Kapitel 68: Śakuntalopākhyānam (4)
Die Erzählung von Śakuntalā (4): Die Verleugnung
Śakuntalās und Duḥṣantas Sohn Sarvadamana wächst in Kaṇvas Einsiedelei zu übermenschlicher Kraft heran. Kaṇva schickt Mutter und Sohn zu Duḥṣanta, damit dieser als Kronprinz eingesetzt werde - doch der König verleugnet öffentlich Frau und Sohn. Śakuntalās große Gegenrede enthält die berühmte volksetymologische Lehrrede über Gattin (jāyā) und Sohn (putra) sowie das Lob von Ehefrau und Sohn (V.36-65); anschließend erzählt sie ihre eigene Herkunft und bittet zumindest um Anerkennung des Sohnes. Duḥṣanta weist auch dies zurück und verhöhnt sie als Dirnenkind.
Vaiśaṃpāyana sprach: »Nachdem Duḥṣanta so gelobt hatte und fortgezogen war, gebar Śakuntalā, die Schönschenklige, einen Knaben von unermesslicher Kraft.
Vaiśaṃpāyana sprach: »Nachdem Duḥṣanta so gelobt hatte und fortgezogen war, gebar Śakuntalā, die Schönschenklige, einen Knaben von unermesslicher Kraft.
Mit weißen, spitzen Zähnen, von löwenartigem Körperbau, jugendlich, mit einer Hand, die das Zeichen des Rades trug, glanzvoll, mit großem Haupt, von großer Kraft, dieser Knabe, einem Götterkind gleich, wuchs dort rasch heran.
Mit weißen, spitzen Zähnen, von löwenartigem Körperbau, jugendlich, mit einer Hand, die das Zeichen des Rades trug, glanzvoll, mit großem Haupt, von großer Kraft, dieser Knabe, einem Götterkind gleich, wuchs dort rasch heran.
Als der Weise diesen Knaben sah und seine übermenschlichen Taten, sprach er: »Es ist Zeit für die Krönung zum Kronprinzen« - und sagte dies zu Śakuntalā.
Als der Weise diesen Knaben sah und seine übermenschlichen Taten, sprach er: »Es ist Zeit für die Krönung zum Kronprinzen« - und sagte dies zu Śakuntalā.
tasya tad balam ājñāya kaṇvaḥ śiṣyān uvāca ha śakuntalām imāṃ śīghraṃ sahaputrām ito ''śramāt bhartre prāpayatādyaiva sarvalakṣaṇapūjitām
Als er dessen Kraft erkannt hatte, sprach Kaṇva zu seinen Schülern: »Bringt diese Śakuntalā, mit dem Sohn, sogleich von hier, von der Einsiedelei, noch heute zu ihrem Gatten, sie, die mit allen guten Merkmalen geehrt ist.
Wort für Wort
tasya tad balam ājñāya kaṇvaḥ śiṣyān uvāca ha śakuntalām imāṃ śīghraṃ sahaputrām ito ''śramāt bhartre prāpayatādyaiva sarvalakṣaṇapūjitām
Als er dessen Kraft erkannt hatte, sprach Kaṇva zu seinen Schülern: »Bringt diese Śakuntalā, mit dem Sohn, sogleich von hier, von der Einsiedelei, noch heute zu ihrem Gatten, sie, die mit allen guten Merkmalen geehrt ist.
eko 'ham asmīti ca manyase tvaṃ na hṛcchayaṃ vetsi muniṃ purāṇam yo veditā karmaṇaḥ pāpakasya tasyāntike tvaṃ vṛjinaṃ karoṣi
Du meinst, ›ich bin allein‹ - du kennst nicht den uralten Weisen, der im Herzen wohnt; vor dessen Angesicht, der der Zeuge auch der bösen Tat ist, begehst du das Unrecht.
