Kapitel 97: Bhīṣma-Satyavatī-Saṃvādaḥ
Satyavatīs Bitte um Nachkommenschaft und Bhīṣmas Beharren auf seinem Gelübde
Nach Vicitravīryas Tod bittet Satyavatī Bhīṣma, selbst mit den beiden Witwen Nachkommen zu zeugen und den Thron zu übernehmen. Bhīṣma weigert sich unter Berufung auf sein unverbrüchliches Wahrheits- und Ehelosigkeits-Gelübde, verspricht aber, ihr die alte kṣatriyische Notlage-Pflicht (āpaddharma) zu verkünden, mit der das Geschlecht dennoch fortbestehen kann – eine Ankündigung, die im folgenden Kapitel zur Vyāsa-Niyoga-Lösung führt.
Vaiśaṃpāyana sprach: Da wandte sich Satyavatī, elend und bekümmert, nach einem Sohn begierig, o Bhārata, nachdem sie zusammen mit den Schwiegertöchtern die Riten für ihren Sohn vollzogen hatte,
Vaiśaṃpāyana sprach: Da wandte sich Satyavatī, elend und bekümmert, nach einem Sohn begierig, o Bhārata, nachdem sie zusammen mit den Schwiegertöchtern die Riten für ihren Sohn vollzogen hatte,
dharmaṃ ca pitṛvaṃśaṃ ca mātṛvaṃśaṃ ca māninī prasamīkṣya mahābhāgā gāṅgeyaṃ vākyam abravīt
im Hinblick auf den Dharma, die väterliche und die mütterliche Linie – die stolze, hochgesegnete Frau – mit folgenden Worten an den Sohn der Gaṅgā [Bhīṣma]:
Wort für Wort
dharmaṃ ca pitṛvaṃśaṃ ca mātṛvaṃśaṃ ca māninī prasamīkṣya mahābhāgā gāṅgeyaṃ vākyam abravīt
im Hinblick auf den Dharma, die väterliche und die mütterliche Linie – die stolze, hochgesegnete Frau – mit folgenden Worten an den Sohn der Gaṅgā [Bhīṣma]:
So gewiss, wie ein wohlgetanes Werk zum Himmel führt, so gewiss, wie die zugeteilte Lebenszeit ist, so gewiss ist in dir, bei der Wahrheit, der Dharma.
So gewiss, wie ein wohlgetanes Werk zum Himmel führt, so gewiss, wie die zugeteilte Lebenszeit ist, so gewiss ist in dir, bei der Wahrheit, der Dharma.
vettha dharmāṃś ca dharmajña samāsenetareṇa ca vividhās tvaṃ śrutīr vettha vettha vedāṃś ca sarvaśaḥ
Du kennst die Pflichten, o Kenner des Dharma, im Überblick wie im Einzelnen; du kennst die vielfältigen Śruti-Texte und kennst die Veden vollständig, in jeder Hinsicht.
Wort für Wort
vettha dharmāṃś ca dharmajña samāsenetareṇa ca vividhās tvaṃ śrutīr vettha vettha vedāṃś ca sarvaśaḥ
Du kennst die Pflichten, o Kenner des Dharma, im Überblick wie im Einzelnen; du kennst die vielfältigen Śruti-Texte und kennst die Veden vollständig, in jeder Hinsicht.
vyavasthānaṃ ca te dharme kulācāraṃ ca lakṣaye pratipattiṃ ca kṛcchreṣu śukrāṅgirasayor iva
Ich sehe deine Festigkeit im Dharma, die Sitte deines Geschlechts, und dein Verhalten in Notlagen, wie einst bei Śukra und Aṅgiras.
Wort für Wort
vyavasthānaṃ ca te dharme kulācāraṃ ca lakṣaye pratipattiṃ ca kṛcchreṣu śukrāṅgirasayor iva
Ich sehe deine Festigkeit im Dharma, die Sitte deines Geschlechts, und dein Verhalten in Notlagen, wie einst bei Śukra und Aṅgiras.
[Anm.: Die Anspielung auf Śukra und Aṅgiras bleibt hier knapp; gemeint sind wohl bekannte Fälle, in denen diese Weisen in Ausnahmelagen vom gewöhnlichen Dharma abwichen (āpaddharma) – ein Vorausgriff auf Bhīṣmas folgende Argumentation.]
Deshalb, da ich mich fest auf dich verlasse, o Bester der Dharma-Bewahrten, will ich dich mit einer Aufgabe betrauen; nachdem du sie vernommen hast, sollst du sie ausführen.
Deshalb, da ich mich fest auf dich verlasse, o Bester der Dharma-Bewahrten, will ich dich mit einer Aufgabe betrauen; nachdem du sie vernommen hast, sollst du sie ausführen.
ime mahiṣyau bhrātus te kāśirājasute śubhe rūpayauvanasaṃpanne putrakāme ca bhārata
Diese beiden Königinnen, die Gattinnen deines Bruders, die schönen Töchter des Königs von Kāśī, mit Schönheit und Jugend gesegnet, wünschen sich, o Bhārata, einen Sohn.
