Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 149: Kuntīvākyam Die Rede Kuntīs

Kuntī bietet dem Brahmanen an, einen ihrer fünf Söhne anstelle seiner Familie zum Rākṣasa zu schicken. Der Brahmane weist dies zunächst entschieden zurück – Brahmanenmord sei die schlimmste Sünde, und lieber wolle er selbst untergehen, als einen Gast oder Schutzsuchenden zu opfern. Kuntī versichert ihm jedoch, dass ihr Sohn (Bhīma) über außergewöhnliche, durch Zauberformeln vollendete Kraft verfüge und schon zuvor zahlreiche Rākṣasas bezwungen habe; sie bittet um striktes Stillschweigen, damit ihre Söhne nicht aus Neugier behelligt werden. Der Brahmane und seine Frau nehmen das Angebot dankbar an, und Kuntī und der Brahmane bitten Bhīma, den ‚Windsohn', die Aufgabe zu übernehmen – er willigt ein.

kunty uvāca na viṣādas tvayā kāryo bhayād asmāt kathaṃ cana upāyaḥ paridṛṣṭo 'tra tasmān mokṣāya rakṣasaḥ

Kuntī sprach: ‚Du sollst aus dieser Furcht keineswegs verzagen; ich habe hier ein Mittel ersonnen, um dich von diesem Rākṣasa zu befreien.'

Wort für Wort
kunty uvāca na viṣādas tvayā kāryo bhayād asmāt kathaṃ cana upāyaḥ paridṛṣṭo 'tra tasmān mokṣāya rakṣasaḥ
Kuntī sprach: ‚Du sollst aus dieser Furcht keineswegs verzagen; ich habe hier ein Mittel ersonnen, um dich von diesem Rākṣasa zu befreien.'

ekas tava suto bālaḥ kanyā caikā tapasvinī na te tayos tathā patnyā gamanaṃ tatra rocaye

‚Nur einen Sohn hast du, noch ein Kind, und eine Tochter, eine fromm Büßende – dass diese beiden oder deine Gattin dorthin gingen, das billige ich nicht.'

Wort für Wort
ekas tava suto bālaḥ kanyā caikā tapasvinī na te tayos tathā patnyā gamanaṃ tatra rocaye
‚Nur einen Sohn hast du, noch ein Kind, und eine Tochter, eine fromm Büßende – dass diese beiden oder deine Gattin dorthin gingen, das billige ich nicht.'

mama pañca sutā brahmaṃs teṣām eko gamiṣyati tvadarthaṃ balim ādāya tasya pāpasya rakṣasaḥ

‚Ich habe fünf Söhne, o Brahmane; einer von ihnen wird gehen, an deiner Stelle die Opfergabe für jenen bösen Rākṣasa bringend.'

Wort für Wort
mama pañca sutā brahmaṃs teṣām eko gamiṣyati tvadarthaṃ balim ādāya tasya pāpasya rakṣasaḥ
‚Ich habe fünf Söhne, o Brahmane; einer von ihnen wird gehen, an deiner Stelle die Opfergabe für jenen bösen Rākṣasa bringend.'

brāhmaṇa uvāca nāham etat kariṣyāmi jīvitārthī kathaṃ cana brāhmaṇasyātitheś caiva svārthe prāṇair viyojanam

Der Brahmane sprach: ‚Dies werde ich keinesfalls tun, um meines eigenen Lebens willen einen Brahmanen und noch dazu einen Gast meinetwegen vom Leben zu trennen.'

Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca nāham etat kariṣyāmi jīvitārthī kathaṃ cana brāhmaṇasyātitheś caiva svārthe prāṇair viyojanam
Der Brahmane sprach: ‚Dies werde ich keinesfalls tun, um meines eigenen Lebens willen einen Brahmanen und noch dazu einen Gast meinetwegen vom Leben zu trennen.'

na tv etad akulīnāsu nādharmiṣṭhāsu vidyate yad brāhmaṇārthe visṛjed ātmānam api cātmajam

‚Dies aber findet sich nicht bei Unedlen, noch bei Unrechtschaffenen, dass man um eines Brahmanen willen sich selbst oder gar den eigenen Sohn preisgäbe.'

Wort für Wort
na tv etad akulīnāsu nādharmiṣṭhāsu vidyate yad brāhmaṇārthe visṛjed ātmānam api cātmajam
‚Dies aber findet sich nicht bei Unedlen, noch bei Unrechtschaffenen, dass man um eines Brahmanen willen sich selbst oder gar den eigenen Sohn preisgäbe.'

ātmanas tu mayā śreyo boddhavyam iti rocaye brahmavadhyātmavadhyā vā śreya ātmavadho mama

‚Ich aber halte es für richtig, mein eigenes Wohl zu bedenken: zwischen Brahmanenmord und Selbstmord ist mir der Selbstmord das bessere.'

