Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 221: Jaritāvilāpaḥ Jaritās Klage

Jaritā klagt verzweifelt über die Rettung ihrer vier flugunfähigen Söhnchen vor dem herannahenden Feuer und erinnert sich an die vom Vater vor seinem Weggang bestimmten künftigen Rollen der Söhne (Jaritāri als Geschlechtserhalter, Sārisṛkva als Nachkomme, Stambamitra als Asket, Droṇa als Vedenkenner). Die Söhne selbst drängen die Mutter zur Flucht und schlagen ihr vor, sie in einem Mauseloch zu verstecken; sie selbst aber lehnen dies ab und entscheiden sich bewusst für den ehrenvolleren Tod im Feuer statt für die schändliche Gefahr, von einer Maus gefressen zu werden.

vaiśaṃpāyana uvāca tataḥ prajvalite śukre śārṅgakās te suduḥkhitāḥ vyathitāḥ paramodvignā nādhijagmuḥ parāyaṇam

Vaiśampāyana sprach: Als dann das lodernde Feuer entfacht war, wurden jene Śārṅgakas überaus bekümmert, gequält, aufs Höchste beunruhigt, und fanden keine Zuflucht.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tataḥ prajvalite śukre śārṅgakās te suduḥkhitāḥ vyathitāḥ paramodvignā nādhijagmuḥ parāyaṇam
Vaiśampāyana sprach: Als dann das lodernde Feuer entfacht war, wurden jene Śārṅgakas überaus bekümmert, gequält, aufs Höchste beunruhigt, und fanden keine Zuflucht.

niśāmya putrakān bālān mātā teṣāṃ tapasvinī jaritā duḥkhasaṃtaptā vilalāpa nareśvara

Als sie ihre kleinen Söhnchen betrachtete, klagte deren Mutter, die arme Jaritā, von Schmerz verzehrt, o Herrscher der Männer:

Wort für Wort
niśāmya putrakān bālān mātā teṣāṃ tapasvinī jaritā duḥkhasaṃtaptā vilalāpa nareśvara
Als sie ihre kleinen Söhnchen betrachtete, klagte deren Mutter, die arme Jaritā, von Schmerz verzehrt, o Herrscher der Männer:

ayam agnir dahan kakṣam ita āyāti bhīṣaṇaḥ jagat saṃdīpayan bhīmo mama duḥkhavivardhanaḥ

Dieses Feuer, das Dickicht verbrennend, kommt furchtbar näher, die Welt entzündend, schrecklich, meinen Kummer mehrend.

Wort für Wort
ayam agnir dahan kakṣam ita āyāti bhīṣaṇaḥ jagat saṃdīpayan bhīmo mama duḥkhavivardhanaḥ
Dieses Feuer, das Dickicht verbrennend, kommt furchtbar näher, die Welt entzündend, schrecklich, meinen Kummer mehrend.

ime ca māṃ karṣayanti śiśavo mandacetasaḥ abarhāś caraṇair hīnāḥ pūrveṣāṃ naḥ parāyaṇam trāsayaṃś cāyam āyāti lelihāno mahīruhān

Und diese Kleinen, noch unmündig im Sinn, quälen mich, ohne Federn, ohne Beine, die letzte Hoffnung unserer Vorfahren; und dieses Feuer kommt, alles in Schrecken versetzend, die Bäume leckend.

Wort für Wort
ime ca māṃ karṣayanti śiśavo mandacetasaḥ abarhāś caraṇair hīnāḥ pūrveṣāṃ naḥ parāyaṇam trāsayaṃś cāyam āyāti lelihāno mahīruhān
Und diese Kleinen, noch unmündig im Sinn, quälen mich, ohne Federn, ohne Beine, die letzte Hoffnung unserer Vorfahren; und dieses Feuer kommt, alles in Schrecken versetzend, die Bäume leckend.

aśaktimattvāc ca sutā na śaktāḥ saraṇe mama ādāya ca na śaktāsmi putrān saritum anyataḥ

Und weil sie kraftlos sind, vermögen meine Söhne nicht, mit mir zu fliehen; und ich vermag auch nicht, meine Söhne mit mir zu nehmen und anderswohin zu fliehen.

