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Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 19: Āstīka-parva (Fortsetzung): die Ozean-Beschreibung Āstīka-parva (Fortsetzung): die kunstvolle Beschreibung des Ozeans auf dem Weg zu Uccaiḥśravas — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)

Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,019.001“ bis „01,019.017“). Ein kunstvoller, im Original als EIN langer Satz gestalteter Beschreibungs-Adhyāya (kāvya-Stil) des Ozeans, den Kadrū und Vinatā auf dem Weg zum Pferd Uccaiḥśravas überqueren: Fundgrube der Juwelen und des Amṛta, Wohnsitz Varuṇas und der Nāgas, Geburtsort des Muschelhorns Pāñcajanya, Schauplatz von Viṣṇus Varāha-Rettung der Erde und seinem kosmischen Yogaschlaf, mit dem unerreichbaren, selbst von hundertjähriger Askese Atris nicht ergründeten Pātāla-Grund. Der Adhyāya endet mit dem eiligen Überqueren des Ozeans durch die beiden Schwestern. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit (bei den syntaktisch verketteten Versen 3-17 jeweils der Teilsatz, der auf die jeweilige Vers-Nummer entfällt).

sūta uvāca | tato rajanyāṃ vyuṣṭāyāṃ prabhāta udite ravau | kadrūś ca vinatā caiva bhaginyau te tapodhana

Sūta sprach: Da, als die Nacht vergangen war, im Morgengrauen, als die Sonne aufgegangen war, machten sich Kadrū und Vinatā, jene beiden Schwestern, o Asketenreicher —

Wort für Wort
sūta uvāca | tato rajanyāṃ vyuṣṭāyāṃ prabhāta udite ravau | kadrūś ca vinatā caiva bhaginyau te tapodhana
Sūta sprach: Da, als die Nacht vergangen war, im Morgengrauen, als die Sonne aufgegangen war, machten sich Kadrū und Vinatā, jene beiden Schwestern, o Asketenreicher —

amarṣite susaṃrabdhe dāsye kṛtapaṇe tadā | jagmatus turagaṃ draṣṭum ucchaiḥśravasam antikāt

erbost, hoch erregt, nachdem sie die Wette um die Dienstbarkeit geschlossen hatten, auf, um das Pferd Uccaiḥśravas aus der Nähe zu sehen.

Wort für Wort
amarṣite susaṃrabdhe dāsye kṛtapaṇe tadā | jagmatus turagaṃ draṣṭum ucchaiḥśravasam antikāt
erbost, hoch erregt, nachdem sie die Wette um die Dienstbarkeit geschlossen hatten, auf, um das Pferd Uccaiḥśravas aus der Nähe zu sehen.

dadṛśāte tadā tatra samudraṃ nidhim ambhasām | timiṃgilajhaṣākīrṇaṃ makarair āvṛtaṃ tathā

Da erblickten sie dort den Ozean, den Schatz der Gewässer, übersät von Walfischen und Fischen, und ebenso von Krokodilen bedeckt,

Wort für Wort
dadṛśāte tadā tatra samudraṃ nidhim ambhasām | timiṃgilajhaṣākīrṇaṃ makarair āvṛtaṃ tathā
Da erblickten sie dort den Ozean, den Schatz der Gewässer, übersät von Walfischen und Fischen, und ebenso von Krokodilen bedeckt,

[Anm.: Die Verse 3-17 bilden im Original EINEN einzigen, kunstvoll aufgebauten Satz — eine lange Kette von Epitheta und Beschreibungen des Ozeans (kāvya-Stil), die erst in Vers 15-17 mit dem Hauptverb („dadṛśāte“ / „abhipetatus“ – sie beide erblickten / sie beide stürzten hinein) zum Abschluss kommt. Der besseren Lesbarkeit halber wird hier dennoch versweise mit Teilsätzen übersetzt.]

sattvaiś ca bahusāhasrair nānārūpaiḥ samāvṛtam | ugrair nityam anādhṛṣyaṃ kūrmagrāhasamākulam

und von vieltausend Wesen mancherlei Gestalt bedeckt, von grimmigen Wesen, stets unbezwingbar, von Schildkröten und Grāhas [krokodilartigen Ungeheuern] wimmelnd,

Wort für Wort
sattvaiś ca bahusāhasrair nānārūpaiḥ samāvṛtam | ugrair nityam anādhṛṣyaṃ kūrmagrāhasamākulam
und von vieltausend Wesen mancherlei Gestalt bedeckt, von grimmigen Wesen, stets unbezwingbar, von Schildkröten und Grāhas [krokodilartigen Ungeheuern] wimmelnd,

ākaraṃ sarvaratnānām ālayaṃ varuṇasya ca | nāgānām ālayaṃ ramyam uttamaṃ saritāṃ patim

die Fundgrube aller Edelsteine, den Wohnsitz Varuṇas, den lieblichen Wohnsitz der Nāgas, den höchsten Herrn der Flüsse,

