Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 38: Āstīka-parva (Fortsetzung): Warnung und Schutzmaßnahmen für Parikṣit Āstīka-parva (Fortsetzung): Śamīka ermahnt Śṛṅgin und warnt Parikṣit; der König trifft Schutzvorkehrungen; Takṣaka begegnet dem heilkundigen Kāśyapa — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)

Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,038.001“ bis „01,038.039“). Śamīka ermahnt seinen Sohn Śṛṅgin zu Gleichmut, sendet aber dennoch seinen Schüler Gauramukha, um König Parikṣit vor dem unwiderruflichen Fluch zu warnen. Der erschütterte König trifft umfassende Schutzvorkehrungen (ein einsäuliger, bewachter Palast, Ärzte, Heilmittel, mantrenkundige Brahmanen). Am siebten Tag macht sich der heilkundige Brahmane Kāśyapa auf den Weg, um den König vor Takṣakas Gift zu retten, wird aber von Takṣaka selbst, der die Gestalt eines alten Brahmanen annimmt, auf dem Weg abgefangen. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.

śṛṅgy uvāca | yady etat sāhasaṃ tāta yadi vā duṣkṛtaṃ kṛtam | priyaṃ vāpy apriyaṃ vā te vāg uktā na mṛṣā mayā

Śṛṅgin sprach: „Mag dies eine Übereilung sein, Vater, mag es eine üble Tat sein, mag es dir lieb oder unlieb sein — das Wort, das ich gesprochen habe, ist nicht falsch.

Wort für Wort
śṛṅgy uvāca | yady etat sāhasaṃ tāta yadi vā duṣkṛtaṃ kṛtam | priyaṃ vāpy apriyaṃ vā te vāg uktā na mṛṣā mayā
Śṛṅgin sprach: „Mag dies eine Übereilung sein, Vater, mag es eine üble Tat sein, mag es dir lieb oder unlieb sein — das Wort, das ich gesprochen habe, ist nicht falsch.

naivānyathedaṃ bhavitā pitar eṣa bravīmi te | nāhaṃ mṛṣā prabravīmi svaireṣv api kutaḥ śapan

Es wird sich nicht anders zutragen, Vater — das sage ich dir; ich spreche nicht falsch, nicht einmal im Scherz, wieviel weniger beim Fluchen.“

Wort für Wort
naivānyathedaṃ bhavitā pitar eṣa bravīmi te | nāhaṃ mṛṣā prabravīmi svaireṣv api kutaḥ śapan
Es wird sich nicht anders zutragen, Vater — das sage ich dir; ich spreche nicht falsch, nicht einmal im Scherz, wieviel weniger beim Fluchen.“

śamīka uvāca | jānāmy ugraprabhāvaṃ tvāṃ putra satyagiraṃ tathā | nānṛtaṃ hy uktapūrvaṃ te naitan mithyā bhaviṣyati

Śamīka sprach: „Ich weiß, dass du von gewaltiger Macht bist, mein Sohn, und wahrhaftiger Rede; nie zuvor war dein Wort falsch, und auch dies wird sich nicht als unwahr erweisen.

Wort für Wort
śamīka uvāca | jānāmy ugraprabhāvaṃ tvāṃ putra satyagiraṃ tathā | nānṛtaṃ hy uktapūrvaṃ te naitan mithyā bhaviṣyati
Śamīka sprach: „Ich weiß, dass du von gewaltiger Macht bist, mein Sohn, und wahrhaftiger Rede; nie zuvor war dein Wort falsch, und auch dies wird sich nicht als unwahr erweisen.

pitrā putro vayaḥstho 'pi satataṃ vācya eva tu | yathā syād guṇasaṃyuktaḥ prāpnuyāc ca mahad yaśaḥ

Ein Sohn muss, auch wenn er schon im reifen Alter steht, vom Vater stets ermahnt werden, auf dass er mit guten Eigenschaften ausgestattet sei und großen Ruhm erlange.

