Kapitel 114: Yudhiṣṭhira-Bhīma-Arjuna-Janma
Die Geburt von Yudhiṣṭhira, Bhīma und Arjuna
Der große Wendepunkt des Buches: Mit dem Durvāsas-Mantra ruft Kuntī nacheinander drei Götter herbei und gebiert Yudhiṣṭhira (von Dharma), Bhīma (von Vāyu, der als Säugling einen Felsen zermalmt) und schließlich, nach einem Jahr strenger Askese Pāṇḍus, Arjuna (von Indra), dessen Geburt von einer ausführlichen Prophezeiung seiner künftigen Heldentaten (u. a. der Khāṇḍava-Waldbrand) und einer gewaltigen Himmelsversammlung aus Göttern, Ṛṣis, Gandharvas, Apsaras und Nāgas begleitet wird. Als Pāṇḍu einen vierten Sohn wünscht, weist Kuntī ihn unter Berufung auf die dharmaśāstrische Grenze von drei Niyoga-Empfängnissen zurück.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als Gāndhārīs Schwangerschaft schon ein Jahr ohne Geburt verstrichen war, o Janamejaya, rief Kuntī, um der Nachkommenschaft willen, den unwandelbaren Dharma herbei.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als Gāndhārīs Schwangerschaft schon ein Jahr ohne Geburt verstrichen war, o Janamejaya, rief Kuntī, um der Nachkommenschaft willen, den unwandelbaren Dharma herbei.
[Anm.: Diese Jahresangabe steht in einer gewissen Spannung zur in Adh.107 genannten zweijährigen Dauer von Gāndhārīs Schwangerschaft; beide Angaben werden hier unharmonisiert wiedergegeben.]
saṃgamya sā tu dharmeṇa yogamūrtidhareṇa vai lebhe putraṃ varārohā sarvaprāṇabhṛtāṃ varam
Sie, die Schöngestaltete, vereinigte sich mit Dharma, der eine durch Yoga geschaffene Gestalt annahm, und empfing einen Sohn, den Besten aller lebenden Wesen.
Wort für Wort
saṃgamya sā tu dharmeṇa yogamūrtidhareṇa vai lebhe putraṃ varārohā sarvaprāṇabhṛtāṃ varam
Sie, die Schöngestaltete, vereinigte sich mit Dharma, der eine durch Yoga geschaffene Gestalt annahm, und empfing einen Sohn, den Besten aller lebenden Wesen.
Unter dem Sternbild Indras, mit dem Mond verbunden, zur achten, als ‚Abhijit' geltenden Muhūrta, als die Sonne im Zenit stand, an einem heiligen, hochgeehrten Mondtag,
Unter dem Sternbild Indras, mit dem Mond verbunden, zur achten, als ‚Abhijit' geltenden Muhūrta, als die Sonne im Zenit stand, an einem heiligen, hochgeehrten Mondtag,
Nachdem er jenen frommen Sohn erhalten hatte, sprach Pāṇḍu wieder zu ihr: ‚Man sagt, das Kriegertum sei durch Kraft ausgezeichnet – wähle nun einen an Kraft ausgezeichneten Sohn.'
Nachdem er jenen frommen Sohn erhalten hatte, sprach Pāṇḍu wieder zu ihr: ‚Man sagt, das Kriegertum sei durch Kraft ausgezeichnet – wähle nun einen an Kraft ausgezeichneten Sohn.'
idam atyadbhutaṃ cāsīj jātamātre vṛkodare yad aṅkāt patito mātuḥ śilāṃ gātrair acūrṇayat
Und dies war überaus wunderbar: Kaum geboren, zerschmetterte der ‚Wolfsbauch' Bhīma, vom Schoß der Mutter fallend, mit seinen Gliedern einen Felsen zu Staub.
Wort für Wort
idam atyadbhutaṃ cāsīj jātamātre vṛkodare yad aṅkāt patito mātuḥ śilāṃ gātrair acūrṇayat
Und dies war überaus wunderbar: Kaum geboren, zerschmetterte der ‚Wolfsbauch' Bhīma, vom Schoß der Mutter fallend, mit seinen Gliedern einen Felsen zu Staub.
tataḥ sa vajrasaṃghātaḥ kumāro 'bhyapatad girau patatā tena śatadhā śilā gātrair vicūrṇitā tāṃ śilāṃ cūrṇitāṃ dṛṣṭvā pāṇḍur vismayam āgamat
Da fiel jener Knabe, hart wie ein Donnerkeil-Gefüge, auf den Felsen; als er fiel, wurde der Felsen von seinen Gliedern in hundert Stücke zermalmt. Als Pāṇḍu den zermalmten Felsen sah, geriet er in Erstaunen.
