Kapitel 65: Śakuntalopākhyānam (1)
Die Erzählung von Śakuntalā (1): Duḥṣanta trifft Śakuntalā; Indras Auftrag an Menakā
Duḥṣanta trifft in Kaṇvas Einsiedelei auf die schöne Śakuntalā, die sich als Kaṇvas Tochter vorstellt. Auf seine verwunderte Frage, wie der als kinderloser Asket geltende Kaṇva eine leibliche Tochter haben könne, erzählt sie die Vorgeschichte: Indra fürchtet Viśvāmitras wachsende Askesemacht und beauftragt die Apsaras Menakā, ihn zu verführen; Menakās Bedenken werden von Indra mit dem Versprechen des Schutzes durch Wind- und Liebesgott zerstreut. Zahlreiche knappe Anspielungen auf ältere, hier nicht ausgeführte Viśvāmitra-Mythen (Vasiṣṭha-Streit, Kauśikī-Fluss, Mataṅga-Episode, Sternbild-Schöpfung).
vaiśaṃpāyana uvāca tato gacchan mahābāhur eko 'mātyān visṛjya tān nāpaśyad āśrame tasmiṃs tam ṛṣiṃ saṃśitavratam
Vaiśaṃpāyana sprach: »Danach, allein weitergehend, der Starkarmige, nachdem er seine Minister zurückgeschickt hatte, sah er in jener Einsiedelei jenen Weisen mit den strengen Gelübden nicht.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tato gacchan mahābāhur eko 'mātyān visṛjya tān nāpaśyad āśrame tasmiṃs tam ṛṣiṃ saṃśitavratam
Vaiśaṃpāyana sprach: »Danach, allein weitergehend, der Starkarmige, nachdem er seine Minister zurückgeschickt hatte, sah er in jener Einsiedelei jenen Weisen mit den strengen Gelübden nicht.
āsanenārcayitvā ca pādyenārghyeṇa caiva hi papracchānāmayaṃ rājan kuśalaṃ ca narādhipam
Und nachdem sie ihn mit einem Sitzplatz geehrt hatte, mit Fußwasser und Ehrenwasser, fragte sie den König, den Herrscher der Menschen, nach seinem Wohlergehen.
Wort für Wort
āsanenārcayitvā ca pādyenārghyeṇa caiva hi papracchānāmayaṃ rājan kuśalaṃ ca narādhipam
Und nachdem sie ihn mit einem Sitzplatz geehrt hatte, mit Fußwasser und Ehrenwasser, fragte sie den König, den Herrscher der Menschen, nach seinem Wohlergehen.
śakuntalovāca gataḥ pitā me bhagavān phalāny āhartum āśramāt muhūrtaṃ saṃpratīkṣasva drakṣyasy enam ihāgatam
Śakuntalā sprach: »Mein Vater, der Erhabene, ist von der Einsiedelei gegangen, um Früchte zu holen. Warte einen Augenblick, du wirst ihn hierher kommen sehen.«
Wort für Wort
śakuntalovāca gataḥ pitā me bhagavān phalāny āhartum āśramāt muhūrtaṃ saṃpratīkṣasva drakṣyasy enam ihāgatam
Śakuntalā sprach: »Mein Vater, der Erhabene, ist von der Einsiedelei gegangen, um Früchte zu holen. Warte einen Augenblick, du wirst ihn hierher kommen sehen.«
vaiśaṃpāyana uvāca apaśyamānas tam ṛṣiṃ tayā coktas tathā nṛpaḥ tāṃ ca dṛṣṭvā varārohāṃ śrīmatīṃ cāruhāsinīm
Vaiśaṃpāyana sprach: Da jener Weise nicht sichtbar war und der König so von ihr angesprochen wurde, und da er sie, die Schönhüftige, Glanzvolle, mit lieblichem Lächeln, erblickte,
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca apaśyamānas tam ṛṣiṃ tayā coktas tathā nṛpaḥ tāṃ ca dṛṣṭvā varārohāṃ śrīmatīṃ cāruhāsinīm
Vaiśaṃpāyana sprach: Da jener Weise nicht sichtbar war und der König so von ihr angesprochen wurde, und da er sie, die Schönhüftige, Glanzvolle, mit lieblichem Lächeln, erblickte,
»Wer bist du, wessen bist du, o Schönhüftige, warum bist du in den Wald gekommen, du mit solcher Gestalt und solchen Tugenden Ausgestattete - woher stammst du, du Schöne?
