Kapitel 46: Āstīka-parva (Fortsetzung): Janamejayas Entschluss zur Vergeltung
Āstīka-parva (Fortsetzung): Die Minister berichten Śṛṅgins Fluch und Kāśyapas Bestechung im Detail; Janamejaya fasst den Entschluss zur Vergeltung an Takṣaka — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)
Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,046.001“ bis „01,046.041“). Die Minister erzählen Janamejaya, als Fortsetzung der Rückblende, ausführlich den bereits aus Adh.36-39 bekannten Hergang: Śṛṅgins Fluch, Śamīkas Warnung, Kāśyapas Bestechung durch Takṣaka und Parikṣits Tod – und nennen dabei erstmals den Seher Uttaṅka. Auf Janamejayas Nachfrage, woher sie das Gespräch zwischen Takṣaka und Kāśyapa im menschenleeren Wald kennen, berichten sie von dem Mann, der unbemerkt auf dem später verbrannten und wiederbelebten Baum saß und die Geschichte weitertrug. Zutiefst erschüttert fasst Janamejaya den festen Entschluss, Vergeltung an Takṣaka zu üben — der unmittelbare Auftakt zum Sarpasatra. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.
Die Minister sprachen: „Da kehrte jener König, o König der Könige, nachdem er, von Hunger abgemagert, dem Muni die Schlange auf die Schulter gelegt hatte, wieder in seine eigene Stadt zurück.
Die Minister sprachen: „Da kehrte jener König, o König der Könige, nachdem er, von Hunger abgemagert, dem Muni die Schlange auf die Schulter gelegt hatte, wieder in seine eigene Stadt zurück.
brahmāṇaṃ so 'bhyupāgamya muniḥ pūjāṃ cakāra ha | anujñāto gatas tatra śṛṅgī śuśrāva taṃ tadā | sakhyuḥ sakāśāt pitaraṃ pitrā te dharṣitaṃ tathā
Jener Muni, zu Brahmā gegangen, erwies ihm Verehrung; von ihm entlassen, ging er dorthin zurück; da hörte Śṛṅgin von einem Freund, dass sein Vater von deinem Vater gekränkt worden war,
Wort für Wort
brahmāṇaṃ so 'bhyupāgamya muniḥ pūjāṃ cakāra ha | anujñāto gatas tatra śṛṅgī śuśrāva taṃ tadā | sakhyuḥ sakāśāt pitaraṃ pitrā te dharṣitaṃ tathā
Jener Muni, zu Brahmā gegangen, erwies ihm Verehrung; von ihm entlassen, ging er dorthin zurück; da hörte Śṛṅgin von einem Freund, dass sein Vater von deinem Vater gekränkt worden war,
śaśāpātha sa tac chrutvā pitaraṃ te ruṣānvitaḥ | ṛṣeḥ putro mahātejā bālo 'pi sthavirair varaḥ
Als er dies hörte, verfluchte da, von Zorn erfüllt, der Sohn des Sehers, von großem Glanz, obwohl noch ein Kind, der Beste unter den Alten, deinen Vater.
Wort für Wort
śaśāpātha sa tac chrutvā pitaraṃ te ruṣānvitaḥ | ṛṣeḥ putro mahātejā bālo 'pi sthavirair varaḥ
Als er dies hörte, verfluchte da, von Zorn erfüllt, der Sohn des Sehers, von großem Glanz, obwohl noch ein Kind, der Beste unter den Alten, deinen Vater.
anāgasi gurau yo me mṛtaṃ sarpam avāsṛjat | taṃ nāgas takṣakaḥ kruddhas tejasā sādayiṣyati | saptarātrād itaḥ pāpaṃ paśya me tapaso balam
‚Wer meinem schuldlosen Lehrer eine tote Schlange auflegte — jenen wird die Schlange Takṣaka, erzürnt, mit ihrer Glut vernichten, binnen sieben Nächten von jetzt an, den Sünder — sieh die Kraft meiner Askese!'
Wort für Wort
anāgasi gurau yo me mṛtaṃ sarpam avāsṛjat | taṃ nāgas takṣakaḥ kruddhas tejasā sādayiṣyati | saptarātrād itaḥ pāpaṃ paśya me tapaso balam
‚Wer meinem schuldlosen Lehrer eine tote Schlange auflegte — jenen wird die Schlange Takṣaka, erzürnt, mit ihrer Glut vernichten, binnen sieben Nächten von jetzt an, den Sünder — sieh die Kraft meiner Askese!'
sa cāpi muniśārdūlaḥ preṣayām āsa te pituḥ | śapto 'si mama putreṇa yatto bhava mahīpate | takṣakas tvāṃ mahārāja tejasā sādayiṣyati
Und auch jener Tiger unter den Munis sandte einen Boten zu deinem Vater: ‚Du bist von meinem Sohn verflucht worden; sei auf der Hut, Herr der Erde — Takṣaka wird dich, großer König, mit seiner Glut vernichten.'