Wort für Wort
pitrā putro vayaḥstho 'pi satataṃ vācya eva tu | yathā syād guṇasaṃyuktaḥ prāpnuyāc ca mahad yaśaḥ
Ein Sohn muss, auch wenn er schon im reifen Alter steht, vom Vater stets ermahnt werden, auf dass er mit guten Eigenschaften ausgestattet sei und großen Ruhm erlange.

kiṃ punar bāla eva tvaṃ tapasā bhāvitaḥ prabho | vardhate ca prabhavatāṃ kopo 'tīva mahātmanām

Wie viel mehr gilt dies für dich, der du noch ein Kind bist, o Mächtiger, wenn auch durch Askese gereift; und der Zorn der Mächtigen, der Hochgesinnten, wächst überaus leicht.

Wort für Wort
kiṃ punar bāla eva tvaṃ tapasā bhāvitaḥ prabho | vardhate ca prabhavatāṃ kopo 'tīva mahātmanām
Wie viel mehr gilt dies für dich, der du noch ein Kind bist, o Mächtiger, wenn auch durch Askese gereift; und der Zorn der Mächtigen, der Hochgesinnten, wächst überaus leicht.

so 'haṃ paśyāmi vaktavyaṃ tvayi dharmabhṛtāṃ vara | putratvaṃ bālatāṃ caiva tavāvekṣya ca sāhasam

So sehe ich mich veranlasst, dich zu ermahnen, o Bester der Pflichtträger — im Blick auf deine Sohnschaft, deine Kindlichkeit und deine Übereilung.

Wort für Wort
so 'haṃ paśyāmi vaktavyaṃ tvayi dharmabhṛtāṃ vara | putratvaṃ bālatāṃ caiva tavāvekṣya ca sāhasam
So sehe ich mich veranlasst, dich zu ermahnen, o Bester der Pflichtträger — im Blick auf deine Sohnschaft, deine Kindlichkeit und deine Übereilung.

sa tvaṃ śamayuto bhūtvā vanyam āhāram āharan | cara krodham imaṃ tyaktvā naivaṃ dharmaṃ prahāsyasi

Du sollst nun, mit Gleichmut ausgestattet, waldeigene Nahrung zu dir nehmend, wandeln, indem du diesen Zorn ablegst — so wirst du die Pflicht nicht verlieren.

Wort für Wort
sa tvaṃ śamayuto bhūtvā vanyam āhāram āharan | cara krodham imaṃ tyaktvā naivaṃ dharmaṃ prahāsyasi
Du sollst nun, mit Gleichmut ausgestattet, waldeigene Nahrung zu dir nehmend, wandeln, indem du diesen Zorn ablegst — so wirst du die Pflicht nicht verlieren.

krodho hi dharmaṃ harati yatīnāṃ duḥkhasaṃcitam | tato dharmavihīnānāṃ gatir iṣṭā na vidyate

Denn Zorn raubt den Asketen die mühsam angesammelte Pflicht; und für die der Pflicht Beraubten gibt es kein erwünschtes Ziel.

Wort für Wort
krodho hi dharmaṃ harati yatīnāṃ duḥkhasaṃcitam | tato dharmavihīnānāṃ gatir iṣṭā na vidyate
Denn Zorn raubt den Asketen die mühsam angesammelte Pflicht; und für die der Pflicht Beraubten gibt es kein erwünschtes Ziel.

śama eva yatīnāṃ hi kṣamiṇāṃ siddhikārakaḥ | kṣamāvatām ayaṃ lokaḥ paraś caiva kṣamāvatām

Gleichmut allein bringt ja den geduldigen Asketen die Vollendung; diese Welt gehört den Geduldigen, und ebenso die jenseitige den Geduldigen.

