Kapitel 111: Pāṇḍu-Kuntī-Saṃvādaḥ
Pāṇḍus und Kuntīs Zwiegespräch über die Nachkommenschaft
Auf dem Weg zu noch höherer Askese warnen Asketen Pāṇḍu, seine Gattinnen weiter in die unwirtlichen Höhen des Himālaya zu führen; Pāṇḍu erwidert, ohne Nachkommen bleibe ihm ohnehin das Himmelstor verschlossen. Die Asketen verheißen ihm göttergleiche Nachkommenschaft, die er selbst erwirken müsse. Wissend, dass ihn Kiṃdamas Fluch der eigenen Zeugungsfähigkeit beraubt hat, erklärt Pāṇḍu Kuntī die Pflicht der vierfachen Schuld sowie die zwölf traditionellen Sohnesarten und bittet sie, unter Berufung auf den Präzedenzfall der Śāradaṇḍāyanī, mit einem überlegenen Brahmanen Nachkommen zu erzeugen.
Dienstwillig, ohne Selbstruhm, mit gebändigtem Selbst, die Sinne bezwungen, strebte er danach, durch eigene Kraft in den Himmel zu gelangen, o Bhārata.
Dienstwillig, ohne Selbstruhm, mit gebändigtem Selbst, die Sinne bezwungen, strebte er danach, durch eigene Kraft in den Himmel zu gelangen, o Bhārata.
svargapāraṃ titīrṣan sa śataśṛṅgād udaṅmukhaḥ pratasthe saha patnībhyām abruvaṃs tatra tāpasāḥ upary upari gacchantaḥ śailarājam udaṅmukhāḥ
Da er das jenseitige Ufer des Himmels zu erreichen wünschte, brach er, das Gesicht nach Norden gewandt, vom Śataśṛṅga auf, mit seinen beiden Gattinnen, immer höher und höher zum Königsberg emporsteigend, das Gesicht nach Norden gewandt. Da sprachen dort die Asketen:
Wort für Wort
svargapāraṃ titīrṣan sa śataśṛṅgād udaṅmukhaḥ pratasthe saha patnībhyām abruvaṃs tatra tāpasāḥ upary upari gacchantaḥ śailarājam udaṅmukhāḥ
Da er das jenseitige Ufer des Himmels zu erreichen wünschte, brach er, das Gesicht nach Norden gewandt, vom Śataśṛṅga auf, mit seinen beiden Gattinnen, immer höher und höher zum Königsberg emporsteigend, das Gesicht nach Norden gewandt. Da sprachen dort die Asketen:
santi nityahimā deśā nirvṛkṣamṛgapakṣiṇaḥ santi ke cin mahāvarṣā durgāḥ ke cid durāsadāḥ
Es gibt Gegenden, die stets von Schnee bedeckt sind, ohne Bäume, Tiere und Vögel; es gibt manche mit gewaltigen Regenfällen, unwegsame, manche unzugängliche.
Wort für Wort
santi nityahimā deśā nirvṛkṣamṛgapakṣiṇaḥ santi ke cin mahāvarṣā durgāḥ ke cid durāsadāḥ
Es gibt Gegenden, die stets von Schnee bedeckt sind, ohne Bäume, Tiere und Vögel; es gibt manche mit gewaltigen Regenfällen, unwegsame, manche unzugängliche.
gacchantyau śailarāje 'smin rājaputryau kathaṃ tv ime na sīdetām aduḥkhārhe mā gamo bharatarṣabha
Wie sollten diese beiden Königstöchter, die auf diesem Königsberg wandeln, nicht ins Wanken geraten? Sie, die kein Leid verdienen – geh nicht weiter, o Stier der Bharatas!'
Wort für Wort
gacchantyau śailarāje 'smin rājaputryau kathaṃ tv ime na sīdetām aduḥkhārhe mā gamo bharatarṣabha
Wie sollten diese beiden Königstöchter, die auf diesem Königsberg wandeln, nicht ins Wanken geraten? Sie, die kein Leid verdienen – geh nicht weiter, o Stier der Bharatas!'
Mit vier Schulden behaftet werden die Menschen zu Hunderttausenden auf Erden geboren – Schulden, die den Ahnen, den Göttern, den Ṛṣis und den Menschen zu entrichten sind.