Wort für Wort
ākaraṃ sarvaratnānām ālayaṃ varuṇasya ca | nāgānām ālayaṃ ramyam uttamaṃ saritāṃ patim
die Fundgrube aller Edelsteine, den Wohnsitz Varuṇas, den lieblichen Wohnsitz der Nāgas, den höchsten Herrn der Flüsse,

pātālajvalanāvāsam asurāṇāṃ ca bandhanam | bhayaṃkaraṃ ca sattvānāṃ payasāṃ nidhim arṇavam

den Wohnsitz des Pātāla-Feuers, das Gefängnis der Asuras, furchterregend für die Wesen, den Schatz der Gewässer, den Ozean,

Wort für Wort
pātālajvalanāvāsam asurāṇāṃ ca bandhanam | bhayaṃkaraṃ ca sattvānāṃ payasāṃ nidhim arṇavam
den Wohnsitz des Pātāla-Feuers, das Gefängnis der Asuras, furchterregend für die Wesen, den Schatz der Gewässer, den Ozean,

śubhaṃ divyam amartyānām amṛtasyākaraṃ param | aprameyam acintyaṃ ca supuṇyajalam adbhutam

glückverheißend, göttlich, die höchste Fundgrube des Amṛta der Unsterblichen, unermesslich und unbegreiflich, mit hochheiligem Wasser, wunderbar,

Wort für Wort
śubhaṃ divyam amartyānām amṛtasyākaraṃ param | aprameyam acintyaṃ ca supuṇyajalam adbhutam
glückverheißend, göttlich, die höchste Fundgrube des Amṛta der Unsterblichen, unermesslich und unbegreiflich, mit hochheiligem Wasser, wunderbar,

ghoraṃ jalacarārāvaraudraṃ bhairavanisvanam | gambhīrāvartakalilaṃ sarvabhūtabhayaṃkaram

schrecklich, wild vom Geschrei der Wassertiere, von furchtbarem Getöse, dicht von tiefen Strudeln, allen Wesen Furcht einflößend,

Wort für Wort
ghoraṃ jalacarārāvaraudraṃ bhairavanisvanam | gambhīrāvartakalilaṃ sarvabhūtabhayaṃkaram
schrecklich, wild vom Geschrei der Wassertiere, von furchtbarem Getöse, dicht von tiefen Strudeln, allen Wesen Furcht einflößend,

velādolānilacalaṃ kṣobhodvegasamutthitam | vīcīhastaiḥ pracalitair nṛtyantam iva sarvaśaḥ

von den Winden der Gezeiten-Schaukel bewegt, durch Aufwühlung und Erregung aufsteigend, mit seinen bewegten Wellenhänden wie ringsum tanzend,

Wort für Wort
velādolānilacalaṃ kṣobhodvegasamutthitam | vīcīhastaiḥ pracalitair nṛtyantam iva sarvaśaḥ
von den Winden der Gezeiten-Schaukel bewegt, durch Aufwühlung und Erregung aufsteigend, mit seinen bewegten Wellenhänden wie ringsum tanzend,

candravṛddhikṣayavaśād udvṛttormidurāsadam | pāñcajanyasya jananaṃ ratnākaram anuttamam

je nach Zu- und Abnahme des Mondes mit aufgewühlten, unnahbaren Wellen, die Geburtsstätte des Pāñcajanya, die unvergleichliche Fundgrube der Juwelen,

Wort für Wort
candravṛddhikṣayavaśād udvṛttormidurāsadam | pāñcajanyasya jananaṃ ratnākaram anuttamam
je nach Zu- und Abnahme des Mondes mit aufgewühlten, unnahbaren Wellen, die Geburtsstätte des Pāñcajanya, die unvergleichliche Fundgrube der Juwelen,

[Anm.: Pāñcajanya ist das Muschelhorn, das im späteren Epos zu Kṛṣṇas berühmtem Kriegshorn wird; seine Herkunft aus dem Ozean wird hier vorausgesetzt.]

gāṃ vindatā bhagavatā govindenāmitaujasā | varāharūpiṇā cāntarvikṣobhitajalāvilam

von dem die Erde findenden erhabenen Govinda, von unermesslicher Kraft, in Ebergestalt, in seinem Innern aufgewühlt und getrübt,

Wort für Wort
gāṃ vindatā bhagavatā govindenāmitaujasā | varāharūpiṇā cāntarvikṣobhitajalāvilam
von dem die Erde findenden erhabenen Govinda, von unermesslicher Kraft, in Ebergestalt, in seinem Innern aufgewühlt und getrübt,

[Anm.: Anspielung auf den Varāha-(Eber-)Avatar Viṣṇus, der die versunkene Erde aus dem Ozean rettet — der Name „Govinda“ (Finder der Erde/Kuh) wird hier volksetymologisch mit „gāṃ vindatā“ (die Erde/Kuh findend) verknüpft.]

brahmarṣiṇā ca tapatā varṣāṇāṃ śatam atriṇā | anāsāditagādhaṃ ca pātālatalam avyayam

dessen Grund selbst vom Brahmarṣi Atri, der hundert Jahre lang Askese übte, nicht erreicht wurde, das unvergängliche Pātāla-Grund,