Wort für Wort
śama eva yatīnāṃ hi kṣamiṇāṃ siddhikārakaḥ | kṣamāvatām ayaṃ lokaḥ paraś caiva kṣamāvatām
Gleichmut allein bringt ja den geduldigen Asketen die Vollendung; diese Welt gehört den Geduldigen, und ebenso die jenseitige den Geduldigen.

tasmāc carethāḥ satataṃ kṣamāśīlo jitendriyaḥ | kṣamayā prāpsyase lokān brahmaṇaḥ samanantarān

Darum wandle stets von geduldigem Wesen, mit gezügelten Sinnen; durch Geduld wirst du Welten erlangen, die unmittelbar an die Welt Brahmās angrenzen.

Wort für Wort
tasmāc carethāḥ satataṃ kṣamāśīlo jitendriyaḥ | kṣamayā prāpsyase lokān brahmaṇaḥ samanantarān
Darum wandle stets von geduldigem Wesen, mit gezügelten Sinnen; durch Geduld wirst du Welten erlangen, die unmittelbar an die Welt Brahmās angrenzen.

mayā tu śamam āsthāya yac chakyaṃ kartum adya vai | tat kariṣye 'dya tātāhaṃ preṣayiṣye nṛpāya vai

Ich aber werde, den Gleichmut wahrend, tun, was heute möglich ist zu tun; ich werde noch heute, mein Sohn, einen Boten zum König senden —

Wort für Wort
mayā tu śamam āsthāya yac chakyaṃ kartum adya vai | tat kariṣye 'dya tātāhaṃ preṣayiṣye nṛpāya vai
Ich aber werde, den Gleichmut wahrend, tun, was heute möglich ist zu tun; ich werde noch heute, mein Sohn, einen Boten zum König senden —

mama putreṇa śapto 'si bālenākṛtabuddhinā | mamemāṃ dharṣaṇāṃ tvattaḥ prekṣya rājann amarṣiṇā

mit der Botschaft: ‚Von meinem Sohn bist du verflucht worden, einem Kind von unreifem Verstand, der, unduldsam, in mir diese Kränkung durch dich sah, o König.'“

Wort für Wort
mama putreṇa śapto 'si bālenākṛtabuddhinā | mamemāṃ dharṣaṇāṃ tvattaḥ prekṣya rājann amarṣiṇā
mit der Botschaft: ‚Von meinem Sohn bist du verflucht worden, einem Kind von unreifem Verstand, der, unduldsam, in mir diese Kränkung durch dich sah, o König.'“

sūta uvāca | evamādiśya śiṣyaṃ sa preṣayām āsa suvrataḥ | parikṣite nṛpataye dayāpanno mahātapāḥ

Sūta sprach: Nachdem er so angewiesen hatte, sandte er, von großer Askese, dem guten Gelübde treu, von Mitleid ergriffen, einen Schüler zum König Parikṣit,

Wort für Wort
sūta uvāca | evamādiśya śiṣyaṃ sa preṣayām āsa suvrataḥ | parikṣite nṛpataye dayāpanno mahātapāḥ
Sūta sprach: Nachdem er so angewiesen hatte, sandte er, von großer Askese, dem guten Gelübde treu, von Mitleid ergriffen, einen Schüler zum König Parikṣit,

saṃdiśya kuśalapraśnaṃ kāryavṛttāntam eva ca | śiṣyaṃ gauramukhaṃ nāma śīlavantaṃ samāhitam

nachdem er ihm die Grußfrage nach dem Wohlergehen und den Sachverhalt aufgetragen hatte — den Schüler mit Namen Gauramukha, wohlgesittet, gesammelt.

Wort für Wort
saṃdiśya kuśalapraśnaṃ kāryavṛttāntam eva ca | śiṣyaṃ gauramukhaṃ nāma śīlavantaṃ samāhitam
nachdem er ihm die Grußfrage nach dem Wohlergehen und den Sachverhalt aufgetragen hatte — den Schüler mit Namen Gauramukha, wohlgesittet, gesammelt.

so 'bhigamya tataḥ śīghraṃ narendraṃ kuruvardhanam | viveśa bhavanaṃ rājñaḥ pūrvaṃ dvāḥsthair niveditaḥ

Dieser begab sich rasch zu dem Herrscher der Menschen, dem Mehrer der Kurus; er betrat den Palast des Königs, nachdem er zuvor von den Türwächtern gemeldet worden war.

