Kapitel 14: Āstīka-parva (Fortsetzung): Kadrū, Vinatā, Aruṇas Fluch und Garuḍas Geburt
Āstīka-parva (Fortsetzung): Kaśyapas Gattinnen Kadrū und Vinatā, der Wunsch-Wettstreit, Aruṇas Fluch und Garuḍas Geburt — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)
Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,014.001“ bis „01,014.023“). Auf Śaunakas Bitte um die ausführliche Fassung beginnt Sūta mit der Vorgeschichte der Nāgas: Kaśyapas zwei Gattinnen Kadrū und Vinatā erhalten je einen Wunsch – Kadrū wünscht sich tausend gleich starke Schlangensöhne, Vinatā zwei Söhne, die diesen an Kraft überlegen sein sollen. Nach fünfhundertjähriger Bebrütung schlüpfen Kadrūs Söhne, doch Vinatās Eier bleiben verschlossen; ungeduldig zerbricht sie eines vorzeitig und findet einen nur halb ausgeformten Sohn, Aruṇa, der sie im Zorn zur zeitweiligen Dienerin Kadrūs verflucht, bevor er zum ewigen Vorboten der Morgendämmerung wird. Der zweite Sohn, Garuḍa, wird zur rechten Zeit vollständig geboren und fliegt sogleich fort, um seine vorbestimmte Nahrung zu suchen. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.
śaunaka uvāca | saute kathaya tām etāṃ vistareṇa kathāṃ punaḥ | āstīkasya kaveḥ sādhoḥ śuśrūṣā paramā hi naḥ
Śaunaka sprach: „O Sohn des Sūta, erzähle diese Geschichte noch einmal ausführlich – von Āstīka, dem weisen, dem guten; unser Verlangen, sie zu hören, ist überaus groß.
Wort für Wort
śaunaka uvāca | saute kathaya tām etāṃ vistareṇa kathāṃ punaḥ | āstīkasya kaveḥ sādhoḥ śuśrūṣā paramā hi naḥ
Śaunaka sprach: „O Sohn des Sūta, erzähle diese Geschichte noch einmal ausführlich – von Āstīka, dem weisen, dem guten; unser Verlangen, sie zu hören, ist überaus groß.
te bhārye kaśyapasyāstāṃ kadrūś ca vinatā ca ha | prādāt tābhyāṃ varaṃ prītaḥ prajāpatisamaḥ patiḥ | kaśyapo dharmapatnībhyāṃ mudā paramayā yutaḥ
Diese, Kadrū und Vinatā, wurden Gattinnen Kaśyapas; erfreut gewährte ihnen beiden ihr Gemahl, Prajāpati gleich, Kaśyapa, seinen rechtmäßigen Gattinnen, von höchster Freude erfüllt, einen Wunsch.
Wort für Wort
te bhārye kaśyapasyāstāṃ kadrūś ca vinatā ca ha | prādāt tābhyāṃ varaṃ prītaḥ prajāpatisamaḥ patiḥ | kaśyapo dharmapatnībhyāṃ mudā paramayā yutaḥ
Diese, Kadrū und Vinatā, wurden Gattinnen Kaśyapas; erfreut gewährte ihnen beiden ihr Gemahl, Prajāpati gleich, Kaśyapa, seinen rechtmäßigen Gattinnen, von höchster Freude erfüllt, einen Wunsch.
varātisargaṃ śrutvaiva kaśyapād uttamaṃ ca te | harṣād apratimāṃ prītiṃ prāpatuḥ sma varastriyau
Sobald sie von Kaśyapa die Gewährung des vortrefflichen Wunsches gehört hatten, erlangten die beiden vortrefflichen Frauen aus Freude eine unvergleichliche Zufriedenheit.
Wort für Wort
varātisargaṃ śrutvaiva kaśyapād uttamaṃ ca te | harṣād apratimāṃ prītiṃ prāpatuḥ sma varastriyau
Sobald sie von Kaśyapa die Gewährung des vortrefflichen Wunsches gehört hatten, erlangten die beiden vortrefflichen Frauen aus Freude eine unvergleichliche Zufriedenheit.
Kadrū wünschte sich tausend Söhne, Nāgas, von gleicher Kraft; Vinatā wünschte sich zwei Söhne, die Kadrūs Söhnen an Kraft überlegen sein sollten – an Macht, an Glanz und an Tapferkeit überlegene Söhne.
Kadrū wünschte sich tausend Söhne, Nāgas, von gleicher Kraft; Vinatā wünschte sich zwei Söhne, die Kadrūs Söhnen an Kraft überlegen sein sollten – an Macht, an Glanz und an Tapferkeit überlegene Söhne.
