Kapitel 43: Āstīka-parva (Fortsetzung): Jaratkārus Heirat und Weggang
Āstīka-parva (Fortsetzung): Jaratkāru heiratet Vāsukis Schwester, sie empfängt Āstīka, und nach einem Weck-Missverständnis verlässt er sie, fest entschlossen zur Askese — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)
Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,043.001“ bis „01,043.039“). Vāsuki gibt Jaratkāru seine gleichnamige Schwester zur Frau, unter der strengen Abmachung, dass ihm niemals etwas Unliebes gesagt werden dürfe. Nach der Empfängnis des künftigen Āstīka schläft Jaratkāru bei Sonnenuntergang ein; seine Gattin, zwischen der Furcht vor seinem Zorn und der Furcht vor einer versäumten Dämmerungsandacht hin- und hergerissen, weckt ihn schließlich. Er deutet dies als Bruch der Abmachung und verlässt sie, trotz ihres flehentlichen Bittens um der Rettung ihrer vom Mutterfluch bedrohten Verwandten willen — versichert ihr aber, dass die Leibesfrucht in ihr zu einem großen, rechtschaffenen Seher heranwachsen werde. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.
bhariṣyāmi ca te bhāryāṃ pratīcchemāṃ dvijottama | rakṣaṇaṃ ca kariṣye 'syāḥ sarvaśaktyā tapodhana
Und ich werde für deine Gattin sorgen — nimm sie an, Bester der Zweifachgeborenen; und ich werde ihren Schutz mit aller Kraft übernehmen, Asketenreicher.“
Wort für Wort
bhariṣyāmi ca te bhāryāṃ pratīcchemāṃ dvijottama | rakṣaṇaṃ ca kariṣye 'syāḥ sarvaśaktyā tapodhana
Und ich werde für deine Gattin sorgen — nimm sie an, Bester der Zweifachgeborenen; und ich werde ihren Schutz mit aller Kraft übernehmen, Asketenreicher.“
tatra mantravidāṃ śreṣṭhas tapovṛddho mahāvrataḥ | jagrāha pāṇiṃ dharmātmā vidhimantrapuraskṛtam
Dort ergriff er, der Beste der Zauberspruchkundigen, an Askese gereift, von großem Gelübde, der Rechtschaffene, ihre Hand, nach vorgeschriebenem Ritus und Sprüchen.
Wort für Wort
tatra mantravidāṃ śreṣṭhas tapovṛddho mahāvrataḥ | jagrāha pāṇiṃ dharmātmā vidhimantrapuraskṛtam
Dort ergriff er, der Beste der Zauberspruchkundigen, an Askese gereift, von großem Gelübde, der Rechtschaffene, ihre Hand, nach vorgeschriebenem Ritus und Sprüchen.
sa tatra samayaṃ cakre bhāryayā saha sattamaḥ | vipriyaṃ me na kartavyaṃ na ca vācyaṃ kadā cana
Er, der Beste, schloss dort mit seiner Gattin eine Abmachung: „Nichts Unliebes darf mir getan werden, und niemals darf etwas Unliebes zu mir gesagt werden.
Wort für Wort
sa tatra samayaṃ cakre bhāryayā saha sattamaḥ | vipriyaṃ me na kartavyaṃ na ca vācyaṃ kadā cana
Er, der Beste, schloss dort mit seiner Gattin eine Abmachung: „Nichts Unliebes darf mir getan werden, und niemals darf etwas Unliebes zu mir gesagt werden.
tyajeyam apriye hi tvāṃ kṛte vāsaṃ ca te gṛhe | etad gṛhāṇa vacanaṃ mayā yat samudīritam
Denn wenn etwas Unliebes geschehen sollte, würde ich dich verlassen und nicht länger in deinem Haus verweilen; nimm dieses Wort an, das von mir ausgesprochen wurde.“
Wort für Wort
tyajeyam apriye hi tvāṃ kṛte vāsaṃ ca te gṛhe | etad gṛhāṇa vacanaṃ mayā yat samudīritam
Denn wenn etwas Unliebes geschehen sollte, würde ich dich verlassen und nicht länger in deinem Haus verweilen; nimm dieses Wort an, das von mir ausgesprochen wurde.“
Ebenso bediente sie fortan den von schwerem Wesen seienden Gatten, mit den Mitteln der „Śvetakākī“, voller Liebe wünschend, sie, die Ruhmreiche.