Wort für Wort
so 'bhigamya tataḥ śīghraṃ narendraṃ kuruvardhanam | viveśa bhavanaṃ rājñaḥ pūrvaṃ dvāḥsthair niveditaḥ
Dieser begab sich rasch zu dem Herrscher der Menschen, dem Mehrer der Kurus; er betrat den Palast des Königs, nachdem er zuvor von den Türwächtern gemeldet worden war.

pūjitaś ca narendreṇa dvijo gauramukhas tataḥ | ācakhyau pariviśrānto rājñe sarvam aśeṣataḥ | śamīkavacanaṃ ghoraṃ yathoktaṃ mantrisaṃnidhau

Von dem Herrscher der Menschen geehrt, berichtete der Zweifachgeborene Gauramukha sodann, nachdem er sich ausgeruht hatte, dem König alles vollständig — Śamīkas furchtbare Botschaft, wie sie ihm aufgetragen worden war, in Gegenwart der Minister:

Wort für Wort
pūjitaś ca narendreṇa dvijo gauramukhas tataḥ | ācakhyau pariviśrānto rājñe sarvam aśeṣataḥ | śamīkavacanaṃ ghoraṃ yathoktaṃ mantrisaṃnidhau
Von dem Herrscher der Menschen geehrt, berichtete der Zweifachgeborene Gauramukha sodann, nachdem er sich ausgeruht hatte, dem König alles vollständig — Śamīkas furchtbare Botschaft, wie sie ihm aufgetragen worden war, in Gegenwart der Minister:

śamīko nāma rājendra viṣaye vartate tava | ṛṣiḥ paramadharmātmā dāntaḥ śānto mahātapāḥ

„Mit Namen Śamīka, o König der Könige, lebt in deinem Reich ein Seher von höchster Rechtschaffenheit, gezügelt, friedvoll, von großer Askese.

Wort für Wort
śamīko nāma rājendra viṣaye vartate tava | ṛṣiḥ paramadharmātmā dāntaḥ śānto mahātapāḥ
„Mit Namen Śamīka, o König der Könige, lebt in deinem Reich ein Seher von höchster Rechtschaffenheit, gezügelt, friedvoll, von großer Askese.

tasya tvayā naravyāghra sarpaḥ prāṇair viyojitaḥ | avasakto dhanuṣkoṭyā skandhe bharatasattama | kṣāntavāṃs tava tat karma putras tasya na cakṣame

Ihm wurde von dir, Tiger unter den Männern, eine tote Schlange, mit der Spitze des Bogens auf die Schulter gehängt, o Bester der Bharatas; er selbst hat dir diese Tat verziehen, doch sein Sohn hat sie nicht verziehen.

Wort für Wort
tasya tvayā naravyāghra sarpaḥ prāṇair viyojitaḥ | avasakto dhanuṣkoṭyā skandhe bharatasattama | kṣāntavāṃs tava tat karma putras tasya na cakṣame
Ihm wurde von dir, Tiger unter den Männern, eine tote Schlange, mit der Spitze des Bogens auf die Schulter gehängt, o Bester der Bharatas; er selbst hat dir diese Tat verziehen, doch sein Sohn hat sie nicht verziehen.

tena śapto 'si rājendra pitur ajñātam adya vai | takṣakaḥ saptarātreṇa mṛtyus te vai bhaviṣyati

Von diesem bist du verflucht worden, o König der Könige, ohne Wissen des Vaters, heute; Takṣaka wird binnen sieben Nächten dein Tod sein.