Wort für Wort
ime mahiṣyau bhrātus te kāśirājasute śubhe rūpayauvanasaṃpanne putrakāme ca bhārata
Diese beiden Königinnen, die Gattinnen deines Bruders, die schönen Töchter des Königs von Kāśī, mit Schönheit und Jugend gesegnet, wünschen sich, o Bhārata, einen Sohn.
Zeuge du mit ihnen Nachkommenschaft, zur Fortpflanzung unseres Geschlechts, auf meinen Auftrag hin, o Hochgesegneter; das sollst du hier als Dharma erfüllen.
Zeuge du mit ihnen Nachkommenschaft, zur Fortpflanzung unseres Geschlechts, auf meinen Auftrag hin, o Hochgesegneter; das sollst du hier als Dharma erfüllen.
parityajeyaṃ trailokyaṃ rājyaṃ deveṣu vā punaḥ yad vāpy adhikam etābhyāṃ na tu satyaṃ kathaṃ cana
Ich würde die drei Welten aufgeben, wieder die Königsherrschaft über die Götter, ja, was auch immer größer wäre als diese – niemals aber die Wahrheit, auf keine Weise.
Wort für Wort
parityajeyaṃ trailokyaṃ rājyaṃ deveṣu vā punaḥ yad vāpy adhikam etābhyāṃ na tu satyaṃ kathaṃ cana
Ich würde die drei Welten aufgeben, wieder die Königsherrschaft über die Götter, ja, was auch immer größer wäre als diese – niemals aber die Wahrheit, auf keine Weise.
vikramaṃ vṛtrahā jahyād dharmaṃ jahyāc ca dharmarāṭ na tv ahaṃ satyam utsraṣṭuṃ vyavaseyaṃ kathaṃ cana
eher ließe der Vṛtra-Töter [Indra] seine Kraft fahren, der König des Dharma [Yama] seinen Dharma – niemals aber werde ich mich je entschließen, die Wahrheit aufzugeben.'
Wort für Wort
vikramaṃ vṛtrahā jahyād dharmaṃ jahyāc ca dharmarāṭ na tv ahaṃ satyam utsraṣṭuṃ vyavaseyaṃ kathaṃ cana
eher ließe der Vṛtra-Töter [Indra] seine Kraft fahren, der König des Dharma [Yama] seinen Dharma – niemals aber werde ich mich je entschließen, die Wahrheit aufzugeben.'
‚Ich kenne deine höchste Standhaftigkeit in der Wahrheit, o du von wahrhafter Tatkraft; du könntest, wenn du wolltest, mit deiner eigenen Kraft drei andere Welten erschaffen.
‚Ich kenne deine höchste Standhaftigkeit in der Wahrheit, o du von wahrhafter Tatkraft; du könntest, wenn du wolltest, mit deiner eigenen Kraft drei andere Welten erschaffen.
jānāmi caiva satyaṃ tan madarthaṃ yad abhāṣathāḥ āpaddharmam avekṣasva vaha paitāmahīṃ dhuram
Auch die Wahrheit dessen, was du meinetwegen gesprochen hast, weiß ich wohl. Doch bedenke die Notlage-Pflicht (āpaddharma) – trage das Joch deiner Vorväter.
Wort für Wort
jānāmi caiva satyaṃ tan madarthaṃ yad abhāṣathāḥ āpaddharmam avekṣasva vaha paitāmahīṃ dhuram
Auch die Wahrheit dessen, was du meinetwegen gesprochen hast, weiß ich wohl. Doch bedenke die Notlage-Pflicht (āpaddharma) – trage das Joch deiner Vorväter.
‚O Königin, bedenke die [übrigen] Pflichten, stürze uns nicht alle ins Verderben; das Abweichen von der Wahrheit wird bei einem Kṣatriya nicht zu den [zulässigen] Pflichten gerechnet.
‚O Königin, bedenke die [übrigen] Pflichten, stürze uns nicht alle ins Verderben; das Abweichen von der Wahrheit wird bei einem Kṣatriya nicht zu den [zulässigen] Pflichten gerechnet.
śaṃtanor api saṃtānaṃ yathā syād akṣayaṃ bhuvi tat te dharmaṃ pravakṣyāmi kṣātraṃ rājñi sanātanam
Damit die Nachkommenschaft Śaṃtanus auf Erden unvergänglich bestehen bleibt, will ich dir jene alte, ewige Kṣatriya-Pflicht (kṣātra dharma sanātana) verkünden.
Wort für Wort
śaṃtanor api saṃtānaṃ yathā syād akṣayaṃ bhuvi tat te dharmaṃ pravakṣyāmi kṣātraṃ rājñi sanātanam
Damit die Nachkommenschaft Śaṃtanus auf Erden unvergänglich bestehen bleibt, will ich dir jene alte, ewige Kṣatriya-Pflicht (kṣātra dharma sanātana) verkünden.