sie [Satyavatī] die ältere Schwiegertochter [Ambikā] abermals für ihn; diese aber, in Gedanken an die Gestalt und den Geruch des großen Weisen, befolgte aus Furcht das Wort der Königin nicht, sie, den Göttertöchtern gleich.
Da schmückte die Tochter des Königs von Kāśī [Ambikā] eine Dienerin mit ihrem eigenen Schmuck, einer Apsaras gleich, und schickte sie zu Kṛṣṇa [Vyāsa].
Da schmückte die Tochter des Königs von Kāśī [Ambikā] eine Dienerin mit ihrem eigenen Schmuck, einer Apsaras gleich, und schickte sie zu Kṛṣṇa [Vyāsa].
dāsī ṛṣim anuprāptaṃ pratyudgamyābhivādya ca saṃviveśābhyanujñātā satkṛtyopacacāra ha
Die Dienerin ging dem herangekommenen Weisen entgegen, begrüßte ihn ehrerbietig und nahm, von ihm willkommen geheißen, Platz; sie bediente ihn mit gebührender Achtung.
Wort für Wort
dāsī ṛṣim anuprāptaṃ pratyudgamyābhivādya ca saṃviveśābhyanujñātā satkṛtyopacacāra ha
Die Dienerin ging dem herangekommenen Weisen entgegen, begrüßte ihn ehrerbietig und nahm, von ihm willkommen geheißen, Platz; sie bediente ihn mit gebührender Achtung.
uttiṣṭhann abravīd enām abhujiṣyā bhaviṣyasi ayaṃ ca te śubhe garbhaḥ śrīmān udaram āgataḥ dharmātmā bhavitā loke sarvabuddhimatāṃ varaḥ
Beim Aufstehen sprach er zu ihr: ‚Du wirst frei [von der Dienerschaft] sein; und dieser dein glückverheißender, prächtiger Keim, der in deinen Leib gelangt ist, wird fromm sein, in der Welt der Beste unter allen Weisen an Verstand.'
Wort für Wort
uttiṣṭhann abravīd enām abhujiṣyā bhaviṣyasi ayaṃ ca te śubhe garbhaḥ śrīmān udaram āgataḥ dharmātmā bhavitā loke sarvabuddhimatāṃ varaḥ
Beim Aufstehen sprach er zu ihr: ‚Du wirst frei [von der Dienerschaft] sein; und dieser dein glückverheißender, prächtiger Keim, der in deinen Leib gelangt ist, wird fromm sein, in der Welt der Beste unter allen Weisen an Verstand.'
Der Gott Dharma selbst [wurde], in der Gestalt Viduras, durch den Fluch jenes hochherzigen Māṇḍavya [geboren] – kundig der wahren Bedeutung der Dinge, frei von Begierde und Zorn.
Der Gott Dharma selbst [wurde], in der Gestalt Viduras, durch den Fluch jenes hochherzigen Māṇḍavya [geboren] – kundig der wahren Bedeutung der Dinge, frei von Begierde und Zorn.
[Anm.: Diese Verse identifizieren Vidura als Inkarnation des Gottes Dharma, verflucht durch den Weisen Māṇḍavya – eine andere Herkunftstradition als die in Adh.61 (Aṃśāvataraṇa) genannte Zugehörigkeit zum Ṛṣi Atri; beide Traditionen bleiben hier nebeneinander stehen, ohne dass der Text sie harmonisiert.]
sa dharmasyānṛṇo bhūtvā punar mātrā sametya ca tasyai garbhaṃ samāvedya tatraivāntaradhīyata
Nachdem er [Vyāsa] dem Dharma [gegenüber] schuldenfrei geworden war, kehrte er wieder zur Mutter zurück, teilte ihr die Schwangerschaft mit und verschwand eben dort.
Wort für Wort
sa dharmasyānṛṇo bhūtvā punar mātrā sametya ca tasyai garbhaṃ samāvedya tatraivāntaradhīyata
Nachdem er [Vyāsa] dem Dharma [gegenüber] schuldenfrei geworden war, kehrte er wieder zur Mutter zurück, teilte ihr die Schwangerschaft mit und verschwand eben dort.