Ihr gewährte der Gemahl den überaus erwünschten Wunsch nach „anderthalb Söhnen“; „so sei es“, sprach da Vinatā zu Kaśyapa.
[Anm.: „adhyardham“ (anderthalb) ist im Original wohl eine bewusste Vorausdeutung auf den Handlungsverlauf: von Vinatās zwei Söhnen wird der eine (Aruṇa) nur halb ausgeformt geboren, der andere (Garuḍa) vollständig – zusammen ergäbe dies bildlich „anderthalb Söhne“. Wörtlich, ohne Glättung wiedergegeben.]
kṛtakṛtyā tu vinatā labdhvā vīryādhikau sutau | kadrūś ca labdhvā putrāṇāṃ sahasraṃ tulyatejasām
Vinatā aber, ihr Ziel erreicht habend, nachdem sie die Zusage der beiden an Kraft überlegenen Söhne erlangt hatte, und Kadrū, nachdem sie die Zusage von tausend Söhnen gleicher Kraft erlangt hatte —
Wort für Wort
kṛtakṛtyā tu vinatā labdhvā vīryādhikau sutau | kadrūś ca labdhvā putrāṇāṃ sahasraṃ tulyatejasām
Vinatā aber, ihr Ziel erreicht habend, nachdem sie die Zusage der beiden an Kraft überlegenen Söhne erlangt hatte, und Kadrū, nachdem sie die Zusage von tausend Söhnen gleicher Kraft erlangt hatte —
dhāryau prayatnato garbhāv ity uktvā sa mahātapāḥ | te bhārye varasaṃhṛṣṭe kaśyapo vanam āviśat
„Die beiden Leibesfrüchte sollen sorgfältig ausgetragen werden“ – so sprach jener, der große Askese Übende, und Kaśyapa ging, während seine beiden vom Wunsch hocherfreuten Gattinnen zurückblieben, in den Wald.
Wort für Wort
dhāryau prayatnato garbhāv ity uktvā sa mahātapāḥ | te bhārye varasaṃhṛṣṭe kaśyapo vanam āviśat
„Die beiden Leibesfrüchte sollen sorgfältig ausgetragen werden“ – so sprach jener, der große Askese Übende, und Kaśyapa ging, während seine beiden vom Wunsch hocherfreuten Gattinnen zurückblieben, in den Wald.
Nach langer Zeit gebar Kadrū zehn Zehnergruppen von Eiern, o Fürst der Brahmanen, Vinatā aber zwei Eier.
[Anm.: „daśatīr daśa“ (wörtlich „zehn Zehnschaften“, also hundert Eier) scheint im Widerspruch zu Kadrūs zuvor erbetenem Wunsch nach tausend Söhnen zu stehen; da der kritische Text hier keine Variante notiert, wird wörtlich übersetzt, ohne die Diskrepanz stillschweigend zu glätten – möglicherweise entstammen mehrere Nāgas jeweils einem Ei, oder die Zahlangabe folgt einer anderen Zähllogik als in Vers 8.]
pūrvārdhakāyasaṃpannam itareṇāprakāśatā | sa putro roṣasaṃpannaḥ śaśāpainām iti śrutiḥ
der im oberen Körperteil vollständig ausgebildet war, im übrigen aber noch nicht sichtbar. Jener Sohn, von Zorn erfüllt, verfluchte sie – so ist es überliefert:
Wort für Wort
pūrvārdhakāyasaṃpannam itareṇāprakāśatā | sa putro roṣasaṃpannaḥ śaśāpainām iti śrutiḥ
der im oberen Körperteil vollständig ausgebildet war, im übrigen aber noch nicht sichtbar. Jener Sohn, von Zorn erfüllt, verfluchte sie – so ist es überliefert:
„Weil ich, o Mutter, von dir, die du von Gier ergriffen warst, so gemacht wurde, mit unvollständigem Körper, heute – deshalb sollst du eine Dienerin werden,
„Weil ich, o Mutter, von dir, die du von Gier ergriffen warst, so gemacht wurde, mit unvollständigem Körper, heute – deshalb sollst du eine Dienerin werden,
um sich selbst die Speise zu holen, die ihm vom Schicksal bestimmte Nahrung, hungrig, essenwollend, o Tiger unter den Bhṛgus.
[Anm.: Adhyāya 14 endet hier gemäß der lokalen Quelldatei; Garuḍas Suche nach seiner vorbestimmten Nahrung und die noch nicht erzählte Kadrū-Vinatā-Wette um die Farbe des Pferdes Uccaiḥśravas (die Vinatās Dienstbarkeit gegenüber Kadrū begründet) folgen in den nächsten Adhyāyas.]