Wort für Wort
brahmarṣiṇā ca tapatā varṣāṇāṃ śatam atriṇā | anāsāditagādhaṃ ca pātālatalam avyayam
dessen Grund selbst vom Brahmarṣi Atri, der hundert Jahre lang Askese übte, nicht erreicht wurde, das unvergängliche Pātāla-Grund,

adhyātmayoganidrāṃ ca padmanābhasya sevataḥ | yugādikālaśayanaṃ viṣṇor amitatejasaḥ

das dem Lotusnabel-Träger dient beim Selbstversenkungs-Yogaschlaf, das Lager Viṣṇus, des unermesslich glanzvollen, zu Beginn jedes Weltzeitalters,

Wort für Wort
adhyātmayoganidrāṃ ca padmanābhasya sevataḥ | yugādikālaśayanaṃ viṣṇor amitatejasaḥ
das dem Lotusnabel-Träger dient beim Selbstversenkungs-Yogaschlaf, das Lager Viṣṇus, des unermesslich glanzvollen, zu Beginn jedes Weltzeitalters,

vaḍavāmukhadīptāgnes toyahavyapradaṃ śubham | agādhapāraṃ vistīrṇam aprameyaṃ saritpatim

das dem lodernden Feuer des Stutenmauls [dem submarinen Weltuntergangsfeuer] Wasser als Opfergabe darreicht, glückverheißend, dessen Grund und Ufer unerreichbar sind, ausgedehnt, unermesslich, den Herrn der Flüsse —

Wort für Wort
vaḍavāmukhadīptāgnes toyahavyapradaṃ śubham | agādhapāraṃ vistīrṇam aprameyaṃ saritpatim
das dem lodernden Feuer des Stutenmauls [dem submarinen Weltuntergangsfeuer] Wasser als Opfergabe darreicht, glückverheißend, dessen Grund und Ufer unerreichbar sind, ausgedehnt, unermesslich, den Herrn der Flüsse —

mahānadībhir bahvībhiḥ spardhayeva sahasraśaḥ | abhisāryamāṇam aniśaṃ dadṛśāte mahārṇavam

von vielen großen Flüssen, gleichsam wetteifernd, zu Tausenden unablässig aufgesucht — den großen Ozean erblickten sie beide,

Wort für Wort
mahānadībhir bahvībhiḥ spardhayeva sahasraśaḥ | abhisāryamāṇam aniśaṃ dadṛśāte mahārṇavam
von vielen großen Flüssen, gleichsam wetteifernd, zu Tausenden unablässig aufgesucht — den großen Ozean erblickten sie beide,

gambhīraṃ timimakarograsaṃkulaṃ taṃ garjantaṃ jalacararāvaraudranādaiḥ | vistīrṇaṃ dadṛśatur ambaraprakāśaṃ te 'gādhaṃ nidhim urum ambhasām anantam

tief, von schrecklichen Walfischen und Krokodilen wimmelnd, brüllend mit den wilden Rufen der Wassertiere; ausgedehnt, dem Himmelsraum gleich leuchtend, erblickten sie beide den unergründlichen, weiten, endlosen Schatz der Gewässer —

Wort für Wort
gambhīraṃ timimakarograsaṃkulaṃ taṃ garjantaṃ jalacararāvaraudranādaiḥ | vistīrṇaṃ dadṛśatur ambaraprakāśaṃ te 'gādhaṃ nidhim urum ambhasām anantam
tief, von schrecklichen Walfischen und Krokodilen wimmelnd, brüllend mit den wilden Rufen der Wassertiere; ausgedehnt, dem Himmelsraum gleich leuchtend, erblickten sie beide den unergründlichen, weiten, endlosen Schatz der Gewässer —

ity evaṃ jhaṣamakarormisaṃkulaṃ taṃ gambhīraṃ vikasitam ambaraprakāśam | pātālajvalanaśikhāvidīpitaṃ taṃ paśyantyau drutam abhipetatus tadānīm

— so, ihn erblickend, den von Fischen, Krokodilen und Wellen wimmelnden, tiefen, weit ausgedehnten, dem Himmelsraum gleich leuchtenden, von der Flamme des Pātāla-Feuers erleuchteten Ozean, stürzten sie beide da eilends darüber hin.

Wort für Wort
ity evaṃ jhaṣamakarormisaṃkulaṃ taṃ gambhīraṃ vikasitam ambaraprakāśam | pātālajvalanaśikhāvidīpitaṃ taṃ paśyantyau drutam abhipetatus tadānīm
— so, ihn erblickend, den von Fischen, Krokodilen und Wellen wimmelnden, tiefen, weit ausgedehnten, dem Himmelsraum gleich leuchtenden, von der Flamme des Pātāla-Feuers erleuchteten Ozean, stürzten sie beide da eilends darüber hin.

[Anm.: Adhyāya 19 endet hier gemäß der lokalen Quelldatei, mit dem eiligen Überqueren des Ozeans durch die beiden Schwestern; die Ankunft beim Pferd Uccaiḥśravas und die Auflösung der Wette folgen in Adhyāya 20.]

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