Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 44: Āstīka-parva (Fortsetzung): Āstīkas Geburt und Namensetymologie Āstīka-parva (Fortsetzung): Vāsukis Sorge und Trost durch seine Schwester, Āstīkas Geburt und die Etymologie seines Namens — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)

Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,044.001“ bis „01,044.022“). Vāsuki, von der Nachricht von Jaratkārus Weggang erschüttert, fragt seine Schwester besorgt, ob wenigstens ein Nachkomme gezeugt wurde, der die Schlangen vor dem Opfer retten könnte; sie tröstet ihn mit den letzten Worten ihres Gatten. Zur rechten Zeit gebiert sie den Knaben Āstīka, der im Haus des Schlangenkönigs aufwächst, bei einem Nachkommen Cyavanas die Veden erlernt und seinen Namen von den letzten Worten seines Vaters „astī“ („es ist vorhanden“) empfängt. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.

sūta uvāca | gatamātraṃ tu bhartāraṃ jaratkārur avedayat | bhrātus tvaritam āgamya yathātathyaṃ tapodhana

Sūta sprach: Kaum war ihr Gatte fortgegangen, meldete Jaratkāru dies eilends, zu ihrem Bruder kommend, ihm der Wahrheit gemäß, o Asketenreicher.

Wort für Wort
sūta uvāca | gatamātraṃ tu bhartāraṃ jaratkārur avedayat | bhrātus tvaritam āgamya yathātathyaṃ tapodhana
Sūta sprach: Kaum war ihr Gatte fortgegangen, meldete Jaratkāru dies eilends, zu ihrem Bruder kommend, ihm der Wahrheit gemäß, o Asketenreicher.

tataḥ sa bhujagaśreṣṭhaḥ śrutvā sumahad apriyam | uvāca bhaginīṃ dīnāṃ tadā dīnataraḥ svayam

Da, als er die überaus unliebe Nachricht gehört hatte, sprach jener Beste der Schlangen zu seiner elenden Schwester, selbst noch elender:

Wort für Wort
tataḥ sa bhujagaśreṣṭhaḥ śrutvā sumahad apriyam | uvāca bhaginīṃ dīnāṃ tadā dīnataraḥ svayam
Da, als er die überaus unliebe Nachricht gehört hatte, sprach jener Beste der Schlangen zu seiner elenden Schwester, selbst noch elender:

jānāsi bhadre yat kāryaṃ pradāne kāraṇaṃ ca yat | pannagānāṃ hitārthāya putras te syāt tato yadi

„Du weißt, du Gute, welches Anliegen und welcher Grund für deine Übergabe bestand: zum Wohl der Schlangen — falls dir daraus ein Sohn erwachsen sollte,

Wort für Wort
jānāsi bhadre yat kāryaṃ pradāne kāraṇaṃ ca yat | pannagānāṃ hitārthāya putras te syāt tato yadi
„Du weißt, du Gute, welches Anliegen und welcher Grund für deine Übergabe bestand: zum Wohl der Schlangen — falls dir daraus ein Sohn erwachsen sollte,

sa sarpasatrāt kila no mokṣayiṣyati vīryavān | evaṃ pitāmahaḥ pūrvam uktavān māṃ suraiḥ saha

wird dieser, kraftvoll, uns vom Schlangenopfer befreien — so hatte einst der Großvater, zusammen mit den Göttern, zu mir gesprochen.

Wort für Wort
sa sarpasatrāt kila no mokṣayiṣyati vīryavān | evaṃ pitāmahaḥ pūrvam uktavān māṃ suraiḥ saha
wird dieser, kraftvoll, uns vom Schlangenopfer befreien — so hatte einst der Großvater, zusammen mit den Göttern, zu mir gesprochen.

apy asti garbhaḥ subhage tasmāt te munisattamāt | na cecchāmy aphalaṃ tasya dārakarma manīṣiṇaḥ

Ist etwa eine Leibesfrucht von jenem besten der Munis in dir, du Holde? Denn ich wünsche nicht, dass die Eheschließung mit jenem Weisen fruchtlos bleibe.