Wort für Wort
sa cāpi muniśārdūlaḥ preṣayām āsa te pituḥ | śapto 'si mama putreṇa yatto bhava mahīpate | takṣakas tvāṃ mahārāja tejasā sādayiṣyati
Und auch jener Tiger unter den Munis sandte einen Boten zu deinem Vater: ‚Du bist von meinem Sohn verflucht worden; sei auf der Hut, Herr der Erde — Takṣaka wird dich, großer König, mit seiner Glut vernichten.'
taṃ dadarśātha nāgendraḥ kāśyapaṃ takṣakas tadā | tam abravīt pannagendraḥ kāśyapaṃ tvaritaṃ vrajan | kva bhavāṃs tvarito yāti kiṃ ca kāryaṃ cikīrṣati
da sah ihn, den Kāśyapa, der Schlangenkönig Takṣaka; der Schlangenkönig sprach zu jenem Kāśyapa, wie er eilends zog: ‚Wohin eilt Ihr so rasch, und welches Vorhaben gedenkt Ihr auszuführen?'
Wort für Wort
taṃ dadarśātha nāgendraḥ kāśyapaṃ takṣakas tadā | tam abravīt pannagendraḥ kāśyapaṃ tvaritaṃ vrajan | kva bhavāṃs tvarito yāti kiṃ ca kāryaṃ cikīrṣati
da sah ihn, den Kāśyapa, der Schlangenkönig Takṣaka; der Schlangenkönig sprach zu jenem Kāśyapa, wie er eilends zog: ‚Wohin eilt Ihr so rasch, und welches Vorhaben gedenkt Ihr auszuführen?'
kāśyapa uvāca | yatra rājā kuruśreṣṭhaḥ parikṣin nāma vai dvija | takṣakeṇa bhujaṃgena dhakṣyate kila tatra vai
Kāśyapa sprach: „Dorthin, wo der König, der Beste der Kurus, mit Namen Parikṣit, o Zweifachgeborener, von der Schlange Takṣaka verbrannt werden soll, eben dorthin —
Wort für Wort
kāśyapa uvāca | yatra rājā kuruśreṣṭhaḥ parikṣin nāma vai dvija | takṣakeṇa bhujaṃgena dhakṣyate kila tatra vai
Kāśyapa sprach: „Dorthin, wo der König, der Beste der Kurus, mit Namen Parikṣit, o Zweifachgeborener, von der Schlange Takṣaka verbrannt werden soll, eben dorthin —
Takṣaka sprach: „Wozu willst du den von mir Gebissenen wiederbeleben? Sag mir deinen Wunsch — ich werde ihn dir heute erfüllen; kehre in dein eigenes Haus zurück.“
Takṣaka sprach: „Wozu willst du den von mir Gebissenen wiederbeleben? Sag mir deinen Wunsch — ich werde ihn dir heute erfüllen; kehre in dein eigenes Haus zurück.“
mantriṇa ūcuḥ | dhanalipsur ahaṃ tatra yāmīty uktaś ca tena saḥ | tam uvāca mahātmānaṃ mānayañ ślakṣṇayā girā
Die Minister sprachen: „‚Aus Verlangen nach Reichtum gehe ich dorthin' — so von jenem angesprochen, sagte er, Takṣaka, zu jenem Hochgesinnten, ihn ehrend, mit sanfter Stimme:
Wort für Wort
mantriṇa ūcuḥ | dhanalipsur ahaṃ tatra yāmīty uktaś ca tena saḥ | tam uvāca mahātmānaṃ mānayañ ślakṣṇayā girā
Die Minister sprachen: „‚Aus Verlangen nach Reichtum gehe ich dorthin' — so von jenem angesprochen, sagte er, Takṣaka, zu jenem Hochgesinnten, ihn ehrend, mit sanfter Stimme:
Er, so von der Schlange angesprochen, Kāśyapa, der Beste der Zweifüßler, kehrte um, nachdem er von Takṣaka den Reichtum erhalten hatte, so viel er begehrte.
Er, so von der Schlange angesprochen, Kāśyapa, der Beste der Zweifüßler, kehrte um, nachdem er von Takṣaka den Reichtum erhalten hatte, so viel er begehrte.