Wort für Wort
ātmanas tu mayā śreyo boddhavyam iti rocaye brahmavadhyātmavadhyā vā śreya ātmavadho mama
‚Ich aber halte es für richtig, mein eigenes Wohl zu bedenken: zwischen Brahmanenmord und Selbstmord ist mir der Selbstmord das bessere.'

brahmavadhyā paraṃ pāpaṃ niṣkṛtir nātra vidyate abuddhipūrvaṃ kṛtvāpi śreya ātmavadho mama

‚Brahmanenmord ist höchste Sünde, wofür es keine Sühne gibt – selbst wenn man ihn unabsichtlich begeht; darum ist mir der Selbstmord der bessere.'

Wort für Wort
brahmavadhyā paraṃ pāpaṃ niṣkṛtir nātra vidyate abuddhipūrvaṃ kṛtvāpi śreya ātmavadho mama
‚Brahmanenmord ist höchste Sünde, wofür es keine Sühne gibt – selbst wenn man ihn unabsichtlich begeht; darum ist mir der Selbstmord der bessere.'

na tv ahaṃ vadham ākāṅkṣe svayam evātmanaḥ śubhe paraiḥ kṛte vadhe pāpaṃ na kiṃ cin mayi vidyate

‚Doch wünsche ich mir nicht selbst den eigenen Tod, o Holde – wird der Tod aber von anderen herbeigeführt, so haftet mir keinerlei Sünde an.'

Wort für Wort
na tv ahaṃ vadham ākāṅkṣe svayam evātmanaḥ śubhe paraiḥ kṛte vadhe pāpaṃ na kiṃ cin mayi vidyate
‚Doch wünsche ich mir nicht selbst den eigenen Tod, o Holde – wird der Tod aber von anderen herbeigeführt, so haftet mir keinerlei Sünde an.'

abhisaṃdhikṛte tasmin brāhmaṇasya vadhe mayā niṣkṛtiṃ na prapaśyāmi nṛśaṃsaṃ kṣudram eva ca

‚Für einen absichtlich von mir herbeigeführten Tod eines Brahmanen sehe ich keine Sühne – es wäre grausam und niederträchtig.'

Wort für Wort
abhisaṃdhikṛte tasmin brāhmaṇasya vadhe mayā niṣkṛtiṃ na prapaśyāmi nṛśaṃsaṃ kṣudram eva ca
‚Für einen absichtlich von mir herbeigeführten Tod eines Brahmanen sehe ich keine Sühne – es wäre grausam und niederträchtig.'

āgatasya gṛhe tyāgas tathaiva śaraṇārthinaḥ yācamānasya ca vadho nṛśaṃsaṃ paramaṃ matam

‚Wer einen ins Haus Gekommenen verstößt, ebenso einen Schutzsuchenden, und wer einen Bittenden tötet – das gilt als höchste Grausamkeit.'

Wort für Wort
āgatasya gṛhe tyāgas tathaiva śaraṇārthinaḥ yācamānasya ca vadho nṛśaṃsaṃ paramaṃ matam
‚Wer einen ins Haus Gekommenen verstößt, ebenso einen Schutzsuchenden, und wer einen Bittenden tötet – das gilt als höchste Grausamkeit.'

kuryān na ninditaṃ karma na nṛśaṃsaṃ kadā cana iti pūrve mahātmāna āpaddharmavido viduḥ

‚Man solle keine verwerfliche, niemals eine grausame Tat begehen – so wussten es die Hochherzigen der Vorzeit, die Kenner des Notrechts.'

Wort für Wort
kuryān na ninditaṃ karma na nṛśaṃsaṃ kadā cana iti pūrve mahātmāna āpaddharmavido viduḥ
‚Man solle keine verwerfliche, niemals eine grausame Tat begehen – so wussten es die Hochherzigen der Vorzeit, die Kenner des Notrechts.'

śreyāṃs tu sahadārasya vināśo 'dya mama svayam brāhmaṇasya vadhaṃ nāham anumaṃsye kathaṃ cana

‚Besser ist mir heute mein eigener Untergang samt meiner Gattin – dem Mord an einem Brahmanen werde ich auf keinen Fall zustimmen.'

Wort für Wort
śreyāṃs tu sahadārasya vināśo 'dya mama svayam brāhmaṇasya vadhaṃ nāham anumaṃsye kathaṃ cana
‚Besser ist mir heute mein eigener Untergang samt meiner Gattin – dem Mord an einem Brahmanen werde ich auf keinen Fall zustimmen.'

kunty uvāca mamāpy eṣā matir brahman viprā rakṣyā iti sthirā na cāpy aniṣṭaḥ putro me yadi putraśataṃ bhavet

Kuntī sprach: ‚Auch mir steht diese Ansicht fest, o Brahmane, dass Brahmanen zu schützen sind; und auch mir wäre kein Sohn unlieb, selbst wenn ich hundert Söhne hätte.'

Wort für Wort
kunty uvāca mamāpy eṣā matir brahman viprā rakṣyā iti sthirā na cāpy aniṣṭaḥ putro me yadi putraśataṃ bhavet
Kuntī sprach: ‚Auch mir steht diese Ansicht fest, o Brahmane, dass Brahmanen zu schützen sind; und auch mir wäre kein Sohn unlieb, selbst wenn ich hundert Söhne hätte.'

na cāsau rākṣasaḥ śakto mama putravināśane vīryavān mantrasiddhaś ca tejasvī ca suto mama

‚Und jener Rākṣasa vermag nicht, meinen Sohn zu vernichten – kraftvoll, in Zauberformeln vollendet und glanzvoll ist mein Sohn.'