Wort für Wort
apy asti garbhaḥ subhage tasmāt te munisattamāt | na cecchāmy aphalaṃ tasya dārakarma manīṣiṇaḥ
Ist etwa eine Leibesfrucht von jenem besten der Munis in dir, du Holde? Denn ich wünsche nicht, dass die Eheschließung mit jenem Weisen fruchtlos bleibe.

kāmaṃ ca mama na nyāyyaṃ praṣṭuṃ tvāṃ kāryam īdṛśam | kiṃ tu kāryagarīyastvāt tatas tvāham acūcudam

Zwar ist es für mich eigentlich nicht schicklich, dich nach einer solchen Angelegenheit zu fragen; doch wegen der Schwere der Sache habe ich dich deshalb gedrängt.

Wort für Wort
kāmaṃ ca mama na nyāyyaṃ praṣṭuṃ tvāṃ kāryam īdṛśam | kiṃ tu kāryagarīyastvāt tatas tvāham acūcudam
Zwar ist es für mich eigentlich nicht schicklich, dich nach einer solchen Angelegenheit zu fragen; doch wegen der Schwere der Sache habe ich dich deshalb gedrängt.

durvāsatāṃ viditvā ca bhartus te 'titapasvinaḥ | nainam anvāgamiṣyāmi kadā cid dhi śapet sa mām

Und da ich das schwierige Wesen deines überaus asketischen Gatten kenne, werde ich ihm niemals nachgehen; denn er könnte mich verfluchen.

Wort für Wort
durvāsatāṃ viditvā ca bhartus te 'titapasvinaḥ | nainam anvāgamiṣyāmi kadā cid dhi śapet sa mām
Und da ich das schwierige Wesen deines überaus asketischen Gatten kenne, werde ich ihm niemals nachgehen; denn er könnte mich verfluchen.

ācakṣva bhadre bhartus tvaṃ sarvam eva viceṣṭitam | śalyam uddhara me ghoraṃ bhadre hṛdi cirasthitam

Erzähle mir, du Gute, all das Verhalten deines Gatten; ziehe mir den schrecklichen Stachel heraus, du Gute, der lange schon in meinem Herzen steckt.“

Wort für Wort
ācakṣva bhadre bhartus tvaṃ sarvam eva viceṣṭitam | śalyam uddhara me ghoraṃ bhadre hṛdi cirasthitam
Erzähle mir, du Gute, all das Verhalten deines Gatten; ziehe mir den schrecklichen Stachel heraus, du Gute, der lange schon in meinem Herzen steckt.“

jaratkārus tato vākyam ity uktā pratyabhāṣata | āśvāsayantī saṃtaptaṃ vāsukiṃ pannageśvaram

Jaratkāru, so angesprochen, erwiderte da das Wort, den erregten Vāsuki, den Herrn der Schlangen, tröstend:

Wort für Wort
jaratkārus tato vākyam ity uktā pratyabhāṣata | āśvāsayantī saṃtaptaṃ vāsukiṃ pannageśvaram
Jaratkāru, so angesprochen, erwiderte da das Wort, den erregten Vāsuki, den Herrn der Schlangen, tröstend:

pṛṣṭo mayāpatyahetoḥ sa mahātmā mahātapāḥ | astīty udaram uddiśya mamedaṃ gatavāṃś ca saḥ

„Von mir wegen des Nachkommens befragt, sprach jener Hochgesinnte, von großer Askese: ‚Es ist vorhanden' — auf meinen Leib deutend —, und dann ist er fortgegangen.

Wort für Wort
pṛṣṭo mayāpatyahetoḥ sa mahātmā mahātapāḥ | astīty udaram uddiśya mamedaṃ gatavāṃś ca saḥ
„Von mir wegen des Nachkommens befragt, sprach jener Hochgesinnte, von großer Askese: ‚Es ist vorhanden' — auf meinen Leib deutend —, und dann ist er fortgegangen.

svaireṣv api na tenāhaṃ smarāmi vitathaṃ kva cit | uktapūrvaṃ kuto rājan sāṃparāye sa vakṣyati

Auch im Scherz habe ich von ihm niemals ein unwahres Wort zuvor gesprochen gehört — wie sollte er es also in einer so ernsten Angelegenheit sagen, o König?

Wort für Wort
svaireṣv api na tenāhaṃ smarāmi vitathaṃ kva cit | uktapūrvaṃ kuto rājan sāṃparāye sa vakṣyati
Auch im Scherz habe ich von ihm niemals ein unwahres Wort zuvor gesprochen gehört — wie sollte er es also in einer so ernsten Angelegenheit sagen, o König?

na saṃtāpas tvayā kāryaḥ kāryaṃ prati bhujaṃgame | utpatsyati hi te putro jvalanārkasamadyutiḥ

Du sollst dich nicht ängstigen hinsichtlich der Angelegenheit, Schlangenwesen — dir wird ja ein Sohn [Neffe] entstehen, dem Feuer und der Sonne gleich an Glanz.