Wort für Wort
tataḥ sa vajrasaṃghātaḥ kumāro 'bhyapatad girau patatā tena śatadhā śilā gātrair vicūrṇitā tāṃ śilāṃ cūrṇitāṃ dṛṣṭvā pāṇḍur vismayam āgamat
Da fiel jener Knabe, hart wie ein Donnerkeil-Gefüge, auf den Felsen; als er fiel, wurde der Felsen von seinen Gliedern in hundert Stücke zermalmt. Als Pāṇḍu den zermalmten Felsen sah, geriet er in Erstaunen.
An dem Tag, an dem Bhīma geboren wurde, o Bester der Bharatas, wurde auch Duryodhana geboren, o Herrscher der Erde.
[Anm.: Diese Gleichzeitigkeit der Geburt lässt sich mit der in Adh.107 geschilderten, bereits abgeschlossenen Geburt der hundert Kaurava-Brüder aus den Krügen nicht ohne weiteres vereinbaren; im Sanskrit-Text unharmonisiert nebeneinander überliefert.]
daive puruṣakāre ca loko 'yaṃ hi pratiṣṭhitaḥ tatra daivaṃ tu vidhinā kālayuktena labhyate
Denn diese Welt beruht auf Schicksal und menschlichem Handeln; das Schicksal darunter wird durch rituelle Vorschrift, verbunden mit der rechten Zeit, erlangt.
Wort für Wort
daive puruṣakāre ca loko 'yaṃ hi pratiṣṭhitaḥ tatra daivaṃ tu vidhinā kālayuktena labhyate
Denn diese Welt beruht auf Schicksal und menschlichem Handeln; das Schicksal darunter wird durch rituelle Vorschrift, verbunden mit der rechten Zeit, erlangt.
taṃ toṣayitvā tapasā putraṃ lapsye mahābalam yaṃ dāsyati sa me putraṃ sa varīyān bhaviṣyati karmaṇā manasā vācā tasmāt tapsye mahat tapaḥ
Ihn durch Askese erfreuend, werde ich einen überaus kraftvollen Sohn erlangen; welchen Sohn er mir geben wird, der wird der Vorzüglichste sein durch Tat, Gedanke und Wort. Darum will ich gewaltige Askese üben.'
Wort für Wort
taṃ toṣayitvā tapasā putraṃ lapsye mahābalam yaṃ dāsyati sa me putraṃ sa varīyān bhaviṣyati karmaṇā manasā vācā tasmāt tapsye mahat tapaḥ
Ihn durch Askese erfreuend, werde ich einen überaus kraftvollen Sohn erlangen; welchen Sohn er mir geben wird, der wird der Vorzüglichste sein durch Tat, Gedanke und Wort. Darum will ich gewaltige Askese üben.'
Darauf, nachdem er sich mit den großen Ṛṣis beraten hatte, wies der glanzvolle Kaurava Pāṇḍu Kuntī ein glückverheißendes, ein Jahr währendes Gelübde an.
Darauf, nachdem er sich mit den großen Ṛṣis beraten hatte, wies der glanzvolle Kaurava Pāṇḍu Kuntī ein glückverheißendes, ein Jahr währendes Gelübde an.
etasya bhujavīryeṇa khāṇḍave havyavāhanaḥ medasā sarvabhūtānāṃ tṛptiṃ yāsyati vai parām
Durch die Kraft seiner Arme wird der Opferfeuer-Träger im Khāṇḍava-Wald durch das Fett aller Wesen höchste Sättigung erlangen.
Wort für Wort
etasya bhujavīryeṇa khāṇḍave havyavāhanaḥ medasā sarvabhūtānāṃ tṛptiṃ yāsyati vai parām
Durch die Kraft seiner Arme wird der Opferfeuer-Träger im Khāṇḍava-Wald durch das Fett aller Wesen höchste Sättigung erlangen.
[Anm.: Frühe Vorausdeutung auf das später im Epos erzählte Khāṇḍava-Waldbrand-Ereignis (Khāṇḍavadāha), bei dem Agni mit Arjunas und Kṛṣṇas Hilfe den Wald verzehrt.]
Nachdem er, der überaus Kraftvolle, die Anführer und Erdherrscher besiegt hat, wird dieser Held, gemeinsam mit seinen Brüdern, drei große Opfer vollbringen.
