Kapitel 74: Śukra-Devayānī-Saṃvādaḥ
Das Gespräch zwischen Śukra und Devayānī: Über Zornlosigkeit und Geduld
Śukra hält Devayānī eine Lehrrede über die Tugend der Zornlosigkeit und Geduld (akrodha, titikṣā) gegenüber Beleidigungen; Devayānī entgegnet, sie kenne diese Lehren zwar, könne aber die schreckliche Beleidigung Śarmiṣṭhās nicht hinnehmen und wolle nicht länger dort wohnen, wo die Rivalin sie an Glanz übertrifft - Vorspiel zu ihrer Forderung, Śarmiṣṭhā solle ihre Dienerin werden.
yaḥ samutpatitaṃ krodhaṃ nigṛhṇāti hayaṃ yathā sa yantety ucyate sadbhir na yo raśmiṣu lambate
Wer aufsteigenden Zorn zügelt wie ein Pferd, der wird von den Rechtschaffenen 'Lenker' genannt - nicht der, welcher an den Zügeln hängt [sich von ihm mitreißen lässt].
Wort für Wort
yaḥ samutpatitaṃ krodhaṃ nigṛhṇāti hayaṃ yathā sa yantety ucyate sadbhir na yo raśmiṣu lambate
Wer aufsteigenden Zorn zügelt wie ein Pferd, der wird von den Rechtschaffenen 'Lenker' genannt - nicht der, welcher an den Zügeln hängt [sich von ihm mitreißen lässt].
yaḥ saṃdhārayate manyuṃ yo 'tivādāṃs titikṣati yaś ca tapto na tapati dṛḍhaṃ so 'rthasya bhājanam
Wer seinen Groll zurückhält, wer Beleidigungen erträgt, und wer, selbst gequält, nicht zurückquält, der ist wahrhaft ein würdiges Gefäß des [wahren] Nutzens.
Wort für Wort
yaḥ saṃdhārayate manyuṃ yo 'tivādāṃs titikṣati yaś ca tapto na tapati dṛḍhaṃ so 'rthasya bhājanam
Wer seinen Groll zurückhält, wer Beleidigungen erträgt, und wer, selbst gequält, nicht zurückquält, der ist wahrhaft ein würdiges Gefäß des [wahren] Nutzens.
yat kumārāḥ kumāryaś ca vairaṃ kuryur acetasaḥ na tat prājño 'nukurvīta vidus te na balābalam
Was Knaben und Mädchen, unbedacht, an Feindschaft anrichten, das soll der Weise nicht nachahmen - sie kennen ja nicht das Verhältnis von Stärke und Schwäche.
Wort für Wort
yat kumārāḥ kumāryaś ca vairaṃ kuryur acetasaḥ na tat prājño 'nukurvīta vidus te na balābalam
Was Knaben und Mädchen, unbedacht, an Feindschaft anrichten, das soll der Weise nicht nachahmen - sie kennen ja nicht das Verhältnis von Stärke und Schwäche.
devayāny uvāca vedāhaṃ tāta bālāpi dharmāṇāṃ yad ihāntaram akrodhe cātivāde ca veda cāpi balābalam
Devayānī sprach: ›Ich weiß, Vater, obwohl ich noch jung bin, welcher Unterschied hier bei den Pflichten besteht bezüglich Zornlosigkeit und Beleidigung, und ich kenne auch das Verhältnis von Stärke und Schwäche.
Wort für Wort
devayāny uvāca vedāhaṃ tāta bālāpi dharmāṇāṃ yad ihāntaram akrodhe cātivāde ca veda cāpi balābalam
Devayānī sprach: ›Ich weiß, Vater, obwohl ich noch jung bin, welcher Unterschied hier bei den Pflichten besteht bezüglich Zornlosigkeit und Beleidigung, und ich kenne auch das Verhältnis von Stärke und Schwäche.
śiṣyasyāśiṣyavṛtter hi na kṣantavyaṃ bubhūṣatā tasmāt saṃkīrṇavṛtteṣu vāso mama na rocate
Denn wer selbst gedeihen will, darf das unschülerhafte Verhalten einer Schülerin nicht dulden; darum gefällt mir der Aufenthalt unter Menschen von vermischtem/unwürdigem Verhalten nicht.
Wort für Wort
śiṣyasyāśiṣyavṛtter hi na kṣantavyaṃ bubhūṣatā tasmāt saṃkīrṇavṛtteṣu vāso mama na rocate
Denn wer selbst gedeihen will, darf das unschülerhafte Verhalten einer Schülerin nicht dulden; darum gefällt mir der Aufenthalt unter Menschen von vermischtem/unwürdigem Verhalten nicht.
pumāṃso ye hi nindanti vṛttenābhijanena ca na teṣu nivaset prājñaḥ śreyorthī pāpabuddhiṣu
Bei Männern, die andere wegen ihres Verhaltens und ihrer Herkunft schmähen, soll ein Weiser, der nach dem Guten strebt, nicht unter ihnen wohnen, den Bösgesinnten.
Wort für Wort
pumāṃso ye hi nindanti vṛttenābhijanena ca na teṣu nivaset prājñaḥ śreyorthī pāpabuddhiṣu
Bei Männern, die andere wegen ihres Verhaltens und ihrer Herkunft schmähen, soll ein Weiser, der nach dem Guten strebt, nicht unter ihnen wohnen, den Bösgesinnten.
ye tv enam abhijānanti vṛttenābhijanena ca teṣu sādhuṣu vastavyaṃ sa vāsaḥ śreṣṭha ucyate
Diejenigen aber, die einen Menschen nach Verhalten und Herkunft [richtig] erkennen - bei diesen Rechtschaffenen soll man wohnen; dies wird der beste Aufenthalt genannt.
Wort für Wort
ye tv enam abhijānanti vṛttenābhijanena ca teṣu sādhuṣu vastavyaṃ sa vāsaḥ śreṣṭha ucyate
Diejenigen aber, die einen Menschen nach Verhalten und Herkunft [richtig] erkennen - bei diesen Rechtschaffenen soll man wohnen; dies wird der beste Aufenthalt genannt.
vāg duruktaṃ mahāghoraṃ duhitur vṛṣaparvaṇaḥ na hy ato duṣkarataraṃ manye lokeṣv api triṣu yaḥ sapatnaśriyaṃ dīptāṃ hīnaśrīḥ paryupāsate
Überaus schrecklich war die böse Rede der Tochter des Vṛṣaparvan; denn ich glaube, es gibt nichts Schwerer-zu-Ertragendes als dies in allen drei Welten: wenn einer, selbst des Glanzes beraubt, den strahlenden Glanz einer Rivalin bedienen muss.‹«
Wort für Wort
vāg duruktaṃ mahāghoraṃ duhitur vṛṣaparvaṇaḥ na hy ato duṣkarataraṃ manye lokeṣv api triṣu yaḥ sapatnaśriyaṃ dīptāṃ hīnaśrīḥ paryupāsate
Überaus schrecklich war die böse Rede der Tochter des Vṛṣaparvan; denn ich glaube, es gibt nichts Schwerer-zu-Ertragendes als dies in allen drei Welten: wenn einer, selbst des Glanzes beraubt, den strahlenden Glanz einer Rivalin bedienen muss.‹«
[Anm.: Devayānīs Schlussfolgerung kündigt den kommenden Konflikt an - sie wird von Vṛṣaparvan verlangen, dass Śarmiṣṭhā fortan ihre Dienerin werde, um dieses Ungleichgewicht aufzulösen (Fortsetzung in den folgenden Adhyāyas).