Mit vier Schulden behaftet werden die Menschen zu Hunderttausenden auf Erden geboren – Schulden, die den Ahnen, den Göttern, den Ṛṣis und den Menschen zu entrichten sind.
etāni tu yathākālaṃ yo na budhyati mānavaḥ na tasya lokāḥ santīti dharmavidbhiḥ pratiṣṭhitam
Doch wer als Mensch diese nicht zur rechten Zeit begreicht und abträgt, für den, so haben die Kenner des Dharma festgestellt, gibt es keine himmlischen Welten.
Wort für Wort
etāni tu yathākālaṃ yo na budhyati mānavaḥ na tasya lokāḥ santīti dharmavidbhiḥ pratiṣṭhitam
Doch wer als Mensch diese nicht zur rechten Zeit begreicht und abträgt, für den, so haben die Kenner des Dharma festgestellt, gibt es keine himmlischen Welten.
ṛṣidevamanuṣyāṇāṃ parimukto 'smi dharmataḥ pitryād ṛṇād anirmuktas tena tapye tapodhanāḥ
Von der Schuld gegenüber Ṛṣis, Göttern und Menschen bin ich, dem Dharma gemäß, befreit; von der Schuld gegenüber den Ahnen bin ich nicht befreit – deswegen leide ich, o ihr Askesereichen.
Wort für Wort
ṛṣidevamanuṣyāṇāṃ parimukto 'smi dharmataḥ pitryād ṛṇād anirmuktas tena tapye tapodhanāḥ
Von der Schuld gegenüber Ṛṣis, Göttern und Menschen bin ich, dem Dharma gemäß, befreit; von der Schuld gegenüber den Ahnen bin ich nicht befreit – deswegen leide ich, o ihr Askesereichen.
Beim Untergang des Leibes ohne Nachkommen ist der Untergang der Ahnen gewiss – dies ist die feste Erkenntnis; darum werden die besten Männer hier um der Nachkommenschaft willen erzeugt.
Beim Untergang des Leibes ohne Nachkommen ist der Untergang der Ahnen gewiss – dies ist die feste Erkenntnis; darum werden die besten Männer hier um der Nachkommenschaft willen erzeugt.
yathaivāhaṃ pituḥ kṣetre sṛṣṭas tena mahātmanā tathaivāsmin mama kṣetre kathaṃ vai saṃbhavet prajā
So wie ich selbst auf dem Feld meines Vaters von jenem Hochgesinnten erzeugt wurde, wie könnte ebenso auf diesem meinem Feld Nachkommenschaft entstehen?
Wort für Wort
yathaivāhaṃ pituḥ kṣetre sṛṣṭas tena mahātmanā tathaivāsmin mama kṣetre kathaṃ vai saṃbhavet prajā
So wie ich selbst auf dem Feld meines Vaters von jenem Hochgesinnten erzeugt wurde, wie könnte ebenso auf diesem meinem Feld Nachkommenschaft entstehen?
tāpasā ūcuḥ asti vai tava dharmātman vidma devopamaṃ śubham apatyam anaghaṃ rājan vayaṃ divyena cakṣuṣā
Die Asketen sprachen: Fürwahr, es gibt für dich, o Frommer, makellose, göttergleiche, glückverheißende Nachkommenschaft, o König – wir wissen es mit göttlichem Auge.
Wort für Wort
tāpasā ūcuḥ asti vai tava dharmātman vidma devopamaṃ śubham apatyam anaghaṃ rājan vayaṃ divyena cakṣuṣā
Die Asketen sprachen: Fürwahr, es gibt für dich, o Frommer, makellose, göttergleiche, glückverheißende Nachkommenschaft, o König – wir wissen es mit göttlichem Auge.
Was vom Schicksal bestimmt ist, o Tiger unter den Männern, das bringe hier durch Handeln zur Erfüllung; ungetrübte Frucht erlangt der kluge Mann, ohne Verwirrung.
Was vom Schicksal bestimmt ist, o Tiger unter den Männern, das bringe hier durch Handeln zur Erfüllung; ungetrübte Frucht erlangt der kluge Mann, ohne Verwirrung.
Da diese Frucht dir vorherbestimmt ist, o Sohn, solltest du dich bemühen; nachdem du tugendreiche Nachkommenschaft erlangt hast, wirst du Freude erlangen.
