Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 66: Śakuntalopākhyānam (2) Die Erzählung von Śakuntalā (2): Menakās Verführung Viśvāmitras und Śakuntalās Geburt

Śakuntalā erzählt den Rest der Geschichte: Menakā verführt Viśvāmitra am Himavat, ihre gemeinsame Tochter wird an der Mālinī geboren und von Menakā zurückgelassen, von Vögeln (śakunta) beschützt und schließlich von Kaṇva gefunden und adoptiert - daher ihr Name Śakuntalā. Kaṇvas Lehre von den drei Arten von 'Vätern' (Erzeuger, Lebensspender, Ernährer).

śakuntalovāca evam uktas tayā śakraḥ saṃdideśa sadāgatim prātiṣṭhata tadā kāle menakā vāyunā saha

Śakuntalā sprach: »So angesprochen von ihr, gab Śakra den Auftrag an den Windgott Sadāgati; da machte sich zu jener Zeit Menakā mit dem Wind auf den Weg.

Wort für Wort
śakuntalovāca evam uktas tayā śakraḥ saṃdideśa sadāgatim prātiṣṭhata tadā kāle menakā vāyunā saha
Śakuntalā sprach: »So angesprochen von ihr, gab Śakra den Auftrag an den Windgott Sadāgati; da machte sich zu jener Zeit Menakā mit dem Wind auf den Weg.

athāpaśyad varārohā tapasā dagdhakilbiṣam viśvāmitraṃ tapasyantaṃ menakā bhīrur āśrame

Da erblickte die Schönhüftige, die Furchtsame, Menakā, den durch Askese von seinen Verfehlungen gereinigten Viśvāmitra, wie er in der Einsiedelei Buße übte.

Wort für Wort
athāpaśyad varārohā tapasā dagdhakilbiṣam viśvāmitraṃ tapasyantaṃ menakā bhīrur āśrame
Da erblickte die Schönhüftige, die Furchtsame, Menakā, den durch Askese von seinen Verfehlungen gereinigten Viśvāmitra, wie er in der Einsiedelei Buße übte.

abhivādya tataḥ sā taṃ prākrīḍad ṛṣisaṃnidhau apovāha ca vāso 'syā mārutaḥ śaśisaṃnibham

Nachdem sie ihn gegrüßt hatte, spielte sie da in der Nähe des Weisen; und der Windgott entführte ihr Gewand, das dem Mond glich.

Wort für Wort
abhivādya tataḥ sā taṃ prākrīḍad ṛṣisaṃnidhau apovāha ca vāso 'syā mārutaḥ śaśisaṃnibham
Nachdem sie ihn gegrüßt hatte, spielte sie da in der Nähe des Weisen; und der Windgott entführte ihr Gewand, das dem Mond glich.

sāgacchat tvaritā bhūmiṃ vāsas tad abhiliṅgatī utsmayantīva savrīḍaṃ mārutaṃ varavarṇinī

Sie eilte zur Erde, um dem Gewand zu folgen und es wieder anzulegen, die Schönfarbene, wie lächelnd und zugleich schamvoll dem Windgott entgegen.

Wort für Wort
sāgacchat tvaritā bhūmiṃ vāsas tad abhiliṅgatī utsmayantīva savrīḍaṃ mārutaṃ varavarṇinī
Sie eilte zur Erde, um dem Gewand zu folgen und es wieder anzulegen, die Schönfarbene, wie lächelnd und zugleich schamvoll dem Windgott entgegen.

gṛddhāṃ vāsasi saṃbhrāntāṃ menakāṃ munisattamaḥ anirdeśyavayorūpām apaśyad vivṛtāṃ tadā

Menakā, wild ihrem Gewand nachjagend, bestürzt, von unbeschreiblicher Jugend und Schönheit, erblickte da der beste unter den Weisen, entblößt.

Wort für Wort
gṛddhāṃ vāsasi saṃbhrāntāṃ menakāṃ munisattamaḥ anirdeśyavayorūpām apaśyad vivṛtāṃ tadā
Menakā, wild ihrem Gewand nachjagend, bestürzt, von unbeschreiblicher Jugend und Schönheit, erblickte da der beste unter den Weisen, entblößt.

tasyā rūpaguṇaṃ dṛṣṭvā sa tu viprarṣabhas tadā cakāra bhāvaṃ saṃsarge tayā kāmavaśaṃ gataḥ

Bei ihrem Anblick von Schönheit und Vorzügen fasste da jener Stier unter den Brahmanenweisen ein Verlangen zur Vereinigung mit ihr, der Macht des Liebesgottes verfallen.