Wort für Wort
na cāsau rākṣasaḥ śakto mama putravināśane vīryavān mantrasiddhaś ca tejasvī ca suto mama
‚Und jener Rākṣasa vermag nicht, meinen Sohn zu vernichten – kraftvoll, in Zauberformeln vollendet und glanzvoll ist mein Sohn.'

rākṣasāya ca tat sarvaṃ prāpayiṣyati bhojanam mokṣayiṣyati cātmānam iti me niścitā matiḥ

‚Er wird dem Rākṣasa die ganze Speise überbringen und sich selbst befreien – so ist meine feste Überzeugung.'

Wort für Wort
rākṣasāya ca tat sarvaṃ prāpayiṣyati bhojanam mokṣayiṣyati cātmānam iti me niścitā matiḥ
‚Er wird dem Rākṣasa die ganze Speise überbringen und sich selbst befreien – so ist meine feste Überzeugung.'

samāgatāś ca vīreṇa dṛṣṭapūrvāś ca rākṣasāḥ balavanto mahākāyā nihatāś cāpy anekaśaḥ

‚Schon früher hat dieser Held Rākṣasas getroffen, kraftvolle, riesenhafte, und schon oft hat er sie erschlagen.'

Wort für Wort
samāgatāś ca vīreṇa dṛṣṭapūrvāś ca rākṣasāḥ balavanto mahākāyā nihatāś cāpy anekaśaḥ
‚Schon früher hat dieser Held Rākṣasas getroffen, kraftvolle, riesenhafte, und schon oft hat er sie erschlagen.'

na tv idaṃ keṣu cid brahman vyāhartavyaṃ kathaṃ cana vidyārthino hi me putrān viprakuryuḥ kutūhalāt

‚Doch dies darf keinesfalls irgendjemandem mitgeteilt werden, o Brahmane – denn Wissbegierige würden meine Söhne sonst aus bloßer Neugier belästigen.'

Wort für Wort
na tv idaṃ keṣu cid brahman vyāhartavyaṃ kathaṃ cana vidyārthino hi me putrān viprakuryuḥ kutūhalāt
‚Doch dies darf keinesfalls irgendjemandem mitgeteilt werden, o Brahmane – denn Wissbegierige würden meine Söhne sonst aus bloßer Neugier belästigen.'

guruṇā cānanujñāto grāhayed yaṃ suto mama na sa kuryāt tayā kāryaṃ vidyayeti satāṃ matam

‚Auch dürfte mein Sohn ein Wissen, mit dem er von seinem Lehrer nicht ausdrücklich beauftragt wurde, nicht öffentlich zur Anwendung bringen – so ist die Ansicht der Rechtschaffenen.'

Wort für Wort
guruṇā cānanujñāto grāhayed yaṃ suto mama na sa kuryāt tayā kāryaṃ vidyayeti satāṃ matam
‚Auch dürfte mein Sohn ein Wissen, mit dem er von seinem Lehrer nicht ausdrücklich beauftragt wurde, nicht öffentlich zur Anwendung bringen – so ist die Ansicht der Rechtschaffenen.'

[?] Vers unklar im Detail; sinngemäß auf die Geheimhaltung von Bhīmas besonderen (magischen) Fähigkeiten bezogen.

vaiśaṃpāyana uvāca evam uktas tu pṛthayā sa vipro bhāryayā saha hṛṣṭaḥ saṃpūjayām āsa tad vākyam amṛtopamam

Vaiśaṃpāyana sprach: So von Pṛthā angesprochen, ehrte der Brahmane, samt seiner Gattin, erfreut diese einem Nektar gleichende Rede.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evam uktas tu pṛthayā sa vipro bhāryayā saha hṛṣṭaḥ saṃpūjayām āsa tad vākyam amṛtopamam
Vaiśaṃpāyana sprach: So von Pṛthā angesprochen, ehrte der Brahmane, samt seiner Gattin, erfreut diese einem Nektar gleichende Rede.

tataḥ kuntī ca vipraś ca sahitāv anilātmajam tam abrūtāṃ kuruṣveti sa tathety abravīc ca tau

Darauf sprachen Kuntī und der Brahmane gemeinsam zu dem Windsohn [Bhīma]: ‚Tue es' – und er erwiderte ihnen: ‚So sei es.'

Wort für Wort
tataḥ kuntī ca vipraś ca sahitāv anilātmajam tam abrūtāṃ kuruṣveti sa tathety abravīc ca tau
Darauf sprachen Kuntī und der Brahmane gemeinsam zu dem Windsohn [Bhīma]: ‚Tue es' – und er erwiderte ihnen: ‚So sei es.'

[Anm.: ‚Anilātmaja' (,Sohn des Windgottes') ist ein Beiname Bhīmas, dessen Vater Vāyu ist.

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