Wort für Wort
na saṃtāpas tvayā kāryaḥ kāryaṃ prati bhujaṃgame | utpatsyati hi te putro jvalanārkasamadyutiḥ
Du sollst dich nicht ängstigen hinsichtlich der Angelegenheit, Schlangenwesen — dir wird ja ein Sohn [Neffe] entstehen, dem Feuer und der Sonne gleich an Glanz.

[Anm.: „putras te“ („dein Sohn“) ist hier ein Zitat aus Jaratkārus eigenen Worten, wie ihn seine Frau Vāsuki gegenüber wiedergibt; gemeint ist der Sohn der Sprecherin, also aus Vāsukis Perspektive sein Neffe — die lockere Anrede spiegelt wohl die enge familiäre Bindung wider.]

ity uktvā hi sa māṃ bhrātar gato bhartā tapovanam | tasmād vyetu paraṃ duḥkhaṃ tavedaṃ manasi sthitam

So zu mir sprechend, ist mein Gatte, Bruder, zum Büßerwald gegangen; darum möge dieser höchste Kummer, der dir im Sinn liegt, von dir weichen.“

Wort für Wort
ity uktvā hi sa māṃ bhrātar gato bhartā tapovanam | tasmād vyetu paraṃ duḥkhaṃ tavedaṃ manasi sthitam
So zu mir sprechend, ist mein Gatte, Bruder, zum Büßerwald gegangen; darum möge dieser höchste Kummer, der dir im Sinn liegt, von dir weichen.“

etac chrutvā sa nāgendro vāsukiḥ parayā mudā | evam astv iti tad vākyaṃ bhaginyāḥ pratyagṛhṇata

Als er dies gehört hatte, nahm jener Schlangenkönig Vāsuki mit höchster Freude das Wort seiner Schwester an: „So sei es.“

Wort für Wort
etac chrutvā sa nāgendro vāsukiḥ parayā mudā | evam astv iti tad vākyaṃ bhaginyāḥ pratyagṛhṇata
Als er dies gehört hatte, nahm jener Schlangenkönig Vāsuki mit höchster Freude das Wort seiner Schwester an: „So sei es.“

sāntvamānārthadānaiś ca pūjayā cānurūpayā | sodaryāṃ pūjayām āsa svasāraṃ pannagottamaḥ

Mit tröstenden Worten, Ehrerweisungen, Gaben und angemessener Verehrung ehrte der Beste der Schlangen seine leibliche Schwester.

Wort für Wort
sāntvamānārthadānaiś ca pūjayā cānurūpayā | sodaryāṃ pūjayām āsa svasāraṃ pannagottamaḥ
Mit tröstenden Worten, Ehrerweisungen, Gaben und angemessener Verehrung ehrte der Beste der Schlangen seine leibliche Schwester.

tataḥ sa vavṛdhe garbho mahātejā raviprabhaḥ | yathā somo dvijaśreṣṭha śuklapakṣodito divi

Da wuchs jene Leibesfrucht heran, von großem Glanz, an Strahlkraft der Sonne gleich, wie der in der hellen Monatshälfte aufgehende Mond am Himmel, o Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
tataḥ sa vavṛdhe garbho mahātejā raviprabhaḥ | yathā somo dvijaśreṣṭha śuklapakṣodito divi
Da wuchs jene Leibesfrucht heran, von großem Glanz, an Strahlkraft der Sonne gleich, wie der in der hellen Monatshälfte aufgehende Mond am Himmel, o Bester der Zweifachgeborenen.

yathākālaṃ tu sā brahman prajajñe bhujagasvasā | kumāraṃ devagarbhābhaṃ pitṛmātṛbhayāpaham

Zur rechten Zeit aber gebar, o Brahmane, die Schlangenschwester einen Knaben, einem göttlichen Kind gleich, der die Furcht von Vater und Mutter vertrieb.

Wort für Wort
yathākālaṃ tu sā brahman prajajñe bhujagasvasā | kumāraṃ devagarbhābhaṃ pitṛmātṛbhayāpaham
Zur rechten Zeit aber gebar, o Brahmane, die Schlangenschwester einen Knaben, einem göttlichen Kind gleich, der die Furcht von Vater und Mutter vertrieb.