Wort für Wort
tasyā rūpaguṇaṃ dṛṣṭvā sa tu viprarṣabhas tadā cakāra bhāvaṃ saṃsarge tayā kāmavaśaṃ gataḥ
Bei ihrem Anblick von Schönheit und Vorzügen fasste da jener Stier unter den Brahmanenweisen ein Verlangen zur Vereinigung mit ihr, der Macht des Liebesgottes verfallen.

nyamantrayata cāpy enāṃ sā cāpy aicchad aninditā tau tatra suciraṃ kālaṃ vane vyaharatām ubhau ramamāṇau yathākāmaṃ yathaikadivasaṃ tathā

Und er lud sie ein, und sie, die Untadelige, willigte auch ein; und die beiden verweilten dort im Wald lange Zeit, sich vergnügend nach Herzenslust, als wäre es nur ein einziger Tag.

Wort für Wort
nyamantrayata cāpy enāṃ sā cāpy aicchad aninditā tau tatra suciraṃ kālaṃ vane vyaharatām ubhau ramamāṇau yathākāmaṃ yathaikadivasaṃ tathā
Und er lud sie ein, und sie, die Untadelige, willigte auch ein; und die beiden verweilten dort im Wald lange Zeit, sich vergnügend nach Herzenslust, als wäre es nur ein einziger Tag.

janayām āsa sa munir menakāyāṃ śakuntalām prasthe himavato ramye mālinīm abhito nadīm

Jener Weise zeugte mit Menakā Śakuntalā, auf dem lieblichen Vorgebirge des Himavat, am Ufer des Flusses Mālinī.

Wort für Wort
janayām āsa sa munir menakāyāṃ śakuntalām prasthe himavato ramye mālinīm abhito nadīm
Jener Weise zeugte mit Menakā Śakuntalā, auf dem lieblichen Vorgebirge des Himavat, am Ufer des Flusses Mālinī.

jātam utsṛjya taṃ garbhaṃ menakā mālinīm anu kṛtakāryā tatas tūrṇam agacchac chakrasaṃsadam

Nachdem sie das geborene Kind an der Mālinī zurückgelassen hatte, ging Menakā, ihr Werk vollbracht, eilends zurück zu Śakras Versammlung.

Wort für Wort
jātam utsṛjya taṃ garbhaṃ menakā mālinīm anu kṛtakāryā tatas tūrṇam agacchac chakrasaṃsadam
Nachdem sie das geborene Kind an der Mālinī zurückgelassen hatte, ging Menakā, ihr Werk vollbracht, eilends zurück zu Śakras Versammlung.

taṃ vane vijane garbhaṃ siṃhavyāghrasamākule dṛṣṭvā śayānaṃ śakunāḥ samantāt paryavārayan

Jenes Kind, in einem einsamen, von Löwen und Tigern durchstreiften Wald liegend erblickend, umringten es die Vögel (śakuna) von allen Seiten.

Wort für Wort
taṃ vane vijane garbhaṃ siṃhavyāghrasamākule dṛṣṭvā śayānaṃ śakunāḥ samantāt paryavārayan
Jenes Kind, in einem einsamen, von Löwen und Tigern durchstreiften Wald liegend erblickend, umringten es die Vögel (śakuna) von allen Seiten.

nemāṃ hiṃsyur vane bālāṃ kravyādā māṃsagṛddhinaḥ paryarakṣanta tāṃ tatra śakuntā menakātmajām

›Diese soll niemand im Wald verletzen, dieses Kind, keine fleischfressenden, nach Fleisch gierenden Tiere‹ - so beschützten die Vögel dort das Kind der Menakā.

Wort für Wort
nemāṃ hiṃsyur vane bālāṃ kravyādā māṃsagṛddhinaḥ paryarakṣanta tāṃ tatra śakuntā menakātmajām
›Diese soll niemand im Wald verletzen, dieses Kind, keine fleischfressenden, nach Fleisch gierenden Tiere‹ - so beschützten die Vögel dort das Kind der Menakā.

upaspraṣṭuṃ gataś cāham apaśyaṃ śayitām imām nirjane vipine 'raṇye śakuntaiḥ parivāritām ānayitvā tataś caināṃ duhitṛtve nyayojayam

Als ich zur rituellen Waschung ging, erblickte ich dieses Kind liegend, in der menschenleeren Wildnis, von Vögeln umgeben; da nahm ich es mit und nahm es als Tochter an.