Wort für Wort
tena śapto 'si rājendra pitur ajñātam adya vai | takṣakaḥ saptarātreṇa mṛtyus te vai bhaviṣyati
Von diesem bist du verflucht worden, o König der Könige, ohne Wissen des Vaters, heute; Takṣaka wird binnen sieben Nächten dein Tod sein.

tatra rakṣāṃ kuruṣveti punaḥ punar athābravīt | tad anyathā na śakyaṃ ca kartuṃ kena cid apy uta

‚Triff dort Vorsorge zu deinem Schutz' — dies sagte er immer wieder; dies kann von niemandem anders [d.h. rückgängig] gemacht werden.

Wort für Wort
tatra rakṣāṃ kuruṣveti punaḥ punar athābravīt | tad anyathā na śakyaṃ ca kartuṃ kena cid apy uta
‚Triff dort Vorsorge zu deinem Schutz' — dies sagte er immer wieder; dies kann von niemandem anders [d.h. rückgängig] gemacht werden.

na hi śaknoti saṃyantuṃ putraṃ kopasamanvitam | tato 'haṃ preṣitas tena tava rājan hitārthinā

Denn er vermochte den zornerfüllten Sohn nicht zu zügeln; darum bin ich von ihm gesandt worden, dir, o König, wohlgesinnt.“

Wort für Wort
na hi śaknoti saṃyantuṃ putraṃ kopasamanvitam | tato 'haṃ preṣitas tena tava rājan hitārthinā
Denn er vermochte den zornerfüllten Sohn nicht zu zügeln; darum bin ich von ihm gesandt worden, dir, o König, wohlgesinnt.“

iti śrutvā vaco ghoraṃ sa rājā kurunandanaḥ | paryatapyata tat pāpaṃ kṛtvā rājā mahātapāḥ

Als er dieses furchtbare Wort gehört hatte, quälte sich jener König, der Spross der Kurus, weil er jene üble Tat begangen hatte, sehr gepeinigt.

Wort für Wort
iti śrutvā vaco ghoraṃ sa rājā kurunandanaḥ | paryatapyata tat pāpaṃ kṛtvā rājā mahātapāḥ
Als er dieses furchtbare Wort gehört hatte, quälte sich jener König, der Spross der Kurus, weil er jene üble Tat begangen hatte, sehr gepeinigt.

taṃ ca maunavratadharaṃ śrutvā munivaraṃ tadā | bhūya evābhavad rājā śokasaṃtaptamānasaḥ

Und als er hörte, dass jener beste der Munis das Schweigegelübde hielt, wurde der König da noch mehr von Kummer verzehrten Geistes.

Wort für Wort
taṃ ca maunavratadharaṃ śrutvā munivaraṃ tadā | bhūya evābhavad rājā śokasaṃtaptamānasaḥ
Und als er hörte, dass jener beste der Munis das Schweigegelübde hielt, wurde der König da noch mehr von Kummer verzehrten Geistes.

anukrośātmatāṃ tasya śamīkasyāvadhārya tu | paryatapyata bhūyo 'pi kṛtvā tat kilbiṣaṃ muneḥ

Als er des Śamīka mitleidsvolles Wesen erkannte, quälte er sich noch mehr, da er jenes Vergehen gegen den Muni begangen hatte.

Wort für Wort
anukrośātmatāṃ tasya śamīkasyāvadhārya tu | paryatapyata bhūyo 'pi kṛtvā tat kilbiṣaṃ muneḥ
Als er des Śamīka mitleidsvolles Wesen erkannte, quälte er sich noch mehr, da er jenes Vergehen gegen den Muni begangen hatte.

na hi mṛtyuṃ tathā rājā śrutvā vai so 'nvatapyata | aśocad amaraprakhyo yathā kṛtveha karma tat

Nicht so sehr über seinen bevorstehenden Tod, den er da vernommen hatte, quälte sich der König, der einem Unsterblichen glich, wie er über jene von ihm hier begangene Tat trauerte.

