Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 159: Purohitamāhātmyam Die Erhabenheit des Hauspriesters

Der besiegte Gandharva erklärt Arjuna, warum er die Pāṇḍavas nachts überwältigen konnte: sie reisten ohne Feueropfer und ohne einen vorangehenden Brahmanen (Purohita). Er rühmt die göttliche Abstammung und Tugend der Pāṇḍu-Söhne und erklärt, nur Arjunas strenge Keuschheit habe ihn letztlich besiegt. Daran schließt sich eine ausführliche Lehrrede über die Notwendigkeit eines gelehrten, rechtschaffenen Hauspriesters für jeden König, der dauerhaften Erfolg und ein beständiges Königreich anstrebt.

arjuna uvāca kāraṇaṃ brūhi gandharva kiṃ tad yena sma dharṣitāḥ yānto brahmavidaḥ santaḥ sarve rātrāv ariṃdama

Arjuna sprach: ‚Nenne mir den Grund, o Gandharva, welcher es war, durch den wir, obwohl wir alle des Brahman kundig sind, des Nachts überwältigt wurden, o Bezwinger der Feinde.'

Wort für Wort
arjuna uvāca kāraṇaṃ brūhi gandharva kiṃ tad yena sma dharṣitāḥ yānto brahmavidaḥ santaḥ sarve rātrāv ariṃdama
Arjuna sprach: ‚Nenne mir den Grund, o Gandharva, welcher es war, durch den wir, obwohl wir alle des Brahman kundig sind, des Nachts überwältigt wurden, o Bezwinger der Feinde.'

gandharva uvāca anagnayo 'nāhutayo na ca viprapuraskṛtāḥ yūyaṃ tato dharṣitāḥ stha mayā pāṇḍavanandana

Der Gandharva sprach: ‚Ohne Feuer, ohne Opfergaben, und nicht von einem Brahmanen angeführt wart ihr; deshalb wurdet ihr von mir überwältigt, o Freude der Pāṇḍavas.'

Wort für Wort
gandharva uvāca anagnayo 'nāhutayo na ca viprapuraskṛtāḥ yūyaṃ tato dharṣitāḥ stha mayā pāṇḍavanandana
Der Gandharva sprach: ‚Ohne Feuer, ohne Opfergaben, und nicht von einem Brahmanen angeführt wart ihr; deshalb wurdet ihr von mir überwältigt, o Freude der Pāṇḍavas.'

yakṣarākṣasagandharvāḥ piśācoragamānavāḥ vistaraṃ kuruvaṃśasya śrīmataḥ kathayanti te

‚Yakṣas, Rākṣasas, Gandharvas, Piśācas, Schlangenwesen und Menschen erzählen ausführlich von eurem glanzvollen Kuru-Geschlecht.'

Wort für Wort
yakṣarākṣasagandharvāḥ piśācoragamānavāḥ vistaraṃ kuruvaṃśasya śrīmataḥ kathayanti te
‚Yakṣas, Rākṣasas, Gandharvas, Piśācas, Schlangenwesen und Menschen erzählen ausführlich von eurem glanzvollen Kuru-Geschlecht.'

nāradaprabhṛtīnāṃ ca devarṣīṇāṃ mayā śrutam guṇān kathayatāṃ vīra pūrveṣāṃ tava dhīmatām

‚Von Nārada und den übrigen Götterṛṣis habe ich, o Held, die Tugenden deiner weisen Vorfahren erzählen hören.'

Wort für Wort
nāradaprabhṛtīnāṃ ca devarṣīṇāṃ mayā śrutam guṇān kathayatāṃ vīra pūrveṣāṃ tava dhīmatām
‚Von Nārada und den übrigen Götterṛṣis habe ich, o Held, die Tugenden deiner weisen Vorfahren erzählen hören.'

svayaṃ cāpi mayā dṛṣṭaś caratā sāgarāmbarām imāṃ vasumatīṃ kṛtsnāṃ prabhāvaḥ svakulasya te

‚Und selbst habe auch ich, der ich diese ganze, vom Meer umgürtete Erde durchstreife, die Macht deines eigenen Geschlechts gesehen.'