Wort für Wort
aśaktimattvāc ca sutā na śaktāḥ saraṇe mama ādāya ca na śaktāsmi putrān saritum anyataḥ
Und weil sie kraftlos sind, vermögen meine Söhne nicht, mit mir zu fliehen; und ich vermag auch nicht, meine Söhne mit mir zu nehmen und anderswohin zu fliehen.

na ca tyaktum ahaṃ śaktā hṛdayaṃ dūyatīva me kaṃ nu jahyām ahaṃ putraṃ kam ādāya vrajāmy aham

Und ich vermag auch nicht, sie zu verlassen; mein Herz zerreißt förmlich. Welchen Sohn sollte ich wohl aufgeben, welchen mit mir nehmen und fortgehen?

Wort für Wort
na ca tyaktum ahaṃ śaktā hṛdayaṃ dūyatīva me kaṃ nu jahyām ahaṃ putraṃ kam ādāya vrajāmy aham
Und ich vermag auch nicht, sie zu verlassen; mein Herz zerreißt förmlich. Welchen Sohn sollte ich wohl aufgeben, welchen mit mir nehmen und fortgehen?

kiṃ nu me syāt kṛtaṃ kṛtvā manyadhvaṃ putrakāḥ katham cintayānā vimokṣaṃ vo nādhigacchāmi kiṃ cana chādayitvā ca vo gātraiḥ kariṣye maraṇaṃ saha

Was sollte ich nur tun, sagt mir, meine Söhnchen, was für mich getan wäre? So nachdenkend, finde ich keinerlei Rettung für euch; ich werde euch mit meinem eigenen Körper bedecken und mit euch gemeinsam sterben.

Wort für Wort
kiṃ nu me syāt kṛtaṃ kṛtvā manyadhvaṃ putrakāḥ katham cintayānā vimokṣaṃ vo nādhigacchāmi kiṃ cana chādayitvā ca vo gātraiḥ kariṣye maraṇaṃ saha
Was sollte ich nur tun, sagt mir, meine Söhnchen, was für mich getan wäre? So nachdenkend, finde ich keinerlei Rettung für euch; ich werde euch mit meinem eigenen Körper bedecken und mit euch gemeinsam sterben.

jaritārau kulaṃ hīdaṃ jyeṣṭhatvena pratiṣṭhitam sārisṛkvaḥ prajāyeta pitṝṇāṃ kulavardhanaḥ

Jaritāri wird durch seine Erstgeburt dieses Geschlecht begründen; Sārisṛkva möge Nachkommen zeugen, das Geschlecht der Väter mehrend,

Wort für Wort
jaritārau kulaṃ hīdaṃ jyeṣṭhatvena pratiṣṭhitam sārisṛkvaḥ prajāyeta pitṝṇāṃ kulavardhanaḥ
Jaritāri wird durch seine Erstgeburt dieses Geschlecht begründen; Sārisṛkva möge Nachkommen zeugen, das Geschlecht der Väter mehrend,

stambamitras tapaḥ kuryād droṇo brahmavid uttamaḥ ity evam uktvā prayayau pitā vo nirghṛṇaḥ purā

Stambamitra möge Askese üben, Droṇa der vortrefflichste Vedenkenner werden - so gesprochen, ging euer Vater einst erbarmungslos fort.

Wort für Wort
stambamitras tapaḥ kuryād droṇo brahmavid uttamaḥ ity evam uktvā prayayau pitā vo nirghṛṇaḥ purā
Stambamitra möge Askese üben, Droṇa der vortrefflichste Vedenkenner werden - so gesprochen, ging euer Vater einst erbarmungslos fort.

[Anm.: Der hier genannte Droṇa, einer der vier Śārṅgaka-Söhne, ist nicht mit dem gleichnamigen Waffenlehrer der Kurus identisch, sondern ein bloßer Namensvetter.]

kam upādāya śakyeta gantuṃ kasyāpad uttamā kiṃ nu kṛtvā kṛtaṃ kāryaṃ bhaved iti ca vihvalā

Wen sollte ich mitnehmen und fortgehen können, wessen Not ist die größte? Was sollte ich nur tun, damit die Aufgabe erfüllt wäre? - so war sie verwirrt.