Wort für Wort
na hi mṛtyuṃ tathā rājā śrutvā vai so 'nvatapyata | aśocad amaraprakhyo yathā kṛtveha karma tat
Nicht so sehr über seinen bevorstehenden Tod, den er da vernommen hatte, quälte sich der König, der einem Unsterblichen glich, wie er über jene von ihm hier begangene Tat trauerte.

tatas taṃ preṣayām āsa rājā gauramukhaṃ tadā | bhūyaḥ prasādaṃ bhagavān karotv iti mameti vai

Da sandte der König jenen Gauramukha zurück, mit der Botschaft: ‚Der Erhabene möge mir noch weiter seine Gnade erweisen.'

Wort für Wort
tatas taṃ preṣayām āsa rājā gauramukhaṃ tadā | bhūyaḥ prasādaṃ bhagavān karotv iti mameti vai
Da sandte der König jenen Gauramukha zurück, mit der Botschaft: ‚Der Erhabene möge mir noch weiter seine Gnade erweisen.'

tasmiṃś ca gatamātre vai rājā gauramukhe tadā | mantribhir mantrayām āsa saha saṃvignamānasaḥ

Und kaum war jener Gauramukha fortgegangen, beriet sich der König da, erschütterten Geistes, mit seinen Ministern.

Wort für Wort
tasmiṃś ca gatamātre vai rājā gauramukhe tadā | mantribhir mantrayām āsa saha saṃvignamānasaḥ
Und kaum war jener Gauramukha fortgegangen, beriet sich der König da, erschütterten Geistes, mit seinen Ministern.

niścitya mantribhiś caiva sahito mantratattvavit | prāsādaṃ kārayām āsa ekastambhaṃ surakṣitam

Nachdem er mit seinen Ministern, der die Wahrheit des Rates Kundige, einen Entschluss gefasst hatte, ließ er einen Palast auf einer einzigen Säule errichten, wohlbewacht,

Wort für Wort
niścitya mantribhiś caiva sahito mantratattvavit | prāsādaṃ kārayām āsa ekastambhaṃ surakṣitam
Nachdem er mit seinen Ministern, der die Wahrheit des Rates Kundige, einen Entschluss gefasst hatte, ließ er einen Palast auf einer einzigen Säule errichten, wohlbewacht,

rakṣāṃ ca vidadhe tatra bhiṣajaś cauṣadhāni ca | brāhmaṇān siddhamantrāṃś ca sarvato vai nyaveśayat

und traf dort Schutzvorkehrungen; Ärzte und Heilmittel sowie Brahmanen, deren Zaubersprüche wirksam waren, stellte er allseits auf.

Wort für Wort
rakṣāṃ ca vidadhe tatra bhiṣajaś cauṣadhāni ca | brāhmaṇān siddhamantrāṃś ca sarvato vai nyaveśayat
und traf dort Schutzvorkehrungen; Ärzte und Heilmittel sowie Brahmanen, deren Zaubersprüche wirksam waren, stellte er allseits auf.

rājakāryāṇi tatrasthaḥ sarvāṇy evākaroc ca saḥ | mantribhiḥ saha dharmajñaḥ samantāt parirakṣitaḥ

Dort weilend, verrichtete er, der Pflichtkundige, all seine Regierungsgeschäfte, allseits bewacht, zusammen mit seinen Ministern.

Wort für Wort
rājakāryāṇi tatrasthaḥ sarvāṇy evākaroc ca saḥ | mantribhiḥ saha dharmajñaḥ samantāt parirakṣitaḥ
Dort weilend, verrichtete er, der Pflichtkundige, all seine Regierungsgeschäfte, allseits bewacht, zusammen mit seinen Ministern.

prāpte tu divase tasmin saptame dvijasattama | kāśyapo 'bhyāgamad vidvāṃs taṃ rājānaṃ cikitsitum

Als jener siebte Tag gekommen war, o Bester der Zweifachgeborenen, kam der gelehrte Kāśyapa herbei, um jenen König zu behandeln.