Wort für Wort
svayaṃ cāpi mayā dṛṣṭaś caratā sāgarāmbarām imāṃ vasumatīṃ kṛtsnāṃ prabhāvaḥ svakulasya te
‚Und selbst habe auch ich, der ich diese ganze, vom Meer umgürtete Erde durchstreife, die Macht deines eigenen Geschlechts gesehen.'

vede dhanuṣi cācāryam abhijānāmi te 'rjuna viśrutaṃ triṣu lokeṣu bhāradvājaṃ yaśasvinam

‚Ich kenne deinen Lehrer im Veda und im Bogenschießen, Arjuna, den in den drei Welten berühmten, ruhmreichen Sohn Bharadvājas.'

Wort für Wort
vede dhanuṣi cācāryam abhijānāmi te 'rjuna viśrutaṃ triṣu lokeṣu bhāradvājaṃ yaśasvinam
‚Ich kenne deinen Lehrer im Veda und im Bogenschießen, Arjuna, den in den drei Welten berühmten, ruhmreichen Sohn Bharadvājas.'

dharmaṃ vāyuṃ ca śakraṃ ca vijānāmy aśvinau tathā pāṇḍuṃ ca kuruśārdūla ṣaḍ etān kulavardhanān pitṝn etān ahaṃ pārtha devamānuṣasattamān

‚Ich kenne Dharma, Vāyu und Śakra, ebenso die beiden Aśvins, und Pāṇḍu, o Tiger der Kurus – diese sechs, die euer Geschlecht mehren, diese Väter, o Pārtha, die Besten unter Göttern und Menschen.'

Wort für Wort
dharmaṃ vāyuṃ ca śakraṃ ca vijānāmy aśvinau tathā pāṇḍuṃ ca kuruśārdūla ṣaḍ etān kulavardhanān pitṝn etān ahaṃ pārtha devamānuṣasattamān
‚Ich kenne Dharma, Vāyu und Śakra, ebenso die beiden Aśvins, und Pāṇḍu, o Tiger der Kurus – diese sechs, die euer Geschlecht mehren, diese Väter, o Pārtha, die Besten unter Göttern und Menschen.'

divyātmāno mahātmānaḥ sarvaśastrabhṛtāṃ varāḥ bhavanto bhrātaraḥ śūrāḥ sarve sucaritavratāḥ

‚Von göttlichem Wesen, hochherzig, die Besten aller Waffenträger seid ihr Brüder, tapfer, alle von rechtschaffenem Gelübde.'

Wort für Wort
divyātmāno mahātmānaḥ sarvaśastrabhṛtāṃ varāḥ bhavanto bhrātaraḥ śūrāḥ sarve sucaritavratāḥ
‚Von göttlichem Wesen, hochherzig, die Besten aller Waffenträger seid ihr Brüder, tapfer, alle von rechtschaffenem Gelübde.'

uttamāṃ tu manobuddhiṃ bhavatāṃ bhāvitātmanām jānann api ca vaḥ pārtha kṛtavān iha dharṣaṇām

‚Doch obwohl ich euren vortrefflichen Sinn und Verstand kannte, ihr geläuterten Wesens, o Pārtha, habe ich hier dennoch den Angriff auf euch verübt.'

Wort für Wort
uttamāṃ tu manobuddhiṃ bhavatāṃ bhāvitātmanām jānann api ca vaḥ pārtha kṛtavān iha dharṣaṇām
‚Doch obwohl ich euren vortrefflichen Sinn und Verstand kannte, ihr geläuterten Wesens, o Pārtha, habe ich hier dennoch den Angriff auf euch verübt.'

strīsakāśe ca kauravya na pumān kṣantum arhati dharṣaṇām ātmanaḥ paśyan bāhudraviṇam āśritaḥ

‚Denn in Gegenwart von Frauen, o Kaurava, verträgt kein Mann es, einen Angriff auf sich selbst mit ansehen zu müssen, auf die Kraft seiner Arme gestützt.'

Wort für Wort
strīsakāśe ca kauravya na pumān kṣantum arhati dharṣaṇām ātmanaḥ paśyan bāhudraviṇam āśritaḥ
‚Denn in Gegenwart von Frauen, o Kaurava, verträgt kein Mann es, einen Angriff auf sich selbst mit ansehen zu müssen, auf die Kraft seiner Arme gestützt.'

naktaṃ ca balam asmākaṃ bhūya evābhivardhate yatas tato māṃ kaunteya sadāraṃ manyur āviśat

‚Und da unsere Kraft nachts noch mehr zunimmt, deshalb, o Kaunteya, ergriff mich, den Gattenbegleiteten, der Zorn.'