Da diese Frucht dir vorherbestimmt ist, o Sohn, solltest du dich bemühen; nachdem du tugendreiche Nachkommenschaft erlangt hast, wirst du Freude erlangen.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als er die Worte der Asketen vernommen hatte, wurde Pāṇḍu von Sorge erfüllt, da er wusste, dass sein eigenes Wirken durch den Fluch des Hirsches vereitelt war.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als er die Worte der Asketen vernommen hatte, wurde Pāṇḍu von Sorge erfüllt, da er wusste, dass sein eigenes Wirken durch den Fluch des Hirsches vereitelt war.
so 'bravīd vijane kuntīṃ dharmapatnīṃ yaśasvinīm apatyotpādane yogam āpadi prasamarthayan
Er sprach in der Abgeschiedenheit zu Kuntī, seiner rechtmäßigen, ruhmreichen Gattin, indem er ihr in dieser Notlage ein Mittel zur Erzeugung von Nachkommenschaft nahelegte:
Wort für Wort
so 'bravīd vijane kuntīṃ dharmapatnīṃ yaśasvinīm apatyotpādane yogam āpadi prasamarthayan
Er sprach in der Abgeschiedenheit zu Kuntī, seiner rechtmäßigen, ruhmreichen Gattin, indem er ihr in dieser Notlage ein Mittel zur Erzeugung von Nachkommenschaft nahelegte:
‚Nachkommenschaft ist in den Welten der mit dem Dharma verbundene Bestand, o Kuntī – so wissen es die Weisen, [die] den ewigen Dharma von Anbeginn an [kennen].
‚Nachkommenschaft ist in den Welten der mit dem Dharma verbundene Bestand, o Kuntī – so wissen es die Weisen, [die] den ewigen Dharma von Anbeginn an [kennen].
So erkenne ich dies, o du mit reinem Lächeln, und sehe voraus, in der Erwägung: Ohne Nachkommenschaft werde ich die glückverheißenden Welten nicht erlangen.
So erkenne ich dies, o du mit reinem Lächeln, und sehe voraus, in der Erwägung: Ohne Nachkommenschaft werde ich die glückverheißenden Welten nicht erlangen.
mṛgābhiśāpān naṣṭaṃ me prajanaṃ hy akṛtātmanaḥ nṛśaṃsakāriṇo bhīru yathaivopahataṃ tathā
Durch den Fluch des Hirsches ist meine Zeugungskraft vernichtet, da ich, mein Selbst nicht beherrschend, eine grausame Tat beging – so, o Furchtsame, ist sie eben zunichtegemacht.
Wort für Wort
mṛgābhiśāpān naṣṭaṃ me prajanaṃ hy akṛtātmanaḥ nṛśaṃsakāriṇo bhīru yathaivopahataṃ tathā
Durch den Fluch des Hirsches ist meine Zeugungskraft vernichtet, da ich, mein Selbst nicht beherrschend, eine grausame Tat beging – so, o Furchtsame, ist sie eben zunichtegemacht.
ime vai bandhudāyādāḥ ṣaṭ putrā dharmadarśane ṣaḍ evābandhudāyādāḥ putrās tāñ śṛṇu me pṛthe
Dies sind, wie es die Dharma-Lehre sieht, die sechs Söhne, die Erben der Verwandtschaft sind; und sechs weitere Söhne sind nicht Erben der Verwandtschaft – höre sie von mir, o Pṛthā:
Wort für Wort
ime vai bandhudāyādāḥ ṣaṭ putrā dharmadarśane ṣaḍ evābandhudāyādāḥ putrās tāñ śṛṇu me pṛthe
Dies sind, wie es die Dharma-Lehre sieht, die sechs Söhne, die Erben der Verwandtschaft sind; und sechs weitere Söhne sind nicht Erben der Verwandtschaft – höre sie von mir, o Pṛthā:
svayaṃjātaḥ praṇītaś ca parikrītaś ca yaḥ sutaḥ paunarbhavaś ca kānīnaḥ svairiṇyāṃ yaś ca jāyate
der selbst erzeugte, der [durch einen Beauftragten] hervorgebrachte Sohn, der erkaufte Sohn, der Sohn der wiederverheirateten Witwe, der vor der Ehe von der Jungfrau Geborene, und der, welcher von einer freizügigen Frau geboren wird;
Wort für Wort
svayaṃjātaḥ praṇītaś ca parikrītaś ca yaḥ sutaḥ paunarbhavaś ca kānīnaḥ svairiṇyāṃ yaś ca jāyate
der selbst erzeugte, der [durch einen Beauftragten] hervorgebrachte Sohn, der erkaufte Sohn, der Sohn der wiederverheirateten Witwe, der vor der Ehe von der Jungfrau Geborene, und der, welcher von einer freizügigen Frau geboren wird;
[Anm.: Verse 28f. geben die klassische dharmaśāstrische Zwölf-Typen-Lehre der Söhne wieder (vgl. etwa Manusmṛti IX). Die genaue technische Entsprechung einzelner Sanskrit-Termini ist teils unsicher; hier möglichst wörtlich wiedergegeben.]