Wort für Wort
kam upādāya śakyeta gantuṃ kasyāpad uttamā kiṃ nu kṛtvā kṛtaṃ kāryaṃ bhaved iti ca vihvalā
Wen sollte ich mitnehmen und fortgehen können, wessen Not ist die größte? Was sollte ich nur tun, damit die Aufgabe erfüllt wäre? - so war sie verwirrt.

nāpaśyat svadhiyā mokṣaṃ svasutānāṃ tadānalāt evaṃ bruvantīṃ śārṅgās te pratyūcur atha mātaram

Sie fand mit eigenem Verstand keine Rettung ihrer Söhne vor jenem Feuer. Als sie so sprach, antworteten ihr die Śārṅgas, ihrer Mutter:

Wort für Wort
nāpaśyat svadhiyā mokṣaṃ svasutānāṃ tadānalāt evaṃ bruvantīṃ śārṅgās te pratyūcur atha mātaram
Sie fand mit eigenem Verstand keine Rettung ihrer Söhne vor jenem Feuer. Als sie so sprach, antworteten ihr die Śārṅgas, ihrer Mutter:

sneham utsṛjya mātas tvaṃ pata yatra na havyavāṭ asmāsu hi vinaṣṭeṣu bhavitāraḥ sutās tava tvayi mātar vinaṣṭāyāṃ na naḥ syāt kulasaṃtatiḥ

Lass die Zuneigung fahren, Mutter, und fliege dorthin, wo der Opferträger nicht hinreicht; denn wenn wir zugrunde gehen, wirst du noch weitere Söhne bekommen; doch wenn du, Mutter, zugrunde gehst, gäbe es keine Fortsetzung unseres Geschlechts.

Wort für Wort
sneham utsṛjya mātas tvaṃ pata yatra na havyavāṭ asmāsu hi vinaṣṭeṣu bhavitāraḥ sutās tava tvayi mātar vinaṣṭāyāṃ na naḥ syāt kulasaṃtatiḥ
Lass die Zuneigung fahren, Mutter, und fliege dorthin, wo der Opferträger nicht hinreicht; denn wenn wir zugrunde gehen, wirst du noch weitere Söhne bekommen; doch wenn du, Mutter, zugrunde gehst, gäbe es keine Fortsetzung unseres Geschlechts.

anvavekṣyaitad ubhayaṃ kṣamaṃ syād yat kulasya naḥ tad vai kartuṃ paraḥ kālo mātar eṣa bhavet tava

Erwäge beides; was unserem Geschlecht zuträglich ist, das zu tun ist jetzt für dich, Mutter, die rechte Zeit.

Wort für Wort
anvavekṣyaitad ubhayaṃ kṣamaṃ syād yat kulasya naḥ tad vai kartuṃ paraḥ kālo mātar eṣa bhavet tava
Erwäge beides; was unserem Geschlecht zuträglich ist, das zu tun ist jetzt für dich, Mutter, die rechte Zeit.

mā vai kulavināśāya snehaṃ kārṣīḥ suteṣu naḥ na hīdaṃ karma moghaṃ syāl lokakāmasya naḥ pituḥ

Lass deine Zuneigung zu uns Söhnen nicht zum Untergang des Geschlechts führen; denn dieses Werk unseres Vaters, der nach den himmlischen Welten verlangte, soll nicht vergeblich sein.

Wort für Wort
mā vai kulavināśāya snehaṃ kārṣīḥ suteṣu naḥ na hīdaṃ karma moghaṃ syāl lokakāmasya naḥ pituḥ
Lass deine Zuneigung zu uns Söhnen nicht zum Untergang des Geschlechts führen; denn dieses Werk unseres Vaters, der nach den himmlischen Welten verlangte, soll nicht vergeblich sein.

jaritovāca idam ākhor bilaṃ bhūmau vṛkṣasyāsya samīpataḥ tad āviśadhvaṃ tvaritā vahner atra na vo bhayam

Jaritā sprach: Hier ist das Loch einer Maus in der Erde, in der Nähe dieses Baumes; kriecht rasch hinein, dort habt ihr vor dem Feuer nichts zu fürchten.

Wort für Wort
jaritovāca idam ākhor bilaṃ bhūmau vṛkṣasyāsya samīpataḥ tad āviśadhvaṃ tvaritā vahner atra na vo bhayam
Jaritā sprach: Hier ist das Loch einer Maus in der Erde, in der Nähe dieses Baumes; kriecht rasch hinein, dort habt ihr vor dem Feuer nichts zu fürchten.

tato 'haṃ pāṃsunā chidram apidhāsyāmi putrakāḥ evaṃ pratikṛtaṃ manye jvalataḥ kṛṣṇavartmanaḥ

Dann werde ich das Loch mit Erde verschließen, meine Söhnchen; so, meine ich, ist ein Gegenmittel gegen den lodernden Feuerpfad gefunden.