[Anm.: „pitṛmātṛbhayāpaham“ könnte auch weiter gefasst auf die Furcht der (in Adh.41 geschilderten) Ahnen (pitaraḥ) bezogen sein, deren Rettung durch diesen Sohn erhofft wurde; die wörtlichere Deutung „Furcht von Vater und Mutter“ wird hier bevorzugt.]

vavṛdhe sa ca tatraiva nāgarājaniveśane | vedāṃś cādhijage sāṅgān bhārgavāc cyavanātmajāt

Er wuchs eben dort, im Haus des Schlangenkönigs, heran, und erlernte die Veden samt ihren Hilfswissenschaften von dem Bhārgava, dem Sohn Cyavanas.

Wort für Wort
vavṛdhe sa ca tatraiva nāgarājaniveśane | vedāṃś cādhijage sāṅgān bhārgavāc cyavanātmajāt
Er wuchs eben dort, im Haus des Schlangenkönigs, heran, und erlernte die Veden samt ihren Hilfswissenschaften von dem Bhārgava, dem Sohn Cyavanas.

caritavrato bāla eva buddhisattvaguṇānvitaḥ | nāma cāsyābhavat khyātaṃ lokeṣv āstīka ity uta

Schon als Kind, den Gelübden treu, mit den Eigenschaften von Verstand und Wesensgüte ausgestattet, wuchs er heran; und sein in den Welten berühmter Name wurde „Āstīka“.

Wort für Wort
caritavrato bāla eva buddhisattvaguṇānvitaḥ | nāma cāsyābhavat khyātaṃ lokeṣv āstīka ity uta
Schon als Kind, den Gelübden treu, mit den Eigenschaften von Verstand und Wesensgüte ausgestattet, wuchs er heran; und sein in den Welten berühmter Name wurde „Āstīka“.

astīty uktvā gato yasmāt pitā garbhastham eva tam | vanaṃ tasmād idaṃ tasya nāmāstīketi viśrutam

Weil sein Vater, „Es ist vorhanden“ sagend, in den Wald gegangen war, als er noch im Mutterleib war — deshalb ist dieser sein Name „Āstīka“ berühmt geworden.

Wort für Wort
astīty uktvā gato yasmāt pitā garbhastham eva tam | vanaṃ tasmād idaṃ tasya nāmāstīketi viśrutam
Weil sein Vater, „Es ist vorhanden“ sagend, in den Wald gegangen war, als er noch im Mutterleib war — deshalb ist dieser sein Name „Āstīka“ berühmt geworden.

sa bāla eva tatrasthaś carann amitabuddhimān | gṛhe pannagarājasya prayatnāt paryarakṣyata

Er, obwohl noch ein Kind, dort weilend und umherwandelnd, von unermesslichem Verstand, wurde im Haus des Schlangenkönigs sorgfältig behütet,

Wort für Wort
sa bāla eva tatrasthaś carann amitabuddhimān | gṛhe pannagarājasya prayatnāt paryarakṣyata
Er, obwohl noch ein Kind, dort weilend und umherwandelnd, von unermesslichem Verstand, wurde im Haus des Schlangenkönigs sorgfältig behütet,

bhagavān iva deveśaḥ śūlapāṇir hiraṇyadaḥ | vivardhamānaḥ sarvāṃs tān pannagān abhyaharṣayat

und, wie der erhabene Herr der Götter, der Dreizackträger, der Goldspender, heranwachsend, erfreute er all jene Schlangen.

Wort für Wort
bhagavān iva deveśaḥ śūlapāṇir hiraṇyadaḥ | vivardhamānaḥ sarvāṃs tān pannagān abhyaharṣayat
und, wie der erhabene Herr der Götter, der Dreizackträger, der Goldspender, heranwachsend, erfreute er all jene Schlangen.

[Anm.: Adhyāya 44 endet hier gemäß der lokalen Quelldatei. Der Vergleich mit dem „Dreizackträger“ (śūlapāṇi) und „Goldspender“ (hiraṇyada) bezieht sich auf Śiva (bzw. dessen Beinamen); die Etymologie von „Āstīka“ aus den Worten seines Vaters „astī“ („es ist [vorhanden]“) ist eine bekannte volksetymologische Erklärung des Epos.]

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