śrutvā caitaṃ nṛpaśreṣṭha pārthivasya parābhavam | asya carṣer uttaṅkasya vidhatsva yad anantaram
Nachdem du dies, den Untergang deines königlichen Vaters, gehört hast, o Bester der Könige — tue das, was als Nächstes ansteht, betreffend jenen Seher Uttaṅka.“
Wort für Wort
śrutvā caitaṃ nṛpaśreṣṭha pārthivasya parābhavam | asya carṣer uttaṅkasya vidhatsva yad anantaram
Nachdem du dies, den Untergang deines königlichen Vaters, gehört hast, o Bester der Könige — tue das, was als Nächstes ansteht, betreffend jenen Seher Uttaṅka.“
[Anm.: Der Seher Uttaṅka wird hier erstmals im Rahmen dieser kritischen Ausgabe erwähnt, offenbar als vorausgesetzt bekannt; seine eigene Geschichte (die ihn zu einem erbitterten Feind Takṣakas und zum Anstifter von Janamejayas Sarpasatra macht) dürfte in einem folgenden Adhyāya nachgetragen werden.]
janamejaya uvāca | etat tu śrotum icchāmi aṭavyāṃ nirjane vane | saṃvādaṃ pannagendrasya kāśyapasya ca yat tadā
Janamejaya sprach: „Dies aber möchte ich hören: das Gespräch des Schlangenkönigs und Kāśyapas, das damals in der Wildnis, im menschenleeren Wald, stattfand —
Wort für Wort
janamejaya uvāca | etat tu śrotum icchāmi aṭavyāṃ nirjane vane | saṃvādaṃ pannagendrasya kāśyapasya ca yat tadā
Janamejaya sprach: „Dies aber möchte ich hören: das Gespräch des Schlangenkönigs und Kāśyapas, das damals in der Wildnis, im menschenleeren Wald, stattfand —
von wem wurde es gesehen, und wie ist es auch zu eurem Ohr gelangt? Und wenn ich es gehört habe, werde ich einen die Schlangen vernichtenden Entschluss fassen.“
von wem wurde es gesehen, und wie ist es auch zu eurem Ohr gelangt? Und wenn ich es gehört habe, werde ich einen die Schlangen vernichtenden Entschluss fassen.“
Die Minister sprachen: „Höre, o König, wie uns dies einst berichtet wurde — die Begegnung des besten der Zweifachgeborenen mit dem Schlangenkönig auf dem Weg:
Die Minister sprachen: „Höre, o König, wie uns dies einst berichtet wurde — die Begegnung des besten der Zweifachgeborenen mit dem Schlangenkönig auf dem Weg:
Auf jenem Baum war zuvor schon ein Mann, o König, der nach Brennholz suchte, auf einen dürren Ast geklettert; ohne dass die beiden, die Schlange und der Zweifachgeborene, ihn dort auf dem Baum bemerkten,
Auf jenem Baum war zuvor schon ein Mann, o König, der nach Brennholz suchte, auf einen dürren Ast geklettert; ohne dass die beiden, die Schlange und der Zweifachgeborene, ihn dort auf dem Baum bemerkten,
[Anm.: Gemeint ist derselbe Feigenbaum, den Takṣaka in Adh.39 verbrannte und Kāśyapa wiederbelebte.]
sa tu tenaiva vṛkṣeṇa bhasmībhūto 'bhavat tadā | dvijaprabhāvād rājendra jīvitaḥ savanaspatiḥ
wurde er mit eben jenem Baum zu Asche, da; doch durch die Macht des Zweifachgeborenen, o König der Könige, wurde er zusammen mit dem Baum wieder zum Leben erweckt.
Wort für Wort
sa tu tenaiva vṛkṣeṇa bhasmībhūto 'bhavat tadā | dvijaprabhāvād rājendra jīvitaḥ savanaspatiḥ
wurde er mit eben jenem Baum zu Asche, da; doch durch die Macht des Zweifachgeborenen, o König der Könige, wurde er zusammen mit dem Baum wieder zum Leben erweckt.
tena gatvā nṛpaśreṣṭha nagare 'smin niveditam | yathāvṛttaṃ tu tat sarvaṃ takṣakasya dvijasya ca
Von ihm wurde, nachdem er in diese Stadt gekommen war, o Bester der Könige, all das berichtet, was sich zwischen Takṣaka und dem Zweifachgeborenen zugetragen hatte.