Wort für Wort
naktaṃ ca balam asmākaṃ bhūya evābhivardhate yatas tato māṃ kaunteya sadāraṃ manyur āviśat
‚Und da unsere Kraft nachts noch mehr zunimmt, deshalb, o Kaunteya, ergriff mich, den Gattenbegleiteten, der Zorn.'

so 'haṃ tvayeha vijitaḥ saṃkhye tāpatyavardhana yena teneha vidhinā kīrtyamānaṃ nibodha me

‚So wurde ich von dir hier im Kampf besiegt, o Mehrer des Tapatī-Geschlechts; auf welche Weise auch immer – vernimm von mir, was hier zu verkünden ist.'

Wort für Wort
so 'haṃ tvayeha vijitaḥ saṃkhye tāpatyavardhana yena teneha vidhinā kīrtyamānaṃ nibodha me
‚So wurde ich von dir hier im Kampf besiegt, o Mehrer des Tapatī-Geschlechts; auf welche Weise auch immer – vernimm von mir, was hier zu verkünden ist.'

[Anm.: ‚Tāpatyavardhana' (,Mehrer des Tapatī-Geschlechts') verweist auf Tapatī, die legendäre Ahnfrau der Kuru-Linie.

brahmacaryaṃ paro dharmaḥ sa cāpi niyatas tvayi yasmāt tasmād ahaṃ pārtha raṇe 'smin vijitas tvayā

‚Keuschheit ist der höchste Dharma, und dieser ist auch fest in dir verankert; deswegen, o Pārtha, wurde ich in diesem Kampf von dir besiegt.'

Wort für Wort
brahmacaryaṃ paro dharmaḥ sa cāpi niyatas tvayi yasmāt tasmād ahaṃ pārtha raṇe 'smin vijitas tvayā
‚Keuschheit ist der höchste Dharma, und dieser ist auch fest in dir verankert; deswegen, o Pārtha, wurde ich in diesem Kampf von dir besiegt.'

yas tu syāt kṣatriyaḥ kaś cit kāmavṛttaḥ paraṃtapa naktaṃ ca yudhi yudhyeta na sa jīvet kathaṃ cana

‚Welcher Kṣatriya aber auch immer, der nach Lust lebt, o Bezwinger der Feinde, und des Nachts im Kampf kämpfen würde – der könnte auf keine Weise überleben.'

Wort für Wort
yas tu syāt kṣatriyaḥ kaś cit kāmavṛttaḥ paraṃtapa naktaṃ ca yudhi yudhyeta na sa jīvet kathaṃ cana
‚Welcher Kṣatriya aber auch immer, der nach Lust lebt, o Bezwinger der Feinde, und des Nachts im Kampf kämpfen würde – der könnte auf keine Weise überleben.'

yas tu syāt kāmavṛtto 'pi rājā tāpatya saṃgare jayen naktaṃcarān sarvān sa purohitadhūrgataḥ

‚Welcher König aber, auch wenn er nach Lust lebt, o Tāpatya, im Kampf alle Nachtwandler besiegen würde – der ist es, der sich auf die Last eines Hauspriesters stützt.'

Wort für Wort
yas tu syāt kāmavṛtto 'pi rājā tāpatya saṃgare jayen naktaṃcarān sarvān sa purohitadhūrgataḥ
‚Welcher König aber, auch wenn er nach Lust lebt, o Tāpatya, im Kampf alle Nachtwandler besiegen würde – der ist es, der sich auf die Last eines Hauspriesters stützt.'

tasmāt tāpatya yat kiṃ cin nṛṇāṃ śreya ihepsitam tasmin karmaṇi yoktavyā dāntātmānaḥ purohitāḥ

‚Deshalb, o Tāpatya, was auch immer den Menschen hier als Heil erstrebenswert ist – bei diesem Werk sollen selbstbeherrschte Hauspriester eingesetzt werden.'

Wort für Wort
tasmāt tāpatya yat kiṃ cin nṛṇāṃ śreya ihepsitam tasmin karmaṇi yoktavyā dāntātmānaḥ purohitāḥ
‚Deshalb, o Tāpatya, was auch immer den Menschen hier als Heil erstrebenswert ist – bei diesem Werk sollen selbstbeherrschte Hauspriester eingesetzt werden.'

vede ṣaḍaṅge niratāḥ śucayaḥ satyavādinaḥ dharmātmānaḥ kṛtātmānaḥ syur nṛpāṇāṃ purohitāḥ

‚Im Veda und den sechs Vedāṅgas bewandert, rein, wahrhaftig redend, von rechtschaffenem Wesen, vollendeten Geistes sollen der Könige Hauspriester sein.'