Wort für Wort
prāpte tu divase tasmin saptame dvijasattama | kāśyapo 'bhyāgamad vidvāṃs taṃ rājānaṃ cikitsitum
Als jener siebte Tag gekommen war, o Bester der Zweifachgeborenen, kam der gelehrte Kāśyapa herbei, um jenen König zu behandeln.

[Anm.: Dieser „Kāśyapa“ (Patronymikon: „Nachkomme des Kaśyapa“) ist ein heilkundiger Brahmane, nicht mit dem großen Weisen und Stammvater Kaśyapa aus den früheren Adhyāyas (Vater der Nāgas und Garuḍas) zu verwechseln.]

śrutaṃ hi tena tad abhūt adya taṃ rājasattamam | takṣakaḥ pannagaśreṣṭho neṣyate yamasādanam

Er nämlich hatte gehört, dass heute jenen besten der Könige Takṣaka, der Beste der Schlangen, in Yamas Behausung führen werde;

Wort für Wort
śrutaṃ hi tena tad abhūt adya taṃ rājasattamam | takṣakaḥ pannagaśreṣṭho neṣyate yamasādanam
Er nämlich hatte gehört, dass heute jenen besten der Könige Takṣaka, der Beste der Schlangen, in Yamas Behausung führen werde;

taṃ daṣṭaṃ pannagendreṇa kariṣye 'ham apajvaram | tatra me 'rthaś ca dharmaś ca bhaviteti vicintayan

‚Ihn, vom Schlangenkönig gebissen, werde ich fieberfrei machen; darin wird mir sowohl Gewinn als auch Verdienst zuteilwerden' — so überlegend [machte er sich auf den Weg].

Wort für Wort
taṃ daṣṭaṃ pannagendreṇa kariṣye 'ham apajvaram | tatra me 'rthaś ca dharmaś ca bhaviteti vicintayan
‚Ihn, vom Schlangenkönig gebissen, werde ich fieberfrei machen; darin wird mir sowohl Gewinn als auch Verdienst zuteilwerden' — so überlegend [machte er sich auf den Weg].

taṃ dadarśa sa nāgendras takṣakaḥ kāśyapaṃ pathi | gacchantam ekamanasaṃ dvijo bhūtvā vayotigaḥ

Jenen Kāśyapa, wie er, einzig auf sein Ziel bedacht, des Weges zog, erblickte jener Schlangenkönig Takṣaka, indem er zu einem hochbetagten Brahmanen wurde.

Wort für Wort
taṃ dadarśa sa nāgendras takṣakaḥ kāśyapaṃ pathi | gacchantam ekamanasaṃ dvijo bhūtvā vayotigaḥ
Jenen Kāśyapa, wie er, einzig auf sein Ziel bedacht, des Weges zog, erblickte jener Schlangenkönig Takṣaka, indem er zu einem hochbetagten Brahmanen wurde.

tam abravīt pannagendraḥ kāśyapaṃ munipuṃgavam | kva bhavāṃs tvarito yāti kiṃ ca kāryaṃ cikīrṣati

Der Schlangenkönig sprach zu jenem Kāśyapa, dem Stier unter den Munis: „Wohin eilt Ihr so rasch, und welches Vorhaben gedenkt Ihr auszuführen?“

Wort für Wort
tam abravīt pannagendraḥ kāśyapaṃ munipuṃgavam | kva bhavāṃs tvarito yāti kiṃ ca kāryaṃ cikīrṣati
Der Schlangenkönig sprach zu jenem Kāśyapa, dem Stier unter den Munis: „Wohin eilt Ihr so rasch, und welches Vorhaben gedenkt Ihr auszuführen?“

kāśyapa uvāca | nṛpaṃ kurukulotpannaṃ parikṣitam ariṃdamam | takṣakaḥ pannagaśreṣṭhas tejasādya pradhakṣyati

Kāśyapa sprach: „Den im Kuru-Geschlecht geborenen König Parikṣit, den Bezwinger der Feinde, wird Takṣaka, der Beste der Schlangen, heute mit seinem Glutgift verbrennen.