Wort für Wort
tato 'haṃ pāṃsunā chidram apidhāsyāmi putrakāḥ evaṃ pratikṛtaṃ manye jvalataḥ kṛṣṇavartmanaḥ
Dann werde ich das Loch mit Erde verschließen, meine Söhnchen; so, meine ich, ist ein Gegenmittel gegen den lodernden Feuerpfad gefunden.

tata eṣyāmy atīte 'gnau vihartuṃ pāṃsusaṃcayam rocatām eṣa vopāyo vimokṣāya hutāśanāt

Dann werde ich kommen, wenn das Feuer vorüber ist, um den Erdhaufen wieder wegzuräumen; möge euch dieser Weg zur Rettung vor dem Feuer gefallen.

Wort für Wort
tata eṣyāmy atīte 'gnau vihartuṃ pāṃsusaṃcayam rocatām eṣa vopāyo vimokṣāya hutāśanāt
Dann werde ich kommen, wenn das Feuer vorüber ist, um den Erdhaufen wieder wegzuräumen; möge euch dieser Weg zur Rettung vor dem Feuer gefallen.

śārṅgakā ūcuḥ abarhān māṃsabhūtān naḥ kravyādākhur vināśayet paśyamānā bhayam idaṃ na śakṣyāmo niṣevitum

Die Śārṅgakas sprachen: Uns, federlos, nur Fleisch, könnte die fleischfressende Maus vernichten; wenn wir diese Gefahr sehen, werden wir sie nicht zu ertragen vermögen.

Wort für Wort
śārṅgakā ūcuḥ abarhān māṃsabhūtān naḥ kravyādākhur vināśayet paśyamānā bhayam idaṃ na śakṣyāmo niṣevitum
Die Śārṅgakas sprachen: Uns, federlos, nur Fleisch, könnte die fleischfressende Maus vernichten; wenn wir diese Gefahr sehen, werden wir sie nicht zu ertragen vermögen.

katham agnir na no dahyāt katham ākhur na bhakṣayet kathaṃ na syāt pitā moghaḥ kathaṃ mātā dhriyeta naḥ

Wie könnte das Feuer uns nicht verbrennen, wie könnte die Maus uns nicht fressen, wie wäre unser Vater nicht enttäuscht, wie bliebe unsere Mutter am Leben?

Wort für Wort
katham agnir na no dahyāt katham ākhur na bhakṣayet kathaṃ na syāt pitā moghaḥ kathaṃ mātā dhriyeta naḥ
Wie könnte das Feuer uns nicht verbrennen, wie könnte die Maus uns nicht fressen, wie wäre unser Vater nicht enttäuscht, wie bliebe unsere Mutter am Leben?

bila ākhor vināśaḥ syād agner ākāśacāriṇām anvavekṣyaitad ubhayaṃ śreyān dāho na bhakṣaṇam

Im Loch droht der Untergang durch die Maus, durch das Feuer der der Luftwandelnden; erwäge beides: Das Verbrennen ist besser als das Gefressenwerden.

Wort für Wort
bila ākhor vināśaḥ syād agner ākāśacāriṇām anvavekṣyaitad ubhayaṃ śreyān dāho na bhakṣaṇam
Im Loch droht der Untergang durch die Maus, durch das Feuer der der Luftwandelnden; erwäge beides: Das Verbrennen ist besser als das Gefressenwerden.

garhitaṃ maraṇaṃ naḥ syād ākhunā khādatā bile śiṣṭād iṣṭaḥ parityāgaḥ śarīrasya hutāśanāt

Schändlich wäre für uns der Tod, wenn uns im Loch eine Maus fräße; erwünschter als solcher Rest ist die Hingabe des Körpers an den Opferverzehrer.

Wort für Wort
garhitaṃ maraṇaṃ naḥ syād ākhunā khādatā bile śiṣṭād iṣṭaḥ parityāgaḥ śarīrasya hutāśanāt
Schändlich wäre für uns der Tod, wenn uns im Loch eine Maus fräße; erwünschter als solcher Rest ist die Hingabe des Körpers an den Opferverzehrer.

Dieses Kapitel in der Leseansicht