Wort für Wort
eko 'ham asmīti ca manyase tvaṃ na hṛcchayaṃ vetsi muniṃ purāṇam yo veditā karmaṇaḥ pāpakasya tasyāntike tvaṃ vṛjinaṃ karoṣi
Du meinst, ›ich bin allein‹ - du kennst nicht den uralten Weisen, der im Herzen wohnt; vor dessen Angesicht, der der Zeuge auch der bösen Tat ist, begehst du das Unrecht.
ādityacandrāv anilānalau ca dyaur bhūmir āpo hṛdayaṃ yamaś ca ahaś ca rātriś ca ubhe ca saṃdhye dharmaś ca jānāti narasya vṛttam
Sonne und Mond, Wind und Feuer, Himmel, Erde und Wasser, das Herz, Yama, Tag und Nacht und beide Dämmerungen, und Dharma selbst kennen das Verhalten eines Mannes.
Wort für Wort
ādityacandrāv anilānalau ca dyaur bhūmir āpo hṛdayaṃ yamaś ca ahaś ca rātriś ca ubhe ca saṃdhye dharmaś ca jānāti narasya vṛttam
Sonne und Mond, Wind und Feuer, Himmel, Erde und Wasser, das Herz, Yama, Tag und Nacht und beide Dämmerungen, und Dharma selbst kennen das Verhalten eines Mannes.
avamanyātmanātmānam anyathā pratipadyate devā na tasya śreyāṃso yasyātmāpi na kāraṇam
Wer sich selbst durch sich selbst verachtet und sich anders gibt, als er ist - dem sind auch die Götter nicht gewogen, dessen eigenes Selbst schon nicht sein Fürsprecher ist.
Wort für Wort
avamanyātmanātmānam anyathā pratipadyate devā na tasya śreyāṃso yasyātmāpi na kāraṇam
Wer sich selbst durch sich selbst verachtet und sich anders gibt, als er ist - dem sind auch die Götter nicht gewogen, dessen eigenes Selbst schon nicht sein Fürsprecher ist.
Meinst du, ich sei von selbst zu dir gekommen (und daher wertlos)? Verachte mich, die dem Gatten treu Ergebene, nicht so - du ehrst mich nicht, die des Ehrenwassers Würdige, die von selbst als deine Gattin zu dir gekommen ist.
Meinst du, ich sei von selbst zu dir gekommen (und daher wertlos)? Verachte mich, die dem Gatten treu Ergebene, nicht so - du ehrst mich nicht, die des Ehrenwassers Würdige, die von selbst als deine Gattin zu dir gekommen ist.
Weil der Gatte, in die Gattin eingehend, aus ihr wieder geboren wird, deswegen kennen die alten Weisen der Gattin Wesen als ›Jāyā‹ (von jan-, ›geboren werden‹).
Weil der Gatte, in die Gattin eingehend, aus ihr wieder geboren wird, deswegen kennen die alten Weisen der Gattin Wesen als ›Jāyā‹ (von jan-, ›geboren werden‹).
[Anm.: Hier beginnt eine berühmte, dichte volksetymologische Lehrrede über die Begriffe für Gattin, Sohn und die Bedeutung der Ehe (bis V.65); Etymologien sind im Sanskrit lautlich motiviert und werden möglichst wörtlich wiedergegeben.
Die ist eine wahre Gattin, die im Haus tüchtig ist; die ist eine Gattin, die Nachkommen hat; die ist eine Gattin, deren Leben am Gatten hängt; die ist eine Gattin, die dem Gatten treu ist.
Die ist eine wahre Gattin, die im Haus tüchtig ist; die ist eine Gattin, die Nachkommen hat; die ist eine Gattin, deren Leben am Gatten hängt; die ist eine Gattin, die dem Gatten treu ist.
Die Gattin ist die Hälfte des Menschen, die Gattin ist der beste Freund; die Gattin ist die Wurzel der drei Lebensziele, die Gattin ist der Freund des Sterbenden.