dattaḥ krītaḥ kṛtrimaś ca upagacchet svayaṃ ca yaḥ sahoḍho jātaretāś ca hīnayonidhṛtaś ca yaḥ
der geschenkte, der [ein zweites Mal] gekaufte, der künstlich [adoptiv] gemachte, der sich selbst anschließende, der [von einer bereits schwangeren Braut] mitgebrachte, der heimlich erzeugte, und der, welcher, obgleich von niedriger Herkunft, aufgezogen wird.
Wort für Wort
dattaḥ krītaḥ kṛtrimaś ca upagacchet svayaṃ ca yaḥ sahoḍho jātaretāś ca hīnayonidhṛtaś ca yaḥ
der geschenkte, der [ein zweites Mal] gekaufte, der künstlich [adoptiv] gemachte, der sich selbst anschließende, der [von einer bereits schwangeren Braut] mitgebrachte, der heimlich erzeugte, und der, welcher, obgleich von niedriger Herkunft, aufgezogen wird.
In Ermangelung der jeweils vorhergehenden, höherrangigen Art soll man, dies bedenkend, einen Sohn zu erlangen suchen; von der höchsten Art absteigend begehren Männer in der Notlage einen Sohn.
In Ermangelung der jeweils vorhergehenden, höherrangigen Art soll man, dies bedenkend, einen Sohn zu erlangen suchen; von der höchsten Art absteigend begehren Männer in der Notlage einen Sohn.
Die besten, dharmafruchttragenden Nachkommen erlangen die Rechtschaffenen auch dann, wenn sie nicht aus dem eigenen Samen stammen – so sprach, o Pṛthā, Manu Svāyambhuva.
Die besten, dharmafruchttragenden Nachkommen erlangen die Rechtschaffenen auch dann, wenn sie nicht aus dem eigenen Samen stammen – so sprach, o Pṛthā, Manu Svāyambhuva.
Darum werde ich dich heute, da ich selbst der Zeugungskraft beraubt bin, [zu einem anderen] senden; von einem mir Ebenbürtigen oder Überlegenen erlange du Nachkommenschaft, o Ruhmreiche.
Darum werde ich dich heute, da ich selbst der Zeugungskraft beraubt bin, [zu einem anderen] senden; von einem mir Ebenbürtigen oder Überlegenen erlange du Nachkommenschaft, o Ruhmreiche.
śṛṇu kunti kathāṃ cemāṃ śāradaṇḍāyanīṃ prati yā vīrapatnī gurubhir niyuktāpatyajanmani
Höre, o Kuntī, auch diese Geschichte von der Śāradaṇḍāyanī, die, die Gattin eines Helden, von den Älteren zur Zeugung von Nachkommenschaft beauftragt wurde.
Wort für Wort
śṛṇu kunti kathāṃ cemāṃ śāradaṇḍāyanīṃ prati yā vīrapatnī gurubhir niyuktāpatyajanmani
Höre, o Kuntī, auch diese Geschichte von der Śāradaṇḍāyanī, die, die Gattin eines Helden, von den Älteren zur Zeugung von Nachkommenschaft beauftragt wurde.
Nach der Reinigung gebadet, wählte sie nachts an einer Kreuzung, o Kuntī, einen vollkommenen Brahmanen und opferte, das Feuer für die Sohneszeugung entzündend.
Nach der Reinigung gebadet, wählte sie nachts an einer Kreuzung, o Kuntī, einen vollkommenen Brahmanen und opferte, das Feuer für die Sohneszeugung entzündend.
[Anm.: ‚puṣpeṇa prayatā' bezieht sich auf die rituelle Reinigung nach der Monatsblutung, wie es die Vorschrift für die günstigste Zeit der Empfängnis vorsah.]