Wort für Wort
upaspraṣṭuṃ gataś cāham apaśyaṃ śayitām imām nirjane vipine 'raṇye śakuntaiḥ parivāritām ānayitvā tataś caināṃ duhitṛtve nyayojayam
Als ich zur rituellen Waschung ging, erblickte ich dieses Kind liegend, in der menschenleeren Wildnis, von Vögeln umgeben; da nahm ich es mit und nahm es als Tochter an.

śarīrakṛt prāṇadātā yasya cānnāni bhuñjate krameṇa te trayo 'py uktāḥ pitaro dharmaniścaye

Wer den Körper erzeugt, wer das Leben schenkt, und von wessen Speise man sich nährt - der Reihe nach werden diese drei als ›Väter‹ in der Bestimmung des Dharma bezeichnet.

Wort für Wort
śarīrakṛt prāṇadātā yasya cānnāni bhuñjate krameṇa te trayo 'py uktāḥ pitaro dharmaniścaye
Wer den Körper erzeugt, wer das Leben schenkt, und von wessen Speise man sich nährt - der Reihe nach werden diese drei als ›Väter‹ in der Bestimmung des Dharma bezeichnet.

nirjane ca vane yasmāc chakuntaiḥ parirakṣitā śakuntaleti nāmāsyāḥ kṛtaṃ cāpi tato mayā

Und weil sie in der menschenleeren Wildnis von den Vögeln (śakunta) beschützt wurde, wurde ihr der Name ›Śakuntalā‹ von mir gegeben.

Wort für Wort
nirjane ca vane yasmāc chakuntaiḥ parirakṣitā śakuntaleti nāmāsyāḥ kṛtaṃ cāpi tato mayā
Und weil sie in der menschenleeren Wildnis von den Vögeln (śakunta) beschützt wurde, wurde ihr der Name ›Śakuntalā‹ von mir gegeben.

[Anm.: Volksetymologie des Namens Śakuntalā von »śakunta« (Vogel).

evaṃ duhitaraṃ viddhi mama saumya śakuntalām śakuntalā ca pitaraṃ manyate mām aninditā

So wisse, o Freundlicher: Śakuntalā ist meine Tochter, und Śakuntalā hält mich, die Untadelige, für ihren Vater.

Wort für Wort
evaṃ duhitaraṃ viddhi mama saumya śakuntalām śakuntalā ca pitaraṃ manyate mām aninditā
So wisse, o Freundlicher: Śakuntalā ist meine Tochter, und Śakuntalā hält mich, die Untadelige, für ihren Vater.

etad ācaṣṭa pṛṣṭaḥ san mama janma maharṣaye sutāṃ kaṇvasya mām evaṃ viddhi tvaṃ manujādhipa

Dies erzählte er, danach gefragt, dem großen Weisen über meine Geburt; als Kaṇvas Tochter sollst also auch du mich kennen, o Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
etad ācaṣṭa pṛṣṭaḥ san mama janma maharṣaye sutāṃ kaṇvasya mām evaṃ viddhi tvaṃ manujādhipa
Dies erzählte er, danach gefragt, dem großen Weisen über meine Geburt; als Kaṇvas Tochter sollst also auch du mich kennen, o Herrscher der Menschen.

kaṇvaṃ hi pitaraṃ manye pitaraṃ svam ajānatī iti te kathitaṃ rājan yathāvṛttaṃ śrutaṃ mayā

Denn ich halte Kaṇva für meinen Vater, da ich meinen leiblichen Vater nicht kenne. So habe ich dir erzählt, o König, wie es sich zugetragen hat, so wie ich es gehört habe.«

Wort für Wort
kaṇvaṃ hi pitaraṃ manye pitaraṃ svam ajānatī iti te kathitaṃ rājan yathāvṛttaṃ śrutaṃ mayā
Denn ich halte Kaṇva für meinen Vater, da ich meinen leiblichen Vater nicht kenne. So habe ich dir erzählt, o König, wie es sich zugetragen hat, so wie ich es gehört habe.«

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