Die Gattin ist die Hälfte des Menschen, die Gattin ist der beste Freund; die Gattin ist die Wurzel der drei Lebensziele, die Gattin ist der Freund des Sterbenden.
Wer eine Gattin hat, ist fähig zu Ritualhandlungen; wer eine Gattin hat, führt einen vollständigen Hausstand; wer eine Gattin hat, erfreut sich; wer eine Gattin hat, ist mit Wohlstand gesegnet.
Wer eine Gattin hat, ist fähig zu Ritualhandlungen; wer eine Gattin hat, führt einen vollständigen Hausstand; wer eine Gattin hat, erfreut sich; wer eine Gattin hat, ist mit Wohlstand gesegnet.
In der Einsamkeit sind sie liebevoll sprechende Freundinnen; bei den Pflichthandlungen des Dharma sind sie wie Väter; für den Leidenden sind sie wie Mütter.
In der Einsamkeit sind sie liebevoll sprechende Freundinnen; bei den Pflichthandlungen des Dharma sind sie wie Väter; für den Leidenden sind sie wie Mütter.
kāntāreṣv api viśrāmo narasyādhvanikasya vai yaḥ sadāraḥ sa viśvāsyas tasmād dārāḥ parā gatiḥ
Auch in der Wildnis ist sie die Rast des Wanderers auf dem Weg; wer eine Gattin hat, dem kann man vertrauen - darum ist die Gattin die höchste Zuflucht.
Wort für Wort
kāntāreṣv api viśrāmo narasyādhvanikasya vai yaḥ sadāraḥ sa viśvāsyas tasmād dārāḥ parā gatiḥ
Auch in der Wildnis ist sie die Rast des Wanderers auf dem Weg; wer eine Gattin hat, dem kann man vertrauen - darum ist die Gattin die höchste Zuflucht.
›Man selbst, durch sich selbst gezeugt‹ - so wird der Sohn von den Weisen genannt; darum soll der Mann die Mutter seines Sohnes ansehen wie seine eigene Mutter.
›Man selbst, durch sich selbst gezeugt‹ - so wird der Sohn von den Weisen genannt; darum soll der Mann die Mutter seines Sohnes ansehen wie seine eigene Mutter.
Über den in der Gattin gezeugten Sohn, wie über sein eigenes Gesicht im Spiegel, freut sich der Erzeuger beim Anblick, wie ein Verdienstvoller, der den Himmel erlangt hat.
Über den in der Gattin gezeugten Sohn, wie über sein eigenes Gesicht im Spiegel, freut sich der Erzeuger beim Anblick, wie ein Verdienstvoller, der den Himmel erlangt hat.
Der Brahmane ist der Beste der Zweifüßigen, die Kuh die Vorzüglichste der Vierfüßigen, der Lehrer der Erhabenste unter den Ehrwürdigen, der Sohn der Beste unter allem, was Berührung kennt.
Der Brahmane ist der Beste der Zweifüßigen, die Kuh die Vorzüglichste der Vierfüßigen, der Lehrer der Erhabenste unter den Ehrwürdigen, der Sohn der Beste unter allem, was Berührung kennt.
Nun, aus Zuneigung, gehen doch Menschen, nachdem sie den Söhnen einen Namen gegeben haben, selbst wenn sie in ein anderes Dorf gezogen sind, riechen sie an den Köpfen ihrer Söhne und freuen sich mit ihnen.