Nachdem er, der überaus Kraftvolle, die Anführer und Erdherrscher besiegt hat, wird dieser Held, gemeinsam mit seinen Brüdern, drei große Opfer vollbringen.
Diese höchst wunderbare Rede sprach Vāyu bei der Geburt des Sohnes der Kuntī im Himmelsraum, und Kuntī vernahm sie.
[Anm.: Ungewöhnlich wird hier ausdrücklich Vāyu als Sprecher der körperlosen Stimme genannt, obwohl Arjuna von Indra gezeugt wurde – möglicherweise als Bezeichnung des Windes/Luftraums als Medium der Stimme gemeint, nicht als Hinweis auf eine Vaterschaft Vāyus.]
bharadvājaḥ kaśyapo gautamaś ca viśvāmitro jamadagnir vasiṣṭhaḥ yaś codito bhāskare 'bhūt pranaṣṭe so 'py atrātrir bhagavān ājagāma
Bharadvāja, Kaśyapa und Gautama, Viśvāmitra, Jamadagni, Vasiṣṭha, und jener, der einst erschien, als die Sonne verschwunden war – auch er, der erhabene Atri, kam herbei.
Wort für Wort
bharadvājaḥ kaśyapo gautamaś ca viśvāmitro jamadagnir vasiṣṭhaḥ yaś codito bhāskare 'bhūt pranaṣṭe so 'py atrātrir bhagavān ājagāma
Bharadvāja, Kaśyapa und Gautama, Viśvāmitra, Jamadagni, Vasiṣṭha, und jener, der einst erschien, als die Sonne verschwunden war – auch er, der erhabene Atri, kam herbei.
[Anm.: Anspielung auf eine andernorts erzählte Legende, wonach Atri einst die verschwundene Sonne wiederherstellte.]
mit himmlischen Blumengirlanden und Gewändern bekleidet, mit allem Schmuck geziert, besangen sie den Bībhatsu, und die Apsaras tanzten vor ihm; zusammen mit den Gandharvas sang der glanzvolle Tumburu voran.
mit himmlischen Blumengirlanden und Gewändern bekleidet, mit allem Schmuck geziert, besangen sie den Bībhatsu, und die Apsaras tanzten vor ihm; zusammen mit den Gandharvas sang der glanzvolle Tumburu voran.
kratusthalā ghṛtācī ca viśvācī pūrvacitty api umlocety abhivikhyātā pramloceti ca tā daśa urvaśy ekādaśīty etā jagur āyatalocanāḥ
Kratusthalā, Ghṛtācī, Viśvācī, auch Pūrvacitti, die als Umlocā Bekannte, und Pramlocā – diese zehn, und als elfte Urvaśī: sie, die Langäugigen, sangen.
Wort für Wort
kratusthalā ghṛtācī ca viśvācī pūrvacitty api umlocety abhivikhyātā pramloceti ca tā daśa urvaśy ekādaśīty etā jagur āyatalocanāḥ
Kratusthalā, Ghṛtācī, Viśvācī, auch Pūrvacitti, die als Umlocā Bekannte, und Pramlocā – diese zehn, und als elfte Urvaśī: sie, die Langäugigen, sangen.
‚Selbst in Notlagen, so sagt man, ist eine vierte Empfängnis auf diese Weise nicht gestattet; darüber hinaus würde die Frau eine Herumziehende sein, bei der fünften eine Dirne.'
‚Selbst in Notlagen, so sagt man, ist eine vierte Empfängnis auf diese Weise nicht gestattet; darüber hinaus würde die Frau eine Herumziehende sein, bei der fünften eine Dirne.'
sa tvaṃ vidvan dharmam imaṃ buddhigamyaṃ kathaṃ nu mām apatyārthaṃ samutkramya pramādād iva bhāṣase
‚Du also, der du diesen durch Einsicht erfassbaren Dharma kennst, wie sprichst du zu mir, ihn übergehend, um der Nachkommenschaft willen, wie aus Unbedachtsamkeit?'
Wort für Wort
sa tvaṃ vidvan dharmam imaṃ buddhigamyaṃ kathaṃ nu mām apatyārthaṃ samutkramya pramādād iva bhāṣase
‚Du also, der du diesen durch Einsicht erfassbaren Dharma kennst, wie sprichst du zu mir, ihn übergehend, um der Nachkommenschaft willen, wie aus Unbedachtsamkeit?'