Wort für Wort
vede ṣaḍaṅge niratāḥ śucayaḥ satyavādinaḥ dharmātmānaḥ kṛtātmānaḥ syur nṛpāṇāṃ purohitāḥ
‚Im Veda und den sechs Vedāṅgas bewandert, rein, wahrhaftig redend, von rechtschaffenem Wesen, vollendeten Geistes sollen der Könige Hauspriester sein.'

jayaś ca niyato rājñaḥ svargaś ca syād anantaram yasya syād dharmavid vāgmī purodhāḥ śīlavāñ śuciḥ

‚Und Sieg ist dem König gewiss, und der Himmel unmittelbar danach, wenn er einen dharmakundigen, redegewandten, sitten- und reinlebenden Hauspriester hat.'

Wort für Wort
jayaś ca niyato rājñaḥ svargaś ca syād anantaram yasya syād dharmavid vāgmī purodhāḥ śīlavāñ śuciḥ
‚Und Sieg ist dem König gewiss, und der Himmel unmittelbar danach, wenn er einen dharmakundigen, redegewandten, sitten- und reinlebenden Hauspriester hat.'

lābhaṃ labdhum alabdhaṃ hi labdhaṃ ca parirakṣitum purohitaṃ prakurvīta rājā guṇasamanvitam

‚Um Ungewonnenes zu gewinnen und Gewonnenes zu bewahren, soll ein König sich einen mit guten Eigenschaften versehenen Hauspriester nehmen.'

Wort für Wort
lābhaṃ labdhum alabdhaṃ hi labdhaṃ ca parirakṣitum purohitaṃ prakurvīta rājā guṇasamanvitam
‚Um Ungewonnenes zu gewinnen und Gewonnenes zu bewahren, soll ein König sich einen mit guten Eigenschaften versehenen Hauspriester nehmen.'

purohitamate tiṣṭhed ya icchet pṛthivīṃ nṛpaḥ prāptuṃ meruvarottaṃsāṃ sarvaśaḥ sāgarāmbarām

‚In der Ansicht seines Hauspriesters soll verharren, welcher König die Erde erlangen möchte, die den Meru als vortrefflichen Scheitelschmuck trägt und ringsum vom Meer umgürtet ist.'

Wort für Wort
purohitamate tiṣṭhed ya icchet pṛthivīṃ nṛpaḥ prāptuṃ meruvarottaṃsāṃ sarvaśaḥ sāgarāmbarām
‚In der Ansicht seines Hauspriesters soll verharren, welcher König die Erde erlangen möchte, die den Meru als vortrefflichen Scheitelschmuck trägt und ringsum vom Meer umgürtet ist.'

na hi kevalaśauryeṇa tāpatyābhijanena ca jayed abrāhmaṇaḥ kaś cid bhūmiṃ bhūmipatiḥ kva cit

‚Denn durch bloße Tapferkeit und edle Abstammung allein könnte kein Erdenherrscher, dem ein Brahmane fehlt, jemals die Erde erobern.'

Wort für Wort
na hi kevalaśauryeṇa tāpatyābhijanena ca jayed abrāhmaṇaḥ kaś cid bhūmiṃ bhūmipatiḥ kva cit
‚Denn durch bloße Tapferkeit und edle Abstammung allein könnte kein Erdenherrscher, dem ein Brahmane fehlt, jemals die Erde erobern.'

tasmād evaṃ vijānīhi kurūṇāṃ vaṃśavardhana brāhmaṇapramukhaṃ rājyaṃ śakyaṃ pālayituṃ ciram

‚Deshalb erkenne dies so, o Mehrer des Kuru-Geschlechts: nur ein Königreich, in dem die Brahmanen an erster Stelle stehen, lässt sich lange bewahren.'

Wort für Wort
tasmād evaṃ vijānīhi kurūṇāṃ vaṃśavardhana brāhmaṇapramukhaṃ rājyaṃ śakyaṃ pālayituṃ ciram
‚Deshalb erkenne dies so, o Mehrer des Kuru-Geschlechts: nur ein Königreich, in dem die Brahmanen an erster Stelle stehen, lässt sich lange bewahren.'

Dieses Kapitel in der Leseansicht