[Anm.: „śvetakākīyaiḥ upāyaiḥ“ („mit den Methoden/Mitteln der ‚weißen Krähe'“) ist eine unklare, vermutlich sprichwörtliche Wendung für äußerste Sorgfalt und Umsicht (wie man ein seltenes, kostbares Wesen hegt); der genaue Bezug der Redewendung ist nicht sicher zu bestimmen und wird hier wörtlich wiedergegeben.]
Da entstand in ihr eine Leibesfrucht, feuergleich, überaus von Askese durchdrungen, an Glanz dem Feuer gleich; wie der Mond in der hellen Monatshälfte wuchs, so wuchs auch sie heran.
Da entstand in ihr eine Leibesfrucht, feuergleich, überaus von Askese durchdrungen, an Glanz dem Feuer gleich; wie der Mond in der hellen Monatshälfte wuchs, so wuchs auch sie heran.
Und während jener beste der Weisen schlief, wollte die Sonne sich dem Berg des Untergangs nähern; am Ende des Tages, o Brahmane, überlegte da Vāsukis Schwester, ängstlich wegen einer möglichen Pflichtverletzung, sie, die Kluge:
Und während jener beste der Weisen schlief, wollte die Sonne sich dem Berg des Untergangs nähern; am Ende des Tages, o Brahmane, überlegte da Vāsukis Schwester, ängstlich wegen einer möglichen Pflichtverletzung, sie, die Kluge:
kiṃ nu me sukṛtaṃ bhūyād bhartur utthāpanaṃ na vā | duḥkhaśīlo hi dharmātmā kathaṃ nāsyāparādhnuyām
„Was wäre wohl für mich das Rechte — meinen Gatten zu wecken oder nicht? Denn er ist von schwerem Wesen und rechtschaffen; wie könnte ich es machen, ohne mich an ihm zu verfehlen?
Wort für Wort
kiṃ nu me sukṛtaṃ bhūyād bhartur utthāpanaṃ na vā | duḥkhaśīlo hi dharmātmā kathaṃ nāsyāparādhnuyām
„Was wäre wohl für mich das Rechte — meinen Gatten zu wecken oder nicht? Denn er ist von schwerem Wesen und rechtschaffen; wie könnte ich es machen, ohne mich an ihm zu verfehlen?
Entweder der Zorn des Pflichttreuen, oder aber eine Pflichtverletzung meinerseits — die Pflichtverletzung wiegt hier gewiss schwerer“ — so fasste sie ihren Entschluss.
Entweder der Zorn des Pflichttreuen, oder aber eine Pflichtverletzung meinerseits — die Pflichtverletzung wiegt hier gewiss schwerer“ — so fasste sie ihren Entschluss.
iti niścitya manasā jaratkārur bhujaṃgamā | tam ṛṣiṃ dīptatapasaṃ śayānam analopamam | uvācedaṃ vacaḥ ślakṣṇaṃ tato madhurabhāṣiṇī
So im Geiste entschlossen, sprach die Schlangenfrau Jaratkāru zu jenem Seher, dessen Askese loderte, wie er da lag, dem Feuer gleich, dieses sanfte Wort, sie, die Süßsprechende:
Wort für Wort
iti niścitya manasā jaratkārur bhujaṃgamā | tam ṛṣiṃ dīptatapasaṃ śayānam analopamam | uvācedaṃ vacaḥ ślakṣṇaṃ tato madhurabhāṣiṇī
So im Geiste entschlossen, sprach die Schlangenfrau Jaratkāru zu jenem Seher, dessen Askese loderte, wie er da lag, dem Feuer gleich, dieses sanfte Wort, sie, die Süßsprechende:
Diese Stunde, die zum Vollzug des Feueropfers bestimmt ist, ist zugleich lieblich und schrecklich; und diese Dämmerung bricht an, in westlicher Richtung, o Herr.“
Diese Stunde, die zum Vollzug des Feueropfers bestimmt ist, ist zugleich lieblich und schrecklich; und diese Dämmerung bricht an, in westlicher Richtung, o Herr.“
na hi tejo 'sti vāmoru mayi supte vibhāvasoḥ | astaṃ gantuṃ yathākālam iti me hṛdi vartate
Denn während ich schliefe, hätte die Sonne, du Schöne von schönen Hüften, gar nicht die Macht gehabt, zur [vermeintlich] rechten Zeit unterzugehen — so ist es mir im Herzen gewiss.