Wort für Wort
kāśyapa uvāca | nṛpaṃ kurukulotpannaṃ parikṣitam ariṃdamam | takṣakaḥ pannagaśreṣṭhas tejasādya pradhakṣyati
Kāśyapa sprach: „Den im Kuru-Geschlecht geborenen König Parikṣit, den Bezwinger der Feinde, wird Takṣaka, der Beste der Schlangen, heute mit seinem Glutgift verbrennen.

taṃ daṣṭaṃ pannagendreṇa tenāgnisamatejasā | pāṇḍavānāṃ kulakaraṃ rājānam amitaujasam | gacchāmi saumya tvaritaṃ sadyaḥ kartum apajvaram

Ihn, den von jenem Schlangenkönig, dessen Glut dem Feuer gleicht, gebissenen König, den Erneuerer des Pāṇḍava-Geschlechts, von unermesslicher Kraft, gehe ich, o Sanfter, eilends, sogleich fieberfrei zu machen.“

Wort für Wort
taṃ daṣṭaṃ pannagendreṇa tenāgnisamatejasā | pāṇḍavānāṃ kulakaraṃ rājānam amitaujasam | gacchāmi saumya tvaritaṃ sadyaḥ kartum apajvaram
Ihn, den von jenem Schlangenkönig, dessen Glut dem Feuer gleicht, gebissenen König, den Erneuerer des Pāṇḍava-Geschlechts, von unermesslicher Kraft, gehe ich, o Sanfter, eilends, sogleich fieberfrei zu machen.“

[Anm.: „kulakaram“ („Geschlechtserneuerer“) spielt vermutlich auf Parikṣits besondere Stellung als einziger Überlebender und Fortsetzer der Pāṇḍava-Linie an, der der Überlieferung nach als Ungeborener durch Kṛṣṇa vor Aśvatthāmans Waffe gerettet wurde — diese Vorgeschichte wird hier vorausgesetzt, nicht erzählt.]

takṣaka uvāca | ahaṃ sa takṣako brahmaṃs taṃ dhakṣyāmi mahīpatim | nivartasva na śaktas tvaṃ mayā daṣṭaṃ cikitsitum

Takṣaka sprach: „Ich bin jener Takṣaka, o Brahmane; ich werde jenen Herrn der Erde verbrennen. Kehre um — du bist nicht imstande, den von mir Gebissenen zu heilen.“

Wort für Wort
takṣaka uvāca | ahaṃ sa takṣako brahmaṃs taṃ dhakṣyāmi mahīpatim | nivartasva na śaktas tvaṃ mayā daṣṭaṃ cikitsitum
Takṣaka sprach: „Ich bin jener Takṣaka, o Brahmane; ich werde jenen Herrn der Erde verbrennen. Kehre um — du bist nicht imstande, den von mir Gebissenen zu heilen.“

kāśyapa uvāca | ahaṃ taṃ nṛpatiṃ nāga tvayā daṣṭam apajvaram | kariṣya iti me buddhir vidyābalam upāśritaḥ

Kāśyapa sprach: „Ich werde jenen König, o Schlange, den von dir Gebissenen, fieberfrei machen — das ist mein Entschluss, gestützt auf die Kraft meines Wissens.“

Wort für Wort
kāśyapa uvāca | ahaṃ taṃ nṛpatiṃ nāga tvayā daṣṭam apajvaram | kariṣya iti me buddhir vidyābalam upāśritaḥ
Kāśyapa sprach: „Ich werde jenen König, o Schlange, den von dir Gebissenen, fieberfrei machen — das ist mein Entschluss, gestützt auf die Kraft meines Wissens.“

[Anm.: Adhyāya 38 endet hier gemäß der lokalen Quelldatei. Die Begegnung zwischen Takṣaka und Kāśyapa auf dem Weg zu Parikṣit wird im folgenden Adhyāya fortgesetzt.]

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