Wort für Wort
tena gatvā nṛpaśreṣṭha nagare 'smin niveditam | yathāvṛttaṃ tu tat sarvaṃ takṣakasya dvijasya ca
Von ihm wurde, nachdem er in diese Stadt gekommen war, o Bester der Könige, all das berichtet, was sich zwischen Takṣaka und dem Zweifachgeborenen zugetragen hatte.
etat te kathitaṃ rājan yathāvṛttaṃ yathāśrutam | śrutvā tu nṛpaśārdūla prakuruṣva yathepsitam
Dies ist dir berichtet worden, o König, wie es sich zutrug, wie wir es gehört haben; nachdem du es gehört hast, Tiger unter den Königen, handle nach deinem Wunsch.“
Wort für Wort
etat te kathitaṃ rājan yathāvṛttaṃ yathāśrutam | śrutvā tu nṛpaśārdūla prakuruṣva yathepsitam
Dies ist dir berichtet worden, o König, wie es sich zutrug, wie wir es gehört haben; nachdem du es gehört hast, Tiger unter den Königen, handle nach deinem Wunsch.“
niḥśvāsam uṣṇam asakṛd dīrghaṃ rājīvalocanaḥ | mumocāśrūṇi ca tadā netrābhyāṃ pratataṃ nṛpaḥ | uvāca ca mahīpālo duḥkhaśokasamanvitaḥ
Wiederholt stieß er heiße, lange Seufzer aus, er, mit lotusgleichen Augen; und Tränen vergoss er da unaufhörlich aus beiden Augen, der König; und der Herrscher der Erde sprach, von Schmerz und Kummer erfüllt:
Wort für Wort
niḥśvāsam uṣṇam asakṛd dīrghaṃ rājīvalocanaḥ | mumocāśrūṇi ca tadā netrābhyāṃ pratataṃ nṛpaḥ | uvāca ca mahīpālo duḥkhaśokasamanvitaḥ
Wiederholt stieß er heiße, lange Seufzer aus, er, mit lotusgleichen Augen; und Tränen vergoss er da unaufhörlich aus beiden Augen, der König; und der Herrscher der Erde sprach, von Schmerz und Kummer erfüllt:
ṛṣer hi śṛṅger vacanaṃ kṛtvā dagdhvā ca pārthivam | yadi gacched asau pāpo nanu jīvet pitā mama
Denn selbst wenn jener Sünder, nachdem er das Wort des Sehers Śṛṅgin erfüllt und den König verbrannt hatte, [seinen Lauf gelassen und sich entfernt] hätte — würde dann nicht mein Vater noch leben?
Wort für Wort
ṛṣer hi śṛṅger vacanaṃ kṛtvā dagdhvā ca pārthivam | yadi gacched asau pāpo nanu jīvet pitā mama
Denn selbst wenn jener Sünder, nachdem er das Wort des Sehers Śṛṅgin erfüllt und den König verbrannt hatte, [seinen Lauf gelassen und sich entfernt] hätte — würde dann nicht mein Vater noch leben?
[Anm.: Der Gedankengang (Vv.37-38) ist knapp: Janamejaya meint, selbst nach dem Biss hätte sein Vater durch Kāśyapas Heilkunst überleben können, wäre Takṣaka nicht noch zusätzlich dazwischengetreten und hätte Kāśyapa bestochen, die Rettung zu unterlassen – eben dies erachtet er als die eigentlich schwerwiegende Verfehlung.]
mahān atikramo hy eṣa takṣakasya durātmanaḥ | dvijasya yo 'dadad dravyaṃ mā nṛpaṃ jīvayed iti
Dies ist eine große Verfehlung des bösgesinnten Takṣaka, dass er dem Zweifachgeborenen Reichtum gab, mit der Bedingung: ‚Belebe den König nicht wieder!'
Wort für Wort
mahān atikramo hy eṣa takṣakasya durātmanaḥ | dvijasya yo 'dadad dravyaṃ mā nṛpaṃ jīvayed iti
Dies ist eine große Verfehlung des bösgesinnten Takṣaka, dass er dem Zweifachgeborenen Reichtum gab, mit der Bedingung: ‚Belebe den König nicht wieder!'
Dem Uttaṅka einen Gefallen erweisend, und mir selbst einen großen Gefallen, und euch allen — ich werde die Vergeltung für meinen Vater vollziehen.“
[Anm.: Adhyāya 46 endet hier gemäß der lokalen Quelldatei. Janamejayas fester Entschluss zur Vergeltung an Takṣaka ist der unmittelbare Auftakt zum Sarpasatra, dem großen Schlangenopfer, das den Rahmen der gesamten Erzählung bildet.]