Kapitel 7: Pauloma-parva (Abschluss): Agnis Verteidigung und die Aufhebung des Fluchs
Pauloma-parva (Abschluss): Agnis Verteidigungsrede, sein Rückzug aus den Riten und Brahmās vermittelnde Lösung — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)
Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,007.001“ bis „01,007.026“). Abschluss der Pulomā-Rahmenepisode: der von Bhṛgu verfluchte Agni verteidigt sich (ein Zeuge, der befragt die Wahrheit sagt, handelt nicht unrecht) und erläutert seine zentrale rituelle Funktion als „Mund der Götter und Ahnen“; aus Kummer über den Fluch zieht er sich aus allen Opferhandlungen zurück, worauf die Welt in Unordnung gerät. Weise und Götter wenden sich an Brahmā, der Agni beschwichtigt: nur die beim Opfer wirksamen Flammenspitzen, nicht sein ganzes Wesen, werden „alles verzehren“ — und dies rein, wie Sonnenlicht reinigt, wodurch der Fluch mit Agnis eigener Glut zur (eingeschränkten) Wahrheit gemacht wird, ohne seine Opferwürde zu zerstören. Damit endet die aitiologische Pulomā-/Agni-Episode (Adhyāya 5–7) als abgeschlossene Einzelerzählung. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.
śakto 'ham api śaptuṃ tvāṃ mānyās tu brāhmaṇā mama | jānato 'pi ca te vyaktaṃ kathayiṣye nibodha tat
Auch ich wäre imstande, dich zu verfluchen, doch die Brahmanen sind mir verehrungswürdig. Obwohl du es weißt, will ich es dir dennoch deutlich erklären; vernimm dies:
Wort für Wort
śakto 'ham api śaptuṃ tvāṃ mānyās tu brāhmaṇā mama | jānato 'pi ca te vyaktaṃ kathayiṣye nibodha tat
Auch ich wäre imstande, dich zu verfluchen, doch die Brahmanen sind mir verehrungswürdig. Obwohl du es weißt, will ich es dir dennoch deutlich erklären; vernimm dies:
Durch meine Macht mache ich mich vielfach und weile in vielen Gestalten – bei den Agnihotra-Opfern, bei den Satra-Opfern, bei den Riten und auch bei den Opferfesten.
Durch meine Macht mache ich mich vielfach und weile in vielen Gestalten – bei den Agnihotra-Opfern, bei den Satra-Opfern, bei den Riten und auch bei den Opferfesten.
āpo devagaṇāḥ sarve āpaḥ pitṛgaṇās tathā | darśaś ca paurṇamāsaś ca devānāṃ pitṛbhiḥ saha
Die Gewässer sind alle Götterscharen, die Gewässer ebenso die Ahnenscharen; und das Neumonds- und das Vollmondsopfer gehören den Göttern zusammen mit den Ahnen.
Wort für Wort
āpo devagaṇāḥ sarve āpaḥ pitṛgaṇās tathā | darśaś ca paurṇamāsaś ca devānāṃ pitṛbhiḥ saha
Die Gewässer sind alle Götterscharen, die Gewässer ebenso die Ahnenscharen; und das Neumonds- und das Vollmondsopfer gehören den Göttern zusammen mit den Ahnen.
[Anm.: Die Gleichsetzung „die Gewässer sind die Götter/Ahnen“ (āpo devagaṇāḥ) ist eine knapp formulierte, esoterische Identifikation, wie sie in brahmanischer Ritualspekulation üblich ist; sie wird hier wörtlich wiedergegeben, ohne interpretierend aufzulösen.]
amāvāsyāṃ ca pitaraḥ paurṇamāsyāṃ ca devatāḥ | manmukhenaiva hūyante bhuñjate ca hutaṃ haviḥ | sarvabhakṣaḥ kathaṃ teṣāṃ bhaviṣyāmi mukhaṃ tv aham
Am Neumondstag werden den Ahnen, am Vollmondstag den Göttern die Opfer eben durch meinen Mund dargebracht, und sie genießen die geopferte Opferspende. Wie soll ich, ein Allesfresser geworden, ihr Mund sein können?“
Wort für Wort
amāvāsyāṃ ca pitaraḥ paurṇamāsyāṃ ca devatāḥ | manmukhenaiva hūyante bhuñjate ca hutaṃ haviḥ | sarvabhakṣaḥ kathaṃ teṣāṃ bhaviṣyāmi mukhaṃ tv aham
Am Neumondstag werden den Ahnen, am Vollmondstag den Göttern die Opfer eben durch meinen Mund dargebracht, und sie genießen die geopferte Opferspende. Wie soll ich, ein Allesfresser geworden, ihr Mund sein können?“
cintayitvā tato vahniś cakre saṃhāram ātmanaḥ | dvijānām agnihotreṣu yajñasatrakriyāsu ca
Nachdem er so nachgedacht hatte, zog sich das Feuer da selbst zurück – aus den Agnihotra-Opfern der Zweifachgeborenen und aus den Opfer-, Satra- und Ritualhandlungen.
Wort für Wort
cintayitvā tato vahniś cakre saṃhāram ātmanaḥ | dvijānām agnihotreṣu yajñasatrakriyāsu ca
Nachdem er so nachgedacht hatte, zog sich das Feuer da selbst zurück – aus den Agnihotra-Opfern der Zweifachgeborenen und aus den Opfer-, Satra- und Ritualhandlungen.