Wort für Wort
na hi tejo 'sti vāmoru mayi supte vibhāvasoḥ | astaṃ gantuṃ yathākālam iti me hṛdi vartate
Denn während ich schliefe, hätte die Sonne, du Schöne von schönen Hüften, gar nicht die Macht gehabt, zur [vermeintlich] rechten Zeit unterzugehen — so ist es mir im Herzen gewiss.
[Anm.: Der genaue Gedankengang ist knapp und etwas dunkel; Jaratkāru scheint zu behaupten, seine eigene asketische Kraft halte den Lauf der Sonne gleichsam in seiner Gewalt, sodass ihre Sorge unbegründet gewesen sei — daher empfindet er ihr Wecken als unnötige Kränkung. „vibhāvasu“ bezeichnet hier, im Anschluss an V.19 („sūryaḥ“), die Sonne, nicht Agni (vgl. Glossareintrag zu „Vibhāvasu“).]
na cāpy avamatasyeha vastuṃ roceta kasya cit | kiṃ punar dharmaśīlasya mama vā madvidhasya vā
Auch gefiele es niemandem, an einem Ort zu verweilen, an dem er missachtet wurde — wie viel weniger mir, der ich von pflichttreuem Wesen bin, oder einem Meinesgleichen.
Wort für Wort
na cāpy avamatasyeha vastuṃ roceta kasya cit | kiṃ punar dharmaśīlasya mama vā madvidhasya vā
Auch gefiele es niemandem, an einem Ort zu verweilen, an dem er missachtet wurde — wie viel weniger mir, der ich von pflichttreuem Wesen bin, oder einem Meinesgleichen.
sukham asmy uṣito bhadre brūyās tvaṃ bhrātaraṃ śubhe | ito mayi gate bhīru gataḥ sa bhagavān iti | tvaṃ cāpi mayi niṣkrānte na śokaṃ kartum arhasi
Glücklich habe ich bei dir geweilt, du Gute; sage du deinem Bruder, du Holde, wenn ich von hier gegangen bin, du Furchtsame: ‚Jener Erhabene ist fortgegangen'; und auch du sollst, wenn ich fortgegangen bin, nicht trauern.“
Wort für Wort
sukham asmy uṣito bhadre brūyās tvaṃ bhrātaraṃ śubhe | ito mayi gate bhīru gataḥ sa bhagavān iti | tvaṃ cāpi mayi niṣkrānte na śokaṃ kartum arhasi
Glücklich habe ich bei dir geweilt, du Gute; sage du deinem Bruder, du Holde, wenn ich von hier gegangen bin, du Furchtsame: ‚Jener Erhabene ist fortgegangen'; und auch du sollst, wenn ich fortgegangen bin, nicht trauern.“
mit von Tränen erstickter Stimme, mit vertrocknendem Gesicht, die Hände gefaltet, sie mit den schönen Hüften, mit tränenumflorten Augen, sich an Standhaftigkeit klammernd, das Herz erzitternd:
mit von Tränen erstickter Stimme, mit vertrocknendem Gesicht, die Hände gefaltet, sie mit den schönen Hüften, mit tränenumflorten Augen, sich an Standhaftigkeit klammernd, das Herz erzitternd:
„Du solltest mich nicht verlassen, o Pflichtkundiger, mich, die Schuldlose, die in der Pflicht Verharrende — du, selbst in der Pflicht verharrend —, mich, die stets dem lieben Wohl ihres Gatten zugetan war.
„Du solltest mich nicht verlassen, o Pflichtkundiger, mich, die Schuldlose, die in der Pflicht Verharrende — du, selbst in der Pflicht verharrend —, mich, die stets dem lieben Wohl ihres Gatten zugetan war.
pradāne kāraṇaṃ yac ca mama tubhyaṃ dvijottama | tad alabdhavatīṃ mandāṃ kiṃ māṃ vakṣyati vāsukhiḥ
Und was den Grund für meine Übergabe an dich betrifft, o Bester der Zweifachgeborenen — was wird Vāsuki zu mir, der Unglücklichen, die dies nicht erlangt hat, sagen?