»Wer bist du, wessen bist du, o Schönhüftige, warum bist du in den Wald gekommen, du mit solcher Gestalt und solchen Tugenden Ausgestattete - woher stammst du, du Schöne?
Duḥṣanta sprach: »Der hochgesegnete, von der Welt verehrte Erhabene ist von aufwärtsgerichtetem Samen [d.h. ein Asket, der sich der Zeugung enthält]; auch wenn sein Wandel abweichen könnte, würde sein Dharma doch nicht abweichen, so streng ist sein Gelübde.
Duḥṣanta sprach: »Der hochgesegnete, von der Welt verehrte Erhabene ist von aufwärtsgerichtetem Samen [d.h. ein Asket, der sich der Zeugung enthält]; auch wenn sein Wandel abweichen könnte, würde sein Dharma doch nicht abweichen, so streng ist sein Gelübde.
[Anm.: »ūrdhvaretas« bezeichnet einen Asketen, der seinen Samen zurückhält und daher als kinderlos gilt - Grund für Duḥṣantas Verwunderung über eine leibliche Tochter.
Śakuntalā sprach: »Wie diese Überlieferung zu mir kam und wie es sich einst zugetragen hat, höre, o König, wahrheitsgemäß, wie ich die Tochter des Weisen bin.
Śakuntalā sprach: »Wie diese Überlieferung zu mir kam und wie es sich einst zugetragen hat, höre, o König, wahrheitsgemäß, wie ich die Tochter des Weisen bin.
›Dieser könnte mich, durch Askese an Kraft entflammt, von meinem Rang stürzen‹ - so dachte, von Furcht erfüllt, Puraṃdara [Indra] und sprach dies zu Menakā:
›Dieser könnte mich, durch Askese an Kraft entflammt, von meinem Rang stürzen‹ - so dachte, von Furcht erfüllt, Puraṃdara [Indra] und sprach dies zu Menakā:
Er, der den hochgesegneten Vasiṣṭha von seinen geliebten Söhnen trennte, und der, im Kṣatriya-Stand geboren, zuvor durch Kraft ein Brahmane wurde,
[Anm.: Anspielung auf ältere, hier nicht ausgeführte Viśvāmitra-Vasiṣṭha-Mythen (u.a. den Streit um die Wunschkuh Śabalā/Nandinī), die dem Hörer als bekannt vorausgesetzt werden.
der, als er nach vergangener Hungerzeit wieder zu seiner Einsiedelei kam, dem Fluss dort den Namen ›Pārā‹ (die Hinüberführende) gab, der Weise, der Mächtige,
der, als er nach vergangener Hungerzeit wieder zu seiner Einsiedelei kam, dem Fluss dort den Namen ›Pārā‹ (die Hinüberführende) gab, der Weise, der Mächtige,
[Anm.: Volksetymologie des Flussnamens »Pārā«, im Grundtext knapp angedeutet.
der den Mataṅga selbst mit freudigem Sinn ein Opfer vollziehen ließ, und zu dem selbst du aus Furcht gegangen bist, um den Soma zu trinken, o Herr der Helden,
der den Mataṅga selbst mit freudigem Sinn ein Opfer vollziehen ließ, und zu dem selbst du aus Furcht gegangen bist, um den Soma zu trinken, o Herr der Helden,
[Anm.: Der genaue Bezug dieser Zeile (Indra und der Soma-Trank in Verbindung mit Viśvāmitra) bleibt im Text unklar und wird nicht weiter ausgeführt.
ati nakṣatravaṃśāṃś ca kruddho nakṣatrasaṃpadā prati śravaṇapūrvāṇi nakṣatrāṇi sasarja yaḥ
der, zornig über die Sternbild-Geschlechter, mit dem Reichtum der Sternbilder wetteifernd, dem Śravaṇa vorangestellte Sternbilder neu erschuf,
Wort für Wort
ati nakṣatravaṃśāṃś ca kruddho nakṣatrasaṃpadā prati śravaṇapūrvāṇi nakṣatrāṇi sasarja yaḥ
der, zornig über die Sternbild-Geschlechter, mit dem Reichtum der Sternbilder wetteifernd, dem Śravaṇa vorangestellte Sternbilder neu erschuf,
[Anm.: Anspielung auf den Mythos von Viśvāmitras eigener, konkurrierender Sternbild-Schöpfung; im Grundtext nur knapp angedeutet, nicht weiter ausgeführt.