Da gingen die Weisen, bestürzt, zu den Göttern und sprachen die Worte: „Durch das Verschwinden Agnis, durch den Verfall der Riten sind die drei makellosen Welten in Verwirrung geraten; ordnet hier an, was zu tun ist, damit kein Verzug entstehe.“
Da gingen die Weisen, bestürzt, zu den Göttern und sprachen die Worte: „Durch das Verschwinden Agnis, durch den Verfall der Riten sind die drei makellosen Welten in Verwirrung geraten; ordnet hier an, was zu tun ist, damit kein Verzug entstehe.“
„Von Bhṛgu, o Hochgesegneter, wurde Agni aus einem anderen Anlass verflucht: wie soll er, der der Mund der Götter ist und der Erste im Genuss der Opferanteile, der Opferverzehrer, in allen Welten zum Allesfresser werden?“
„Von Bhṛgu, o Hochgesegneter, wurde Agni aus einem anderen Anlass verflucht: wie soll er, der der Mund der Götter ist und der Erste im Genuss der Opferanteile, der Opferverzehrer, in allen Welten zum Allesfresser werden?“
lokānām iha sarveṣāṃ tvaṃ kartā cānta eva ca | tvaṃ dhārayasi lokāṃs trīn kriyāṇāṃ ca pravartakaḥ | sa tathā kuru lokeśa nocchidyeran kriyā yathā
„Du bist hier der Schöpfer aller Welten und auch ihr Ende; du trägst die drei Welten und bist der Anreger der Riten. So handle denn, Herr der Welten, dass die Riten nicht unterbrochen werden.“
Wort für Wort
lokānām iha sarveṣāṃ tvaṃ kartā cānta eva ca | tvaṃ dhārayasi lokāṃs trīn kriyāṇāṃ ca pravartakaḥ | sa tathā kuru lokeśa nocchidyeran kriyā yathā
„Du bist hier der Schöpfer aller Welten und auch ihr Ende; du trägst die drei Welten und bist der Anreger der Riten. So handle denn, Herr der Welten, dass die Riten nicht unterbrochen werden.“
kasmād evaṃ vimūḍhas tvam īśvaraḥ san hutāśanaḥ | tvaṃ pavitraṃ yadā loke sarvabhūtagataś ca ha
„Warum bist du so verwirrt, obwohl du, der Opferverzehrer, doch ein Gebieter bist? Da du doch das Reinigende in der Welt bist und in allen Wesen gegenwärtig,
Wort für Wort
kasmād evaṃ vimūḍhas tvam īśvaraḥ san hutāśanaḥ | tvaṃ pavitraṃ yadā loke sarvabhūtagataś ca ha
„Warum bist du so verwirrt, obwohl du, der Opferverzehrer, doch ein Gebieter bist? Da du doch das Reinigende in der Welt bist und in allen Wesen gegenwärtig,
na tvaṃ sarvaśarīreṇa sarvabhakṣatvam eṣyasi | upādāne 'rciṣo yās te sarvaṃ dhakṣyanti tāḥ śikhin
wirst du nicht mit deinem ganzen Wesen zum Allesfresser werden; nur jene Flammen von dir, o Flammenhaariger, die beim Ergreifen der Opfergabe wirken, werden alles verbrennen.
Wort für Wort
na tvaṃ sarvaśarīreṇa sarvabhakṣatvam eṣyasi | upādāne 'rciṣo yās te sarvaṃ dhakṣyanti tāḥ śikhin
wirst du nicht mit deinem ganzen Wesen zum Allesfresser werden; nur jene Flammen von dir, o Flammenhaariger, die beim Ergreifen der Opfergabe wirken, werden alles verbrennen.
Darum, Agni, mache jenen Fluch, der aus deiner eigenen großen Macht hervorgegangen ist, allein durch deine eigene Glut zur Wahrheit für den Weisen, o Herr, und empfange du selbst weiterhin den Anteil, der den Göttern in deinem Mund geopfert wird.“
Darum, Agni, mache jenen Fluch, der aus deiner eigenen großen Macht hervorgegangen ist, allein durch deine eigene Glut zur Wahrheit für den Weisen, o Herr, und empfange du selbst weiterhin den Anteil, der den Göttern in deinem Mund geopfert wird.“
evam eṣa purāvṛtta itihāso 'gniśāpajaḥ | pulomasya vināśaś ca cyavanasya ca saṃbhavaḥ
So ist dies die alte Geschichte, aus Agnis Fluch entstanden – der Untergang des Rakṣas Puloma und die Geburt Cyavanas.
Wort für Wort
evam eṣa purāvṛtta itihāso 'gniśāpajaḥ | pulomasya vināśaś ca cyavanasya ca saṃbhavaḥ
So ist dies die alte Geschichte, aus Agnis Fluch entstanden – der Untergang des Rakṣas Puloma und die Geburt Cyavanas.
[Anm.: Hiermit endet die Pulomā-Episode als abgeschlossene Rahmenerzählung (Adhyāya 5–7). Adhyāya 8 wendet sich, nach dem Muster der Vaṃśānucarita-Technik des Epos, Cyavanas eigener weiterer Geschichte (seiner Vermählung mit Ruru, s. bereits genealogisch in Adhyāya 5) bzw. der Fortsetzung der Bhārgava-Linie und schließlich der eigentlichen Vorgeschichte des Schlangenopfers (Āstīka-Erzählung) zu.]