Wort für Wort
pradāne kāraṇaṃ yac ca mama tubhyaṃ dvijottama | tad alabdhavatīṃ mandāṃ kiṃ māṃ vakṣyati vāsukhiḥ
Und was den Grund für meine Übergabe an dich betrifft, o Bester der Zweifachgeborenen — was wird Vāsuki zu mir, der Unglücklichen, die dies nicht erlangt hat, sagen?
mātṛśāpābhibhūtānāṃ jñātīnāṃ mama sattama | apatyam īpṣitaṃ tvattas tac ca tāvan na dṛśyate
Für meine vom Mutterfluch überwältigten Verwandten, o Bester, ist von dir ein ersehnter Nachkomme erhofft worden, und dieser ist bislang nicht sichtbar geworden.
Wort für Wort
mātṛśāpābhibhūtānāṃ jñātīnāṃ mama sattama | apatyam īpṣitaṃ tvattas tac ca tāvan na dṛśyate
Für meine vom Mutterfluch überwältigten Verwandten, o Bester, ist von dir ein ersehnter Nachkomme erhofft worden, und dieser ist bislang nicht sichtbar geworden.
tvatto hy apatyalābhena jñātīnāṃ me śivaṃ bhavet | saṃprayogo bhaven nāyaṃ mama moghas tvayā dvija
Denn durch den Gewinn eines Nachkommen von dir würde meinen Verwandten Heil zuteil; diese meine Vereinigung mit dir möge nicht vergeblich sein, o Zweifachgeborener.
Wort für Wort
tvatto hy apatyalābhena jñātīnāṃ me śivaṃ bhavet | saṃprayogo bhaven nāyaṃ mama moghas tvayā dvija
Denn durch den Gewinn eines Nachkommen von dir würde meinen Verwandten Heil zuteil; diese meine Vereinigung mit dir möge nicht vergeblich sein, o Zweifachgeborener.
jñātīnāṃ hitam icchantī bhagavaṃs tvāṃ prasādaye | imam avyaktarūpaṃ me garbham ādhāya sattama | kathaṃ tyaktvā mahātmā san gantum icchasy anāgasam
Das Wohl meiner Verwandten wünschend, bitte ich dich um Gnade, Erhabener: Wie kannst du, nachdem du mir diese noch unentfaltete Leibesfrucht gegeben hast, o Bester, mich, die Schuldlose, verlassen wollen, obwohl du hochgesinnt bist?“
Wort für Wort
jñātīnāṃ hitam icchantī bhagavaṃs tvāṃ prasādaye | imam avyaktarūpaṃ me garbham ādhāya sattama | kathaṃ tyaktvā mahātmā san gantum icchasy anāgasam
Das Wohl meiner Verwandten wünschend, bitte ich dich um Gnade, Erhabener: Wie kannst du, nachdem du mir diese noch unentfaltete Leibesfrucht gegeben hast, o Bester, mich, die Schuldlose, verlassen wollen, obwohl du hochgesinnt bist?“
„Diese Leibesfrucht in dir, du Holde, dem Feuer gleich, wird gewiss ein Seher von höchster Rechtschaffenheit, ein Meister der Veden und Vedāṅgas werden.“
„Diese Leibesfrucht in dir, du Holde, dem Feuer gleich, wird gewiss ein Seher von höchster Rechtschaffenheit, ein Meister der Veden und Vedāṅgas werden.“
Nachdem er so gesprochen hatte, ging der rechtschaffene, große Seher Jaratkāru, fest entschlossen, wieder zu strenger Askese fort.
[Anm.: Adhyāya 43 endet hier gemäß der lokalen Quelldatei. Trotz seines Weggangs versichert Jaratkāru seiner Gattin die Bestimmung des ungeborenen Kindes zu einem großen Seher — dies ist der künftige Āstīka, dessen Geburt und Errettung der Schlangen im folgenden Adhyāya erzählt wird.]