Nun, aus Zuneigung, gehen doch Menschen, nachdem sie den Söhnen einen Namen gegeben haben, selbst wenn sie in ein anderes Dorf gezogen sind, riechen sie an den Köpfen ihrer Söhne und freuen sich mit ihnen.
aṅgād aṅgāt saṃbhavasi hṛdayād abhijāyase ātmā vai putranāmāsi sa jīva śaradaḥ śatam
›Von Glied zu Glied entstehst du, aus dem Herzen wirst du geboren; du selbst bist es, der unter dem Namen ›Sohn‹ (existiert) - so lebe du hundert Herbste!‹
Wort für Wort
aṅgād aṅgāt saṃbhavasi hṛdayād abhijāyase ātmā vai putranāmāsi sa jīva śaradaḥ śatam
›Von Glied zu Glied entstehst du, aus dem Herzen wirst du geboren; du selbst bist es, der unter dem Namen ›Sohn‹ (existiert) - so lebe du hundert Herbste!‹
yathā hy āhavanīyo 'gnir gārhapatyāt praṇīyate tathā tvattaḥ prasūto 'yaṃ tvam ekaḥ san dvidhā kṛtaḥ
Wie das Āhavanīya-Feuer aus dem Gārhapatya-Feuer entzündet wird, so ist dieser aus dir gezeugt - du, obwohl einer, bist zweifach geworden.
Wort für Wort
yathā hy āhavanīyo 'gnir gārhapatyāt praṇīyate tathā tvattaḥ prasūto 'yaṃ tvam ekaḥ san dvidhā kṛtaḥ
Wie das Āhavanīya-Feuer aus dem Gārhapatya-Feuer entzündet wird, so ist dieser aus dir gezeugt - du, obwohl einer, bist zweifach geworden.
[Anm.: Bild aus dem vedischen Feueropfer: Gārhapatya (Haushaltsfeuer) und Āhavanīya (Opferfeuer) sind zwei der drei heiligen Feuer, das zweite wird vom ersten entzündet.
Von diesen zeugte mich Menakā mit Namen, aus Brahmās Ursprung stammend, die vorzüglichste Apsaras, nachdem sie vom Himmel zur Erde gelangt war, mit Viśvāmitra.
Von diesen zeugte mich Menakā mit Namen, aus Brahmās Ursprung stammend, die vorzüglichste Apsaras, nachdem sie vom Himmel zur Erde gelangt war, mit Viśvāmitra.
Sie, Menakā, die Apsaras, gebar mich auf dem Rücken des Himavat und ging fort, nachdem sie mich preisgegeben hatte, wie eine Untreue, die das Kind eines anderen (verlässt).
Sie, Menakā, die Apsaras, gebar mich auf dem Rücken des Himavat und ging fort, nachdem sie mich preisgegeben hatte, wie eine Untreue, die das Kind eines anderen (verlässt).
kiṃ nu karmāśubhaṃ pūrvaṃ kṛtavaty asmi janmani yad ahaṃ bāndhavais tyaktā bālye saṃprati ca tvayā
Was für eine unheilvolle Tat habe ich wohl in einem früheren Leben begangen, dass ich in der Kindheit von den Verwandten verlassen wurde und jetzt auch von dir?
Wort für Wort
kiṃ nu karmāśubhaṃ pūrvaṃ kṛtavaty asmi janmani yad ahaṃ bāndhavais tyaktā bālye saṃprati ca tvayā
Was für eine unheilvolle Tat habe ich wohl in einem früheren Leben begangen, dass ich in der Kindheit von den Verwandten verlassen wurde und jetzt auch von dir?
duḥṣanta uvāca na putram abhijānāmi tvayi jātaṃ śakuntale asatyavacanā nāryaḥ kas te śraddhāsyate vacaḥ
Duḥṣanta sprach: »Ich weiß von keinem Sohn, der von dir geboren wurde, Śakuntalā. Frauen sprechen die Unwahrheit - wer sollte deinem Wort Glauben schenken?
Wort für Wort
duḥṣanta uvāca na putram abhijānāmi tvayi jātaṃ śakuntale asatyavacanā nāryaḥ kas te śraddhāsyate vacaḥ
Duḥṣanta sprach: »Ich weiß von keinem Sohn, der von dir geboren wurde, Śakuntalā. Frauen sprechen die Unwahrheit - wer sollte deinem Wort Glauben schenken?