Wie sollte eine wie ich den berühren, dessen Mund das lodernde Opferfeuer ist, dessen Augen Sonne, Mond und Sterne sind, dessen Zunge die Zeit (des Todes) ist, o Bester der Götter?
Wie sollte eine wie ich den berühren, dessen Mund das lodernde Opferfeuer ist, dessen Augen Sonne, Mond und Sterne sind, dessen Zunge die Zeit (des Todes) ist, o Bester der Götter?
yamaś ca somaś ca maharṣayaś ca sādhyā viśve vālakhilyāś ca sarve ete 'pi yasyodvijante prabhāvāt kasmāt tasmān mādṛśī nodvijeta
Yama und Soma und die großen Weisen, die Sādhyas, alle Viśvedevas und die Vālakhilyas - auch sie alle erzittern vor seiner Macht; warum sollte da eine wie ich nicht erzittern?‹
Wort für Wort
yamaś ca somaś ca maharṣayaś ca sādhyā viśve vālakhilyāś ca sarve ete 'pi yasyodvijante prabhāvāt kasmāt tasmān mādṛśī nodvijeta
Yama und Soma und die großen Weisen, die Sādhyas, alle Viśvedevas und die Vālakhilyas - auch sie alle erzittern vor seiner Macht; warum sollte da eine wie ich nicht erzittern?‹
tvayaivam uktā ca kathaṃ samīpam ṛṣer na gaccheyam ahaṃ surendra rakṣāṃ tu me cintaya devarāja yathā tvadarthaṃ rakṣitāhaṃ careyam
Von dir so angesprochen, wie sollte ich mich diesem Weisen nicht nähern, o Herr der Götter? Sorge du aber für meinen Schutz, o Götterkönig, so dass ich, für dich beschützt, umherwandeln kann.
Wort für Wort
tvayaivam uktā ca kathaṃ samīpam ṛṣer na gaccheyam ahaṃ surendra rakṣāṃ tu me cintaya devarāja yathā tvadarthaṃ rakṣitāhaṃ careyam
Von dir so angesprochen, wie sollte ich mich diesem Weisen nicht nähern, o Herr der Götter? Sorge du aber für meinen Schutz, o Götterkönig, so dass ich, für dich beschützt, umherwandeln kann.
kāmaṃ tu me mārutas tatra vāsaḥ prakrīḍitāyā vivṛṇotu deva bhavec ca me manmathas tatra kārye sahāyabhūtas tava devaprasādāt
Gerne möge mir dabei der Windgott mein Gewand lüften, während ich spiele, o Gott; und dabei möge mir auch der Liebesgott bei diesem Werk als Helfer zur Seite stehen, durch deine göttliche Gunst,
Wort für Wort
kāmaṃ tu me mārutas tatra vāsaḥ prakrīḍitāyā vivṛṇotu deva bhavec ca me manmathas tatra kārye sahāyabhūtas tava devaprasādāt
Gerne möge mir dabei der Windgott mein Gewand lüften, während ich spiele, o Gott; und dabei möge mir auch der Liebesgott bei diesem Werk als Helfer zur Seite stehen, durch deine göttliche Gunst,
vanāc ca vāyuḥ surabhiḥ pravāyet tasmin kāle tam ṛṣiṃ lobhayantyāḥ tathety uktvā vihite caiva tasmiṃs tato yayau sāśramaṃ kauśikasya
und aus dem Wald möge duftender Wind wehen zu jener Zeit, wenn ich jenen Weisen verlocke.‹ - ›So sei es‹, sprach er, und nachdem dies so verabredet war, zog sie hin zur Einsiedelei des Kauśika [Viśvāmitra].«
Wort für Wort
vanāc ca vāyuḥ surabhiḥ pravāyet tasmin kāle tam ṛṣiṃ lobhayantyāḥ tathety uktvā vihite caiva tasmiṃs tato yayau sāśramaṃ kauśikasya
und aus dem Wald möge duftender Wind wehen zu jener Zeit, wenn ich jenen Weisen verlocke.‹ - ›So sei es‹, sprach er, und nachdem dies so verabredet war, zog sie hin zur Einsiedelei des Kauśika [Viśvāmitra].«